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Reise in den Regenwald - Graupapageien (13/15)

  • Eigentlich wollten wir vor drei Tagen zu unserer nächsten Lichtung aufbrechen. Aber statt um die verabredete Uhrzeit – 07:00 Uhr – kommt unser Fahrer erst um 10:15 Uhr ins Camp gerauscht. Das ist natürlich viel zu spät, um noch ordentlich auf der Lichtung arbeiten zu können. Deshalb lassen wir uns von ihm hoch zum Büro fahren.

    Wir setzen uns an die Computer, reichen das einzige Internetkabel hin und her. Die Sonne hat sich immer noch nicht blicken lassen. Seit Tagen macht sich eine dicke Wolkenwand am Himmel breit. Das schlägt auch ein wenig aufs Gemüt. Wir sitzen noch nicht lange im Büro, da sagt Maryntho „Sie haben einen Sack mit Graupapageienköpfen aus dem Wald geholt“. Ich lasse sofort alles stehen und liegen.
    Nicht nur die Köpfe, auch die Wilderer haben sie mitgebracht. Ob wir den Sack mit den Köpfen sehen wollen fragen sie - „Ja“. Der Sack wird in einem kleinen Raum gelagert. In ihm befindet sich auch die Toilette. Und auch die beiden Wilderer haben sie dort untergebracht. Als die Tür geöffnet wird, schlägt mir eine heftig riechende Wolke ins Gesicht. Es riecht nach Vögeln und Tod.

    Der Sack steht ganz hinten im schmalen Raum. Davor sitzen die beiden Wilderer in Handschellen auf dem Boden. Einer der beiden schaut ziemlich trotzig drein. Als wolle er sagen „Ihr könnt mir sowieso nichts anhaben“. Der Andere sieht anders aus. Beinahe scheint es so, als würde er am liebsten aus dem Wilderei-Geschäft aussteigen wollen. Er sieht mich ganz wehmütig an. Richtig fertig sieht er aus. Dann schaut er weg. Und ich schaue einfach nur. Dann geben sie uns den Sack mit den Köpfen. Er wird geöffnet. Die Papageien sind schmierig, dunkel, die Augen fehlen. Es stinkt. Das Innere des Sacks ist ziemlich feucht. 241 Graupapageien haben sie die Köpfe abgeschnitten. Die Türe wird wieder geschlossen.

    „Willst du auch die Lebenden sehen?“

    In einem Büroraum neben der Toilette steht eine flache Holzkiste, die aus mehreren Brettern zusammengebaut wurde. Sie ist nicht sehr groß. Ca. 0,7x0,1x1,2 Meter. In ihr finden wir dreizehn Graupapageien. Ihnen haben die Wilderer die Schwungfedern herausgerissen, damit sie nicht wegfliegen können. Einigen fehlen die roten Schwanzfedern. Für eine dieser Federn bekommt man 400 Francs. Das sind umgerechnet ungefähr 60 Cent. Für die Köpfe findet man Abnehmer, die bis zu 10.000 Francs bieten – 15€ also.
    In dem Raum liegt außerdem das Netz, in dem die Vögel gefangen wurden. Es wurde auf einer Lichtung ausgelegt. Dann Erdnüsse hinein gestreut. Als sich die Papageien gesetzt haben, um die Nüsse zu fressen, wurde das Netz zugezogen.

    Ich frage, ob ich Fotos machen darf. Dazu wird alles nach draußen in die Sonne gebracht. Der Sack mit den Köpfen, die Wilderer, das Netz und die Kiste mit den lebenden Tieren. Jetzt wird die Kiste auch geöffnet. Die Papageien haben Angst und fangen an zu schreien. Sie versuchen sich zwischen ihren Artgenossen zu verstecken.

    Später helfe ich dabei die Graupapageien zu versorgen. Ich schneide den Boden einer Flasche ab in der noch Wasser ist. Dann stelle ich den Napf zu den Papageien in den Verschlag. Ich habe Respekt vor ihren Schnäbeln, also bedecke ich meine Hand mit meinem Ärmel. Aber statt nach mir zu hacken, verkriechen sich die Papageien noch mehr im Gefieder ihrer Kameraden.

    „Was passiert mit den Papageien?“ - sie bleiben hier. Bis ihre Federn nachgewachsen sind und sie wieder fliegen können dauert es zwei Monate. Solange werden sie in den Garten gesetzt. Dann kann einer nach dem anderen wegfliegen. „Wann werden sie denn in den Garten gebracht?“ – „Morgen.“ „Morgen?!?“ – auf mein Drängen wird morgen zu heute. Einer der Mitarbeiter hebt die Kiste auf seinen Kopf und wir begleiten ihn zu einem der Bäume im Garten hinter den Büroräumen. Die Kiste wird wieder geöffnet. Aber das scheint die Tiere nur zu ängstigen. Sie drängen sich dicht in den Ecken der Kiste zusammen. Ich hatte erwartet, dass sie gleich aus dem Käfig in den Garten laufen.

    Ich kann mir gar nicht vorstellen, was sie durchgemacht haben müssen. Tagelang eingesperrt zu sein in der Kiste, die Federn herausgerissen zu bekommen, im Netz zusammengeschnürt zu werden.. Futter haben sie sicherlich auch keins bekommen. Jetzt liegen Erdnüsse in ihrem Versteck. Die wurden von den WWF-Mitarbeitern hinein gestreut. Als wir uns ein wenig zurückziehen wagt der erste Vogel die Flucht. Er steigt auf den Rand des Verschlags. Dann versucht er loszufliegen. Er scheitert. Dann klettert er auf den Baum. Bald folgen ihm auch Andere. Zwei von ihnen gelingt sogar der Flugversuch. Das ist das Schönste am ganzen Tag – zu sehen wie zwei von den Papageien zurück in den Wald fliegen.
    Da es schon dunkel wird, müssen wir bald aufbrechen. Schließlich sind wir eine Stunde unterwegs bis wir das Camp Kombo erreichen.

    Die Wilderer sollen später ins Gefängnis gebracht werden. Dort bleiben sie für sechs bis zwölf Monate. Außerdem werden sie eine Geldstrafe zahlen müssen.

    Am nächsten Morgen soll nun der am Vortag gescheiterte Lichtungs-Besuch nachgeholt werden. Heute ist unser Fahrer pünktlich. Es geht los! Auf in den Wald! Es ist auch schon über eine Woche her, dass ich im Wald war.
    Ein paar Stunden später kommen auf der Lichtung an. Julia will heute Bodenproben sammeln. Außerdem ein paar Pflanzen bestimmen. Dazu stecken wir 4x4 Meter große Quadrate ab. Dann schaut sich Julia in ihnen um und fotografiert und vermisst die Pflanzen. Drei Stunden laufen wir im Bai herum. Dabei hole ich mir einen Sonnenbrand. Im Nacken verbrannt, an den Beinen eingesumpft. Auf dieser Lichtung gibt es sogar Treibsand. Wir treten mehrmals an den Wurzeln von Pflanzen vorbei, auf denen wir den besten Halt finden, und versinken. Dann gelangen wir an eine trockenere Stelle, gefolgt von einem nach faulen Eiern riechenden Sumpf.
    Anstrengend war der Ausflug. Auf dem Rückweg durch den Wald finden wir ein paar Früchte, die die Graupapageien gerne fressen. Wie sammeln ein paar von ihnen auf und packen sie ein.
    Als wir fast am Ende des Weges angelangt sind, landen wir mitten in einer Gruppe von Gorillas. Sie sind im Wald verstreut und schreien als sie uns bemerken. Diesmal sehen wir keinen von ihnen. Der Silberrücken befindet sich auf der einen Seite des Pfades, seine Familie auf der anderen. Dass wir nun in der Mitte der Gruppe sind, stellt für ihn eine Bedrohung dar. Maryntho schlägt mit der Machete auf den Boden und gegen die Bäume und fängt an zu schreien. Wir hören die Gorillas danach nicht mehr und gehen behutsam weiter.

    Am Ende des Pfades haben wir nochmal eine besondere Begegnung. Wie oft wurde mir gesagt „Du wirst keine Schlange sehen. Da brauchst du viel Glück! Das ist noch unwahrscheinlicher als in der Lotterie zu gewinnen“. Aber am Wegrand schaut plötzlich eine Grüne Mamba zwischen den Ästen hervor. Sie ist eine Giftschlange. Ihr Gift ist tödlich und wirkt innerhalb von zehn Minuten. Dieses Exemplar zieht sich nach ein paar Augenblicken glücklicherweise ins Dickicht zurück.

    Wir machen Halt am Büro. Schließlich wollen wir den Papageien ihr Abendbrot vorbeibringen. Einer von ihnen fällt aus vier Metern Höhe vom Baum. Klar, wenn sie von einem Ast zum nächste „flattern“ wollen, gelingt ihnen das noch nicht so gut. Der Gefallene läuft schon Richtung Gebüsch, als er abrupt stehen bleibt. Er hat die großen gelben Früchte in unseren Händen entdeckt. Wir legen sie auf dem Boden aus. Er traut sich aber nicht richtig an sie heran. Ich nehme mir eine der Früchte und rolle sie vorsichtig zu ihm hin. Er bekommt riesige Augen und öffnet den Schnabel. Er muss wirklich großen Hunger haben. Er verliert sogar die Scheu vor mir und tapst nun zur Frucht. Wir lassen ihn in Ruhe und fahren zurück ins Camp.

    Es war total schön, dass der Papagei sich so sehr über unser Mitbringsel gefreut hat. Ich habe bei einem Tier noch nie so eine Begeisterung gesehen. Sie hat sich in seinem ganzen Körper gezeigt. Vom Öffnen des Schnabels, über die großen Augen bis hin zum aufgestellten Gefieder konnten wir sehen, was die Frucht in dem Vogel auslöst.


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Kommentare

4 Kommentare
  • LSternus
    LSternus Du hast da wieder einen wundervollen Bericht geschrieben. ich beneide dich ganz ehrlich.

    Ich frage mich aber auch, wer an abgeschlagenen Papageienköpfen interessiert ist?mir läuft es kalt den Rücken runter, wenn ich daran denke,dass jemand...  mehr
    26. Dezember 2011
  • Janine
    Janine Die Papageienköpfe werden, genauso wie Gorillahände, für schwarze Magie eingesetzt. Das ist so ne Art Beschwörung, vielleicht könnte man es auch teilweise mit Voodoo vergleichen. Maryntho hat mal erzählt, dass ihn auch ein pa...  mehr
    27. Dezember 2011
  • midori
    midori Die Geschichte von den Papageien ist immer wieder schön! Also für die Tiere, die das ganze überlebt haben! Kann mir gut vorstellen, wie er die gelbe Frucht vor lauter Begeisterung gefuttert hat. Echt süß! :o)
    27. Dezember 2011
  • Liiisa
    Liiisa Mich macht es immer wieder traurig so etwas zu sehen. Wir haben selber einen Grau Papagei zu hause...es ist echt schrecklich und pervers.
    Ich versteh nicht warum menschen so etwas tun können.

    Aber schöner Bericht und muss echt schön gewes...  mehr
    28. Dezember 2011