Berichte

... darum ihr Menschen, haltet mich wert!

  • Betrübt lässt sie sich auf ihren Küchenstuhl sinken. Sie legt die Hände in den Schoß und ihr Blick wird plötzlich ganz untröstlich. In ihre sonst so strahlenden Augen treten die Tränen und sie schluckt schwer. Dann hebt sie den Kopf und sieht mich mit bedrücktem Blick an. Die kleinen Fältchen um ihren Mund zucken leicht als sie ihn zu einem Schmollen verzieht.

    „Uli… ich bin traurig“, setzt sie zum Erzählen an. So deprimiert habe ich meine Oma noch nie gesehen. Ich will wissen, was passiert ist. „Die machen meinen Wald kaputt“, murmelt sie verdrießlich und sieht mich dabei mit verzweifeltem Blick an, als wäre ich ihre letzte Rettung. Das mag im ersten Moment für einen deutschen Durchschnittsbürger keine schlimme Meldung sein. Für meine Oma gleicht es dem Weltuntergang.

    Ich verspreche ihr, dass wir gleich nach dem Mittagessen den Hund anleinen und ihren Wald besuchen werden. Nun bin auch ich neugierig, was dort geschieht. Schließlich kenne ich den angrenzenden Wald seit meinen frühesten Kindheitstagen und verbinde ebenfalls schöne Erinnerungen mit ihm. Im Frühjahr habe ich in den rosa blühenden Blaubeerbüschen nach dem Osterhasen gesucht. Im Sommer haben uns die Mücken bei endlosen Spaziergängen im kühlen Wald gequält. Im Herbst durchkämmten wir das gesamte Unterholz nach Pilzen und im Winter, wenn eine dicke Schneedecke auf den Kiefern und Fichten ruhte, verstreuten wir Körbe voller gesammelter Kastanien und Eicheln für grunzende Wildschweine.

    Wir ziehen uns die warmen Winterjacken an, wickeln uns den Schal um den Hals und schlüpfen in dicke Stiefel. Gleich nach dem Haus meiner Großeltern beginnt ein steiler Berg. Wenn man den Weg nach oben keuchend zurückgelegt hat, schlängelt er sich weiter durch Wiesen und Feld bis man schließlich am Waldrand angekommen ist. Meine Oma läuft diesen Weg fast täglich. „Hier finde ich Ruhe und Entspannung, kann meine Seele baumeln lassen. Der Wald ist mein Rückzugsgebiet in allen Lebenslagen, ich liebe ihn“, erzählt sie mir und wenn sie vom ihrem Wald spricht, fängt sie an zu schwärmen. „Der Wald ist keineswegs langweilig. Jeden Tag zeigt er ein anderes Bild – bedingt durch die Jahreszeiten, Sonne, Regen, Wind und durch sich selbst. Man muss nur hinschauen!“ Ihre Augen leuchten wieder und sie lacht. So kenne ich meine Oma. Durch sie habe ich die Natur in all ihren Farben und Formen lieben gelernt. Seitdem ich lebe, hat sie mir gelehrt für die Natur Respekt und Bewunderung zu empfinden und sie zu achten. All das lebt sie selbst und mit jedem ihrer Worte spricht sie es aus.

    Wir schlendern weiter über den Feldweg. Die letzten Tage hat es leicht geregnet. Der Weg ist aufgeweicht und matschig. Ich bin froh, dass ich die dicken, alten Stiefel trage. Meine neuen wären längst hinüber. Über uns kreist ein Mäusebussard. Mit scharfem Blick sucht er nach kleinen Nagern, die übers brachliegende Feld sausen. Auf der eingezäunten Wiese neben uns liegt ein kleines rot-weißes Kälbchen im nassen, kalten Gras. Es ist erst vor wenigen Tagen geboren worden und schaut etwas griesgrämig drein. Das schönste Wetter hat es sich tatsächlich nicht ausgesucht, um den Sprung ins aufregende Leben zu beginnen.

    Vor uns liegt nun in einigen hundert Metern Entfernung der Wald. Meine Oma bestaunt gern die mächtigen Bäume, die sich federleicht und manchmal auch quietschend im Wind wiegen. Tief unter ihren hohen Kronen, versteckt im vermoosten und erdigen Waldboden, wächst zwischen Kiefernnadeln und Tannenzapfen der kleine zierliche Nachwuchs. Er sieht wie ein flauschiges, weiches Büschel aus grünen Streifen aus und ich wundere mich, wie groß und stark diese winzigen Bäumchen einmal werden können. Ich kann verstehen, dass der Wald für meine Oma etwas Besonderes ist. „Der Wald ist mein Freund und für mich der »Doktor der Seele«“, sagt sie und betrachtet ihre alten, knorrigen Baumfreunde glücklich.

    Wir nähern uns dem Waldweg und man kann schon von weiter Entfernung das Dröhnen der großen Maschinen hören, die sich am Wald zu schaffen machen. Normalerweise hätte man hier wohl schon den Ruf des Eichelhähers vernommen, der mit seinem Krächzen die anderen Tiere vor Menschen warnt. Heute ist dem nicht so. Wahrscheinlich ist er schon längst weiter fort geflogen, denn seinen Wald gibt es nicht mehr.

    Ich möchte von meiner Oma wissen, warum ausgerechnet diese Stelle des Waldes abgeholzt wird. Während wir weiter den sandigen Weg entlang laufen, erklärt sie mir, dass der umliegende Wald, sowie Wiesen und Felder zu DDR Zeiten unter den Angestammten des Dorfes verteilt wurden. Aus diesem Grund ist der Großteil der nahen Natur in Privatbesitz. Meine Großeltern sind erst vor rund dreißig Jahren hierher gezogen und besitzen daher kein eigenes Land. Das kleine Stück Wald, dass nun den Holzrückern und Kettensägen zum Opfer fällt, gehört ursprünglich noch der Gemeinde. Und die Gemeinde… braucht Geld.

    Aus diesem Grund krachen nun 80jährige Kiefern und Fichten mit einem ächzenden Seufzer auf den weichen Waldboden. Einige von ihnen, gerade einmal drei Jahrzehnte alt, hat meine Oma mit ihren Schulkindern noch selbst gepflanzt. Jeden Tag hat sie seitdem beobachtet, wie die Bäumchen größer und stärker werden, wie sie jedem Wetter trotzen und im Frühling neue Nadeln sprießen. Mit einem kurzen „Ratsch“ war nun alles vorbei.

    Als wir am Waldrand ankommen, können wir schon die aufgestapelten Baumstämme sehen. Der sonst so zarte Duft des Nadelwaldes liegt heute intensiv in der Luft. Der Geruch des frisch geschlagenen Holzes dringt scharf in unsere Nasen, als wolle er auf ewig dort hängenbleiben und uns an dieses Bild erinnern. Es riecht nach Abschied. Auf der Lichtung parkt ein silberner Jeep. Sein Kennzeichen sagt uns, dass er aus Österreich kommt. Österreichische Firmen holzen unseren Wald ab, weil die Gemeinde Geld braucht. In meinen Jackentaschen balle ich die Fäuste. Es ist ein schreckliches Gefühl, wenn man einer Situation so machtlos gegenüber steht. Der Mensch hat keinen Blick für die Baumriesen, die wie Espenlaub zittern. Er verrichtet gefühllos seine Arbeit. Unsere mächtigen Kiefern sind nun in Stücke gesägt und auf große Stapel geschichtet – viele Haufen Profit.

    Wortlos begutachten wir die Lage. Der Waldweg ist total von den schweren Maschinen zerfahren. Wir stehen völlig im Schlamm. Der Hund sieht aus wie ein kleines Ferkel. Kein Vogelzwitschern ist zu hören. In unserem Wald klafft ein riesiges Loch, wie eine Wunde im pulsierenden Grün. Wir gehen den Weg entlang tiefer in den Wald hinein. Am Rand der Strecke ziehen sich die Stapel entlang. Sie reichen über unsere Köpfe hinaus. Wir entdecken noch ein paar einzelne dicke Stämme, die rote Striche tragen. Sie werden den kreischenden Sägen noch zum Opfer fallen und dann ebenfalls in kleine Stücke geschnitten, fein säuberlich verladen, abgefahren.
     

     

    Trotzdem atmen wir erst mal erleichtert auf und auf dem alten Gesicht meiner Oma zeichnet sich ein kleines Lächeln ab. Ehrlicherweise hätten wir es noch für viel schlimmer gehalten. Wir drehen unsere Runde im Wald und laufen den Weg dann wieder frohen Mutes heim.

    Einige Tage später sollte uns dann doch noch der Schlag treffen. Meine Oma hatte sich mit einem Mann aus dem Dorf unterhalten, der ebenso entzürnt über den Kahlschlag war, wie wir. Als meine Oma nach diesem Gespräch ein weiteres Mal ihren Wald besuchte, hatte man eine tiefe Schneise geschlagen, die bis zu den Wolfsteichen reichte. Früher waren die Wolfsteiche eine kleine idyllische Lichtung mitten im Wald. Um die kleinen Tümpel schmiegte sich das grüne, weiche Gras und man konnte überall Spuren von Tieren entdecken, die zum Trinken gekommen waren. Diese Idylle war nun zerstört. Unser Wald war zerstört.

    Das einzige, was meine Oma und mich tröstet, sind die flauschigen, weichen Büschel aus grünen Streifen, die in einigen Jahrzehnten wieder so groß gewachsen sein werden, wie ihre Vorfahren. Meine Oma wird das wohl leider nicht mehr erleben. Sie wünscht sich in Anbetracht der Werte, die der Wald für die Natur und die Menschen hat, dass seine Bedeutung wieder mehr ins Bewusstsein der Menschen dringt. Ihr Denken und Handeln sollte mehr vom Schutz und maßvollem Umgang mit der Natur und des Waldes geprägt sein und nicht nur von Geld und Profit bestimmt werden.

     

     

     

    Im gemütlichen kleinen Haus meiner Oma hängt eine schmale Holztafel an der Wand. Auf ihr finden sich die Zeichnung eines Baumes und eines Eichhörnchens und ein kleiner, aber bedeutsamer Spruch.

    »Ich bin der Wald, ich bin uralt.
    Ich hege den Hirsch, ich hege das Reh.
    Ich schütz euch vor Sturm,
    Ich schütz euch vor Schnee.
    Ich wehre dem Frost, ich wahre die Quelle.
    Ich hüte die Scholle, bin immer zur Stelle.
    Ich bau euch das Haus, ich heiz euch den Herd.
    Darum ihr Menschen haltet mich wert «


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    Eine Reportage von Ulrike Leupold
    Bilder © Ulrike Leupold / Jonas Leupold
    Video © WWF
     

Kommentare

24 Kommentare
  • Annikally20
    Annikally20 Ich finde den Artikel richtig ergreifend! Man würde am liebsten sofort was dagegen tun :(
    2. Februar 2012
  • midori
    midori Ich freue mich, dass Euch der Artikel gefällt und bedanke mich für Eure lieben Kommentare. Meine Oma hat mir erzählt, dass der letzte große Holzstapel abtransportiert wurde. Hoffen wir, dass der Wald nun endlich seine Ruhe hat..
    5. Februar 2012
  • raubkatze
    raubkatze Ich werde auch immer ganz traurig, wenn ich Bauarbeiter sehe, die Wald abholzen. Überall hinterlassen sie Schmutz und kahle Stellen im Wald.
    Wenn gerodet wird, warum denn nicht nachhaltig?
    25. Mai 2012
  • Zerschmetterling
    Zerschmetterling Ein wirklich großartiger Bericht.
    Der Wald von dem du erzählst, und wie du von ihm erzählst, erinnert mich an einen schönen, sehr besonderen Wald, der, wie bei dir, ebenfalls bei meinen Großeltern steht. Ein paar Schritte nur u...  mehr
    9. September 2014