Berichte

Eine Zugfahrt zwischen Schlagzeilen, Kummer und Umweltschutz

  • Ich sitze im Zug und blicke auf die grüne Landschaft an der wir gerade vorbeifahren. Weit entfernt drehen sich Windkrafträder. Ein majestätisches Monument, denke ich mir. Touristen kommen aus fernen Ländern und schauen sich Gebäude, Kirchen und Museen an um etwas über die längst vergessenen Kulturen zu erfahren. Dabei geht an ihnen die wahre, gegenwärtige Schönheit gänzlich vorbei.


    Entkräftet schlafen die fremden Besucher auf Plätzen neben mir und verpassen das, was mich gerade in den Bann zieht – das Wunder Natur.
    Wie werden uns wohl die Leute in 2000 Jahren sehen? Als Ameisen die sich gegeneinander bekriegen, wie die Kleinkinder und dabei vergessen haben, was das wichtige im Leben war?
    Werden die Windkraftanlagen die neuen „Heiligtümer“ einer zukünftigen Kultur?
    Wir denken, dass uns garnichts mehr erschrecken kann. Wir haben schon alles erlebt. Wir haben alles aus der Vergangenheit gelernt, blicken nach vorne und bauen uns unsere eigene Zukunft wie sie uns gefällt – „Denkst'e!“, spreche ich mir zu.
    Längst schon ziehen die Bilder an meinem Fenster vorbei und bilden in meinem Kopf einen Film, der nicht aufhört.
    Ich fühle mich gefangen, in einem Zug aus dem ich nicht mehr aussteigen kann. In dem ich keine Kontrolle über das habe, was ich früher hatte – das Ziel. Wo geht es hin? Was erwartet mich dort? Und wer wird mich auf diesem Weg begleiten?


    Auf dem Bildschirm ziehen merkwürdige Meldungen umher: Gottschalk live, garnicht „live“; Raketentests in Nordkorea; Facebook macht die Chronik zur Pflicht, User genervt.
    Wohin entwickelt sich unsere Gesellschaft? Haben die alten Römer auch über die Outfits ihrer Gladiatoren gelästert, so wie bei Thomas Gottschalk? Gab es schon damals Leute, die sich um die Lunge des Planeten Sorgen gemacht haben, wie ich? Warum haben wir Menschen immer den Trieb alles perfekt oder wenigstens besser als der Nachbar zu machen? Warum müssen wir unser Ego immer wieder aufs neue „füttern“?


    Man lehrt uns, dass unsere Welt komplex ist. Globalisierung, zunehmende Institutionen mit wechselseitigen Zuständigkeiten und ein Finanzsystem auf Pump.
    Wir vergessen aber, dass wir es uns selbst so schwierig gemacht haben. Und wer muss jetzt leiden? Natürlich die unbeteiligten Dritten.

    Der Zug hält. Die Fremden wachen auf und merken hysterisch, dass sie raus müssen. Schnell wird alles zusammengesucht und rausgerannt – gerade nochmal rechtzeitig sage ich mir.
    Ich blicke mich im Zug um, vor mir eine Bande Jugendlicher die ordentlich Spaß hat. Sie schreien, lachen und hören laut Musik. Ob die sich für den Planeten interessieren auf dem sie leben? Wohl kaum, stelle ich fest. Trotzdem versuchen wir auch für sie den Planeten zu retten. 

    Ich verkrieche mich in mein Arbeitsbuch, dass ich mir extra für den Unistart zugelegt habe. Ein alter Mann, schräg gegenüber von mir, sieht den WWF-Jugend Sticker auf meiner Tasche und schaut mich die ganze Zeit aufdringlich an. Unangenehm. Ich blicke düster zurück und versuche ihm in Gedanken klarzumachen was das soll.

    Der Zug hält wieder. Diesmal mitten in der Landschaft. Der Mann steht auf, läuft zu mir.
    Gehörst du zu denen mit dem Panda da?“, fragt er mich und zeigt auf meinen WWF-Jugend Button. Ich nicke.
    „Über die hab ich letztens eine Doku gesehen!“, er hebt den Zeigefinger und brüllt laut um sich: „Das ist ein ganz übler Drecksverein! Verpiss dich bloß!!! Mit euch wollen wir nichts zu tun haben, ihr Möchtegern Ökos...“, dreht sich um und wechselt den Wagon.
    Verwirrt und eingeschüchtert blicke ich um mich. Hat das wer gehört? Ist er weg?

    Ich war wohl länger in meine Übungsaufgaben vertieft und habe nicht bemerkt, dass der Zug nun leer ist.
    Ich erinnere mich an die Nachrichtenanzeige von vorhin.... „Die Medien“... Haben wohl mehr Macht als gedacht.
    Besteht unsere eigene Zufriedenheit darin, andere schlecht zu machen? Warum ist jemand genau gegen die Wenigen in unserer Gesellschaft die sich für Umweltschutz einsetzen? Ich blicke aus dem Fenster und finde keine Antwort. Es scheint wohl in der Natur des Menschen zu liegen, versuche ich mir einzureden.
    Sei es Gottschalks neue Talkshow vor der Tagesschau, Facebook oder der WWF.

    Draußen wird es langsam dunkel. Nun muss auch ich aussteigen - Endhaltestelle.

    Ich packe meine Sachen und gehe zum Ausgang. Kurz blicke ich zurück zu meinen Sitz. „Junger Umweltschützer, von altem Mann beleidigt“, das wäre doch mal eine gelungene Schlagzeile, überlege ich mir.

     

Kommentare

27 Kommentare
  • MarcelB
    MarcelB Leichter gesagt als getan, wenn man immer nur die halbe Wahrheit über die Medien erfährt und die Medien selbst nur einen Bruchteil der Wahrheit bekommen haben, Urmel! :(
    14. April 2012
  • Cosima
    Cosima Ein wirklich guter Punkt Marcel !

    Ich finde es einfach nicht richten etwas schlecht zu reden, worüber man nicht genau bescheid weiß, aber das scheint viele Leute eben nicht zu stören, ob sie jetzt die ganze Wahrheit kennen oder eben nur ...  mehr
    15. April 2012
  • MJ1499
    MJ1499 Tja, hinterfotzig ist einfach besser als alles andere.

    Wisst ihr, warum die Leute uns nicht leiden können? Sie sind neidisch und haben Angst vor uns...und solche Leute kann man besser ausgrenzen und beleidigen, als sich mit ihnen auseinanderzusetzen...  mehr
    15. April 2012
  • MarcelB
    MarcelB Klar ist es falsch Cosima! :/ aber was will man machen. Man braucht eben einfach heute Intelligenz und ein kritisches Selbstbewusstsein. Ich denke viele sind sich über die Probleme in der Welt bewusst. Und das bewerte ich grundsätzlich positiv. ...  mehr
    15. April 2012