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Von Sperma und Untreue im Reich der Singvögel

  • Hallo liebe Community,

    dass ich zur Zeit nicht sehr aktiv bin liegt daran, dass ich gerade meine Bachelorarbeit schreibe. Ich persönlich finde mein Thema ziemlich interessant, weshalb ich es mit euch teilen möchte.

    Vorab erstmal ein kleiner Einblick in mein Thema:

    Ich analysiere das Sperma von verschiedenen Blaumeisen (Cyanistes caeruleus) Populationen und vergleiche es auf ihre Morphologie, also Form, Aussehen und Größe. Wieso ich das mache? Dafür muss ich ein wenig weiter ausholen, also:

    Viele Weibchen fahren auf männliche Geschlechtsmerkmale ab, wie zum Beispiel besonders lange Schwanzfedern beim Pfau, oder ein schönes, großes Hirschgeweih. Diese sexuelle Selektion kann in zwei Kategorien eingeteilt werden, nämlich intersexuelle Selektion und intrasexuelle Selektion.
    Intersexuelle Selektion beschreibt, dass das eine Geschlecht zwischen potentiellen Partnern des anderen Geschlechts wählt, während intrasexuelle Selektion den Prozess beschreibt, bei dem das eine Geschlecht, um die Gunst des anderen Geschlechts konkurriert.

    Foto: Unser "Sperm Mobile" im Wald. Zentrale Anlauf- und Versorgungsstelle.

    Der Aufwand, den beide Eltern in den Nachwuchs (oder auch in die Gameten) investieren, hängt davon ab, welche der beiden der Konkurrierende, oder der Aussuchende ist. Normalerweise ist es das Weibchen, das mehr investiert und daher auch sehr anspruchsvoll ist, was die Wahl des Partners angeht. Das Männchen, das normalerweise weniger investiert, konkurriert mit anderen Männchen und hat ausgeprägte Geschlehtsmerkmale.

    Einige Weibchen wiederum können nicht nur vor der Kopulation zwischen verschiedenen Männchen wählen, sondern sogar noch nach der Kopulation mit unterschiedlichen Männchen. Die Fremdgeh-Raten bei Singvögeln sind teilweise sehr hoch. Die Weibchen kopulieren also mit verschiedenen Männchen, wobei sie die verschiedenen Spermien in ihrem Körper speichern. Hier können die Spermien dann (postkopulatorisch) miteinander um die Befruchtung der Eizelle konkurrieren.
    Diese Fähigkeit wurde nicht nur bei Vögeln, sondern z.B. auch bei Reptilien und Insekten gefunden.

    Die meisten Singvögel sind sozial monogam. Das bedeutet, dass sie einen festen Partner haben, mit dem sie die Jungen großziehen. Sie kopulieren jedoch nicht nur mit ihrem sozialen Partner, sondern auch mit anderen Männchen. Dann kann es vorkommen, dass einige Jungvögel nicht vom Partner des Weibchens stammen, sondern Nachkommen der Vögel sind, mit denen das Weibchen fremdkopuliert hat.

    Unsere Annahme ist nun, dass die Rate der Fremdvaterschaften in Zusammenhang mit der Struktur der Spermien steht, da einige Spermien wahrscheinlich konkurrenzstärker sind, als andere.
    Zur Zeit gibt es lediglich drei Studien, die zeigen, dass die Spermienmerkmale verschiedener Singvogel-Populationen derselben Art, Unterschiede in ihrer Morphometrie (also in Form, Länge, etc.) aufweisen. Richtig interessant wird es, wenn man die Spermienmerkmale in Zusammenhang mit den Fremdvaterschaften bringt.

    Es kann sein, dass die Spermien einer Population so geformt sind, dass sie keine Fremdvaterschaften zulassen. Dass sie also so konkurrenzstark sind, dass Spermien anderer Männchen bei der Befruchtung der Eizelle keine Chance haben.

    Andererseits kann es vorkommen, dass Spermien einer Population die gleichen Voraussetzungen für eine Befruchtung mit sich bringen. Dann haben die Spermien des Partners gleichgroße Chancen eine Eizelle zu befruchten wie die Spermien der anderen Männchen, die sich ebenfalls im Weibchen befinden. Die Fremdvaterschaftsraten können also recht hoch sein.

    Ich untersuche nun die Morphometrie verschiedener Blaumeisen Populationen. Denn bei Blaumeisen sind die Fremdvaterschaftsraten sehr hoch. Hier könnte man durch die Analyse der Spermien Rückschlüsse bezüglich der Form und der von ihr abhängigen Befruchtungserfolgsraten ziehen.

    Hierzu werte ich zunächst die Spermien von deutschen, norwegischen, tschechischen und anderen Populationen aus.

    Puh, ziemlich viel Hintergrundwissen für eine eigentlich einfache Analyse.


    Jetzt komme ich aber zum spaßigen Teil. Denn die Spermien müssen ja gewonnen werden, bevor man sie analysieren kann. Wie das geht erzähle ich euch jetzt.

    Zusammen mit meiner Arbeitsgruppe bin ich vor ein paar Wochen nach Lingen im Emsland gefahren. In einem Wald dort hängen bereits seit über vierzig Jahren Meisen Nistkästen, die jedes Jahr von den Vögeln bezogen werden. Es ist Meisenbrutzeit und die Tiere sind ständig mit dem Füttern ihrer Jungen beschäftigt.

    Um an die Spermien heranzukommen, müssen die Vögel erst einmal gefangen werden.
    Man wartet also versteckt im Gebüsch darauf, dass die Meisen ihren Kasten anfliegen, um die Küken zu füttern.
    Wenn eine hinein schlüpft, sprintet man aus seinem Versteckt und hält das Eingangsloch zu, damit die Meise nicht gleich wieder heraus fliegt. Dann wird die Kastentüre vorsichtig geöffnet und durch den Spalt der Vogel ertastet. Hierbei sucht man nach dem Vogel mit dem Schwanz. Der ist der Elter, die Küken haben noch keine langen Schwanzfedern. Dann kommt der Vogel in einen Beutel und man versteckt sich auf's neue, um auf den zweiten Vogel zu warten. Falls man entdeckt wird, wird ordentlich geschimpft „natatatatata!“.
    Nachdem beide Adulte (erwachsene Tiere) gefangen sind, haben wir zusätzlich die Küken eingesammelt (die haben wir für weitere Untersuchungen gebraucht). Dann wird noch geschaut, ob tote Küken oder Eier im Nest sind. Die werden ebenfalls mitgenommen, um Gewebeproben zu nehmen.

    Das Sperma bekommt man dann, indem man die Kloaken der Meisen massiert. Es dauert meist nicht lange und schon laufen Urin, Sperma und Kot heraus. Dann werden die Spermien (die man an dem relativ hell-milchigen Ton erkennt) mit einer Kapillare abgenommen. Eine Kapillare ist ein sehr feines Röhrchen, das Flüssigkeiten einfach aufsaugt, wenn es mit ihnen in Verbindung kommt. Es ist oft ein bisschen schwierig die Spermien separat aufzunehmen, weil auch Kot und Urin ständig abgesondert werden.

    Wenn die Spermien abgenommen sind, werden sie in Flüssigkeit eingelegt. Anschließend werden sie fotografiert und vermessen. Das ist mein Part.

    Aber bis ich unsere Spermien und die der anderen Populationen tatsächlich vermessen kann, wird es noch ein wenig dauern. Ob ich Unterschiede in der Morphologie der verschienen Populationen finde, werde ich euch dann in einem zweiten Bericht mitteilen. Und ob die Morphologie wirklich im Zusammenhang mit den Fremdvaterschaftsraten steht, werden wir wahrscheinlich erst in ein bis zwei Jahren herausfinden. Also, es bleibt spannend in der Blaumeisenforschung ;o)

    Fotos: Küken © Janine Koch, Andere © Maria Rusche

Kommentare

14 Kommentare
  • midori
    midori @Jule

    Das stimmt bei vielen Wildtieren nicht. Ich hätte das auch nie gedacht, wurde aber vor kurzem von der Wildtierhilfe Fiel eines besseren belehrt. Muttertiere nehmen die Jungen trotzdem noch an, vielleicht dauert es etwas, aber es klappt :o)
    13. Juni 2012
  • Puma
    Puma Ich wusste gar nicht,dass man so was machen kann.Klingt aber interessant.Unsere Biolehrerin hat mal ein Buch oder so was über das Blut einer Singvogelart (frag mich nicht,welche) geschrieben und dafür ihren Doktortitel bekommen.
    13. Juni 2012
  • Janine
    Janine @Puma: Das ist total cool. Kannst du deine Lehrerin mal fragen, wann, wo und über welche Art sie geschrieben hat? Und wie heißt sie denn? :o)

    Übrigens: Der Vortel über seine Arbeit zu sprechen ist ja der, dass man sich kritisch mit d...  mehr
    14. Juni 2012
  • Taki
    Taki Klasse bericht von den Vögeln
    15. Juni 2012