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Stechen wir dem Planeten die Augen aus? Der aktuelle Stand in Sachen Klimawandel

  • „Der Patient Erde hat Fieber. Bisher nur leicht, aber ein kräftiger Anstieg ist zu erwarten und wir müssen jetzt sehr schnell alles daran setzen, dass das Fieber nicht lebensbedrohlich wird.“ Mit diesen Worten beginnt Prof. Hans Joachim Schellnhuber kürzlich in Berlin seinen Vortrag über den aktuellen Stand in Klimaforschung und –politik. Schellnhuber ist Direktor des angesehenen Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, berät Bundesregierung und EU-Kommission in Sachen Klimawandel und gehört als einer der weltweit renommiertesten Klimaforscher dem Weltklimarat (IPCC) an.

    Seit der grandios gescheiterten UN-Klimakonferenz von Kopenhagen im Dezember 2009 ist es ruhig geworden um den Klimawandel. Neue Erkenntnisse aus der Wissenschaft und aktuelle klimapolitische Diskussionen spielen in der öffentlichen Wahrnehmung kaum eine Rolle und schaffen es wenn überhaupt als kleine Randnotiz in die Medien. Die Finanzkrise hält die Welt in Atem, die Klimakrise scheint vergessen. Dass das keine gute Nachricht ist, weil der Klimawandel unvermindert mit hohem Tempo voranschreitet, daran lässt Hans Joachim Schellnhuber keinen Zweifel: „Der anthropogene, also menschengemachte, Klimawandel lässt sich nicht mehr wegdiskutieren. Es gibt ausreichend wissenschaftliche Beweise und die Daten der letzten Jahre sind beunruhigend. Selbst die pessimistischsten Szenarien scheinen von der Realität übertroffen zu werden.“

    Schellnhuber gilt als einer der „Väter“ des sogenannten 2-Grad-Ziels. Unter diesem vielzitierten Begriff versteht man die Bemühungen in der internationalen Klimapolitik, die Erderwärmung auf maximal 2 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. Hintergrund für diese Grenze ist, dass nach wissenschaftlichen Erkenntnissen die Unwägbarkeiten und Gefahren des Klimawandels ab etwa 2 Grad Erwärmung massiv zunehmen. Auch eine Erwärmung von 2 Grad würde immense Folgen für das Leben auf unserem Planeten haben, beispielsweise würde der Meeresspiegel spürbar ansteigen und die Gletscherschmelze weiter fortschreiten. Gelingt es nicht, dass 2-Grad-Ziel zu halten, so fürchten Klimaforscher extrem gefährliche und unkontrollierbare Folgen. Die Schwierigkeit der Klimaforschung liegt in der „hochgradigen Nichtlinearität unseres Klimasystems“. Mit diesem Fachbegriff wird umschrieben, dass sich nicht exakt vorhersagen lässt, welcher CO2-Ausstoß und welcher Temperaturanstieg das Weltklima zum „Kippen“ bringen würde. Zu viele Unwägbarkeiten spielen beim Klima eine Rolle, als dass man es auf Jahrzehnte exakt voraussagen könnte. Was allerdings klar ist: Bis ca. 2 Grad scheint das Klimasystem stabil genug, um uns die dramatischten Folgen zu ersparen, über dieser „magischen“ Grenze drohen dann aber weitreichende Veränderungen, die das Leben auf unserem Planeten massiv erschweren, teilweise sogar unmöglich machen würden. Prof. Schellnhuber gibt aber zu bedenken, dass schon eine Erwärmung von 2 Grad ernstzunehmende Folgen haben würde.

    Bleibt es beim aktuellen Stillstand in der weltweiten Klimapolitik, so gehen Klimaforscher wie Schellnhuber, von einer deutlichen Überschreitung der 2-Grad-Marke aus. Von 3 bis 5 Grad Erwärmung gehen derzeit die meisten Schätzungen aus. Mit dramatischen Folgen. „Der Planet wäre nicht mehr der, den wir kennen“ warnt Schellnhuber. „Man kann ein Gesicht quetschen und strecken und erkennt immer noch die Identität. Wenn man aber ein Auge aussticht und ein Ohr abschneidet, dann wird das Gesicht entstellt und nur noch schwer erkennbar.“ Paradox und makaber ist, dass besonders die Länder, die kaum etwas zum Klimawandel beitrugen, mit den Folgen zu kämpfen haben werden. So wird der Anstieg des Meeresspiegels vor allem die äquatornahen Regionen treffen, während an den Polen der Meeresspiegel weit weniger ansteigen, vielleicht sogar leicht sinken wird. Und gerade rund um den Äquator leben viele Menschen nur wenige Meter über dem Meer. Menschen aus oft ärmlichen Verhältnissen, die an der Erderwärmung keine Schuld trifft.

    Trotz dieser drastischen Vergleiche und des aktuellen Stillstands in der Klimapolitik hat Schellnhuber die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass das 2-Grad-Ziel doch noch eingehalten und die schlimmsten Folgen des verhindert werden können. Dazu bräuchte es allerdings in den nächsten Jahren ein völkerrechtlich bindendes Abkommen, in dem sich die Weltgemeinschaft auf drastische Emissionsreduzierungen einigt. Jedem Menschen steht, wenn man fair verteilt und das 2-Grad-Ziel erreichen will, laut Schellnhuber ein jährliches CO2-Budget von 2,3 Tonnen zu. Momentan wird dieses Budget aber in entwickelten Staaten wie Deutschland (ca. 10t) oder den USA (ca. 20t) massiv überzogen. Deshalb sind nun zügige Maßnahmen nötig, um das Klima noch zu retten. Mit jedem weiteren Jahr, in dem gezögert wird, werden die nötigen Schritte immer drastischer und unrealistischer, weshalb Experten wie Prof. Schellnhuber fordern, dass in den nächsten Jahren der Höchststand der CO2-Emmissionen erreicht und danach rasch reduziert wird. Angesichts boomender Länder wie China, Indien und Brasilien kein leichtes Unterfangen, doch Schellnhuber bleibt optimistisch: „Wir müssen alle gemeinsam zu großen Veränderungen bereit sein, nur dann kann es funktionieren. Aber immerhin gibt es noch Wege, wie wir den Klimawandel noch im Rahmen halten können und die müssen wir jetzt gehen.“ Um gerade einmal 6 Monate würde eine konsequente Klimapolitik bis 2100 unseren Wohlstand nach hinten verschieben.

    Die Hauptverantwortung für den Klimaschutz sieht Schellnhuber dabei zwar bei uns in der westlichen Welt, „entscheidend wird (aber) sein, wie aufstrebende Länder wie China und Indien beim Klimaschutz aktiv werden.“ Wirksamer Klimaschutz sei nur möglich, wenn die Welt insgesamt ihr CO2-Budget nicht überstrapaziert. „Wo die Emissionen herkommen, ist dem Planeten egal. Deshalb brauchen wir schnell ein Abkommen, wo hohe Emissionen beispielsweise der USA durch die niedrigen Emissionen von Entwicklungsländern „ausgeglichen“ werden. Natürlich muss dafür der Westen die Entwicklungsländer fair kompensieren. Wir haben schließlich über unsere Verhältnisse gelebt und nun müssen wir auch für die Folgen unseres Handelns geradestehen und vorangehen.“

     

    Bilder:
    Foto Hollin (http://www.pik-potsdam.de/members/john/portrait-gallery/portrait-i-2009-source-foto-hollin/view)
    NERSC (http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/481633/bilder/image_main/)

    Hinweis: Dieser Bericht befasst sich mit  einem Vortrag von Prof. Schellnhuber am 20. September 2011 in Berlin und basiert auf Aufzeichnungen und Erinnerungen von MarcelB und JohannesB.

Kommentare

7 Kommentare
  • JohannesB
    JohannesB Mal wieder schlechte Nachrichten von der Klimafront: http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,795806,00.html

    Umso wichtiger ist es jetzt, sich für konsequenten Klimaschu...  mehr
    4. November 2011
  • JohannesB
    JohannesB @Urmeli: Das Klimathema spielt einfach momentan überhaupt keine Rolle. Und als es mal eine große Rolle gespielt hat, hat man\'s versäumt drastische und konsequente Schritte einzuleiten und zu gehen. Bleibt nur zu hoffen, dass bald, sehr ba...  mehr
    4. November 2011
  • JohannesB
    JohannesB Nein, für die Überraschung bleibt nicht mehr viel Zeit. Und die Klimaproblematik gehört als eines der drängendsten und größten Probleme wieder ganz nach oben auf die Tagesordnung. Nur, wenn wir ehrlich sind, dann ist aktiver...  mehr
    4. November 2011
  • JohannesB
    JohannesB @Urmeli: Ja, es ist kurz vor 12. Mindestens. Aber "blöd" würde ich das nicht unbedingt nennen. Wenn man alt genug ist und die dramatischten Folgen des Klimawandels eh nicht mehr erlebt, dann kann man mit einer guten Portion Egoismus da...  mehr
    4. November 2011