Berichte

Die Kraft des Wassers

  • Ich war in diesem Sommer in einem kleinen Tal in Österreich. Besonders gerne war ich an einem Gebirgsfluss und habe dem Wasser zugesehen. Dabei habe ich mir Gedanken über die Kraft des Wassers gemacht, wie ähnlich wir ihm sind und was wir uns vom Wasser abgucken können.
    Stellen wir uns einmal vor, jeder von uns Menschen wäre ein einzelner Tropfen.
    Er sammelt sich am Rand eines Blattes, bekommt Übergewicht und macht sich auf die Reise. Dabei fließt er immer abwärts, der leichteste Weg ist eben der schönste. Bald trifft er auf andere Tropfen, verbindet sich mit ihnen, wird zu einem Bach. Der Bach fließt in einen Fluss, der Fluss wird zu einem breiten Strom und schon ist kein Entkommen mehr. Alle fließen zusammen, der Mensch hört auf zu denken, folgt blind der Menge. Immer abwärts, den leichtesten und bequemsten Weg.
    Soweit, so gut.
    Nur leider hat das Wasser diese Angewohnheit, die niemand sonst hat: Es lässt sich nicht komprimieren, nicht zusammendrücken und deshalb ist es kräftiger als alles andere. Wasser überwindet alles, selbst Stein.
    Erkennt ihr die Menschen schon?
    Während ich darüber nachdachte, sah ich auf dem Gebirgsbach kleine Wellen, die gegen den Strom schwappten, immer auf der Stelle. Ziemlich tapfer, aber bewirken konnten sie nichts. Der Fluss floss trotzdem weiter, überrollten die kleinen Wellen einfach.
    Wie hoffnungslos.
    Aber was wäre, wenn sich diese Wellen zusammenschließen würden? Wenn sie nicht einzeln gegen die Masse kämpfen würden, sondern als eine große Welle gegen den Strom kämpfen würden? Manchmal sieht man das auf dem Meer, in der Zeit zwischen Ebbe und Flut. Wellenströme fließen auf einander zu, prallen gegeneinander, das Wasser schwappt hoch und plötzlich steht es still. Ein Moment der Stille, indem man darüber nachdenkt, wo man eigentlich gerade hinwollte und warum. Indem einem klar wird, dass man nicht nachgedacht hat, sondern blind der Masse folgte. Und in diesem Moment der Stille gibt es keine Masse, der Strom steht still, jeder ist für sich allein und es steht ihm frei, wie er seinen Weg fortsetzen möchte, wenn sich die Zeit wieder in Gang setzt.
    Doch nicht hoffnungslos?
    Vielleicht hilft dem Menschen eine kleine Pause, indem er überdenken kann, was er tut. Denn der Mensch ist nicht wie das Wasser, er KANN auch aufwärts fließen, den Berg erklimmen, den schwereren Weg nehmen. Und ist der Berg erst erklommen, geht es auch wieder abwärts, das darf man nicht vergessen. Dann wird es wieder leichter.
    Was braucht es also?
    Ein paar Einzelkämpfer, die gelernt haben, zu denken, statt der Allgemeinheit zu folgen, ein paar Einzelkämpfer, die sich zusammenschließen und es wagen, sich gemeinsam gegen den Strom zu stellen und einen Moment lang die Zeit anzuhalten. Aufmerksam zu machen. Die Gelegenheit zu geben, nachzudenken. Zu überdenken. Denn wenn sich erst andere anschließen, gibt es kein Halten mehr. Nichts kann sich dann noch in den Weg stellen, der Weg ist frei für die Gerechtigkeit des Denkens.
    Was braucht es? Leute wie uns, Einzelkämpfer, die nachgedacht und sich zusammengeschlossen haben. Die die Menschen zum Nachdenken bringen können. Die den Aufprall nicht fürchten und die bereit sind, Berge zu erklimmen.
    Denn irgendwann geht es wieder abwärts, wenn man sich traut.

     

     

    Nachdem der letzte Artikel ja irgendwie nicht angezeigt wurde, hoffe ich, dass das jetzt klappt :).

     

    Bild: http://www.triberg.de/uploads/pics/Wasserfall_-_unterer_Hauptfall_03.jpg

Kommentare

9 Kommentare
  • Lexir
    Lexir Wow! Ein unglaublicher Bericht den du dort verfasst hast.
    Die Eigenschaften die du im Wasser gefunden und dann mit den Menschen in Verbindung gebracht hast, sind zugleich hoffnungslos, wie auch hoffnungsgebend, genau wie du es schon beschrieben hast.
    Du h...  mehr
    1. August 2013
  • Makanie
    Makanie Cooler Bericht, nur ein klitzekleiner Verbesserungsvorschlag: Du hast gesagt, dass es irgendwann wieder abwärts geht, dass es leichter wird. Aber man sollte sich vielleicht nicht wie ein Tropfen einfach fallen lassen, sondern abseilen, was meinst du?
    2. August 2013
  • Lena14
    Lena14 WOW... Mir fehlen echt die Worte! So ein tiefsinniger Bericht.
    Einfach unglaublich!!! Ich wäre da niemals drauf gekommen!
    Aber ich würde mich auch langsam "abseilen", umso länger kann man den Erfolg genießen! Oder? ;)
    Wundervoll......
    11. August 2013
  • ClaraG
    ClaraG Danke für den schönen Bericht, es hat wirklich Spaß gemacht ihn zu lesen und über die Konsequenzen nachzudenken :-)
    12. August 2013