Berichte

Auf dem Weg zu Natur und Freiheit

  •  Sie hatte mich gepackt: die Reiselust. Das Abitur lag hinter mir und vor mir endlich ein freier Sommer.
    Doch ich wollte nicht einfach nur in irgendein Land fliegen und mich an den Strand legen. Nein, ich wollte Wandern gehen. Hier in Deutschland. Einfach laufen und laufen, draußen in den Wäldern übernachten, draußen leben.

    Denn es war nicht nur die Reiselust, die mich antrieb. Sie war gemischt mit einer Sehnsucht nach Natur, Echtheit und Freiheit. Ich wollte raus. Im wahrsten Sinne des Wortes.

     
    Doch ist es heutzutage überhaupt noch möglich in Deutschland draußen halbwegs „wild“ zu leben?
    Es ist schwer. Bei der wachsenden Bebauung muss man genau gucken in welcher Gegend man gerne Wandern möchte. Und selbst rechtlich muss man genau gucken, wo man sich abends hinlegt. Nicht jedes Bundesland hat das Jedermannsrecht. Und da die Wälder ansonsten Privatpersonen oder politischen Kreisen „gehören“, ist es anderen verboten ohne Erlaubnis dort zu übernachten.

    Doch ich beharrte auf mein wenigstens halbwegs wildes Deutschland und sah mir die Landkarten und Wanderwege genauer an.
    Und bald stand der Plan: Um die 850 km Wegstrecke in schönsten Gegenden. Am „grünen Band“, im Harz den Harzer- Hexen-Stieg, den Eggeweg und Rothaarsteig und direkt weiter die meiste Zeit im Rheintal (Rheinsteig).

     

    Oberes Mittelrheintal: ein Traum von einem Fluss zwischen Waldhängen.

     

    Das alles mit einem 13 Kilo schweren Rucksack auf dem Rücken, der alles enthält, was ich für ein und halb Monate zum Leben brauche.
    Da fing es gleich mit dem Kürzen. Wenn Zelt, Schlafsack, Isomatte, Kocher, Regenklamotten und etwas Essen und Trinken erst mal drin sind, bleibt nicht viel Platz für anderes. Da überlegte ich mir auch genau, was ich wirklich brauchen werde.

     Was für mich der beste Reiseplan überhaupt war, war für meine Mutter natürlich eher Grund zur Besorgnis. Ganz alleine? Und draußen im Wald? Geht das gut?
    Doch ich versicherte ihr, dass es eher in den Städten gefährlich ist, aber sich nachts im Wald nur noch die Waldtiere tummeln. Und außerdem komme ja mein Hund mit.
    Das das Handy auch nur ausgeschaltet mitkommt, musste sie dann auch hinnehmen und sich darauf einstellen: Wenn ich mich nicht melde, dann geht es mir gut.

     
    Und dann ging es los.
    Raus aus dem Haus und hinein in eine neue Welt voller Bäume, unzähligen Tieren und vielen weiteren Wundern unter einem weiten Himmel.
    Für ein und halb Monate ohne Fernseher, Radio, Computer, ohne Handy, Internet, Musikananlage, ohne zu jeder Zeit fließend Wasser aus dem Hahn oder Strom aus der Steckdose zu haben, ohne ein festes Haus, ein weiches Bett, eine Heizung oder Klimaanlage, ohne Fahrrad oder Auto.


    In ein einfaches Leben ohne den meisten Luxus der Neuzeit
    . Eine Entschleunigung ohne all die Medien, ohne Termine und mit aller Zeit der Welt und nur so schnell durch die Lande ziehend, wie ein Mensch natürlicherweise ist.

    Für manche vielleicht undenkbar. Doch erst einmal in diese neue Welt eingetaucht hält sie viele Wunder und eine ganz besonderes Leben für einen bereit.
    Was kümmerten mich „Fünf Sterne“, wenn ich echte Tausend-Sterne-Hotels bekommen konnte.
    Ich habe es geliebt.
    Morgens unter den Bäumen aufzuwachen. Durch die Blätter scheint die erste Morgensonne. Um dich herum rauscht leise der Wind. Die Vögel singen.
    Jeden Morgen habe ich mein kleines Lager wieder abgebaut, mal mit mal ohne Zelt, und in meinem Rucksack verstaut. Natürlich darauf achtend, den Platz so zu hinterlassen, wie ich ihn vorgefunden habe.

    In Ruhe ging es dann los, mal durch mehr mal durch weniger bewohnte Gegenden. Am Tag lief ich um die 20 Kilometer. Jeden Tag an neue Orte. Doch eines war immer gewiss: Schöne Natur gab es überall.
    Gebadet und gewaschen wurde in Seen und Flüssen oder in Freibädern und bei Campingplätzen.
    Jeden Tag habe ich an Haustüren nach Leitungswasser zum Trinken gefragt und alle paar Tage in einem Laden neues zu Essen gekauft. Als frische „Salat- oder Gemüsebeilagen“ habe ich manchmal auch essbare Wildkräuter und Beeren dazu gesammelt.

     

    Ein Schlafplatz. so einfach und doch so schön.

     

    Wo ich am Anfang noch bedenken hatte, dass alles klappt, breitete sich bald ein Vertrauen und viel Dankbarkeit aus. Jeden Tag finde ich am Abend einen Platz zum Schlafen. Auch wenn ich noch nicht weiß wo. Jeden Tag habe ich zu Essen und zu Trinken.

    Natürlich war dieses Leben draußen auch manchmal schwer und anstrengend. Vor allem, wenn es heiß oder regnerisch war oder die Mückenstiche mir zu schaffen machten. Aber meist hatte ich mich daran gewöhnt. Und jeden Tag wurde ich mit so schönen und faszinierenden Erlebnissen und Eindrücken beschenkt, dass es mir das auf jeden Fall wert war.
    Und es kam mir auch „echter“ vor. Sich nicht, wenn das Wetter oder die Mückenanzahl einem mal nicht passt, sofort in sein Haus zurück zu ziehen.

     

    Ich hatte meine eigene neue Welt gefunden. Die noch so viel mehr zu bieten hatte. Die täglich gefundenen Walderdbeeren, Blaubeeren, Himbeeren oder Brombeeren waren leckerer als jede Süßigkeit. Die abendliche Begegnung mit einem Dachs, Baummarder oder einer Wildkatze spannender als jede Fernsehshow. Die Bewegung, das viele Trinken und das meist gesunde Essen besser als jedes Fitnessprogramm.
    Und die Ruhe, die Nähe zur Natur, die Freiheit, genau das, was mir schon lange gefehlt hat.

     

    Wenn ihr also vielleicht auch schon mal überlegt habt für eine Weile, ob für ein paar Tage oder länger, mal mehr „raus“ zu gehen, kann ich euch sagen: Es ist möglich. Die Natur lädt einen immer ein sie näher kennen zu lernen. Man braucht nur viel Wille. Und den Mut zum Abenteuer.

    Am Ende war es schon ein bisschen komisch wieder in eine Zug zu steigen und zurück zu rasen.
    Aber ich habe gefunden, wonach ich gesucht habe.
    Ein Stück Freiheit. Die Nähe zur Natur. Und Tage voller Leben.

     

     

     

    Quellen:

    Titelbild: Waldweg, www.klaus-venjkob.de/sites

     

Kommentare

28 Kommentare
  • Himbaerchen
    Himbaerchen echt klasse sache! :))
    25. August 2013
  • Stoffie
    Stoffie Wow, wow, wow.
    Einfach super geschrieben und anderthalb Monate durch Deutschland hört sich wunderbar, vor allem weil man das Land wohl mal aus ganz anderer Sicht kennenlernt!
    22. September 2013
  • Anne95
    Anne95 Mega geniale Idee! Und super, wie du das alles selbst organisiert hast! :-)
    23. September 2013
  • Makanie
    Makanie Cool, das hat bestimmt mega Spaß gemacht.
    Ich war auch schon öfter für ein paar Tage in der Pampa, aber so lange, ...
    30. Januar 2014