Berichte

Amerikas neuer Goldrausch

  • Obamas "Yes, we can" kennt noch jeder aus dem furiosen Wahlkampf 2008. Damals trat der Demokrat Barack Obama als Figur des Wandels auf. Guantanamo schließen, Truppenabzug aus dem Irak und später Afghanistan, Gesundheitspolitik und schließlich die Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen wie Öl und Gas.

    Fokussiert man sich auf den letzten Teil, der Unabhängigkeit Amerikas von ausländischem Öl und Gas, so schienen die erneuerbaren Energien als die einzige Lösung. Sie sollten Arbeitsplätze schaffen, das Land sauberer machen und schlussendlich unabhängig. Denn wie schon George W. Bush Jr. Erkannte, ist Amerika süchtig nach Öl.

    Für eine Gallone (rund vier Liter) bezahlten die Amerika lange Zeit umgerechnet in Euro rund 60 Cent. Die steigenden Preise der letzten Jahre haben nun aber drastische Auswirkungen, zu mindestens aus Sicht der Amerikaner. Denn die Amerikaner kennen Benzin als billige Ware und sind einen momentanen Stand von über vier US Dollar (rund 3Euro) für eine Gallone nicht gewöhnt.

    Zählt man nun eins und eins zusammen, so ergibt sich folgendes: Wahlkampf und teures Öl ergeben folgendes Versprechen: Billigeres Öl für alle!

    Amerika, das ist ein Land mit vielen Facetten. Doch Amerika wurde durch das Öl reich. Autos mit Verbrennungsmotoren wurden Anfang des 19. Jahrhunderts zum ersten Mal in der Massenproduktion gefertigt und der Traum vom „American Dream of Life“ sah jeden Amerikaner mit Eigenheim und Auto (oder sogar zwei Autos). Neben dem wirtschaftlichen Aufschwung, gab es auch den Aufschwung der Ölindustrie, der heute neben der Finanz- und Waffenindustrie mächtigsten Lobbygruppe des Landes.

    Bis kurz nach dem zweiten Weltkrieg waren die USA unabhängig von ausländischen Öl- und Gasimporten. Relativ bald änderte sich dies aber und die USA produzieren gerade einmal 20 Prozent ihres Bedarfs selber – bleiben 80 Prozent Abhängigkeit von Diktatoren oder anderen zweifelhaften Ländern.

    Schon in den 80er Jahren zeichnete sich eine fortlaufende Abhängigkeit Amerikas vom Öl ab, doch das Thema Energiepolitik ist ein ebenso schweres Pflaster wie das Thema Gesundheitspolitik oder Freiheit. Kein Präsident hat es jemals gewagt etwas gegen die Auto- und Ölindustrie zu unternehmen oder Einschränkungen bzw. Richtlinien vorzugeben – und das aus gutem Grunde. Denn wer wieder gewählt werden will, der muss sich mit den Großen zusammentun. Die Großen, das ist zumeist die Industrie, haben das Geld und Geld regelt die Wahlen in den USA. Erst kürzlich hat das oberste Gericht, der „Supreme Court“ beschlossen, dass die so genannten Großspenden von mehreren Millionen Dollar an Kandidaten legitim sind. Obama selber nannte dies einen Angriff auf die Demokratie, denn dies verhindere die Wahl von Menschen, die nicht eine solche Spende erhielten.

    Nun nutzt Obama selber diese Großspenden, was bleibt ihm auch anders übrig – es ist Wahlkampf! Denn der erhoffte Wandel der Industrie zur Nachhaltigkeit und zu den erneuerbaren Energien, die millionen Arbeitsplätze schaffen werden, fand nicht statt. Dies hat natürlich viele Gründe. Fehlende Subventionen, keine Anreize von Seiten der Unternehmer oder Verbraucher oder schlicht die finanzstarke Lobbygruppe der etablierten Energiekonzerne. Klimaschutz interessiert hier kaum jemanden und damit lässt sich in den USA schon lange kein Wahlkampf mehr gewinnen. Nun auch nicht mehr mit erneuerbaren Energien, obwohl Obama selber erst kürzlich in einem Wahlwerbespot die erneuerbaren Energien als Alternative angab.

    Doch davon scheint bei ihm nicht mehr viel übrig geblieben zu sein. Der „Run“ auf die gigantische Öl- und Gasvorkommen an Land und auf hoher See hat begonnen.

    Geologen haben in tiefen Schichten des Landes so viel Öl gefunden, um sogar noch welches zu exportieren. Gelingt es den USA dieses Öl anzuzapfen, und da kann man sich sicher sein, so wäre ein Land komplett wandeln. Die USA würden außenpolitisch nicht mehr auf Diktatoren im Nahen Osten oder Lateinamerika abhängig sein, keine Kriege mehr führen oder sich sonst wo um Öl arrangieren. Die neue Abhängigkeit wäre wirtschaftlich und politisch ein kurzweiliger Traum – ökologisch gesehen eine Katastrophe.

    Doch warum kurzweilig? Ganz einfach: Ressourcen sind endlich, auch die der USA. Experten schätzen die neuen Funde von Öl und Gas in den USA auf eine solche Größe, dass sie die USA für rund 80 Jahre versorgen könnten – und dann?

    Hinzu kommt: Es wird vom aktuellen Ölpreis ausgegangen. Selbst wenn die USA in fünf Jahren alle Quellen erschlossen haben sollte, was vollkommen unmöglich ist, würden Schwellenländer wie Brasilien, China oder Indien schon wieder Schlange stehen, denn deren Energieverbrauch steigt ebenso wie in den USA beständig an. Fossile Energieträger sind Chinas Schlagader, ebenso wie in den USA, in Brasilien oder anderen Industrieländern – auch Deutschland.

    Doch Deutschland hat erst vor kurzem gezeigt, dass ein Umschwung zu mindestens politisch machbar ist und technisch umgesetzt werden soll und hoffentlich auch wird. Denn der Traum von billiger Energie ist ein kurzweiliger. Die Rechnung kommt früher oder später – ökologisch sowie ökonomisch und dann?

    „Deepwater Horizon“, Fracking, Öltanker, Öl- und Gaspipelines – sie alle werden wieder gebaut und wieder verwendet. Erst vor kurzem gab Präsident zu erkennen, dass die XXL-Pipeline von Kanadas Teersandgebieten in Alberta quer durch die USA genehmigt werden soll. Warum? Natürlich: Arbeitsplätze, billiges Öl, Wiederwahl. In unmittelbarer Nähe zur Katastrophenplattform „Deepwater Horizon“ sollen neue Bohrinseln entstehen und geschützte Gebiete an Amerikas Westküste sollen erschlossen werden.

    Was findet hier statt? Die ökologische und ökonomische Selbstzerstörung?

    Update: Ich habe mich leider mit der Umrechnung vertan, was den aktuellen Benzinpreis in den USA angeht. Danke an Natureplanet für die Korrektur!

    Quelle: http://www.zeit.de/2012/14/Amerika-Erdoel-Erdgas

    Bilder: © Peter Ewins / WWF-Canada, National Geographic Stock / Karen Kamauski / WWF, National Geographic Stock / Sarah Leen / WWF
     

Kommentare

14 Kommentare
  • Cata
    Cata schade, dass man die Bevölkerung der USA kaum dazu bekommen kann mal über ihr Verhalten nachzudenken und zu überlegen was sie damit anrichten. Neben den Umweltproblemen heißt Freiheit für den einen ja auch Einschränkung f&uu...  mehr
    4. April 2012
  • Peet
    Peet @Cata: Das Problem der Amerikaner liegt in ihrer Geschichte. Alles was vom Staat kommt, ist größtenteils Teufelszeug. Sozialismus ist in den USA ein anderer Begriff hier. Dort wird momentan ernsthaft vor dem obersten Gericht diskutiert, ob die ...  mehr
    4. April 2012
  • micah
    micah Sehr cooler Bericht und leider sehr wahr, auch was in den Kommentaren noch dazu steht. Hab vor ein paar Monaten ein paper für Politik darüber geschrieben und bin genau zu den gleichen Schlüssen gekommen. Solange nicht entweder Öl so kn...  mehr
    4. April 2012
  • Dragongirl
    Dragongirl Genialer Bericht. ich verfolge die Amerikanische Politik mit besonderem Interesse weil meine Mutter dorther kommt, und es bringt mich immer wieder zur verzweiflung wie schlimm es dort ist, mit Republikanern die sich weigern an die Klimaerwärmung und ...  mehr
    10. August 2012