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Umweltbewusst? Ja, bitte! So leben? Nein, danke.

  • Ich möchte wirklich voller Überzeugung behaupten, dass wir alle hier - die gesamte WWF Jugend Community - ein sehr umbeweltbewusstes Völkchen sind. Ganz logisch, möchte man meinen. Immerhin ist dies hier der beste Ort für Jugendliche, die gemeinsam etwas für den Umweltschutz erreichen wollen. Dennoch würde ich nicht soweit gehen, zu behaupten, dass wir auch alle umweltgerecht leben. Eine etwas kühne und wagemutige Unterstellung. Was hat es damit auf sich?

    Lasst es mich mit den Worten von Andreas Diekmann erklären. Dieser Herr ist ein bekannter deutscher Soziologie und neben der empirischen Sozialforschung und der Spieltheorie liegt die Umweltsoziologie in seinem Fokus. Für Andreas Diekmann sind Umweltprobleme ganz klare Resulate eines fehlangepassten Verhaltens der Gesellschaft. Der Forscher stellt sich nun folgende Frage: Fördert positives Umweltbewusstsein automatisch auch umweltgerechtes Verhalten?


    © Dado Galdieri / WWF-Canon

    Gleich zu Beginn das ernüchternde Ergebnis: empirische Studien haben bewiesen, dass der Zusammenhang zwischen Umwelteinstellung und Umweltverhalten schwach ausgeprägt ist. Obwohl dem Menschen die Problemlage also bekannt ist, handelt er dennoch unvernünftig und nicht umweltgerecht. Nun stellt sich die Frage - ist dem Menschen die Problemlage bekannt oder ist sie ihm auch bewusst?

    An dieser Stelle ist eine Definition des Begriffs Umweltbewusstsein sicherlich hilfreich. Umweltbewusstsein umfasst alle Situationswahrnehmungen, emotionalen Reaktionen, Kognitions- und Wissensbestände, Einstellungen zu politischen Maßnahmen im Bereich des Umweltschutzes sowie grundlegende Werteorientierungen.

     

    © agrarfoto.com / WWF

    Fakt ist: auch umweltbewusste Menschen handeln mitunter zuwider ihrem Wissensstand. Davon möchte ich die Mitglieder der Community nicht ausschließen. Das Umweltverhalten in verschiedenen Lebensbereichen ist vielschichtig und heterogen. So kaufe ich zwar gewissenhaft Lebensmittel aus ökologischem Landbau, fahre aber dennoch mit dem Auto zum Discounter, weil ich die schweren Einkaufstüten nicht durch die Stadt tragen möchte oder weil das Auto mich einfach flexibler werden lässt. Ich bin mir sicher, so einige von euch trinken morgens gern ihre Tasse Kaffee, obwohl wir hier alle am besten wissen, wieviele Liter Wasser eigentlich in einer Tasse Kaffee stecken.

    Ein aktuelles Beispiel: die Energiewende. Klar, wir wollen den Ausstieg aus der Atomkraft, denn nur der Übergang in die Erneuerbaren Energien ist auf Dauer nachhaltig und vor allem sicher. Aber dafür mehr Geld bezahlen? Oder gar eine riesige Stromtrasse im Dorf erdulden? Da hört das Umweltbewusstsein dann doch auf. Darum können sich andere kümmern. Wir sind natürlich nicht dagegen, aber wir sind auch nicht so sehr dafür, dass wir jubelnd in die Luft springen und unser Geld und unsere Zeit hierfür hergeben.

    Das ist leider die bittere Realität. Einerseits umweltbewusst, andererseits zu kurzsichtig und nicht bereit "Opfer" für eine Verbesserung zu erbringen, die noch einige Jahre auf sich warten lässt. Den Beweis bringt uns eine aktuelle Studie zum Umweltbewusstsein der Deutschen, die Umweltminister Altmaier am Freitag in Berlin vorgestellt hat. Demnach betrachten mehr als ein Drittel der Deutschen Umwelt- und Klimaschutz als wichtigstes Thema unserer Zeit. Nach dieser Einschätzung der Befragten rangiert das Umweltbewusstsein damit auf Platz zwei, ganz knapp nach Wirtschafts- und Finanzpolitik.

    Ein Grund zur Freude, möchte man meinen. Die Studie belegt allerdings auch, dass die Bereitschaft, umweltfreundlich zu handeln, abnimmt. Vor allem Personen, die wirtschaftliche und soziale Probleme als primär erachten, stellen den Umweltschutz hintenan und und gaben an, der Umweltschutz müsse eingeschränkt werden.

    Rund 20 Prozent der Befragten beziehen Ökostrom oder unterstützen erneuerbare Energien. Stromsparen ist aber schon lange nicht mehr im Trend. Das Konsumverhalten der Deutschen zeigt leider kein anderes Bild. Nachhaltigkeitsthemen spielen bei den Befragten nur eine untergeordnete Rolle. Grade einmal 6 Prozent der Befragten gaben an, Bioanbau und fairen Handel beim Kauf von Lebensmittel zu berücksichtigen.


    © agrarfoto.com / WWF

    Für die anstehende Energiewende bedeutet das vor allem eins, möchte man den Worten Peter Altmaiers Glauben schenken: die Energiewende müsse mit Blick auf den wirtschaftlichen Fokus vor allem preisgünstig gestaltet werden. Finanzielle Anreize oder Förderprogramme, die gezielt den ökologischen Konsum ankurben sollen, haben momentan keine Chance auf Verwirklichung. Stattdessen will man auf eine bessere Verbraucherinformation setzen.

    Ist das nicht ein Paradoxon? Haben wir nicht eben gelernt, dass mehr Wissen über die ökologischen Probleme unserer Zeit nicht unbedingt zu umweltfreundlicherem Verhalten führen muss? Wozu also Verbraucher informieren? Umweltgerechtes Verhalten kennt viele Motive. Momentan befinden wir uns hier noch auf einer recht bescheidenen Ebene, denn zumeist wird umweltgerechtes Verhalten durch Überzeugung, finanzielle Mittel oder Zwang erreicht.


    © National Geographic Stock / Medford Taylor / WWF

    Wir müssen es schaffen, vom grünen Trend zur handlungsorientierenden Leitidee zu gelangen. Umweltbewusstsein und umweltgerechtes Verhalten müssen in den Köpfen und vor allem in den Herzen der Menschen verankert werden. Persönliche Betroffenheit ist eines der besten Argumentationsmittel in jeder Hinsicht. Und betroffen sind wir alle. Vielleicht noch nicht überall und vielleicht noch nicht jetzt. Aber schneller als uns lieb ist, wenn wir nicht endlich die Kehrtwende schaffen.

    "Naturland" und der "Weltladen Dachverband e.V." haben gemeinsam im Rahmen der Kampagne "Öko + fair ernährt mehr!" eine Guerilla Aktion auf einem Wochenmarkt gestartet. Die Idee? Das fiktive Unternehmen "Agraprofit" hat ein innovatives Verkaufskonzept: billige Produkte und zugleich volle Transparenz der Produktkette. Damit halten die jungen Männer auch nicht hinterm Berg. Schokolade? Ja klar, aber nur mit Kinderarbeit!

    Und? Habt ihr vor Entsetzen nur noch mit dem Kopf schütteln können? Unglaublich, oder? Aber zugleich gibt dieses Video Hoffnung. Denn nicht alle Menschen kaufen diese Produkte. Die billigen Preise kommen nicht gegen ihr Bewusstsein an. Und das gibt mir Hoffnung und das sollte euch auch Hoffnung geben. Wir müssen weitermachen, denn wir sind auf einem guten Weg! Ihr alle hier, jeder einzelne von euch, beweist Tag für Tag, dass die Jugend dem Umweltschutz eben doch die nötige Aufmerksamkeit schenkt. Und das ist klasse so! :o)

    Keiner von uns kann perfekt sein. Wenn ihr früh gern eine Tasse Kaffee trinkt, dann bleibt dabei. Aber achtet auf fair gehandelten Kaffee. Und wenn ihr unbedingt mit dem Auto zum Einkaufen fahren müsst, dann erledigt doch gleich noch ein paar mehr Dinge in der Stadt! Jeder von uns kann seinen Beitrag leisten.

    Umweltbewusst? Ja, bitte! So  leben? Kein Problem! ;o)

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    Quellen:
    TAZ.de, Umweltbewusstseinsstudie 2012, Block, Thomas, Aber so  leben? Nein danke!, aufgerufen am 23.01.2013.
    Diekmann, Andreas, Umweltsoziologie, Opladen, Westdt. Verlag, 1996.
    Titelbild © Budi Suryansyah/ WWF Indonesien
     

Kommentare

28 Kommentare
  • Pizzashop24 gefällt das
  • Puma
    Puma @ilovecats:ich mag deinen Link,aber jetzt will ich diese Schoki unbedingt haben.und das is nich so gut... :) xD
    und den artikel von peets link find ich gut.mal sehen,wie lange sie durchhält.wir lesen die zeit,also kann ich ja mal gucken. :)
    3. Februar 2013
  • RonjaJanina
    RonjaJanina Danke für diesen Bericht!
    13. Februar 2013
  • Ms.Smarty
    Ms.Smarty Das ist krass. Die Leute hören, dass die Schokolade für 0,39? aus Kinderarbeit ist und kaufen das trotzdem. Aber allerdings sind ja auch nicht alle dafür, das zu kaufen.
    Aber z.B. Rittersport Schokolade kostet im Laden 85 Cent und die Biosc...  mehr
    9. März 2013
  • Pizzashop24
    Pizzashop24 Also ich muss mal hinzufügen: ja es stimmt wir sollten alle bewusster handeln und uns für die “bessere“ Variante entscheiden sooft es geht. Aber man darf dabei nie sich selbst vergessen! Manchmal ist es wichtiger einfach das zu mache...  mehr
    12. Oktober 2015