Berichte

Biopiraterie – Raub an der Natur

  • Es sind Dinge, die wir kaufen. Dinge, die uns helfen. Und Dinge, die anderen Menschen durch unser Handeln die Existenz rauben können…


    Du stehst in der Apotheke mit Schmerzen, die dich schon seit Tagen quälen. Dein einziger Gedanke ist, dass du sie endlich loswerden willst. Die Pharmazeutin reicht dir eine Packung Medikamente über den Tisch, du bezahlst, gehst aus dem Geschäft und ZACK… könntest du den Raubbau unterstützt haben. Die Namen der betroffenen Inhaltsstoffe stehen zwar hinten drauf, aber wer weiß schon Bescheid, wo genau sie herkommen und welche Geschäfte dahinter stecken können?

    Durch diese Unwissenheit wird viel zu oft die kommerzielle Nutzung von Rohstoffen (z.B. hier den Heilpflanzen) in ungerechter Art und Weise unterstützt bis hin zu Biopiraterie. Genauer versteht man darunter, dass sich technologisch fortschrittlichere Länder, Organisationen oder Unternehmen biologische Rohstoffe anderer Länder und das traditionelle Wissen der Völker unter Missachtung der sozialen Gerechtigkeit aneignen.

    Vor allem die Teufelskralle (Harpagophytum procumbens) war davon stark betroffen - sie ist die am dritthäufigsten verkaufte Heilpflanze in Deutschland. Ihre Wurzel wird schon lange Zeit als traditionelles Heilmittel gegen Schmerzen, Entzündungen und auch Verdauungsbeschwerden im südlichen Afrika genutzt. Mehr als 10.000 Familien in Südafrika haben ihren Lebensunterhalt damit verdient, bildeten Sammelgemeinschaften zur Ernte der Teufelskrallenwurzeln und verkauften diese zu fairen Preisen - bis Europäer die Anwendung Anfang des 20. Jahrhunderts während der Kolonialherrschaft in Südafrika beobachteten. Sie ließen die Pflanze analysieren und den Wirkstoff patentieren. 1958 kamen daraufhin die ersten Präparate auf den europäischen Markt. Durch die folgende hohe Nachfrage des Schmerzmittels gab es so hohe Gewinne, dass der Rohstoff verstärkt auf nicht mehr nachhaltige Weise in großen Trupps gesammelt bzw. eher rausgerupft wurde, da sich die heilenden Wirkstoffe der Pflanze in den Speicherknollen, die unter der Erde in etwa zwei bis drei Metern Tiefe vergraben sind, befinden. Die Einheimischen jedoch hatten überhaupt nichts von dem Profit der Europäer mit ihrer heimischen Pflanze und ihrem Heilwissen. Im Gegenteil! Durch die großen Sammelaktionen wurde die Natur verwüstet und der eigene Bedarf konnte nicht mehr gedeckt werden, da durch die Patentierung die Möglichkeit der eigenen Verwendung nicht mehr erlaubt war. „Es war eine regelrechte Unterschlagung ihres traditionellen Heilwissens“, sagt Vera Weißmann, Artenschutzexpertin des WWF Deutschland.

     

    Sammelgemeinschaften zur Ernte der Teufelskrallenwurzeln

    Die Übernutzung hatte zur Folge, dass die Wildbestände nun gefährdet sind, die Natur vor Ort teilweise zerstört ist und wird. Da keine Infrastruktur vorliegt, erhöht sich die Umweltverschmutzung ebenfalls erheblich, da Jeeps mitten durch die Natur fahren und die neuen Sammler nicht sachgemäße Erntepraktiken anwenden. Doch nicht nur in ökologischer Hinsicht hat der Raubbau fatale Folgen, sondern auch im sozialen Bereich: Ausbeutung, soziale Ungerechtigkeit und Verlust der Existenzgrundlage vieler Einheimischer. Und statt der Weitergabe des traditionellen Wissens über die Wildpflanzensammlung von Generation zu Generation (wie es dort bis zu diesem Zeitpunkt immer üblich war) ziehen nun unwissende Billiglohnarbeiter in die Trockensavannen und Halbwüsten, um möglichst viel von den Teufelskrallenwurzeln zu ernten. Dabei wird allerdings beispielsweise nicht beachtet, dass die Wurzeln nur stückchenweise vom Ende her abgekappt werden dürfen. Sie reißen stattdessen die Hauptwurzel heraus und lassen die großen Löcher offen, sodass sich die Pflanzen nicht genug regenerieren können. Das wiederum ist nicht nur für den Heilpflanzenertrag entscheidend: viele Tiere können sich durch die offenen Löcher verletzen und daran verenden.

    Die Trocknung der Teufelskrallenwurzel auf traditionelle Art.

    Doch nicht nur die Teufelskralle ist betroffen. Auch bei Pflanzen wie die des pflanzlichen Medikaments Umckaloabo (Pelargonium sidoides DC.) oder bei Rooibos (Aspalathus linearis) sind Fälle von Biopiraterie bekannt.


    Was gibt es nun für Lösungsansätze für das Problem der Biopiraterie?

    Auf der internationalen Vertragsstaatenkonferenz zur Biodiversitätskonvention (CBD) wurde 2010 in Nagoya das sogenannte ABS-Protokoll (Acces and Benefit-sharing) verabschiedet. Das ist ein Abkommen für einen gerechten Vorteilsausgleich, sodass seitdem geregelt ist, dass traditionelles Wissen anerkannt und beteiligt werden muss. Der Prozentsatz beläuft sich dabei im Durchschnitt auf 8%, jedoch ist dieser trotzdem in jedem Land unterschiedlich vorgegeben. Trotzdem kann man das Protokoll als ersten Schritt für mehr Gerechtigkeit ansehen.


    Für den Verbraucher sind die fair und nachhaltig gehandelten Produkte mit einem speziellen Siegel gekennzeichnet: dem FairWild“-Logo. Dieses wurde vom WWF mitentwickelt und ist ein Symbol für nachhaltige Wildsammlung von Medizinal- und Aromapflanzen (z.B. auch von Süßholz, Wildkakao etc.). Es erfüllt sowohl die ökologischen als auch die sozialen Standards, die vom CBD vorgegeben wurden. Auch Vera Weißmann sieht dies so: „Das ist eines der nachhaltigsten Siegel, die es gibt! So etwas wie eine Mischung aus Bio und Fairtrade für Wildsammlungen und noch mehr.“ Das Siegel wurde 2008 veröffentlicht und ist aktuell vor allem auf dem nordamerikanischen Markt zu finden. In Deutschland ist es im Kommen – bisher gibt es erst ein Produkt (Minz-Lakritz-Tee von Pukka Herbs) im Bioladen. Doch mit eurer Unterstützung wird das Produktsiegel hoffentlich auch immer weiter verbreitet.

    Das Fairwild-Siegel

    Also schaut beim nächsten Einkauf oder in der Apotheke mal auf die Inhaltsstoffe und fragt nach dem FairWild-Logo. Vielleicht begegnet es euch in Zukunft ja immer öfter und die Biopiraterie kann weiter bekämpft werden!

    Auch für den Unterricht wird ein Extra-Modul von der Behörde für Schule und Berufsbildung Hamburg und der Grünen Schule im Botanischen Garten Hamburg angeboten – die sogenannte „Teufelskrallenkiste“. So wird auch schon im Unterricht das Problem der Biopiraterie angesprochen und Aufklärungsarbeit über die umweltbezogenen Folgen und sozialen Ungerechtigkeiten geleistet. Vielleicht habt auch ihr Lust, das Material an eure Lehrerinnen und Lehrer weiterzuleiten?!

    Unterstützt den Kampf gegen Biopiraterie, denn: „A fair deal for people and wild collected plants involves us all!“ (Fairwild)

    Einen Artikel über Heilpflanzen mit weiteren interessanten Daten und Fakten findet ihr hier.

     

    Quellen:
    Die Informationen habe ich unter anderem aus einem Interview mit Vera Weißmann vom WWF Deutschland (Abteilung Naturschutz, Artenschutz-Team). Ich bedanke mich hier nochmal bei Vera dafür!

    Bilder:  Bild 1, 2 und 3 der Teufelskrallenernte © Nautilusfilm

                Fairwild-Siegel © Fairwild Foundation

Kommentare

9 Kommentare
  • SarahU
    SarahU Interessanter Bericht! Danke :)
    Ich trinke auch gerne Rooibos-Tee und werde jetzt in Zukunft auf das Fair-Trade und Bio-Siegel achten!
    Medikamnete brauch ich zum Glück selten...
    13. September 2013
  • Atalanta
    Atalanta Danke für die Super-Infos. Ich werde mich bemühen, in Zukunft darauf zu achten - wobei ich eh so wenig Medikamente wie möglich nehme, weil ich´s nicht mag - und weil für medizinische Zwecke immer noch so viele Tierversuche gemacht werden.
    13. September 2013
  • Makanie
    Makanie Das war en sehr guter Artikel. Ich kaufe oft Medikamente und werde jetzt noch stärker auf solche Siegel achten. Das Biopiraterie ein so großes Problem ist, hätte ich aber nicht gedacht.
    10. März 2014
  • Celine2Grad
    Celine2Grad Das hinter dem Rooibos-Tee, den ich so oft trinke, vielleicht Biopiraterie stehen könnte, ist ja ziemlich erschreckend ...! Hier werde ich ab jetzt auf jeden Fall auf ein Fairtrade-Siegel achten!
    10. März 2014