Berichte

Hallo Jugendprotest! Bist du noch da?

  • Wenn man Erwachsene so über Jugendliche reden hört, dann kommt gar nicht mehr dieses vorwurfsvolle: "Ach, die Jugend von heute...", sondern eher ein verständnisvolles: "Die gehen schon ihren Weg, die haben's ja auch schwer." ...oder es kommt nur ein Achselzucken. Denn was die Jugendlichen heute wollen, scheint gar nicht mehr so klar zu sein. Vor noch wenigen Generationen gab es Revolten, Rebellionen, Revolutionen... alles mögliche eben, was das Dagegen-sein in den Vordergrund stellte. Verändern, umstürzen, neu aufbauen! Und heute? Soziologen sagen, Jugendlichen wären heute vor allem pragmatisch, leistungsorientiert und angepasst.

    Passt das zu dem, was du über dich denkst? Und wenn es keine Protestkultur mehr gibt, schläft dann zwangsläufig auch die Umweltbewegung ein?

    Früher waren Jugendliche Trendsetter und Wertewandler, heute zerfließt die Jugend in unzählige individuelle Lebensentwürfe. Das behaupten zumindest Jugendforscher, die ich neulich in einem Fernsehbeitrag über die sogenannte “Jetzt-Generation“ erzählen hörte. Damit büße die heutige Jugendkultur eine Funktion ein, die frühere so sehr ausgezeichnet hatte: das Selbstverständnis ganzer Generationen zu bestimmen.

    Warum ist das so? Soziologen beobachten, dass heute jeder in einer Art “produktivem Chaos” nach seinen eigenen Vorstellungen lebe. Der Grund dafür liege in den unüberschaubar vielen Möglichkeiten, die wir heute haben - da könne man ja nur experimentieren. Jugendliche seien regelrecht gezwungen, immer von Position zu Position zu wechseln. Manche sprechen gar vom "Terror der Möglichkeiten". Folglich stellen Jugendkulturen heute die persönliche Entfaltung in den Mittelpunkt, nicht mehr den großen Zoff mit der Rest-Gesellschaft.

    Nachdem mehrere Jahrzehnte vor allem laut waren, ging nun der Antrieb verloren: ein gesamtgesellschaftliches Thema, das große Gruppen vereint. Stattdessen leben Jugendliche in einer “überbefreiten Gesellschaft”, der Überfluss erzeugt einen Mangel an Sinn. Bevor man nichts tut, macht man lieber irgendwas. Überraschenderweise sind “spießige” Werte heute wieder in, weil sie Ordnung versprechen - Ordnung im Feld der innovativen Unordnung.

    Es gibt aber auch Anzeichen, die einen Gegentrend aufzeigen. Werden Jugendliche vielleicht doch wieder protestfreudiger? An großgesellschaftlichen Themen mangelt es nicht. Wirtschaftskrise, Klimawandel, digitale Gesellschaft – “Wir sind die 99 %” steht auf Protestplakaten, und schon kommt wieder Hoffnung auf, die Jugend sei vielleicht doch nicht so teilnahmslos und ichbezogen.

    Wie sehr engagieren sich den Jugendliche heute für den Umweltschutz? Zwei aktuelle Studien liefern hierzu interessante Antworten. Laut Jugend-Shell Studie 2010 sind im Vergleich zu den Vorjahren immer mehr Jugendliche sozial engagiert: 39 Prozent setzen sich häufig für soziale oder gesellschaftliche Zwecke ein. Dabei ist entscheidend, aus welchem sozialen Milieu jemand stammt. Je gebildeter und privilegierter die Jugendlichen sind, desto häufiger sind sie im Alltag aktiv für den guten Zweck.

    Der Klimawandel sei weiterhin ein Top-Thema bei Jugendlichen. Viele zögen inzwischen persönliche Konsequenzen, indem sie auf ein umweltbewusstes Verhalten achten. Immerhin jeder zweite spart im Alltag bewusst Energie, 44 Prozent versuchen, häufiger mit dem Fahrrad zu fahren und das Auto stehen zu lassen, und 39 Prozent entscheiden sich für ein kleineres Auto mit geringerem Verbrauch. Ein großer Teil kann sich vorstellen, ehrenamtlich aktiv zu werden.

    Jetzt kommt das berühmte "Aber": Dass Jugendliche dabei auch wenig Geduld mitbringen, zeigen die Ergebnisse einer anderen Studie, der Focus-Schule-Studie 2012. “Mehr als ein Drittel engagiert sich in einer Organisation. Doch oft werden die Teenies ungeduldig”, erläutert Claus Tully vom Deutschen Jugendinstitut die Ergebnisse der Umfrage unter 700 Schülern. “Sie erwarten, dass sich schnell etwas verändert - hier und jetzt. Es dauert ihnen zu lange, bis sie Ergebnisse sehen. Deshalb schmeißen viele ihr Ehrenamt schnell wieder hin.”

    Missionieren ist anscheinend eher in, als selbst aktiv zu werden: Mehr als jeder vierte Jugendliche versucht, seine Eltern und Freunde zu überzeugen, dass Umweltschutz eine gute Sache ist. Dabei sind ältere Jugendliche (vor allem die Studenten) besonders eifrig, so die Ergebnisse der Focus-Studie. Doch nur die wenigsten (4,7 Prozent, Studenten 12,1 Pozent) haben Lust, selbst in einem Verein etwas für den Umweltschutz zu tun. Interessant: Die Jungs sind dazu noch eher bereit als die Mädchen.

    “Nur noch kurz die Welt retten” - der Song von Tim Bendzko bringt das Lebensgefühl umweltbewusster Jugendlicher auf den Punkt, meint Tully: “Unsere Studien haben ergeben, dass vor allem die jüngeren Jugendlichen begeisterte Strom- und Wassersparer sind, den Müll trennen oder viele Wege mit dem Fahrrad zurücklegen. Je älter die Jugendlichen werden, umso stärker achten sie auf nachhaltige Mode oder Lebensmittel. Wichtig ist ihnen aber, dass Umweltschutz nicht zu viel Aufwand bedeutet, sondern auch nebenher passieren kann.”

    Wie ist eure Meinung dazu? Spiegeln diese Ergebnisse das wieder, was ihr selbst aus Freundeskreis, Schule, Uni oder Ausbildung kennt? Glaubt ihr, es kommt eine neue Protestwelle auf - und wenn ja, was wird der Auslöser dafür sein müssen? Oder ist das Zeitalter der großen Jugendbewegungen vorbei, und Umweltschutz wird nur eine von vielen "Baustellen" im Leben zukünftiger Jugendlicher sein?

    Fotos: © Bündnis 90 / Die Grünen via flickr, cc; © Dima Konsewitch via flickr, cc; © Alex Fecke via flickr, cc

Kommentare

7 Kommentare
  • MJ1499
    MJ1499 @Anne: Stimmt :)

    @littlebrandy: "Ich finde das die Jugend schon aktiv ist ;) Bestes Beispiel war doch die Acta Demo ;) TAusende Jugendliche kämpfen für ihre Interessen, oder auch die WWF-Jugend also ich würde nicht sagen das wir nicht...  mehr
    29. Februar 2012
  • Anni09
    Anni09 Ich kann mich meinen Vorrednern nur anschließen.

    Unsere Gesellschaft geht es einfach zu gut. Leider begreifen die Menschen erst die Folgen ihrer Handlungen wenn es bereits zu spät ist. Hagen Rether hat mal gesagt, dass Menschen vernünfti...  mehr
    29. Februar 2012
  • Anni09
    Anni09 @Urmeli:

    Da hast du absolut recht. Wenn man sich das mal länger durch den Kopf gehen lässt ist das meiner Meinung nach ziemlich beängstigend....
    1. März 2012
  • Traeumerli
    Traeumerli Sehr interessanter Bericht und gute Kommentare!

    Leider kann ich auch aus eigener Erfahrung erzählen, dass ich nur sehr wenige Leute aus meinem unmittelbaren Umfeld kenne die sich Gedanken über unsere Umwelt machen oder sich geschweigedenn eins...  mehr
    18. Mai 2012