Berichte

Deine Jeans hat mehr von der Welt gesehen als Du! - Ein Stadtrundgang

  • Unsere Köpfe drehen sich nach rechts, nach links, dann drehen wir uns um die eigene Achse. Wo ist der pinke Einkaufswagen? Pinke Hosen, pinke Jacken, pinke Taschen aber weit und breit kein pinker Einkauswagen. Trotzdem versichert uns Marcel, dass wir auf dem richtigen Platz ständen. Also hilft nur warten und weiterhin die Augen offen halten. Denn der pinke Einkaufswagen soll uns zur Stadtführung über nachhaltigen Konsum und Globalisierung, organisiert von Umundu, führen. Schließlich entdecken wir eine Menschentraube, die einen pinken Einkaufswagen umringt und schließen uns an...

    Das ist nun genau drei Wochen her. Vor drei Wochen stand die WWF-Jugend Redaktion frierend in der Innenstadt Dresdens. Die Stadtführung stellte den Auftakt unseres WWF-Jugend Redaktionstreffen dar und in der bibbernden Kälte erfuhren wir so manche interessante Fakten über unseren Konsum. Deswegen sollt auch ihr an unserer Stadtführung teilhaben können.

    Erster Stopp der Stadtführung ist eine Vodafone-Filiale, stellvertretend für alle Läden mit IT-Geräten. Da uns beim Stehen beißend kalt wird, spielen wir zum Bewegen ein Ratespiel, ähnlich wie “1,2 oder 3 – letzte Chance vorbei!”. Dabei erfahren wir, dass 2010 weltweit über 1 Milliarde Handys verkauft wurden. Das ist eine Menge, aber nicht verwunderlich, wenn die durchschnittliche Nutzungsdauer eines Handys in Deutschland gerade einmal 18-24 Monate beträgt. Danach landet das Handy meistens in irgendeiner Schublade. Wer weiß, ob man es nicht doch nochmal braucht? Schätzungsweise liegen 60 Millionen ungenutzte Althandys in deutschen Haushalten herum. Widerwillig muss ich mir eingestehen, dass auch mein kaputtes, altes Handy in irgendeiner Kiste vergraben ist. Richtig wäre es, dass Handy fachgerecht zu entsorgen, denn 80% eines Handys sind wiederverwertbar. Doch leider werden nur 3% aller Handys wirklich fachgerecht recyclet.


                               Helen bei einem der intaktiven Spiele während der Stadtführung

    Ich nehme mein Handy in die Hand. Unsere Stadtführerin Marie erwähnt gerade, dass in jedem Handy ungefähr 20 verschiedene Metalle enthalten sind. Klar, 1,6 Gramm Kupfer und 0,034 Gramm Gold ist nicht viel, doch bei einem Verkauf von über eine Milliarde Handys jährlich läppert sich das. Und auch schon beim Abbau von 0,034 Gramm Gold entstehen mindestens 100 Kilo Schutt und Sondermüll. Der Abbau der Metalle erfolgt meist in ärmeren Ländern der Welt. In der demokratischen Republik Kongo wird zum Beispiel Kobalt (Bestandteil des Handyakkus) und Kupfer abgebaut. Die Menschen dort arbeiten unter menschenunwürdigen und gesundheitsschädlichen Bedingungen. Mehr dazu findet ihr hier.

                                                        Mein Handy - eine Leidensgeschichte?

    Mein Blick fällt wieder auf mein Handy. Es kann bestimmt viele Leidensgeschichten erzählen. Aber was kann man machen, um etwas zu verbessern? Da fällt unser Stadtfürhungsgruppe direkt einiges ein. Man solle sein Handy solange wie möglich nutzen und sich fragen, ob man denn wirklich ein neues Handy mit noch besseren Features brauche oder ob das alte nicht doch reiche, sagt eine Frau. Und wenn das Handy wirklich nichts mehr taugt, solle man es fachgerecht entsorgen, höre ich eine andere Stimme sagen. Beim Kauf eines neuen Handys sollte man zudem darauf achten, unter welchen sozialen und/ ökologischen Bedingungen das begehrte Handy produziert wurde. Dies erfährt man am besten, wenn man im Internet sucht, in einem Handyladen direkt fragt oder sich beim Herrsteller informiert.

    Eine halbe Stunde später finde ich mich mit einem Schild “Endverarbeitung” in der Hand vor einem Bekleidungsladen wieder. Anhand eines menschlichen Zeitstrahls versuchen wir interaktiv die Produktionskette einer Jeans beispielhaft nachzuvollziehen. Eine Jeans hat definitv mehr von der Welt gesehen als ich. Vom Baumwollanbau, dem Spinnen des Garns, dem Weben und Einfärben des Stoffes, dem Nähen der Jeans bis hin zu unseren Bekleidungsläden und weiter als Second-Hand-Ware nach Afrika sind ungefähr zehn Länder an der Produktionskette einer Jeans beteiligt. Wusstet ihr, dass für den Anbau der Baumwollmenge einer Jeans 40.000 Liter Wasser benötigt werden? 75% des Baumwollanbaus erfolgt mittels Bewässerung, was den Grundwasserspiegel der betreffenden Region senkt. Außerdem werden 20% der weltweit eingesetzten Pestizide in der Baumwolproduktion versprüht. Der Bioanteil, der 20 Millionen Tonnen angebauter Baumwolle in 2010, betrug nur 0.8%.

                   40.000 Liter Wasser für den Baumwollanbau einer Jeans? Unglaublich!

    Mein Kopf platzt fast vor Informationen: so viele Zahlen und Fakten auf einmal sind schwer zu verarbeiten. Noch eine letzte trauriger Fakt brennt sich in mein Gedächtnis: über 300 Baumwollbauern begingen zwischen 1994-2004 im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh Selbstmord, weil sie von ihrer Ernte nicht mehr leben konnten.

    Es fehlt noch der lezte große Sektor des Konsums: die Nahrung. Da es aber in den Straßen Dresdens immer kälter wird, fällt dieses Thema der Stadtführung relativ kurz aus. Marie zeigt verschiedene Gütesigel für Ernährung, doch meine Gedanken driften ab. Wir stehen direkt vor einem gemütlichen Öko-Café und ich male mir schon aus wie wir in die Wärme des Cafés gehüllt eine heiße Schokolade trinken...

    Wir alle haben während der Stadtfürhung gemerkt, wie sehr wir unser Konsumverhalten noch ändern müssen, damit wir von nachhaltigem, fairem Konsum sprechen können und wie sehr sich auch das Angebot ändern muss. Es gibt noch viele Marktlücken besonders in der IT-Branche. Die Idee einer Stadtführung mit dem Schwerpunkt nachhaltiger Konsum finden wir eine klasse Idee! So kann man Leute auf den globalisierten Konsum heutzutage aufmerksam machen. In fast 50 Städten Deutschlands werden schon sogenannte "Weltbewusste Stadtrundgänge" angeboten. Schaut hier nach, ob eure Stadt dabei ist!

    Weitere Infos:

    - Hier geht es zu einer Kampagne, die sich für faire und grüne Elektronikgeräte einsetzt.

    - Hier geht es zu einem Vergleich der verschiedenen Bio-Siegel

    - Falls ihr noch weitere Fragen habt oder Infos haben möchtet, könnt ihr euch direkt an mich wenden ;)

     

     

     

Kommentare

7 Kommentare
  • Sarah25
    Sarah25 @Zerschmetterling: Du machst, dass genau richtig mit deinem Handy, wenn alle so handeln würden wie du, dann würd die Handy-Industrie ja gar nichts mehr verdienen :D, aber für die Umwelt wär es garantiert besser. Ich hab mein erstes Han...  mehr
    17. November 2012
  • Zerschmetterling
    Zerschmetterling @Sarah25: Vielen Dank :)
    17. November 2012
  • FabianN
    FabianN Toller Bericht ;)
    Die Aktion war wirklich klasse!
    17. November 2012
  • Cosima
    Cosima Ein richtig guter Bericht !
    Ich habe auch schon etwas von solchen Stadtführungen gehört.
    Das ist mal eine tolle Idee und es hört sich echt spannend aber natürlich auch schockierend an. Ich glaube aber das so eine Stadtführung wir...  mehr
    18. November 2012