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Der WWF und die Windkraft - ein Interview

  • Windkraftanlagen sind mittlerweile allgegenwärtig und ein sichtbares Zeichen der Energiewende. Auch der WWF hält Windkraft für einen wichtigen Bestandteil unserer zukünftigen Stromversorgung, was sich auch in der großen Studie "Modell Deutschland" wiederspiegelt.

    Windräder bedeuten allerdings auch immer Eingriffe in die Natur. Sowohl bei Windparks an Land („onshore“) wie auf See ("offshore") muss zwischen dem Nutzen fürs Klima und ökologischen Problemen sorgfältig abgewogen werden. 

    Der WWF bemüht sich seit den Anfängen der kommerziellen Nutzung um eine möglichst umweltschonende Entwicklung der Windkraft. Hans-Ulrich Rösner, der in Husum das WWF Wattenmeerbüro leitet, verfolgt die Entwicklung seit über 20 Jahren.

    Für die WWF Jugend habe ich mit ihm ein Interview über das besondere Verhältnis des WWF zur Windenergie geführt.

     

    Hanna: Hans-Ulrich, bei euch in Schleswig-Holstein gibt es schon lange Windräder. Was hat sich seit der Anfangszeit verändert?

    Hans-Ulrich: Wer hier vor 20 Jahren mal Windkraftanlagen sehen wollte, der ist über die Grenze nach Dänemark gefahren. Heute ist es umgekehrt. In Schleswig-Holstein stehen heute auf rund 0,7 % der Landesfläche Windparks, das ist ganz schön viel, und hier an der Nordseeküste ist es noch viel mehr. Und das wird demnächst auf rund 1,5 % verdoppelt. In diesem Bundesland wird dann ein Vielfaches des Eigenverbrauchs an Strom durch Windkraft erzeugt!

     

    Hanna: Einerseits befürwortet der WWF natürlich die Windkraft, andererseits kümmert er sich um größtmöglichen Naturschutz. Welche ökologischen Probleme kann es denn bei Windrädern geben?

    Hans-Ulrich: Das hängt ganz stark vom Standort und von der Geschicklichkeit der Planung ab. Wenn es schlecht läuft, dann stehen die Anlagen in Schutzgebieten, oder in deren Nähe, oder in Zugrouten von Vögeln. Da kann es dann starke Verluste geben bei Vögeln, die mit den Anlagen kollidieren. Besonders Greifvögel sind hiervon betroffen, in Deutschland besonders oft Seeadler und Rotmilane. Aber auch unter Fledermäusen kann es bedeutende Verluste geben, wenn die Anlagen falsch geplant sind.
    Und auch die Landschaft darf man nicht vergessen: Es gibt auch in Deutschland noch sehr schöne Landschaften, aus denen wir Industrieanlagen – und Windanlagen sind nun einmal auch welche – unbedingt fernhalten sollten. Andererseits, in intensiven Agrarlandschaften kann man oft nicht mehr viel kaputtmachen, und viele Windparks werden aus diesem Grund auch dort geplant.


     

     

    Letztlich kommt viel darauf an, dass die Planung nicht nur auf örtlicher Ebene erfolgt, sondern dass auf überregionaler Ebene, am besten der eines Bundeslandes, so genannte Eignungsgebiete ausgewiesen werden. Das hat zwei Vorteile: Die Windindustrie bekommt Sicherheit, wo sie investieren kann. Und die Bewohner wissen genau woran sie sind, wo Windanlagen hin dürfen, aber auch wo nicht. Das vermindert ganz stark die Konflikte, und im Ergebnis können die Windanlagen schneller gebaut werden. Und noch etwas hilft: Hier in Nordfriesland gibt es viele „Bürgerwindparks“, d.h. die Windanlagen gehören den Menschen aus der Umgebung, und nicht weit entfernt wohnenden Investoren. Die Einnahmen bleiben so in der Region und fließen nicht in die Taschen irgendwelcher Konzerne.

     Hanna: In den letzten Jahren sind die ersten Windparks im Meer gebaut worden, sogenannte Off-Shore Windparks. Welche Probleme und Chancen siehst du da? 

    Hans-Ulrich: Bisher sind erst wenige Anlagen tatsächlich gebaut worden, weil die technischen und finanziellen Schwierigkeiten viel größer sind, als man zunächst dachte. Und auch ökologisch ist längst nicht alles gelöst: Bei den Rammungen der Türme entsteht ein so lauter Lärm, dass die in unseren Meeresgewässern lebenden Schweinswale – die sich im Meer akustisch orientieren – gefährdet werden. Und über See kann es bei bestimmten Wetterbedingungen zu massenhaften Kollisionen mit Zugvögeln kommen. Manche Seevögel werden so gestört, dass sie die Windparks meiden und weniger Platz für ihre Nahrungssuche haben. Für die Schifffahrt entstehen durch die Windanlagen erhöhte Unfallgefahren, wenn da mal einer falsch fährt, und das bedeutet, es können dann Schadstoffe wie Öl im Meer frei werden. Und schließlich müssen alle diese Windparks ja an das Stromnetz angeschlossen werden. Das bedeutet, dass zahlreiche Starkstromkabel durchs Meer, und noch schlimmer, auch durch die Nationalparks im Wattenmeer gelegt werden.

     

    Hanna: Der WWF hat sich sich ja auch für Forschungsarbeiten eingesetzt, um die genannten Probleme zu lösen. Was wurde da bisher erreicht?

    Hans-Ulrich: Bisher zu wenig, obwohl es zum Glück einiges an ökologischer Begleitforschung gibt. Immerhin: Innerhalb der Schutzgebiete auf dem Meer dürfen in Deutschland keine Windparks gebaut werden. Bei den Kabelanbindungen wird inzwischen fast nur noch auf Gleichstrom statt auf Wechselstrom gesetzt, sodass „mehr Strom ins Kabel passt“ und weniger Kabel gebaut werden müssen. Und bei der Vermeidung des Unterwasserlärms bei den Rammungen gibt es inzwischen erste vielversprechende Lösungen zur Dämpfung. Da bin ich zuversichtlich, dass in wenigen Jahren der Lärm nur noch ein Niveau hat, dass die Schweinswale das aushalten. Für die Zugvögel gibt es aber noch keine Lösung, wie man sie von den Anlagen fernhalten kann. Vielleicht ist das einzige, was hilft, sie in den Stunden mit massenhaftem Vogelzug durch den Windpark auszuschalten.

     

    Hanna: Was genau tut der WWF dafür, dass die Windkraft auch international umweltverträglich ausgebaut wird?

    Hans-Ulrich: Deutschland ist bei der Windenergie sehr weit. Wenn wir die damit verbundenen ökologischen Probleme lösen können, dann kann das auch Beispiele geben. In manchen Ländern nimmt man auf solche Fragen noch weniger Rücksicht als bei uns, da ist das dringend notwendig. Insgesamt ist es aber eine riesige Herausforderung, nicht nur die Energieversorgung unserer Welt auf erneuerbare Energien umzustellen, sondern dies auch noch so zu tun, dass die Begleitprobleme in erträglichem Rahmen bleiben. Klar ist aber auch: Energieerzeugung ohne Auswirkungen gibt es nicht, und wir können nur versuchen, diese klein zu halten. Und im Übrigen Energie so effizient wie möglich nutzen. Denn Energie, die man nicht braucht, muss gar nicht erst nicht erzeugt werden.

     

    Hanna: Verrätst du uns deine Vision, wie Deutschland 2050 aussieht?

    Hans-Ulrich: Ich bin Optimist. Das ist auch gut, weil man sonst als Naturschützer ja nur traurig durchs Leben läuft. Es gibt nämlich auch viele Erfolge: Bei uns im Wattenmeer wurden sehr große Nationalparks eingerichtet, und der Verlust an Artenvielfalt konnte hier inzwischen gestoppt werden. Und so bin ich zwar überzeugt, dass 2050 das Klimaproblem schon richtig schmerzhaft geworden ist, aber auch, dass wir bis dahin in Deutschland längst eine Versorgung aus 100 % erneuerbaren Energien haben. Das wird schneller gehen, als heute noch viele denken.

    Ein Beispiel ist doch die Windenergie an Land, und in den letzten Jahren auch die Photovoltaik: Die Geschwindigkeit des Ausbaus dieser beiden hat immer wieder alle Prognosen übertroffen, und das wird so weitergehen! Zugleich bin ich überzeugt, dass in Deutschland viele Naturlandschaften dann besser geschützt sind als heute und teilweise wieder hergestellt sind, und auch die Landwirtschaft wieder großräumig auf eine umwelt- und naturverträgliche Erzeugung setzt.
    Leider wird es in vielen Bereichen der Welt schlimmer aussehen als in Deutschland, sodass gerade die Aufgaben für eine Organisation wie den WWF, der sich eben weltweit für Natur- und Umweltschutz einsetzt, dann noch wichtiger geworden sein werden und wir unseren Einfluss bis dahin noch gewaltig steigern müssen!

    Vielen Dank für das spannenden Interview!

     

    Empfohlene Links von Hans-Ulrich zum Thema:

    Infos vom WWF zum Thema wattenmeer

    ZDF-Film im Januar 2012: Windenergie und Wattenmeerschutz

    WWF-Positionspapier zur Offshore-Windenergie: Den Ausbau naturverträglich gestalten

     

    Bilder: Hans-Ulrich Rösner, Hanna Stanke, Peter Jelinek

    Offshore Windanlage: Hans Hillewaert (wikipedia commons)

    Offshore Windpark Luftaufnahme: Mariusz Pa?dziora (wikipedia commons)


    Mehr über unseren Besuch beim schönen Arbeitsplatz von Hans-Ulrich

Kommentare

6 Kommentare
  • HannaS
    HannaS Ich weiß selber nicht genau, wodurch beim Bau der Lärm entsteht, ich schätze die Fundamente werden quasi in den Meeresboden "gehämmert". Im WWF Positionspapier steht folgendes:

    "Beim Bau der Windanlagen entsteht durch ...  mehr
    25. Mai 2012
  • Carina
    Carina Das beantwortet meine Frage schon. Vielen Dank!
    25. Mai 2012
  • Akari1994
    Akari1994 da haben wir letztens auch in Physik drüber gesprochen. vor allem halt über die Sache mit den Spannungsleitungen. Das ist echt ein schwieriges Thema schon von der technischen Seite betrachtet und wenn wir da noch Umweltschutz mitreinnehmen m&uum...  mehr
    28. Mai 2012
  • JanaKG
    JanaKG Sehr interessanter Bericht! Ich finde es sehr wichtig, dass der wwf dabei nicht nur an die Stromgewinnung sondern auch an die Landschaft und die Tiere gedacht wird die dort leben.
    30. Mai 2012