Berichte

Guatemala und der Naturschutz

  •  „Als ich Kind war, haben wir aus dem Bach getrunken.“ Heute, vielleicht 40 Jahre später, stehen wir an seinem Ufer und schauen auf das trübe Rinnsal hinab.
    „Aber damals war hier auch noch alles Wald.“ Martin Morales zeigt mit einer weitschweifenden Bewegung auf die sich vor uns ausstreckende Ebene: Weiden, auf denen vereinzelt Kühe grasen, dazwischen immer wieder Maisparzellen und dahinter die Ausläufer des Dorfes El Novillero.

    Heute müssen die Bewohner El Novilleros, wie auch im Rest Guatemalas, Trinkwasser in Kanistern kaufen. Das Weichen des wasserreinigenden Waldes zugunsten mit Pestiziden und Gülle gedünkten Felder und Weiden war sicherlich notwendig, um die wachsende Bevölkerung zu ernähren – der Bach hat das nicht überlebt. Zwar gibt es eine Reinigungsanlage, doch diese kann dem Bach seine Trinkwasserqualität auch nicht zurückgeben, sondern vermeidet nur schlimmere Auswirkungen für das Ökosystem, zum Beispiel durch toxische Schädlingsbekämpfungsmittel. Diese sind ob ihres übermäßig hohen Schadstoffgehaltes in Europa verboten, werden jedoch von den gleichen Firmen, also auch deutschen, produziert.

    Don Martin ist Touristguide im Departement Sololá, in dem auch El Novillero und der Lago Atitlán liegen. Hier gibt es sieben lokale Tourismusprojekte, deren erklärtes Ziel es ist, Tourismus, Ökologie und die Interessen der lokalen Bevölkerung in Einklang zu bringen.


    Die Ebene des Dorfes El Novillero und der Wald von Corazón del Bosque

    Martin Morales hat sich auf den parque ecológico Corazón del Bosque spezialisiert – meine Projektstelle. 
    Corazón del Bosque bedeutet Herz des Waldes. Tatsächlich werden hier jedes Jahr 220 000 Bäume zur Wiederaufforstung in der ganzen Region herangezogen. Jeder dieser Bäume zählt, denn jedes Jahr fallen 90 000 Hektar Wald den Motorsägen zum Opfer.
    Der Park selbst umfasst 42,5 Hektar Wald. Durch diesen führt ein ca. anderthalbstündiger Wanderweg und eine Vogelbeobachtungstour.
    Da sich der Park auf über 2500m Höhe befindet, beschränken sich die anzutreffenden Baumarten überwiegend auf Kiefer, Eiche, Erle und die nichtheimische Zypresse.


    Die Baumzucht von Corazón del Bosque

    Corazón del Bosque hat schon einige Freiwillige beschäftigt. Der sicherlich wertvollste für sie war ein Student der erneuerbaren Energien, der dem Park geholfen hat, seine eigene, grüne Energieversorgung aufzubauen: Ein kleines Wasserkraftwerk. So werden das Restaurant, die Herberge und das Büro autark versorgt. 
    Von den Einheimischen wird der Park vor allem seiner kulturellen Angebote wegen geschätzt: Es gibt ein Bautismal (eine religiöses Schwimmbecken, zum Beispiel für Taufen), einen schon lange bestehenden Maya-Altar im Wald, ein Sanktuarium (katholischer Schrein) und das Tikalito, der höchste Punkt Berg im Wald, wo viele Indigene zum Beten hinaufsteigen, wo sie sich ob der Höhe und umgeben von Bäumen Gott näher fühlen.

    Die Aula de la Naturaleza, das Restaurant, die Herberg, die Bungalows im Wald sowie die Temascales (traditionelle Schwitzbäder) werden überwiegend von guatemaltekischen Touristen und nationalen Gruppen genutzt.

    Alle sieben Parks um den Lago Atitlán befinden sich in privater Hand. Auch wenn ihre Arbeit ein wichtiger Schritt für die Region ist, so ihr Wirkungskreis und was sie mit ihren begrenzten Mitteln leisten können doch recht klein.

    Wichtiger sind da die staatlich eingerichteten Nationalparks und Naturschutzgebiete. Bereits 1955 begann die Einrichtung vereinzelter Schutzzonen. Durch den zunehmenden Druck auf Natur und Ressourcen des Landes wurden vor allem in den letzten 10, 15 Jahren vermehrt Schutzgebiete ausgewiesen, sodass heute ca. 30% des Landes unter Naturschutz stehen. Davon befindet sich allerdings nur ein Kernzonenanteil von 37,4% unter striktem Schutz jeglicher Eingriffe. Um diese Kernzonen herum dürfen Waldprodukte geerntet, der Wald jedoch nicht gerodet werden. Die dritte Zonen dieser Schutzgebiete sind Pufferzonen, in denen Siedlungen bestehen und nachhaltige Landwirtschaft propagiert wird. 2011 gab es 121 Schutzgebiete, darunter alle 33 Vulkane des Landes. Der größte Teil der geschützten Zonen befindet sich im Departement Petén, welches den gesamten Norden Guatemalas ausmacht. Das größte zusammenhängende Naturschutzgebiet ist das 1990 von der Regierung eingerichtete Maya-Biosphärenreservat, welches mit 1 844 900 Hektar 80% der gesamten Schutzflächen ausmacht. Leider ist selbst diese Schutzzone nicht sicher. Ihr Westteil wurde weitgehend von illegalen Siedlern und Viehbaronen abgeholzt.

    Wenn Martin Morales Touristen auf dem Vogelbeobachtungspfad durch den Wald führt, begleite ich ihn meist. Auch wenn er, wie für die Männer der Region seit mehreren Jahrzehnten üblich, keine traditionelle Kleidung trägt, gehört er der Indigenen Volksgruppe der K’iche‘-Maya an, die hier 90% der Bevölkerung stellt. „Unsere Vorfahren haben sehr viel auch auf die Natur und Umwelt gegeben. Wenn sie einen Baum fällen mussten, haben sie die Natur um Verzeihung gebeten. Die Natur ist wichtig, sie ist unsere Zukunft und Lebensgrundlage. Wir müssen sie bewahren!“

     

    Hier geht’s zum vorherigen Artikel: Guatemala und die Umweltverschmutzung

Kommentare

6 Kommentare
  • Lukas96
    Lukas96 Toller Bericht, trauriges Thema!
    20. Juni 2013
  • Monamona
    Monamona Toller Bericht, vor allem der letzte Satz...
    21. Juni 2013
  • Morgentau
    Morgentau Ich schließe mich euch allen an. Und die Fotos sind wunderschön. :o)
    21. Juni 2013
  • Westernpferdle
    Westernpferdle interessanter und schöner Bericht!
    tolle fotos *o*
    2. Juli 2013