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Flaminia: Der Skandal nach dem Unglück

  • Im Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven ist am 09. September das beschädigte Containerschiff "Flaminia" eingelaufen. An Bord hat es gefährliche Substanzen. Nach Angaben des deutschen Havariekommandos handelt es sich dabei um 151 Container mit diversen Industriechemikalien, darunter brennbaren Flüssigkeiten, hochgiftigen PCBs, Klebstoffen sowie pharmazeutische Grundstoffen. Knapp 100 dieser Container sind beschädigt oder ganz zerstört. Außerdem sind 2.500 Tonnen Schweröl und Diesel in den Treibstofftanks und 20.000 Tonnen Löschwasser. Diese müssen jetzt geborgen werden.

    WWF-Meeresschutzexperte Stephan Lutter erklärt, warum die Chemikalien nicht der eigentliche Skandal sind.

    WWF Jugend: Was ist eigentlich das Problem mit der MSC Flaminia – die Fracht?

    Stephan: Das Schiff ist von der Ladung her kein Sonderfall. Containerschiffe weltweit transportieren tagtäglich neben anderen Containern auch Gefahrgutcontainer. Doch aus einem bisher nicht geklärten Grund gab es am 14. Juli eine Explosion auf der MSC Flaminia. Das ganze fand in internationalen Gewässern statt, westlich der Azoren. Die Explosion war so heftig, dass die Besatzung von Bord gehen musste, ein Mensch starb, einer wird vermisst. Der Skandal begann erst danach.

    Wieso? Was ist denn passiert?

    Normalerweise müsste man ein havariertes Schiff in einen Nothafen schleppen, der für so einen Vorfall ausgerüstet sind. Dazu gibt es seit den schlimmen Tankerunfällen von "Erika" und "Prestige" sogar eine EU-Richtlinie. Aber bei der MSC Flaminia hat das nicht funktioniert. Keiner der nächstliegenden Hafenstaaten an der Atlantikküste fühlte sich verantwortlich, sodass letztlich der Flaggenstaat, in diesem Fall Deutschland, sich bereit erklärt hat, das Schiff in deutsche Gewässer zu schleppen und zu entsorgen.

    Ist doch gut, wenn es endlich entsorgt wird. Schließlich ist der 14. Juli ja auch schon ein paar Wochen her.

    Das ist aber das falsche Vorgehen, denn schließlich birgt das Schiff auch eine Umweltgefahr. Und die müsste beseitigt oder eben unter Kontrolle gebracht werden. Und dafür müssten eigentlich die nächst gelegenen Küstenstaaten gerade stehen.

    Welche Länder waren das denn?

    Der ursprüngliche Skandal ist, dass Portugal das Schiff nicht einlaufen ließ. Verletzte Seemänner wurden sofort in Krankenhäuser auf den Azoren geflogen, aber das Schiff wollte man nicht haben. In Frankreich haben Umweltverbände dann gefordert, das Schiff in Le Havre aufzunehmen. Das wurde von den Behörden abgelehnt, denn dort ist der Containerterminal mitten in einem Industriekomplex. Das ist ein Unding, denn ein Nothafen darf natürlich nicht in einem solchen Gebiet liegen. Und das Vereinigte Königreich hat auch abgelehnt – mit dem Hinweis, dass die Komplexität der Chemikalien an Bord so hoch sei, dass man die Risiken nicht kontrollieren kann.

    Deutschland ist diesen unkalkulierbaren Gefahren gewachsen?

    Deutschland hat für so was eine relativ gute Ausrüstung. Wir haben ein zentrales Havariekommando und wir haben zufällig auch einen Tiefwasserhafen. Denn das Containerschiff hat einen Tiefgang von 17 Metern – und damit passt es in den Jade-Weser-Port.

    Wie sicher ist die Bergung des Schiffes?

    Wenn man alles richtig handhabt und beim Abpumpen von Treibstoff und Löschwasser keine Fehler passieren, dann besteht keine Gefahr. Unsere Behörden sind da relativ gut ausgestattet. Der Rumpf des Schiffes ist noch intakt. Schon während der Fahrt haben Schlepper die letzten Brandherde gelöscht. Dazu kommen noch die 20.000 Tonnen Löschwasser an Bord. Die sind nach Angaben des deutschen Havariekommandos giftig und müssen als Sondermüll entsorgt werden.

    Das klingt ja beruhigend. Aber wie kann man verhindern, dass ein Frachter mit gefährlicher Ladung noch einmal wochenlang auf dem Meer herum dümpelt?

    Wir benötigen ein vernünftiges Nothafenkonzept. Wir fordern deswegen, dass die EU-Richtlinie konkreter formuliert wird und für alle Staaten bindend ist. In dieser Richtlinie kommen auch die Nothäfen vor. Bisher ist das Dokument so schwammig formuliert, dass jedes Land die Aufnahme eines Schiffes ablehnen kann. Darüber hinaus müssen echte Nothäfen geschaffen werden, die ein Schiff im Falle einer Havarie auch aufnehmen können. Wie man es bei Le Havre gerade gesehen hat, ist das noch nicht der Fall. Aber die Staaten scheuen natürlich wie immer die Kosten. Doch daran darf der Schutz der Meere und Menschen nicht scheitern.

    Fotos: Das beschädigte Containerschiff, die MSC Flaminia © Havariekommando; WWF-Meeresschutzexperte Stephan Lutter © Phillip Guelland / WWF

Kommentare

3 Kommentare
  • LSternus
    LSternus Davon hatte ich schon in den Nachrichten gehört. Was für eine Katastrophe!
    11. September 2012
  • Viveka
    Viveka Der Mensch braucht solche Frachtschiffe, aber dann muss man doch wenigstens bereit sein, alles für den Notfall vorbereitet zu haben und auch die Hilfe anzubieten!
    12. September 2012
  • MJ1499
    MJ1499 Interessanterweise brennt einer der Container immer noch...aber naja, wenigstens ist es jetzt im Hafen und der "gescheiterte" Jade-Weser-Port hat doch schon einen ersten, sehr wichtigen Auftrag erfüllt :)
    12. September 2012