Berichte

Ergebnisse: Sperma und Untreue im Reich der Singvögel

  • Liebe Community, vor einiger Zeit hatte ich einen Vorbericht zum Thema meiner Bachelorarbeit geschrieben. Mein Vorhaben war, die Spermien verschiedener Blaumeisen-Populationen miteinander zu vergleichen, um herauszufinden ob potentielle Unterschiede in der Spermienlänge ein Resultat von hohem Selektionsdruck sein könnten. Im Klartext heißt das: Ist die Morphologie, also die Form der Spermien, abhängig von irgendwelchen Faktoren, wie der Fremdgehrate der Weibchen, oder dem Habitat in dem die Blaumeisen leben?
    Den gesamten Vorbericht und den genauen Hintergrund findet ihr hier.

    Nachdem ich also Spermienproben der insgesamt fünf Populationen beisammen hatten, wurden sie auf Objektträger pipettiert und dort unter einem Mikroskop fotografiert. Von jedem Tier vermaß ich durchschnittlich 18,3 Spermatozoen, also Spermazellen. Insgesamt habe ich 1701 Spermien vermessen.

    Allerdings stellte sich mir noch ein kleines Hindernis in den Weg, eine Entdeckung die den Längenvergleich der Spermien erheblich erschweren sollte. Eine der Populationen (Elbergen) wurde während der Eilege- und während der Fütterungsphase beprobt. Als wir beide Sätze miteinander verglichen, stellten wir fest, dass die Spermien gegen Ende der Brutperiode ca. 2 µm kleiner waren als zu Beginn. Da meine Spermienproben der fünf Populationen aber nun alle aus unterschiedlichen Brutperioden stammten, konnte ich sie nun nicht mehr miteinander vergleichen, da Unterschiede sowohl auf Unterschiede im Brutzyklus, als auch auf einen populationsbedingten Unterschied hätten zurückgeführt werden können.

     

    Drei der fünf Populationen wurden lediglich während nur eines knappen Zeitraumes bemessen, sodass alle Spermien einem bestimmten Punkt in der Brutperiode zugewiesen werden konnten. Die Elbergener Population spaltete ich auf, in L (Legephase) und F (Fütterungsphase). So hatte ich am Ende insgesamt sechs „Populationen“, die ich miteinander vergleichen konnte.

    Leider ist uns nicht bekannt, zu welchem Zeitpunkt die Oslo-Population beprobt wurde, oder ob es sogar mehrere Zeitpunkte waren.

    Am Ende konnten wir jedenfalls feststellen, dass es scheinbar mindestens einen tatsächlichen Populationsunterschied gab, nämlich zwischen Prag und Elbergen. Wir schlussfolgerten dies, da sich die Prager Population, die während der Fütterungsphase beprobt wurde, nicht nur von der Elbergener Lege-Population unterschied, sondern auch von der Elbergener Fütterungs-Population.

    Der Unterschied zwischen den langen und kurzen Spermien der Elbergen-Population fand sich übrigens im Mittelstück der Spermien, welches Mitochondrien beinhaltet. Das Mittelstück ist also so etwas wie der Motor eines Spermiums. Warum die Mittelstücke zum Ende der Brutsaison kürzer werden, ist noch nicht klar. Es könnte zum Beispiel sein, dass weniger Energie in die Spermienproduktion gegeben wird, weil die Väter ihre Jungen füttern müssen. Eine andere Erklärung ist diese: Bei Kohl- und Tannenmeisen wurde gefunden, dass kürzere Spermien schneller sind. Bei Blaumeisen kann es manchmal zu Zweitbruten kommen, also einer zweiten Eiablage, nachdem die ersten Küken ausgeflogen sind. Um hier konkurrenzstark zu bleiben und bei seinem Weibchen erfolgreicher zu sein, als fremdgehende Artgenossen, könnte es auch sein, dass die Spermien absichtlich „gekürzt“ werden, um eine Chance bei der Befruchtung der Eizellen zu haben, um die die Spermien mehrerer Männchen konkurrieren. Der Grund kann aber auch ein ganz Anderer sein.

    Die wichtigste Erkenntnis meiner Arbeit war jedoch, dass die Zeitpunkte der Spermienbeprobung nicht trivial sind. Um Spermien unterschiedlicher Populationen miteinander vergleichen zu können, müssen die Spermazellen zum relativ gleichen Zeitpunkt des Brutzyklusses entnommen werden, da es ansonsten zu Ungenauigkeiten kommen kann.

Kommentare

9 Kommentare
  • Janine
    Janine @Maura: Ich wollte gerne was mit Vögeln machen. Da mein Freund ein paar Ornithologie-Menschen kennt, weil er selber Jahre lang in dem Bereich gearbeitet hat, hat er mich an einen von ihnen vermittelt.
    16. Oktober 2012
  • NinaLuthien
    NinaLuthien @Janine: Sowohl als auch^^ So langsam steig ich auch durch und denk mir wieder: "Wow! Coole Sache, die sich die Natur da ausgedacht hat"
    Und die Blaumeisen... die mausern sich gerade zum Standart-Organismus für Selektionsdruck auf das Paaru...  mehr
    16. Oktober 2012
  • Janine
    Janine @Nina: Nee, zu Unterschieden in der Spermienlänge zwischen verschiedenen Populationen wurde bisher nichts publiziert, soweit ich weiß.

    Cramer et al. haben aber saisonale Varation in den Spermien des Zaunkönigs gefunden, dazu gibt es also...  mehr
    17. Oktober 2012
  • Janine
    Janine Wie schön, dass die Blaumeisen in der WWF Jugend ein paar Fans haben! Oder sind es die Spermien? ;o)
    17. Oktober 2012