Berichte

Die dunkle Seite der Vegetarier?

  • Jung, weiblich, Abiturientin, single… und depressiv?

    Darf ich vorstellen? Lisa Veggie. 20* Jahre alt, single und lebt in Hamburg. Letztes Jahr hat sie ihr Abitur gemacht. Charakterlich könnte man sie als emotional sensibel, gewissenhaft und selbstkritisch bezeichnen. Außerdem denkt sie stärker in ethnischen Kategorien und nimmt häufig ihre Verschiedenheit zu Fleischessern nur allzu deutlich war. Denn das wichtigste – Lisa Veggie ist vielleicht unser deutscher Durchschnittsvegetarierer.

    Vegetarismus ist in Deutschland zum Trend geworden. Ganze 9% der deutschen Bevölkerung sind Vegetarier und 2/3 aller Frauen, sowie knapp 40% der Männer bezeichnen sich schon als Teilzeitvegetarier. Lange Zeit wurde Vegetarismus medizinisch hinterfragt, doch gilt es als sicher, dass Vegetarismus gesund ist und Vorteile für die Gesundheit bringt.

     

    Lisa Veggie kann auf jeden Fall froh sein, dass sie in der heutigen Zeit vegetarisch lebt, denn früher waren Vegetarier nicht sonderlich hoch angesehen in der Gesellschaft und teilweise sogar ausgegrenzt.

    Ihnen wurden Eigenschaften nachgesagt, die ziemlich haarsträubend sind. Vegetarier sollten tyrannisch, sadistisch, pazifistisch, liberal, hypochondrisch*, dem Drogenkonsum zugeneigt und ums Gewicht besorgt sein. Dagegen ist der Spruch „Vegetarier essen meinem Essen das Essen weg“ nichts mehr. Doch auch heute haben es Vegetarier nicht immer leicht. Und damit meine ich nur die kleinen Unannehmlichkeiten, die entstehen können, wenn man irgendwo zum Essen eingeladen ist und es ein saftiges Rumpsteak gibt. Denn bis heute fühlen sich manche Fleischkonsumer durch die bloße Existenz von Vegetariern kritisiert und daher betrachten sie ihrerseits die Vegetarier nun negativer. Insgesamt ist dabei noch so, dass Frauen den Vegetariern noch wohlwollender gegenüberstehen als die männliche Seite.

    Doch kommen wir zurück zu der heutigen Situation in der Lisa Veggie lebt. Da medizinisch die Frage geklärt wurde, ob Vegetarismus ungesund ist, beschäftigt man sich heute mehr mit der Psychologie von Vegetariern. Nach dem Motto: „Essen & Kultur“, was ist die Motivationen auf Fleisch zu verzichten und was unterscheidet einen Veggie von einem Fleischesser. Eine der ersten Studien kommt dabei übrigens aus Deutschland.

    Auf den ersten Blick betrachtet bieten die Studienergebnisse aber keinen Grund zu Freude. Unsere Lisa Veggie scheint sehr anfällig für Angststörungen, Depressionen, somatoforme Störungen (körperliche Beschwerden wie Schmerzen oder Übelkeit, die sich nicht auf eine somatische Erkrankung zurückführen lassen) und Essstörungen zu sein!

    Bei einer Studie aus dem Jahr 2012 bei dem mehr als 4000 Vegetarier teilnahmen, zeigte sich, dass Vegetarier mit höherer Wahrscheinlichkeit die Kriterien für eine psychiatrische Diagnose besaßen als die Nichtvegetarier. Diese Ergebnisse kamen aus einstündigen Interviews und damit man Einflüsse auf die psychische Gesundheit ausschließen konnte, die nichts mit dem vegetarischen Lebensstil zu tun haben, wurden die Vegetarier nicht nur mit der Gesamtgruppe aller anderen Probanden verglichen, sondern auch mit einer aus den Daten herausgefilterten Gruppe von Fleischessern, die den Vegetariern in soziodemographischer Hinsicht vollkommen entsprach.

    Direkt am Anfang erwähnte ich, dass Lisa Veggie der deutsche Durchschnittsvegetarier sei. Ganz so kann man es vielleicht nicht formulieren. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass die Vegetarier so waren wie Lisa Veggie lag bei einer viel größeren Wahrscheinlichkeit als bei den Fleischessern - in der Studie.Vegetarier waren jünger, häufiger weiblich, hatten mit höherer Wahrscheinlichkeit Abitur, lebten häufiger in Städten und als Single als der Durchschnitt aller Probanden. Vegetarier hatten mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit wie ihnen in anderen Eigenschaften gleichende Nichtvegetarier eine Angststörung; die Rate an Depressionen war um fünfzehn Prozent erhöht“, zeigten die Studienergebnisse.

    Ich kann aber Entwarnung geben. Die Ergebnisse so alleine reichen noch nicht aus, um sagen zu können, dass Vegetarismus zum Beispiel depressiv macht. Viel wichtiger ist dabei noch die Frage nach der Motivation. Der Leiter der Studie, Johannes Michalak von der Universität Hildesheim, hält es zwar für möglich, dass Vegetarismus der Auslöser für Depressionen und sonstiges ist, aber eher unwahrscheinlich. „Dieser Zusammenhang wäre denkbar, weil Vegetarier beispielsweise weniger Omega-3-Fettssäuren zu sich nehmen, was wiederum den Gehirnstoffwechsel beeinflussen und die Vulnerabilität für psychische Erkrankungen erhöhen könnte“, sagt der Psychologe. Bei den meisten Probanden lag es aber nicht direkt am Vegetarismus. Bei den allermeisten Probanden lag der Beginn der psychischen Erkrankung vor dem Zeitpunkt, zu dem mit der vegetarischen Ernährung begonnen wurde.“ Im Gegenteil, es könnte sogar sein, dass Vegetarismus in solchen Fällen eher dem Selbstschutz dient. Sie werden Vegetarier um ihre Lebensgewohnheiten zu ändern und sich selbst in gewisser Weise zu therapieren. „Bei Angststörungen könnte Vegetarismus auch eine Art von Sicherheitsverhalten sein, da mit Fleisch durch viele Lebensmittelskandale Ängste verbunden sind“, erklärte Michalak. „Oder es gibt eine Drittvariable, einen Faktor, der sowohl die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass jemand Vegetarier wird, als auch, dass er an einer psychischen Störung erkrankt. Dazu könnte beispielsweise eine größere emotionale Sensibilität beitragen. Vegetarier sind möglicherweise gewissenhafter, denken stärker in ethischen Kategorien.“ In einer Bilanz sagte Michalak, dass Vegetarismus kein Auslöser psychische Störungen ist.

    Das heißt Lisa Veggie muss sich also keine Sorgen um Depressionen machen, falls sie sie nicht schon vor ihrer Veggie-Zeit hatte. Aber auf eines sollte sie achten: Essstörungen!

    Vor allem prädisponierte, also mit genetisch bedingter Anlage bzw. Vorbelastung/Empfänglichkeit einer bestimmten Krankheit gegenüber, junge Frauen könnten über den Vegetarismus Einstieg in die Essstörungen bekommen. Und es ist oft so, dass essgestörte Patienten eher Vegetarier sind oder es waren als gesunde Vergleichsgruppen. Was aber nicht heißen soll, dass jeder Vegetarier anfällig für Essstörungen ist. Also wenn Lisa Veggie auch nicht prädisponiert ist, braucht sie sich gar keine Sorgen machen, dass ihr ihr Vegetarismus Schaden zufügt. Eher das Gegenteil­­­­.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    Übrigens kam bei der Studie auch heraus, dass Kinder mit höheren IQ-Werten 30 Jahre später mit großer Wahrscheinlichkeit Vegetarier werden. Das klingt doch schon viel besser. Und wichtig bei dem ganzen psychologischen Analysieren ist und bleibt die Motivfrage, warum man Vegetarier wird. Die Medizin hat da noch keine Ahnung und so bleibt es uns anscheinend überlassen, selbst zu wissen warum wir es eventuell sind. Ob nun aus gesundheitlichen, ethnischen, mit der Absicht die Umwelt mehr zu schützen oder weil man Fleisch/Fisch einfach geschmacklich nicht mag.

     

    Anmerkungen/Erklärungen/Quellengabe:

    *20 Jahre – Bei den Studien/Umfragen wurden meistens junge Leute befragt. Das hat das Ergebnis auch sehr beeinflusst und dadurch entstand auch keine Allgemeingültigkeit.

    * Hypochondrie – Betroffene leiden unter ausgeprägten Ängsten, eine ernsthafte Erkrankung zu haben, ohne dass sich dafür ein objektiver Befund finden lässt

    Quellen: www.faz.net/aktuell/feuilleton/forschung-und-lehre/vegetarier-sensibel-klug-und-ausgegrenzt-11998071.html,Frankfuhrter Allgemeine; wikipedia; bilder wikimedia commons

     

Kommentare

20 Kommentare
  • Westernpferdle
    Westernpferdle Großes Lob an dich!
    Ich finde der Bericht fasst alles super zusammen! (:
    20. Februar 2013
  • Smilex
    Smilex also ehrlich ... warte - danke für den bericht erstmal xD ... ich bin vegetarier und habe keine psychische störung (zum. keine schlimme xDD) und alle meine vegetarischen freunde haben auch keine ..
    27. April 2013
  • isabella
    isabella Danke für den Bericht,
    bin 20 und ganz gesund sowohl vom seelischen als auch vom körperlichen, also ist es glaube ich ehr Mencshen abhängig ob man sich fühlt oder nicht...

    Ansonsten finde ich hast du den Bericht sehr umfassend und sch...  mehr
    15. Mai 2013
  • helfer
    helfer Hi ich lebe schon seit über 10 Jahren Vegan und bin Kerngesund (auch seelisch ) und mache Leistungssport.

    Hier ein schöner link über einen der Stärksten Menschen Deutschland, der übrigens auch Vegan lebt.
    : mehr
    18. Juli 2013