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Alarmierende Studie zum Zustand der Ökosysteme

  • Am 6. Mai wurde in Paris eine Studie des Weltbiodiversitätsrat (IPBES) zum Zustand der Ökosysteme der Öffentlichkeit vorgestellt. Diese wurde zuvor bei der siebten Vollversammlung des IPBES verabschiedet. Eberhard Brandes, Vorstand des WWF Deutschland, bezeichnet die Studie als "alarmierende Öko-Inventur der Erde, die alle Menschen, insbesondere in Politik und in Unternehmen, zum beherzten Handeln verpflichtet“.  Laut Sir Robert Watson, dem Vorsitzenden des IPBES, verschlechtere sich die Gesundheit der Ökosysteme, von denen wir und alle anderen Arten abhängen, schneller denn je. Wir würden die Grundlagen unserer Wirtschaft, unserer Lebensgrundlagen, unserer Ernährungssicherheit, unserer Gesundheit und unserer Lebensqualität weltweit zerstören. Dieser Bericht fasst die wichtigsten Ergebnisse der Studie des IPBES zusammen und zeigt, wie Expertinnen und Experten sowie der WWF den Bericht bewerten.

    © Jinning Li/Shutterstock.com¹

    Was ist der IPBES Global Assessment Report?

    Der Global Assessment Reprot ist der umfassendste Report zum ökologischen Zustand, der jemals veröffentlicht wurde und baut auf dem Millenium Ecosystem Assessment aus dem Jahr 2005 auf. Über 150 Expertinnen und Experten aus über 50 Ländern haben mehr als 15.000 Quellen ausgewärtet und Veränderungen des ökologischen Zustands über die letzen fünf Jahrzehnte untersucht. Sie zeigen außerdem auf, wie sich verschiedene Entwicklungspfade der Wirtschaft auf die Natur auswirken. Verschiedene Szenarien zeigen, wie sich der Zustand in den kommenden Jahrzehnten weiterentwickeln könnte.

    Was sind die wichtigsten Ergebnisse?

    Etwa eine Millionen Tier und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht, viele bereits in den nächsten Jahrzehnten. Das ist die zentrale Aussage des Reports. In den bedeutensten Lebensräumen ist der durchschnittliche Bestand einheimischer Arten um über 20 Prozent zurückgegangen. 40 Prozent der Amphibien, 33 Prozent der riffbildenden Korallen und über ein Drittel der Meeressäugetiere sind bedroht. Bei den Insekten war eine klare Aussage für die Expertinnen und Experten schwieriger, die Belege deuten jedoch darauf hin, das etwa 10  Prozent der Insektenarten bedroht sind. Prof. Josef Settele, Co-Vorsitzender des IPBES erklärt, dass dieser Verlust eine direkte Folge menschlichen Handelns sei und eine direkte Bedrohung für das Wohl der Menschen in aller Welt darstelle. Der Mensch hat durch sein Handeln in der Vergangenheit dreiviertel der Landflächen und zweidrittel der Meeresumwelt erheblich verändert. Diese negativen Trends werden in allen untersuchten politischen Szenarien anhalten. Einzige Ausnahme sind diejenigen Szenarien, die transformative Veränderungen beinhalten.

    Was sind die Ursachen?

    Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben im Wesentlichen fünf Ursachen für diese erschreckenden Ergebnisse identifiziert. Diese sind, absteigend geordnet nach Wichtigkeit: die Veränderung der Nutzung von Land und Ozeanen; direkte Ausbeutung von Organismen; Klimawandel; Verschmutzung; invasive fremde Arten. Zurzeit ist der Klimawandel noch nicht die wichtigste Ursache für die Zerstörung der Ökosysteme und der biologischen Vielfalt. Jedoch haben sich seit 1980 die Treibhausgase verdoppelt, sodass die globale Durchschnittstemperatur um 0,7°C angestiegen ist. Aufgrund der aktuellen Trends ist zu erwarten, dass der Einfluss des Klimawandels in Zukunft noch deutlich zunehmen wird und somit bei den wichtigsten Ursachen die Spitzenreiterposition einnehmen könnte. 

    "Wir befinden uns in einer Klima- und Umweltkrise." kommentiert Manuel Pulgar-Vidal, Leiter Klima- und Energiepolitik beim WWF International, die Ergebnisse des Berichts. Der Zusammenhang zwischen einem stabilen Klimasystem und dem Schutz der Biodiversität sei laut Pulgar-Vidal eindeutig. Der IPBES-Bericht stelle klar, dass der Klimawandel sowohl der Hauptgrund als auch eine wachsende Bedrohung für die Zerstörung der biologischen Vielfalt sei. Ein globaler Temperaturanstieg über 1,5°C hinaus werde noch verheerendere Folgen für das empfindliche Beziehungsgeflecht haben, von dem Natur und Mensch abhängig sind.

    © Denis Zhitnik/Shutterstock.com²

    Was bedeutet dies für die globalen Nachhaltigkeitsziele?

    Laut dem Bericht wurde nur bei vier der 20 Aichi-Biodiversitätsziele ein gutes Fortschrittsniveau erzielt. Das bedeutet, dass die meisten Aichi-Biodiversitätsziele bis zur Deadline im Jahr 2020 nicht erreicht werden. Auch die Umsetzung der Sustainable Development Goals ist durch den Rückgang der ökologischen Vielfahlt gefährdet. Der Fortschritt von 80 Prozent der Ziele in den Bereichen Armut, Hunger, Gesundheit, Wasser, Städte, Klima, Ozeane und Land sind demnach bedroht. Dies zeigt die Relevanz der biologischen Vielfalt für Entwicklungspolitik, Wirtschaft, Sicherheitspolitik, Gesellschaft und moralische Fragen. Ohne transfromative Veränderungen werden diese Ziele der Sustainable Development Goals daher nicht erreichbar werden. Prof. Sandra Diaz, Co-Vorsitzende des IPBES bezeichnet die biologische Vielfalt und deren Beitrag für uns Menschen als ein gemeinsames Erbe, das ein lebenserhaltendes "Sicherheitsnetz" sei. Dieses Sicherheitsnetz sei jedoch fast bis zur Bruchgrenze gespannt.

    Gibt es Lösungsansätze?

    Der Bericht des IPBES listet eine Vielzahl beispielhafter Maßnahmen auf. Insbesondere wird die Wichtigkeit von integrierten, sektorübergreifenden Ansätzen betont. Die globalen Finanz- und Wirtschaftssysteme spielen eine Schlüsselrolle. Es wird eine Transformation zu einer nachhaltigen Wirtschaft gefordert, die sich vom Wachstums-Paradigma löst.

    Wie bewertet der WWF den Bericht?

    Eberhard Brandes sagt, dass das Paradigma vom ewigen und alternativlosen weltweiten Wirtschaftswachstum ohne Rücksicht auf die Leistungsfähigkeit der Natur in die ökologische Sackgasse führe und den Gesellschaften und der Wirtschaft jedwede Zukunftschance raube. "Wir müssen deshalb schleunigst beginnen, in den natürlichen Grenzen der Erde zu wirtschaften. Dazu gehört, dass wir zügig unsere Finanz- und Wirtschaftssysteme auf Nachhaltigkeit umstellen."

    Rebecca Shaw, Chefwissenschaftlerin beim WWF International, betont, dass Business-as-usual keine Option mehr sei. Der Bericht gäbe Hoffnung darauf, die Natur durch transformative Veränderungen auf den Weg der Erholgung zu bringen, indem wir unseren Ansatz für eine nachhaltigere Zukunft neu definieren. Ein ausführliches Statement von Rebecca Shaw könnt ihr euch hier ansehen:

    Laut Günter Mitlacher, Leiter der internationalen Naturschutzpolitik beim WWF Deutschland, mache das IPBES Global Assessment deutlich, dass unsere Gesellschaft "in großen Schwierigkeiten" steckt, wenn wir wie gewohnt weitermachen. Aber was noch wichtiger sei: es gebe auch Hoffnung, dass ein positiver Wandel tatsächlich möglich ist, wenn alle im Interesse künftiger Generationen sofortige Verpflichtungen eingingen. Jetzt sei es an der Zeit zu handeln, nicht halbherzig und schrittweise, sondern drastisch und mutig.

    Was ist der IPBES?

    Der IPBES wird häufig als IPCC für Biodiversität bezeichnet. Er ist eine unabhängige, zwischenstaatliche Organisation, der 130 Staaten angehören. Die 2012 gegründete Organisation liefert der Politik objektive, wissenschaftliche Untersuchungen zum Stand des Wissens über Biodiversität, Ökosysteme und deren Auswirkungen auf uns Menschen. Außerdem  werden Instrumente zum Schutz und zur nachhaltigen Nutzung dieser Biodiversität und Ökosysteme vorgestellt.

    Weiterführende Information: 

    Themenseite des WWF International (auf englisch)

    Quellen

    IPBES Secretariat - Media Release: Nature’s Dangerous Decline ‘Unprecedented’; Species Extinction Rates ‘Accelerating’

    WWF International - Global Assessment report on state of nature offers irrefutable evidence of nature loss emphasizing the urgent need for transformative change

    WWF Deutschland - Alarmierende Öko-Inventur

    Bildnachweise

    ¹ IPBES - Final Media Materials Global Assessment Launch, Nutzungshinweis, 09. Mai 2019.

    ² IPBES - Final Media Materials Global Assessment Launch, Nutzungshinweis,  09. Mai 2019.

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