Berichte

Das Wattenmeer - Ein Interview

  • Rainer Borcherding arbeitet bei der Schutzstation Wattenmeer in Husum als "Naturschutzpädagoge" und das schon seit 1995. Dort leitet er Seminare, plant und baut Ausstellungen, entwickelt Veranstaltungskonzepte und -material und verwaltet biologisches Material. Doch seine Begeisterung für das Wattenmeer zeigte sich schon, während er 1986 als Zivildienstleistender bei der Wattenmeer Schutzstation in Hörnum auf Sylt arbeitete. Danach studierte er Biologie in Göttingen und engagierte sich weiterhin für den Meeresschutz, bis heute.

    Ich lernte Rainer während des WWF Jugend Redaktionstreffens in Husum kennen. Fast ein Jahr später habe ich nun die Gelegenheit gehabt, ihn über das Wattenmeer zu interviewen.

    Sarah: Mit 16 Jahren hattest du deine erste Begegnung mit dem Watt auf der Hallig Langeneß. Was war damals dein erster Eindruck vom Wattenmeer? Was hat dich fasziniert?

    Rainer: Ich war damals vor allem begeisterter Käfersammler und habe mich dem Wattenmeer auf allen Vieren angenähert, indem ich in den Salzwiesen nach Käfern gesucht habe. Mein Herz verloren habe ich an den Halligfliederspitzmausrüsselkäfer, den ich tagelang suchen musste, ehe endlich einer klein und lila glänzend auf einem Blatt saß. Mit dem eigentlichen Wattenmeer und den Tieren dort wurde ich erst später als Zivi vertraut, als ich dort täglich unterwegs war.

    Sarah: Was macht deiner Meinung nach das Wattenmeer so einzigartig und warum muss es unbedingt geschützt werden?

    Rainer: Das Besondere hier sind die Vögel. Nirgendwo in Europa gibt es so viele Zugvögel aus der Arktis, die Energie für die Mauser und den Weiterzug tanken. All die Muscheln, Würmer und Krebse im Watt sind ein prima Vogelfutter, das bei Ebbe leicht zu finden ist und das auch schnell nachwächst. Wir haben die Verantwortung, dass das so bleibt. Sonst verschwinden von Tausenden von Quadratkilometern arktischer Tundra die Vögel, weil ihnen die Kräfte für den langen Zugweg fehlen.

    Sarah: Steht die lokale Bevölkerung denn hinter dem Schutz des Wattenmeeres?

    Rainer: Im Prinzip ja, da hat sich viel gebessert. Im Einzelfall gibt es aber immer wieder Probleme, wenn Kitesurfer, Hundehalter oder Fischer meinen, dass ausgerechnet für sie die Schutzbestimmungen nicht gelten.

    Sarah: Was für andere Komplikationen gab bzw. gibt es beim Schutz des Wattenmeeres?

    Rainer: Neben einzelnen Wassersportlern und Spaziergängern sind es vor allem Fischerei, Ölbohrinsel und Meeresspiegelanstieg, die uns Sorgen machen. Die Fischerei hat den Meeresboden und seine Tierwelt stark verarmen lassen, die Ölbohrinsel im Nationalpark ist einfach nur peinlich, und was vom Watt übrig bleibt, wenn das Meer weiter ansteigt, ist die große Frage.

    Sarah: Und was kann man noch an den Schutzmaßnahmen für das Wattenmeer verbessern? Was muss unbedingt noch verbessert werden?

    Rainer: Wir brauchen große fischereifreie Zonen im Wattenmeer, damit die Natur sich erholen kann und weil das gesetzlich eigentlich längst vorgeschrieben ist. Meinetwegen sollen die Fischer dafür gerne Entschädigungen erhalten. Außerdem muss geplant werden, wo und wie man der Natur Flächen zurück gibt, damit das Watt sich dem Meeresspiegelanstieg anpassen kann.

    Sarah: Hat sich das Wattenmeer denn in den letzten Jahren merklich verändert? Machen sich schon eventuelle Folgen des Klimawandels bemerkbar?

    Rainer: Oh ja! Viele exotische Arten sind mit Zuchtaustern und Schiffen eingeschleppt worden und haben sich teils dramatisch im Wattenmeer ausgebreitet. Als ich kürzlich mal zu der Muschelbank kam, wo ich als Zivi täglich Wattführungen gemacht habe, habe ich nichts wieder erkannt: Da waren Pazifikaustern, Amerikanische Pantoffelschnecken und Japanischer Beerentang anstelle von Miesmuscheln und Blasentang. Alles wärmeliebend und eingeschleppt.

                                        Die WWF Jugend Redaktion auf Wattwanderung

    Sarah: Wie siehst du das Wattenmeer in 50 Jahren?

    Rainer: Es wird wohl artenreicher als heute sein, weil mit Erwärmung und Globalisierung immer mehr Arten zuwandern werden. Vielleicht hat auch der Naturschutz Erfolge, und wir bekommen Rochen, Seepferdchen und Stör zurück. Den empfindlichen Vogelarten und den Langstreckenziehern aus der Arktis wird es deutlich schlechter gehen, weil die Arktis und die Überwinterungsgebiete sich vermutlich sehr negativ verändern werden. Falls allerdings der Golfstrom ausfällt, wird es sowohl vogel- als auch artenärmer.

    Sarah: Gibt es noch irgendetwas Wichtiges was du uns Jugendlichen mit auf den Weg geben möchtest?

    Rainer: Geht raus und guckt euch die Natur an. Fangt bei dem an, was ihr kennt - den Vögeln im Garten oder den Blumen am Waldrand - und lasst Euch überraschen, was ihr entdeckt, wenn ihr erst mal ein Auge dafür habt. Toll ist als Ergänzung www.naturgucker.de, da kann man alle Beobachtungen gleich melden und vergleichen. Wenn man Seltenheiten findet, kann der Naturschutz sie berücksichtigen. Das ist etwas, wo jede und jeder mitmachen kann.

    Sarah: Vielen Dank für das Interview, Rainer!

    Das Wattenmeer ist ein wichtiger Lebensraum und Brutplatz für viele Vögel. Oekojule hat in einer Berichtreihe die bekanntesten Vögel des Wattenmeers auf kreative Weise vorgestellt. Lest selbst!


    Bild 1 & 2: Copyright Rainer Borcherding

    Bild 3: Copyright Hans-Ulrich Rösner

Kommentare

2 Kommentare
  • JohannesB
    JohannesB Schönes Interview zu einem wichtigen Lebensraum - Danke, Sarah! :)
    14. Januar 2013
  • Rhino
    Rhino Ist echt schön geworden! Gerade die Prognosen finde ich ebenso interessant wie ernüchternd, hoffen wir mal, dass das man dem Problem der invasiven Spezies in Zukunft stärker entgegenwirken wird :o
    15. Januar 2013