Berichte

Von der Sinn- und Unsinnigkeit des Wassersparens

  • Die aufgehitzte Diskussion über das Wassersparen hat in letzter Zeit für viel Furore und vor allem Verwirrung gesorgt. In der Hoffnung, einen Teil dieser Diskussion mit zu beeinflussen und ein paar Dinge wieder in das richtige Licht zu rücken, möchte ich ein paar Takte über die Sinnhaftigkeit des Wassersparens verlieren. Dabei nehme ich insbesondere Bezug auf zwei Artikel, die in letzter Zeit viel Wind gemacht haben und in meinen Augen für kein ganzheitliches Bild sorgen. Ein Artikel erschien 2009 im FOCUS und einer 2012 bei der ZEIT

    Ich möchte mich bei meiner Erörterung über die Sinnhaftigkeit des Wassersparens vor allem an ein paar wichtige Punkte halten, die beide Artikel aufgreifen um ihren Standpunkt zu verdeutlichen.

    Die Problematiken

    1.) Kanalisationen:
    Das Kanalisationssystem in Deutschland ist das beliebteste Argument der Kritiker, die den „Wasserspar-Wahn“ verurteilen. Dabei geht es um einen simplen Fakt: Die Kanalisationssysteme in Deutschland sind auf einen steigenden pro-Kopf-Verbrauch und eine wachsende Bevölkerungszahl ausgelegt. Die Architekten der Gemeinden und Kommunen haben darauf geachtet beim Entwurf der Kanalisationssysteme nachhaltig zu arbeiten. Die Kanalisationen sollten auch noch in 20 Jahren den Ansprüchen der stark konsumierenden und schnell wachsenden deutschen Bevölkerung genügen.

    Daraus folgte ein direktes technisches Problem: Die Durchflussgeschwindigkeit im Kanal war von Anfang an zu gering, um eine Selbstsäuberung zu garantieren. Das Fazit: Die Kanäle würden ohne Eingriffe der Kanalreinigung letztendlich verstopfen und ein Inkubator für gefährliche Keime werden. Die einfache Lösung: Die Kanäle werden regelmäßig mit sauberem Trinkwasser durchgespült. Dieses Problem sollte sich in Zukunft durch den stetig wachsenden Verbrauch von selber lösen.

    Und genau hier offenbart sich der sogenannte Knackpunkt der Diskussion. Die Annahmen der Unternehmen und Experten, die für die Planung der Kanalisationen verantwortlich waren, wurden nicht erfüllt. Die deutsche Bevölkerung wuchs nicht mehr und zusätzlich nach der pro-Kopf-Verbrauch durch ein erhöhtes Umweltbewusstsein ab. Ein Super-GAU für die Versorgungsunternehmen. Die detailgenau geplante Investition in die Kanäle ging nicht auf. Das Durchspülen musste weiter betrieben werden. Der einzige Ausweg: Die Preiserhöhung.

    Was ist hier passiert? Betrachten wir die Situation, wie sie ist. Durch die Fehlkalkulation der planenden Akteure haben sich die langfristigen Kosten der Wasserversorgungsunternehmen erhöht. In der ZEIT und auch im FOCUS wird vor allem eine Stimme laut: Der Verbraucher ist mit seinem übertriebenen Sinn für Umweltschutz Schuld an der Preiserhöhung.

    Wie sieht es wirklich aus? In Wirklichkeit, wurden die Kanäle schon immer durchgespült. Das ist kein neues Phänomen. Die Preiserhöhung rührt von der langfristigen Planung und der monopolistischen Stellung, die die halb-staatlichen Versorger auf dem Markt innehaben. Die Behauptung wird umso lächerlicher, wenn man bedenkt, dass die Haushalte nur kanppe 15% des Wasserverbauchs in Deutschland ausmachen. Die Preisfluktuation auf den Verbraucher abzuwälzen ist nicht nur sachlich falsch, sondern fast hetzerisch und ein riesengroßer Schritt in die falsche Richtung. Eine Veröffentlichung einer solchen Meinung kann von vielen auch als klares Zeichen für die Hörigkeit der jeweiligen Medien gesehen werden.

    2.) Warmwasser und Preise
    Das zweite Argument, dass den Verbraucher dazu bringen soll, Trinkwasser einfach zu verschwenden ist die Preisargumentation. Nach oben genanntem Schema argumentieren die Versorger und ihre Sprachrohr-Medien in einem einfach zu verstehenden Konzept:

    Je mehr Wasser Du sparst, umso teurer wird der Liter Wasser auch.

    Die Argumentation geht sogar so weit, dass in der ZEIT vorgeschlagen wird, es könne am Wasser rein monetär gesehen so rein gar nichts gespart werden. Einsparung und Preiserhöhung heben einander quasi auf. Außerdem wird der Umwelt nicht damit geholfen, wenn eine „im Überfluss vorhandene“ Ressource gespart werden würde.

    Ist das wirklich so? Lohnt sich Wassersparen nicht?


    Liebe ZEIT. Ich möchte Sie kurz auf zwei unumstößliche Fakten hinweisen:


    A) Trinkwasser ist keineswegs „im Überfluss vorhanden“. Die Deutschen müssen sich keine Sorgen um ihre Versorgung machen, das räume ich unaufgefordert ein. Der sparsame Umgang mit einer Ressource, die in anderen Ländern so knapp ist, dass dort jährlich tausende verdursten, ist allerdings kein kaltes, wirtschaftliches Kalkül. Hier geht es um mehr als harte Euros. Das Stichwort ist Solidarität. Ein Konzept, dass viel zu viele noch nicht verstanden haben.


    B) 74% der Warmwasserkosten sind Energiekosten, die zur Erhitzung des Wassers benötigt werden. Selbst bei einer 1:1 Abbildung der Ersparnis auf den Preis, würde sich die Einsparung eine beliebigen %-Zahl von verbrauchtem Warmwasser noch rechnen.

    Diese Sichtweise auf die Dinge in einem umfassenden Artikel, der einer Stellungsnahme gleich kommt einfach zu unterschlagen, ist fahrlässig und in meinen Augen genau das, was dem Leser hier ohne Umschweife unterstellt wird: Kaltes Kalkül.

    Wer ist nun Schuld?


    Schuld ist hier nur eine sekundäre Frage. Dem umweltbewussten und solidarischen Verbraucher die Schuld für eine Preiserhöhung in die Schuhe zu schieben ist für die Versorger natürlich die bequemste Lösung. In Wirklichkeit ist das Problem allerdings viel diffiziler. Die einzig faire Lösung wäre eine Verkleinerung der betroffenen Kanäle und zwar mit Hilfe der Regierung, die in diesem Spiel immer gerne die Wohltäterrolle übernimmt, solange alles gut geht. Wird es allerdings ernst, muss der Verbraucher für die Versäumnisse der staatlich geduldeten Monopole auf dem deutschen Markt hinhalten. Ein mittlerweile eingespieltes Vorgehen: Der Staat und die Unternehmen verspielen das Geld, der Verbraucher darf es am Ende ausbaden. Die Argumentation der genannten Medien und Versorger ist der Anfang eines Versuches, höhere Preise und Abgaben im Bereich Wasser und Abwasser zu rechtfertigen. Im Endeffekt wird eine Gesellschaft so erfolgreich gespalten. In das Lager der Menschen, die einfach Glauben ohne nachzufragen und diejenigen verurteilen, die solche Thesen hinterfragen und Solidarität und Umweltbewusstsein als Überzeugung ausleben.

    Die Frage ist nur, ob das von den Akteuren im Hintergrund beabsichtigt ist, oder nicht und wie weit sich dieses Szenario noch fortführen lässt.

    Über den Gastautor: Ingo Scheuermann, 28, Dipl. Volkswirt, leitet den Bereich Online Marketing der Grünspar GmbH: http://www.gruenspar.de/wasser-sparen.html

Kommentare

13 Kommentare
  • LSternus
    LSternus Danke für den hoch interessanten Artikel.
    20. Juni 2012
  • IngoScheuermann
    IngoScheuermann @icelandhorse98: Das habe ich im Text nicht erwähnt stimmt. Das Problem der Wasserversorgungsbetriebe ist die Kostenstruktur der "Produktion". Einen Liter Wasser aufzubereiten kostet einen Betrag X. Davon sind 80% Fixkosten und nur ca. 20% ...  mehr
    20. Juni 2012
  • KatharinaM
    KatharinaM Wow, super Artikel! Vielen Dank ! :)
    20. Juni 2012
  • LaLoba
    LaLoba Sehr gut geschrieben und interessantes Thema! Darüber hab ich mir auch schon oft Gedanken gemacht. Ich denke auch eher, dass es eine Gewissensfrage ist Wasser einzusparen. Wir sollten uns bewusst sein, dass unser Wasserreichtum hier in Deutschland ei...  mehr
    27. Juni 2012