Berichte

Vom Untergang der Wikinger in Grönland - oder: wie Kulturwissenschaftler zum Klimawandel forschen

  • Es war einmal vor rund 1000 Jahren, da bewohnten die normannischen Wikinger Grönland. Aus ihrer norwegischen Heimat übernahmen sie die Tradition der Weidewirtschaft. Bald zeigte sich jedoch, dass die Kuh- und Schweinehaltung sich unter den klimatischen Bedingungen Grönlands sehr schlecht rentierte. Also gingen die Wikinger im Laufe der Zeit zur Jagd auf Robben und Karibus über. Erstaunlich war dabei, dass sie Fisch ganz und gar mieden – eine zur ihrer Zeit in Grönland überreichlich vorhandene Nahrungsquelle. Offensichtlich handelte es sich hierbei um ein kulturell geprägtes Nahrungstabu.

    Das alltägliche Leben der Wikinger wurde jedoch nicht nur durch ihre Nahrungsgewohnheiten geprägt, sondern auch durch ihren christlichen Glauben, den sie aus Europa mitbrachten. Trotz der schroffen und kargen Lebensbedingungen und Ressourcenknappheit in Grönland bauten die Wikinger Kirchen aus Holz und schafften das nötige Zubehör wie Glocken, Bronzekerzenständer, Messwein, Schmuck- und Kleidungsstücke heran. Dafür, dass sie in Grönland oft ums schiere überleben kämpften und all ihre Kräfte für die Beschaffung von Nahrungsmitteln brauchten, betrieben Sie einen extrem hohen Aufwand, um ihrer Religion nachzugehen. Und trotzdem: für die Wikinger war der biologische Selbsterhalt genauso wichtig wie die Bewahrung ihrer kulturellen Identität.

    Veränderungen in ihren Lebensgewohnheiten– sie hatten die Überlebenstechniken der parallel zu ihnen und bis heute dort lebenden Inuit direkt vor ihren Augen! – kamen nicht in Frage. Letztendlich verschwanden die Wikinger im Jahr 1500 n.Chr. von Grönland und kehrten auch nie wieder zurück. Es klingt banal, aber hätten sie Fisch gegessen und wären sie ihrer Religion mit weniger Ressourcenbedarf nachgegangen, lebten sie dort vielleicht noch heute.

    Und die Moral von der Geschicht: „Kulturelle Verpflichtungen machen einen erheblichen Teil jener Gründe aus, aus denen Menschen nicht tun, was sie wissen könnten. […] Aus der Außenperspektive erscheint daher oft als völlig irrational, was aus der Binnensicht der Akteure […] Vernünftigkeit besitzt.“

    Imposante Sätze! Und was hat das jetzt mit Klimawandel zu tun? Es ist schwer von der Hand zu weisen, dass es einen allumfassenden, kulturellen Wandel braucht, um den Herausforderungen des Klimawandels gerecht zu werden. Wie sollten wir es sonst schaffen, das 2°Celsius Limit einzuhalten? Die Geschichte der Wikinger zeigt aber, wie schwierig es ist, aus kulturellen Bahnen, Habitus und Lebensgewohnheiten auszubrechen. Erinnert euch an Midoris Artikel „Umweltbewusst? Ja! So leben? Nein Danke!“. Darin ging es um die Schwierigkeit, Wissen auf Handeln zu übertragen. Die Quintessenz der Wikingergeschichte umfasst dieses Dilemma im Prinzip auch, aber sie zeigt darüber hinaus, wie schwer es oft ist, sich überhaupt über Automatismen und Selbstverständlichkeiten bewusst zu werden. Beim energiesparenden Licht an- und ausschalten mag die Reflexion unseres Tuns noch einfach sein, aber die Herausforderung liegt oft in der Veränderung von übergreifenden Strukturen, liebgewonnenen Traditionen und unhinterfragten gesellschaftlichen Mechanismen – all das, was unsere Kultur ausmacht.

    Warum ist das so? Was macht unsere Kultur eigentlich so wichtig für uns? Was heißt Kultur überhaupt? Welche verschiedenen Traditionen, Symboliken und Lebensstile verfolgen wir? Mit welchen Handlungsbarrieren sind wir konfrontiert? Wie denkt die Mehrheit in Deutschland eigentlich über den Klimawandel? Und in anderen Ländern? Wie ist ein Kulturwandel im Sinne des Klimawandels möglich ohne unsere kulturelle Identität aufzugeben? Welche Lösungsvorschläge gibt es?

    Es würde den Rahmen sprengen, diesen Fragen hier ausführlich auf den Grund zu gehen. Der Artikel soll euch in erster Linie eine Vorstellung davon geben, wie Umweltsoziologen und Kulturwissenschaftler an die Thematik des Klimawandels herangehen.

    Aber die ausführliche Geschichte der Wikinger könnt ihr in in dem Kapitel Denn sie tun nicht, was sie wissen des Buches „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Klima, Zukunft und die Chancen der Demokratie“ von Claus Leggewie und Harald Welzer (zwei Kulturwissenschaftler) nachlesen. Dort findet ihr viele inspirierende Antworten auf die oben gestellten Fragen. Die Lektüre lohnt sich in jedem Fall!

    Eure Ivonne aus dem WWF-Team
     

     

     

     

    Bilder: Wikingerschiff © flickr_Charles Hutchins; Landschaft in Grönland © flickr_kaet44; "Wikingerfrau" © flickr_Allie Caulfield; Buchcover © WWF/Ivonne

Kommentare

5 Kommentare
  • LaLoba
    LaLoba Wirklich sehr interessant! Danke für die schöne Geschichte mit Alltagsbezug :D
    21. Februar 2013
  • Nugua
    Nugua Danke für den interessanten Artikel und das Buch kommt gleich auf meine Liste :)
    Wissen auf Handeln zu übertragen ist echt so eine Sache. Ich zum Beispiel wusste schon lange über Massentierhaltung Bescheid, aber bis ich wirklich zur Vegetar...  mehr
    24. Februar 2013
  • TaniaTukan
    TaniaTukan Zu dem Thema habe ich auch noch ein anderes tolles Buch: "Warum Gesellschaften überlegben und untergehen" von Jared Diamond. Er beleuchtet verschiedenste Kulturen in aller Welt (auch die Wikinger in Grönland) und aus welchen sozialen, ...  mehr
    24. Februar 2013
  • Ivonne
    Ivonne Danke für eure interessanten Kommentare!

    @ TaniaTukan, ja Jared Diamond ist genau der Autor, den Leggewie und Welzer in ihrem Buch auch zitieren. :-) Danke für den extra Tipp. Ich hatte auch vor, einen Blick in Jared Diamonds Werk zu werfen! ...  mehr
    25. Februar 2013