Berichte

Der Mensch im Gegensatz zum Tier ein Mängelwesen?

  • Wie besessen sitzen die Wissenschaftler tagtäglich an ihren Tischen und schreiben ihre Forschungsergebnisse nieder, werten Versuche und Beobachtungen aus oder führen selber Versuche aus… Anderswo sitzen Philosophen stundenlang Gedanken versunken dar und versuchen Antworten  zu finden. Beide suchen sie - nur auf unterschiedliche Weise- nach des Rätsels Lösung auf eine einzige Frage. Was macht den Menschen zum Menschen?

    Immer wieder verspüren wir Menschen augenscheinlich das Bedürfnis uns mit den Tieren zu vergleichen. Vor allem nachdem was uns von ihnen unterscheidet. Ganze Horden von Wissenschaftlern beschäftigen sich nur mit Anthropologie – die Lehre des Menschen. Auch die philosophische Anthropologie ist ein weitverbreitetes Thema. Sieht man sich jedoch die festgehaltenen Unterscheide zwischen Mensch und Tier an, fällt einem ins Auge, dass es sich dabei nur um die positiven Eigenschaften handelt – also in welchem Sinne wir den Tieren überlegen sind. Solche Textpassagen wie die folgende sind keine Seltenheit. […] hinsichtlich der Komplexität sei sich die menschliche Entwicklung stark von der tierischen zu unterscheiden. Dabei solle die Weitergabe von Wissen eine große Rolle spielen. Zwar würden auch bei Menschenaffen Fähigkeiten durch Lernen weitergegeben. Fundamentale Unterschiede solle es jedoch in der Art und Weise geben, wie dieser Wissenstransfer geschehe. […]Demnach besäßen nur Menschen eine "Wir-Intentionalität", lautet der letzte Satz des Artikels.

    Doch es gibt auch Philosophen die einen anderen Standpunkt vertreten und aus einem anderen Blickwinkel auf die ganze Sache schauen. Einer von ihnen ist Arnold Gehlen, bekannt für sein Werk „Anthropologische Forschung“. Jedoch ist in diesem Fall nicht die Person* von Interesse, sondern seine Ansicht und sein Werk. Es erschien 1971 unter dem Titel  „Anthropologische Forschung“. Gehlen beschreibt  in diesem den Menschen im Gegensatz zu vielen anderen als Mängelwesen. Der Mensch sei im Gegensatz zu allen höheren Säugern hauptsächlich durch Mängel bestimmt, die im biologischen Sinne jeweils als Unangepasstheit und Unspezialisiertheit zu bezeichnen seinen. Ein Blick auf den Menschen genügt um gleich mehrere Beispiele dafür zu finden: Wir besitzen kein Haarkleid, also keinen natürlichen Witterungsschutz, keine natürliche Angriffsorgane und keine zur Flucht geeignete Körperbildung. Auch sind wir den meisten Tieren an der Schärfe der Sinne weit unterlegen und scheinen auch nicht genug echte Instinkte zu haben, was in der Natur lebensbedrohlich ist. Mal ganz davon abgesehen, dass wir als Säuglinge und Kinder unvergleichlich lange schutzbedürftig sind. Das Urteil von Gehlen ist eindeutig und hart: „Innerhalb natürlicher, urwüchsiger Bedingungen würde er [der Mensch] als bodenlebend inmitten der gewandtesten Fluchttiere und der gefährlichsten Raubtiere schon längst ausgerottet sein.“ Das Einzige was uns wortwörtlich die Haut rettet, sei unsere Arbeitsfähigkeit und Handlungsgabe. Andersformuliert unsere Intelligenz und unsere Hände. Im Gegensatz zum Tier sind wir an keinen bestimmten spezifischen Lebensraum angepasst. Wir leben nicht wie ein Eichhörnchen hauptsächlich auf Bäumen, noch wie der Maulwurf unter der Erdoberfläche. Sie hingegen sind an ihren Lebensraum angepasst und das Eichhörnchen beschließt auch nicht mal kurz ab morgen bei dem Maulwurf unter der Erde zu wohnen. Der Mensch ist in dieser Hinsicht nirgendswo direkt einzuordnen. Natürlich leben wir eigentlich auf der Erdoberfläche, aber das über die ganze Erde verteilt. Nicht zu vergessen, dass Tiere auch nicht unter so vielen „Irrtümern“ leiden wie Menschen. Während wir von einer permanenten gänzlich untierischen Reizüberflutung aufgrund unserer extremen Reiz- und Eindrucksoffenheit belastet seien, ist sei dies bei den Tieren geradezu „vorprogrammiert“. Ein Adler würde zum Beispiel nicht über einen See fliegen, nach Fischen aushalten und dabei denken „Ach wie schön das Wasser heute wieder glitzert und welche schöne Wolken es sind, die sich da im Wasser spiegeln…“ (zum mindestens vermutlich nicht ;)). Um die Reizeinflüsse gewichten zu können schaltet der Mensch „auf Autopilot“. Man könnte ihn auch in diesem Fall als Gewohnheitstier bezeichnen.

    Dem Menschen bliebe letztendlich nur noch eine Möglichkeit um zu überleben.  Er müsse für Witterungsschutz sorgen, seine abnorm lange unentwickelten Kinder ernähren und großziehen und bedürfe schon aus dieser elementaren Nötigung heraus der Zusammenarbeit mit anderen, also der Verständigung. Der Mensch sei, um existenzfähig zu sein, auf die Gestaltung und Bewältigung der Natur hinkonstruiert. Gehlen bezeichnet die vom Menschen ins Lebensdienliche umgearbeitete Natur als „Kultur“. An genau jener Stelle wo beim Tier die „Umwelt“ steht, steht beim Menschen die Kulturwelt: jener Ausschnitt einer von ihm bewältigten und gestalteten Natur. Ein Leben in der unveränderten Natur wäre unmöglich…

    Wie seht ihr das? Könnt ihr dieser Sichtweise zu stimmen oder findet ihr sie so vollkommen absurd? Eure Meinung interessiert mich :)

     

     *Arnold Gehlen (1904-1976) ist einer der wichtigsten Hauptvertreter der modernen philosophisch orientierten Anthropologie, wobei er bei seinen Arbeiten Wissenschaften aller Art zu berücksichtigen suchte, die sich mit dem Menschen und seinen Werken befassen. Also die Psychologie, Soziologie, Archäologie usw. Gestorben ist er am 30. Januar 1976 in Hamburg.

     

    Quellen: A. Gehlen, Anthropologische Forschung, Reinbek 1971 - Titelbild: wikimedia commons

Kommentare

2 Kommentare
  • Franzi
    Franzi Danke für den tollen Artikel! So habe ich es tatsächlich noch nie betrachtet...
    Ich würde auch sagen dass der Mensch unter den genannten Aspekten ein "Mängelwesen" ist, da er - wie du schon gesagt hast - ausgesetzt in der Nat...  mehr
    16. November 2012
  • Sarah25
    Sarah25 Danke für diese mal etwas andere Sichtweise. Ich sehe das ähnlich wie Franzi. Den Tieren überlegen sind wir nicht, denn wie Paul Watson mal geäußert hatte: "Würmer sind für die Umwelt wichtiger als Menschen." ...  mehr
    17. November 2012