Berichte

Weniger ist oft mehr

  • Ein bisschen mehr Verzicht und trotzdem alles gut - Ein Erfahrungsbericht

    "Sommerschlussverkauf! Alles muss raus!" "Nimm 2 zum Preis von 1!" "Sale! SOLDI! Rabatt!"

    KAUFEN SIE, NEHMEN SIE, GÖNNEN SIE SICH ! Aber DENKEN Sie bloß nicht nach!
    Irgendwann wurde es mir zu viel.

    Ich bin achtzehn Jahre alt, ich gehe sehr gerne shoppen, ich liebe es, ein Kleid das erste Mal zu tragen und nichts geht über ein paar Momente im Schuhgeschäft.

    Ich würde mich als modebewusst beschreiben. Ich weiß ungefähr was man trägt, und was lieber auf der Stange hängen bleiben sollte. Doch was sagt das über mich aus? Ist es tatsächlich eine positive Eigenschaft, sich stets damit zu beschäftigen was "geht" und was nicht? Gibt es da nicht Dinge, die bei der Wahl der Kleidung noch wichtiger sind?
    Seit ein paar Monaten hat das Wort "Modebewusstsein" eine neue Bedeutung für mich bekommen.

    Mir ist bewusst geworden, was Mode bedeuten kann. Sie ist ein Ausdruck für die Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft. Die ersten Schneeflocken rieseln vom Himmel und aus dem Radio blökt mich eine Stimme an "Winterschlussverkauf! Alles muss raus!"

    Mode ist Ausdruck für eine Konsumgesellschaft, die sich leiten lässt, die sich vorschreiben lässt, was Individualität ist, die ihren Verstand nicht unnötig bemühen möchte. Für eine Gesellschaft, die sich von bunten Schildern, Angeboten und penetranten Stimmen beeinflussen lässt. Für eine Gesellschaft, die genießt und verbraucht ohne nachzudenken.
    Es ist jetzt ungefähr 4 Monate her, dass ich für mich die Entscheidung getroffen habe, etwas zu verändern.

    Wie schon gesagt, ich liebe schöne Kleidung und mein Schrank war voll davon. Zum Geburtstag habe ich mir einen zweiten Schrank gewünscht, weil der Platz in meinem alten Kleiderschrank nicht ausreichte, um all meine Klamotten aufzunehmen. Die Wäschetonne war stets voll und beinahe jeden Tag hatte ich einen Wäschekorb mit frisch gebügelter Wäsche in meinem Zimmer stehen. Ich habe oft versucht auszumisten, aber ich hing an vielen Dingen so sehr, dass diese Versuche meist nicht von Erfolg gekrönt waren.

    Irgendwann hatte ich einfach genug von alldem. Ich habe im Internet schon vor einiger Zeit einmal Kleidung bei dem Lable "people tree" aus England bestellt. Die Ware wird dort fair gehandelt und es wird mit nachhaltigen Stoffen gearbeitet. Zu Zeiten von "Sale" kann man sie sich sogar leisten:)

    Ich habe eine Liste mit allen Basics erstellt, die man wirklich benötigt. Ein paar T-Shirts, eine Jeans, einen Rock, ein Kleid, Strickjacken. Meine Schlafanzüge und Sportsachen habe ich behalten. Der Rest wurde ohne langes Grübeln in Kisten verpackt und vorerst verstaut. Als meine neue Sachen im Schrank hingen, herrschte gähnende Leere. Ich war ein bisschen erschrocken und habe mich gefragt, ob ich das wirklich will.

    Nach vier Wochen habe ich ein erstes Fazit gezogen. Meine Mutter freut sich über die wenige Wäsche, die Kleidungsauswahl am Morgen nimmt kaum Zeit in Anspruch und trotzdem fühle ich mich in meinen Klamotten immer wohl. Was mich überrascht hat, war, dass eigentlich niemand etwas gemerkt hat. Ich habe mir Mühe gegeben meine Outfits immer neu zu kombinieren und trotz der stark gesunkenen Menge an Stoff in meinem Schrank musste ich nie zwei Tage hintereinander das selbe tragen :)

    Außerdem spare ich Geld. Wenn ich jetzt shoppen gehe, halte ich mich nicht übermäßig lange in H&M auf. Die Masse an Ware erschlägt mich manchmal fasst und ich hätte nie gedacht, dass ich das sage, aber es ist ein erleichterndes Gefühl, wenn man all dieses Dingen die kalte Schulter zeigen kann. Und ich wertschätze es sehr viel mehr als früher, wenn ich mir zum Beispiel ein Paar neue Schuhe kaufe.

    Nach diesen ersten vier Wochen habe ich nochmal darüber nachgedacht, wie es wäre meinen Schrank wieder zu füllen und meine alten Klamotten aus den Kartons zu befreien. Ich habe mich dagegen entschieden dies zu tun. Stattdessen habe ich mich auf den Flohmarkt gestellt, und meine Sachen verkauft. Nur meine Lieblingsstrickjacke und mein altes Lieblingskleid haben ihren Weg zurück in meinen Schrank gefunden.

    Seitdem lebe ich gut mit meinen paar Sachen. Für den Winter werde ich mir ein bisschen was Wärmeres zulegen müssen aber viel wird es nicht sein.

    Ich möchte diese Entscheidung nicht rückgängig machen. Natürlich weiß ich, dass ich nicht viel damit bewirke meinen Schrank auszumisten. Aber ich habe das Gefühl, einen Schritt in die richtige Richtung gemacht zu haben. Denn wenn man das Gefühl hat, dass etwas nicht richtig läuft und man mit dem System in dem man lebt nicht wirklich zufrieden sein kann, muss man etwas ändern. Ich habe versucht mich irgendwie gegen diesen ganzen Überfluss zu wehren und mir selbst damit ein bisschen mehr Freiraum zu schaffen.
    Ich glaube für die Zukunft der Menschen ist es entscheidend, ob wir lernen zu verzichten und das wertzuschätzen, was wir haben. Manchmal zeugt es von mehr Stärke, einen Schritt zurück zugehen, als immer nur nach Mehr zu streben. Ich bin gespannt, ob wir das schaffen.

    Foto: creative collection / WWF

Kommentare

14 Kommentare
  • regentag
    regentag Toller Bericht und auch gut geschrieben! :)
    Echt super, was du gemacht hast! Davon können sich viele eine Scheibe abschneiden ;)
    Was ich abgrundtief hasse sind diese Billigklamottenanbieter wie H&M, New Yorker und co. (oder noch viel schlimmer Ki...  mehr
    2. Dezember 2011
  • LaLoba
    LaLoba Wow toller Erfahrungsbericht! Ich kann mich sehr gut in dich hineinversetzten, man wird heutzutage echt mit Kleidung erschlagen! Ich sehe mich immer mehr nach fairtrade und nachhaltiger Kleidung um, aber die ist in den Geschäften ja leider nicht sehr...  mehr
    3. Dezember 2011
  • Stoffie
    Stoffie richtiger toller bericht und super geschrieben! hätte ewig weiter lesen können :)
    ich hab mich mittlerweil auch für fair trade und bio entschieden nur das ich jetzt meine alten klamotten die ich noch von früher solange trage bis sie v&...  mehr
    4. Dezember 2011
  • SaveTheWorld.
    SaveTheWorld. Toller, motivierender Artikel! :D Du hast in all den Dingen so recht! Und mir geht es genauso. Seitdem ich eine Doku über "Mode" und die Produktion von unserer Kleidung gesehen habe, achte ich viel mehr auf den Kauf von nachhaltig produzier...  mehr
    5. Dezember 2011