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Kuba - Eine Insel stellt um auf Bio

  • Kuba, eine Insel, die schon viel erlebt hat. Diktaturen, Kolonialherren und unbarmherzige US-Firmen – als Fidel Castro sie 1959 alle davonjagte, kämpfte er für eine bessere Zukunft. Und bekam 90 000 Traktoren und Millionen Tonnen synthetischen Dünger von Partner Sowjetunion. Für eine Zeit lang konnte so die Wirtschaft tatsächlich in Gang gehalten werden. Doch auf den mühsamen Aufstieg folgte ein tiefer Fall. Aber wer sagt denn, dass Menschen nicht aus ihrer Vergangenheit lernen können? Die Kubaner trauten sich und machten den rettenden Schritt in Richtung ökologische Landwirtschaft.

    Dreck spritzt und Vögel fliegen kreischend auf, als der Boden explodiert. Der Bauer betrachtet das Loch zufrieden und bereitet eine weitere kleine Detonation vor. Was hat Dynamit mit Landwirtschaft zu tun, würde sich ein zuschauender Europäer wundern. Für den Zitrusbauer in Kuba war es vor wenigen Jahrzehnten noch die einzige Möglichkeit ein neues Bäumchen zu pflanzen. Denn die Erde war tot und hart wie Stein, zerfressen und zerstört von jahrelanger Behandlung mit giftigen Chemikalien. Alles für den Fortschritt. Dieser verjagte auch die Ochsen und ersetzte sie durch die nun allgegenwärtigen Traktoren. Doch während die Pflanzen größer wurden, starben die Regenwürmer und zurück blieb nur unbrauchbarer Dreck.

    Das Ende der Sowjetunion 1991 leitete auch das Ende von Kubas brutaler Landwirtschaft ein. Plötzlich fehlte es an allem: Öl, Pestizide, Ersatzteile, Geld. Nur der tote Boden, der blieb. Und während Stille einbrach in den nächsten Jahre, hatte er langsam die Möglichkeit, sich zu erholen. Und die Revolution der Kleinbauern begann.

    Von 400 000 auf 100 000 hatte man die Zahl der Ochsen auf der Insel verringert. Heute sind es wieder so viele wie 1959. Alfredo besitzt mehrere davon. Im Gegensatz zu dem Traktor, den er vor ein paar Jahren verkauft hat, laufen sie auch ohne Öl und Ersatzteile. Und zwar wann immer er sie braucht. Der Traktor dagegen lief nie. Und dazu sind die Ochsen auch noch billiger als das ach so fortschrittliche Gefährt. Alfredo und viele andere Bauern in Kuba sind sich sicher: Unsere Zukunft liegt in der ökologischen Landwirtschaft.

    Selbst der doch eher widerwillige Staat hat das inzwischen eingesehen. Immer mehr längst kaputte Großbetriebe lässt er schließen und unterstützt die Rückkehr der Kleinbauern. 1,2 Millionen Hektar Brachland hat er innerhalb von drei Jahren an die Bauern zurückgegeben. Die berufen sich inzwischen auf eine Zahl von beachtlichen 150 000. Mehr als die Hälfte von ihnen beteiligen sich am „Programm für Innovationen in der lokalen Landwirtschaft“ und beackern ihr gepachtetes Land umweltschonend. Mitgründer Humberto Ríos sieht das Programm als eine Möglichkeit, ihre Probleme bei der Wurzel zu packen und langsam von unten her zu bekämpfen. Die Politiker in Kuba betrachteten es dagegen lange Zeit eher unglücklich. Denn „in unserem Staat will man die Probleme immer von oben nach unten und stets im Großen lösen, was dann jedoch meistens im Kleinen scheitert und im Nichts endet“, erklärt Ríos. Wie gut, dass der Staat inzwischen seine Meinung geändert zu haben scheint und den Kleinbauern eine Chance gibt.

    Die haben inzwischen herausgefunden, dass man Pflanzen auch ohne Chemikalien großziehen kann. Alfredo findet: So schmeckt es sogar noch viel besser. Die grüne Revolution in Kuba beschränkt sich aber nicht nur auf die Bewirtschaftung der Felder. Auch der Strom wird umweltfreundlich erzeugt – mit Biomasse und Fotovoltaikanlagen. Ein neues Großprojekt sind Gemüse- und Gewürzgärten inmitten der Städte. Was bei uns eher Ausnahme ist, hat sich in Kuba zu einem eigenen, mächtigen Wirtschaftszweig entwickelt. Von den Gemüsegärten gibt es inzwischen schon über 7000, sie beschäftigen 380 000 Arbeiter.

    Kuba wurde zu einem Experiment, bei dem Forscher, Landarbeiter und Verwaltung eng zusammenarbeiten um zu erschaffen, wovon andere vergeblich träumen: Ein Land, dass sich komplett auf eine Landwirtschaft stützt, der man sorglos jedes Biosiegel anvertrauen kann. Für die Kubaner hat das nicht viel mit ökologischem Bewusstsein zu tun. Es ist für sie schlicht und ergreifend die rettende Lösung in der Not. Und gibt ihnen plötzlich etwas, woran sie festhalten können. Die Privatisierung der Landwirtschaft ist ihre eigene, stille Revolution. Plötzlich ist da etwas, wofür nur sie verantwortlich sind. Ihr eigener Grund und Boden. Mit dieser neuen Eigenverantwortung keimt langsam und biologisch Hoffnung auf den Feldern Kubas.

    Was meint ihr? Entwickelt sich in Kuba die Landwirtschaft der Zukunft oder ist das doch eher ein interessantes Ausnahme-Experiment?

     

    Quellen:
    (auch Zitat) Alba, Oscar. "Die grüne Revolution." Tages-Anzeiger 13. September 2011, Seite 10.
    http://www.biothemen.de/Oekologie/spezial/cuba.html

    Bilder:
    Titelbild: http://www.flickr.com/photos/7443878@N04/432417781/
    Traktor: By Jérôme SAUTRET via Wikimedia Commons (http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Cuba-canne_a_sucre.jpg?uselang=de)
    Ochsen bei der Arbeit: http://www.flickr.com/photos/romtomtom/5376481292/
    Karte Kuba: By Rei-artur via Wikimedia Commons (http://commons.wikimedia.org/wiki/File:LocationCuba.svg)

Kommentare

7 Kommentare
  • abcd
    abcd ...aber wircklich interessant
    5. April 2012
  • midori
    midori WOW! Ich bin absolut begeistert! Ich interessiere mich sehr für dieses Thema und bei Deinem Bericht geht mir gerade richtig das Herz auf! Mag man Fidel Castro vorhalten, was man will - einen schöneren Schritt in eine bessere Zukunft hätte K...  mehr
    5. April 2012
  • Oekojule
    Oekojule Superinformativer gut geschriebener Bericht! Ich finde es sehr ergreifend, dass die Kubaner diesen Schritt getan haben. Das ist Motivation für viele weitere Regionen und vor allem ein Vorbild. Hoffentlich bleibt Kuba auch dabei. :)

    Danke für de...  mehr
    6. April 2012
  • Wasserjunge
    Wasserjunge Ich denke wenn wir Menschen auf "unseren" Planeten überleben wollen, dann sollten wir aber mal alle mal damit anfangen...
    Schöner Bericht ;)
    6. April 2012