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Globale Verdunkelung vs. Globale Erwärmung

  • New York, 12. September 2001. Kurz nach der Tragödie hat keiner in Amerika Augen für das herrliche Wetter. Oder besser gesagt: Keiner bis auf David Travis. Der Klimaforscher untersuchte schon seit fünfzehn Jahren die Auswirkungen von den Kondensstreifen der Flugzeuge auf unser Klima. Da nach dem Anschlag auf das World Trade Center in den USA für drei Tage der gesamte Flugverkehr eingestellt wurde, bot sich ihm eine einmalige Forschungsmöglichkeit.

    „Am 12.9. merkte ich, wie blau der Himmel war“, sagt Travis. „Zuerst dachte ich mir nichts dabei, dann fiel mir auf, dass der Himmel ungewöhnlich klar war.“ Er sammelte Temperaturwerte aus den gesamten USA und stellte fest, dass sich die Temperaturspanne – also der Unterschied zwischen der Tageshöchsttemperatur und dem nächtlichen Tiefwert – während den drei Tagen um ein Grad Celsius erhöht hatte. „Für einen Laien hört sich das nach wenig an, aber klimatisch betrachtet ist das enorm.“

    Rund um den Erdball machten während den letzten Jahrzehnten Biologen, Wissenschaftler und Forscher unabhängig voneinander ähnliche Beobachtungen – allen voran der Biologe Gerald Stanhill und die Klimatologin Beate Liepert. Sie erkannten, dass sich die Sonneneinstrahlung weltweit zwischen den fünfziger und den neunziger Jahren verringert hatte. Um 22 Prozent in Israel, um neun Prozent in der Antarktis, um zehn Prozent in den USA, um fast 30 Prozent in Russland und auf den britischen Inseln zum Teil um 16 Prozent. Es war tatsächlich ein globales Phänomen und Gerald Stanhill gab ihm den passenden Namen: Globale Verdunkelung.

    Doch die meisten Wissenschaftler blieben skeptisch. Und das nicht ohne Grund, schließlich war schon lange allgemein bekannt, dass sich die Erde erwärmte. Eine Verringerung der Sonnenstrahlung aber hätte zu einer Abkühlung der Erdatmosphäre führen müssen.

    Erst als ein internationales Team um den Klimaforscher Veerabhadran Ramanathan auf den Malediven ein Feldexperiment zur Erforschung der Ursache der globalen Verdunkelung durchführte, begann die Fachwelt dieses Phänomen anzuerkennen. Das kostspielige Experiment startete im Jahr 1995 und dauerte vier Jahre, während denen es wertvolle Ergebnisse brachte:

    Die Ursache für die Verringerung der Sonneneinstrahlung lag in dem Feinstaub in der Luft. Denn das Verfeuern von Brennstoff führt nicht nur zu dem Ausstoß der unsichtbaren Treibhausgase, die für die Klimaerwärmung verantwortlich sind. Es verursacht auch eine sichtbare Luftverschmutzung: Kleine Rußpartikel und anderer Feinstaub, die durch die Luft schweben. Und das wiederum bewirkt auf zweierlei Wegen, dass die Intensität der Sonnenstrahlen abnimmt. Zum einen blockieren die Schmutzteilchen selbst einen Teil des Sonnenlichts. Zum anderen gibt es in verschmutzter Luft viel mehr Schwebeteilchen, an denen sich kleine Wassertröpfchen bilden können, als in sauberer Luft. Dadurch werden die Wolken zu einer Art Spiegel, die Licht in den Weltraum zurückstrahlen und die Sonnenwärme abhalten.

    Na, das ist doch wunderbar!, könnte man jetzt denken. Da haben wir doch endlich einen Weg gefunden, wie wir auf ganz bequeme Weise der globalen Klimaerwärmung entgegenwirken können! Einige Forscher denken tatsächlich so und merken zusätzlich an, dass durch dieses Verdunkelungsphänomen das Licht mehr gestreut wird und die Pflanzen mehr Kohlendioxid aufnehmen können.

    Doch so einfach ist das nicht. Ramanathan stellte fest, dass sich durch die stärkere Reflexion der Wolken die Verteilung der Regenfälle auf der Erde veränderte. Um diese Zusammenhänge genauer verstehen zu können, möchte ich einen kleinen Exkurs machen (wem das zu ausführlich wird, der überspringt diesen Absatz einfach). Vielleicht habt ihr von der schrecklichen Hungersnot von 1984 in Äthiopien gehört. Auslöser dafür war eine Trockenheit im gesamten Gebiet am Südrand der Sahara, der Sahelzone. Zwanzig Jahre lang war dort der lebenswichtige Sommerregen – der Monsun – ausgeblieben. Normalerweise erwärmt im Sommer die Sonne die Ozeane nördlich des Äquators. Dies zieht den Regengürtel, der sich über dem Äquator bildet, nach Norden, was der Sahelzone Regen bringt. Für viele Wissenschaftler war das Ausbleiben dieser Regenfälle während der siebziger und achtziger Jahre lange Zeit ein Rätsel. Der Klimaforscher Leon Rotstayn war der erste, der die Erkenntnisse des Experiments von Ramanathan mit einbezog und er erkannte: „Wenn wir in unserem Modell zuließen, dass die Luftverschmutzung aus Europa und Nordamerika sich auf die Eigenschaften der Wolken auswirkte, reflektierten die Wolken mehr Sonnenlicht zurück ins Weltall, wodurch sich die Meere der nördlichen Hemisphäre abkühlten. Dies führte dazu, dass sich die tropischen Regenwänder nach Süden bewegte, weg von der stärker verschmutzten nördlichen, hinab in die südliche Hemisphäre.“

    Demzufolge hätten die Abgase unserer Autos und Kraftwerke zu dem Tod von Millionen Menschen in Afrika geführt. Und Ramanathan fürchtet, dass sich die globale Verdunkelung in Zukunft auch auf den asiatischen Monsun auswirken könnte: „Dabei ginge es nicht um einige Millionen von Menschen, sondern mehrere Milliarden.“

    Und das ist vielleicht noch nicht einmal die erschreckendste Schlussfolgerung, die man aus den Erkenntnissen über die globale Verdunkelung ziehen kann. Klimatologen befürchten, dass sie aufgrund der globalen Verdunkelung das wahre Potenzial der globalen Erwärmung unterschätzt haben. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Erde viel empfindlicher auf Treibhausgase reagiert, als ursprünglich angenommen.

    Der Klimatologe Peter Cox erklärt: „Wir haben es mit zwei konkurrierenden Effekten zu tun: Der Treibhauseffekt, der das Klima erwärmt und ein Effekt, der viel stärker ist als wir dachten, die Abkühlung durch Feinstaub in der Atmosphäre. Das Klima hat sich während den letzten hundert Jahren um 0,6 Grad erwärmt. Alles entwickelt sich in diese Richtung. Wenn sich herausstellt, dass die Abkühlung stärker ist, als wir dachten, dann ist auch die Erwärmung stärker als wir dachten.“

    In vielen Industriestaaten wird bereits der Luftverschmutzung entgegengewirkt – beispielsweise durch Katalysatoren in Autos oder Filter für Kraftwerke. Doch was wenn diese Maßnahmen dazu führen, dass sich unser Klima noch viel schneller aufheizt?

    Cox und seine Kollegen befürchten, dass die Temperaturen doppelt so schnell ansteigen könnten, wie bisher angenommen. Cox: „Wenn wir nichts tun, könnten wir 2030 eine globale Erwärmung um mehr als zwei Grad haben. Das ist der Punkt, an dem die Grönländischen Gletscher unaufhaltsam abschmelzen würden.“ Das Risiko für Flutkatastrophen würde steigen und die tropischen Regenwälder würden in den steigenden Temperaturen verdorren und verbrennen. Dadurch wiederum würden große Mengen von Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangen und die globale Erwärmung noch weiter beschleunigen. Nach Cox‘ Berechnungen könnte die Erde in nur einem Jahrhundert zehn Grad wärmer sein. Ein solcher Anstieg würde genügen, um riesige Mengen natürlich vorkommender Methanhydrate freizusetzen – als Treibhausgas achtmal so schädlich wie CO2. An dieser Stelle käme jede Maßnahme zur Begrenzung unserer Emissionen zu spät. Das Klima geriete völlig außer Kontrolle und würde Temperaturen erreichen, die es in vier Milliarden Jahren nicht mehr auf der Erde gegeben hat.

    Was also tun? Weiterhin die Luft verschmutzen ist keine Alternative, aber allein die Luftverschmutzung zu verringern ist mindestens genauso fatal. Die einzige Lösung ist, sowohl die Verschmutzung der Luft als auch die Treibhausgasemissionen zu verringern. Nur so können wir unser Klima retten.

     

     

     

    Quellen:
    Liepert, Beate (2002): Observed Reductions in Surface Solar Radiation in the United States and Worldwide from 1961 to 1990
    „Wenn die Erde dunkel wird“, ein Film von Duncan Copp
    http://www.eduhi.at/index.php?url=news&bereich=bildungsnews&news_id=2150

    Bildquellen:

    © Dr Peter Goebel
    © Douglas Robertson / WWF
    © WWF photodisk
    © Steve Morgan / WWF-Canon
    © Nigel Dickinson / WWF-Canon

     

Kommentare

8 Kommentare
  • Sarah25
    Sarah25 Super Bericht! Ich schließe mich den anderen an... :)
    7. November 2011
  • Jutta
    Jutta Ich finde den Artikel auch sehr interessant und gut geschrieben!

    Allerdings verwundert mich der Schluss, dass es zu einer Abkühlung durch Rusßpartikel in der Luft kommt. Klimatlogie ist zwar eigentlich nicht mein Gebiet, aber ich meine mich zu...  mehr
    13. November 2011
  • Meli
    Meli Hilfe! Das macht mir Angst! Aber was sind diese Treibhausgase eigentlich genau? Und was kann ich tun um weniger von ihnen in die Atmosphäre zu pusten?
    13. November 2011
  • NightWolf
    NightWolf Wunderbarer Artikel! Sehr informativ aber auch sehr erschreckend! Wird meine Bio-Lehrerin bestimmt auch sehr interessieren ;)
    29. November 2011