Berichte

Warum tun wir uns eigentlich so schwer?

  • Wenn ich an meine Kindheit denke, denke ich an Bibi-Blocksberg-Kassetten, das Sonntagmärchen auf KIKA, heimliche Nachtwanderungen zum Nascheschrank und an mein Lieblings-Felix-Buch. Dieses Buch erzählte die Geschichte des kleinen Stoffhasen Felix, der eine Reise zum Mond antrat. Vom Mond aus fotografierte er die Erde und schickte dieses Foto nach Hause. Auch in meinem Buch, konnte ich das Foto finden. Ich weiß noch, wie sehr es mich beeindruckt hat. Das ist mein Zuhause. Das ist die Erde, darauf laufe ich herum, darauf lebe ich.
     

    Kinder von heute brauchen kein Felixbuch mehr, um ein Bild von unserer Erde zu sehen. Zeitungen, Zeitschriften, das Internet, Fernsehsender…überall tümmeln sich Bilder unserer großen Heimat, begleitend zu einem Artikel oder einer Reportage zu den Problemen der globalen Erwärmung, den Auswirkungen des Klimawandels. Das Argument „Wir werden ja gar nicht genug über den Klimawandel informiert“ zieht nicht.
     

    Aber warum tun wir uns so schwer damit, die Informationen, die wir zwangsläufig irgendwie aufnehmen müssen, sinnvoll im Alltag zu verwerten? So paradox es klingen mag, womöglich ist eine Antwort auf diese Frage, dass wir zu viele Informationen erhalten.
     

    Der Mensch ist ein sehr empfindliches Wesen. Er hat immense Entscheidungsschwierigkeiten, errichtet sich deshalb Regeln und Gewohnheiten, die seinen Alltag bestimmen und die ihm den Zwang abnehmen, jeden Tag neue Entscheidungen treffen zu müssen. Er wahrt und verteidigt liebgewonnene Ansichten, schreckt vor augenscheinlich unlösbaren Aufgaben zurück. Er benötigt klare Anweisungen, eine starke Gruppe, die ihn mitreißt oder einfach eindeutige Handlungsvorgaben.
     

    Das ist es wohl, was ihm fehlt. Die vielen Informationen, die ihn zum Thema Klimawandel erreichen, sind alles andere als eindeutig. Während auf der einen Seite Horrorszenarien verbreitet werden, gibt es auf der anderen Seite immer noch Menschen, die den Klimawandel abstreiten, oder zumindest die Tatsache, dass er vom Menschen verursacht wurde. Das Misstrauen in die Aussagen vieler Experten aber insbesondere auch vieler Politiker ist groß. Wie ein Schwamm saugt der Mensch lieber alle Informationen auf, die die Dramatik der Situation herunterspielen. „Ist schon alles nicht so schlimm“, sagen sich viele, um an ihren lieben Gewohnheiten festhalten zu können.

    Und wenn sich das schlechte Gewissen in einem passenden Moment doch mal anschleicht, so wandert eben das Biobrot anstelle des GoldenToasts in den Einkaufswagen. „Eine gute Tat am Tag…“
    Aber im Großen und Ganzen bleibt ein Gefühl der Machtlosigkeit zurück. Was kann ein Mensch alleine schon ausrichten, wenn er nicht mit dem Auto sondern dem Fahrrad zur Arbeit fährt? Davon hören die Gletscher auch nicht auf zu schmelzen.
    Er ist hin- und hergerissen. Helfen, aktiv werden? Oder ist eh schon alles zu spät? Und wenn nicht, was soll ich tun?
     

    Hingegen jeder Sinnhaftigkeit macht sich eine Ohnmacht in der Weltbevölkerung breit. Eine durchaus verständliche Ohnmacht, in Anbetracht der großen Aufgabe, die unserer Generation und den Folgenden zuteilwird, aber eben auch eine fatale Ohnmacht. Der Ansatz, die Menschen mit Informationen zu versorgen und damit eine Grundlage für ein sinnvolles Handeln zu erschaffen ist sicher nicht verkehrt. Aber irgendwie müssen die psychologischen Barrieren, die die Menschen hemmen, überwunden werden.

    Vielleicht ist es gar nicht immer sinnvoll, das Problem in diesen ungeheuer großen Dimensionen zu erklären. Wie kann sich der Deutsche, der sonntags seine Brötchen beim Bäcker um die Ecke mit dem Auto holt, mit dem Gurkenbauern in Indien, der gegen einen veränderten Monsunzyklus kämpft, identifizieren? Der Deutsche steigt in sein Auto, hat sich womöglich noch am Vorabend eine Reportage über die globalen Auswirkungen des Klimawandels angesehen, doch wieso sollte ihn das jetzt direkt dazu bringen per pedes anstatt mit dem Auto zum Bäcker zu gelangen? Ich bezweifle, dass der Mensch in der Lage ist, in diesen großen Dimensionen überhaupt zu denken. Darauf ist er eigentlich nicht ausgelegt. Diese Form des Denkens ist eine, die uns das junge Zeitalter der Globalisierung abverlangt, das uns aber schlichtweg überfordert.
     

    Womöglich ist regionales Handeln ein sinnvollerer Ansatz, um unsere Probleme zu lösen. Wie arbeitet eigentlich der Bauer meines Dorfes? Hat er die Auswirkungen des Klimawandels oder des veränderten Konsumverhaltens der Ortsansässigen schon zu spüren bekommen? Könnte ich das Wasser aus dem Bach, der durch den Park verläuft eigentlich trinken? Woher beziehe ich das Wasser, das aus der Leitung kommt und wie sicher ist meine Versorgung in der Zukunft? Wie gut ist die Luft in meinem Ort? Warum wurden diese alten Bäume in meiner Straße denn gefällt? Warum hat mein Nachbar seine Bäume im Garten entfernt?
     

    Interesse auf kleinster Ebene könnte vielleicht mehr bewirken, als die Flut an Informationen, die uns im Moment zu ertränken droht. Vielleicht könnte es die Nähe zwischen den Menschen wieder fördern, die Anonymität verringern und somit letztlich die Kraft dazu liefern sich zu engagieren und tatsächlich etwas zu bewirken.
     

Kommentare

13 Kommentare
  • LenaSofie
    LenaSofie Vielen Dank erstmal:) Ich freue mich, dass ihr euch darin wiederfindet was ich schreibe und dass ihr mir zustimmt!:)
    Ich denke, das wichtigste, was vor allem anderen kommt, ist die Veränderung im Bewusstsein der Menschen. Ich wollte mit dem Bericht ...  mehr
    22. November 2011
  • regentag
    regentag Ich glaube auch, dass viele einfach zu bequem sind, um etwas zu verändern und das dann mit der Floskel begründen, dass sie alleine durch alltägliche Dinge nichts verändern können. Aber das ist falsch. Wenn viele kleine Leute in vi...  mehr
    23. November 2011
  • HannaS
    HannaS Erstmal auch Kompliment für den tollen Bericht!
    Das mit deiner Oma kann ich gut nachvollziehen, ich höre meinem Opa auch total gerne zu, wenn er von früher erzählt, er ist auch auf einem Hof aufgewachsen. Ist zwar einerseits nicht so l...  mehr
    25. November 2011
  • Juliaaa
    Juliaaa Total interessanter Aspekt!
    4. September 2012