Berichte

Huhu Uhu!

  • Es ist sechs Uhr morgens. Ich bin spät dran. In einer viertel Stunde fährt mein Bus. Gerade nicht genug Zeit, um gemütlich zu laufen. Ich hetze den schmalen Weg neben unserem Haus entlang und durch den Vorgarten. Ein kurzer Blick nach links und rechts und ich laufe über die Straße. Ich bin kaum zur Hälfte hinüber, da höre ich es: „Uuuhu.“

    Ich zucke zusammen, erstarre kurz und laufe langsamer weiter. Vor mir, genau gegenüber von unserem Haus, ist der Eingang zum Kurpark. „Uuuhu.“ Ich bleibe stehen und versuche, die Dunkelheit mit meinen Blicken aufzuweichen, aber sie bleibt standhaft. Welcher Idiot läuft um diese Uhrzeit durch den Kurpark und gibt dabei so komische Geräusche von sich?, ist mein erster Gedanke. Ich kann nichts erkennen. Die dunkle Nacht und die schwarzen Silhouetten der riesigen, alten Bäume verstecken alles Lebendige, was sich im Park befinden mag. Ein Schauer krabbelt meinen Rücken hinunter.

    Da fällt mir auch die Zeit wieder ein, ich laufe schnell nach rechts weiter, außen am Kurparkzaun entlang, wie jeden Morgen. Das leise Rauschen der letzten Herbstblätter, das ich normalerweise so gerne höre, erscheint mir heute ein wenig unheimlich. „Uhu“, ertönt es da wieder aus dem Kurpark. Jetzt höre ich das Geräusch in regelmäßigen Abständen, so unpassend und gleichzeitig natürlich in der Stille des nächtlichen Morgens. Spätestens jetzt bin ich mir sicher: Das ist kein Mensch. Niemand wäre fähig, diese Töne zu erschaffen, so deutlich und doch nicht laut, so durchdringend und doch sanft. Wenn es kein Mensch ist, was ist es dann?

    Noch nie zuvor habe ich dieses Geräusch gehört, ich kann es nicht zuordnen. Doch unter den Ästen der Parkbäume mit den leise knirschenden und knisternden Herbstblättern unter meinen Schuhen kommt mir sofort eines in den Sinn: Eine Eule, genauer ein Uhu! Hat der große Vogel nicht gerade durch diesen Ruf seinen Namen erhalten? Welchem anderen Tier könnte man dieses Geräusch zuordnen? Mir fällt keins ein.

    Sofort tauchen Erinnerungen in meinen Gedanken auf: Ich liege unter der Bettdecke in meinem Zimmer. Es ist dunkel und ich bin mir deutlich bewusst, dass das Balkonfenster vor dem geschlossenen Rollladen gekippt ist. Das unheimliche Rufen des Käuzchens dringt durch den Spalt, erobert mein Zimmer und legt sich wie ein kaltes Tuch auf mein Gemüt. Ein Käuzchen, eine kleine, süße Eule, ich weiß es genau. Dennoch gruselt mich das Geräusch, das dem Rufen einer Taube manchmal ein wenig ähnlich ist, bis in die letzten fantasievollen Tiefen meines kindlichen Geistes. Dort erscheinen Gespenster und Ungeheuer, die aus den Schatten der Nacht hervorkriechen und dabei dieses unheimliche Heulen ausstoßen. Irgendwann halte ich es nicht mehr aus, springe aus dem Bett, renne aus meinem Zimmer und verkrieche mich bei meinen Eltern. „Das ist doch nur ein Käuzchen“, meinen sie. Das weiß ich natürlich ganz genau, trotzdem kann ich einfach nicht verhindern, dass sich Gänsehaut auf meinen Armen bildet und die Fantasie mir seltsame Dinge vorgaukelt.

    Heute, Jahre später, muss ich schmunzeln. Irgendwann hörten die abendlichen Käuzchenbesuche auf. Die schönen, unheimlichen Vögel kamen immer seltener zu uns zurück. Jetzt, wo Halloween und Geistergeschichten langsam ihre Gefährlichkeit verloren haben, sehne ich mich manchmal nach diesen Geräusch, nach dem kleinen bisschen Wildheit und Natur direkt vor meinem Fenster.

    „Uh … uh“, macht das Tier im Kurpark inzwischen nur noch. Ein bisschen erinnert mich der Ruf an ein Hundebellen. Die Aufregung hält mich jetzt gepackt. Ist es wirklich ein Uhu? Ob ja oder nein, es ist auf jeden Fall nicht allein. Vor mir, am Ende des Kurparks, höre ich eine Antwort, ein weiteres „Uuuhu.“ Aber kann es wirklich ein richtiger, großer Uhu sein, wenn doch selbst die kleinen Käuzchen nicht mehr hierher kommen? Eher unwahrscheinlich, denke ich mir. Trotzdem erlaube ich mir zu träumen, von aufmerksamen, runden Augen und einem braunen Federmantel, der die Nacht mit kräftigen Schlägen umschließt.

    Während ich dem Ende des Kurparks näher komme, höre ich die antwortende Eule noch zwei Mal. Die andere ruft immer noch im selben, regelmäßigen Abstand. Während ich um die Ecke laufe, noch ein paar kurze Schritte am Zaun entlang, lasse ich meinen Blick noch ein letztes Mal über die dunklen Baumkronen schweifen. Nichts zu entdecken. Natürlich. Ich biege nach rechts ab und laufe schräg vom Kurpark weg Richtung Altstadt.

    Aber ich komme nur ein paar Schritte weit. Dann ertönt direkt hinter mir das Heulen in den Wipfeln der Bäume. „Uuuhu.“ Sofort bleib ich stehen, springe wieder herum und schaue aufgeregt in die Richtung, wo sich das Tier verstecken muss. Natürlich sehe ich immer noch nichts. Die Äste sind zu dicht, ein großer Nadelbaum versteckt alles vor meiner Sicht. Ich bin zu spät, denke ich wieder. Die Ausrede, ich hab eine Eule gesucht, wird mir in der Schule wohl keiner abnehmen, wenn ich den Bus verpasse und zu spät komme. Trotzdem bleibe ich stehen für einen letzten, langen Blick in die Nacht. Dann, ich bin gerade in Begriff mich umzudrehen und weiter zu laufen, da ruft das Tier am anderen Ende des Kurparks noch einmal und vor mir schwingt sich ein riesiger, schwarzer Schatten vom Baum, stürzt sich in die Nacht und verschwindet mit kräftigen Flügelschlägen im Dunkeln.

    Erst als er schon lange wieder weg ist, bemerke ich, dass ich aufgehört habe zu atmen. Ich kann kaum glauben, was ich gesehen habe. Begeistert und euphorisch laufe ich wieder weiter, meine Gedanken erfüllt von einer großen Eule, die auf majestätischen Schwingen zwischen den Wipfeln der Bäume davonfliegt. Noch als ich in letzter Sekunde in den Bus springe, hält mich die Mystik des Moments gefangen. Die Natur ist eben doch noch da. Bei den Baumriesen vor meinem Fenster.

    Mit einer Körpergröße von ungefähr 70 Zentimeter und einer Flügelspannweite von bis zu 180 Zentimetern ist der Uhu die größte europäische Eule. Er war in Deutschland fast ausgestorben, bis sich sein Bestand durch Artenschutzprogramme wieder erholen konnte. Heute findet man den Uhu wieder in ganz Deutschland. Allerdings ist seine Population aus ungeklärten Gründen an manchen Orten rückläufig und der Uhu gilt auch heute noch als besonders schutzbedürftig. Nach einer Mail an die örtliche NABU-Gruppe habe ich herausgefunden, dass in meiner Gegend in den letzten Jahren vereinzelt Uhu-Bruten stattfanden. Dass es sich bei den Vögeln im Kurpark um Uhus gehandelt haben muss, ist für mich inzwischen ziemlich sicher. Ich freue mich wahnsinnig, dass ich so einem wundervollen, wilden Tier begegnen durfte!

     


    Bild: By Brocken Inaglory via Wikimedia Commons http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Eurasian_Eagle_Owl_in_fligt.jpg
    Uhu Infos: http://www.nabu.de/aktionenundprojekte/vogeldesjahres/2005-deruhu/

Kommentare

6 Kommentare
  • Annikally20
    Annikally20 oah voll schön - in den herbstferien war ich in einem hotel und in dem baum vor dem hotel saß jeden tag an der gleichen stelle ein waldkauz - total schön sowas so nah und real zu erleben :)
    7. November 2012
  • Carina
    Carina Oh wie schön! In Kanada hatte ich auch das Glück Eulen in freier Wildbahn sehen und hören zu können. Meiner Meinung nach gibt es kaum ein schöneres Geräusch als der Ruf einer Eule, eines Uhus oder eines Käuzchens (Mensch...  mehr
    7. November 2012
  • Christina1107
    Christina1107 Wow, tolle Geschichte und super geschrieben und ausgebaut.. Toll, danke.. :)
    7. November 2012
  • Chloris
    Chloris Ich habe zwar schon oft Uhus gehört, aber noch nie gesehen... Ich find es ist immer wieder Whnsinn wie verzauberend, märchenhaft und mysitsch die Natur sein kann :) Vorallem im Morgengrauen oder der Dämmerung :)
    Toller Artikel !! *Daumen hoch*
    24. November 2012