Berichte

Waldfrühling in der Großstadtwildnis

  • Ich biege in den kleinen Weg zwischen den Bäumen ein. Eben noch war ich im Park, umgeben von Joggern und Menschen, die ihre Hunde auf die Jagd nach Stöckchen und Bällen schicken, nun stehe ich in der Wildnis. Genauer gesagt der Sinai-Wildnis, einem als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesenen Teil des Frankfurter Sinai-Parks, der weitgehend sich selbst überlassen wird. Von außen sieht die Wildnis gar nicht so groß aus, aber man kann dort ewig auf kleinen Trampelpfaden zwischen Bäumen und Brombeergestrüpp umherstreifen und immer wieder gelange ich an kleine Plätze, von denen ich sicher bin, dass ich dort noch nie zuvor gewesen bin. Umgestürzte Bäume säumen den Weg und manchmal schneiden sie mir auch den Weg ab. Anderswo sind Bäume in einem Bogen über den Pfad gewachsen und ich gehe darunter hindurch wie durch ein Spalier. Knorrige Wurzeln und dornige Ranken schlängeln sich über den Boden, so weit das Auge reicht sehe ich nur Büsche und Bäume. Schwer vorstellbar, dass ich gerade eigentlich mitten in einer Großstadt stehe, in der mehr als 700.000 Menschen leben und die eher durch ihre großen Bankentürme als durch ihre Naturnähe bekannt ist.

    (c) A. Zeiß / WWF Jugend
    [Bildbeschreibung: Im Vodergrund des Fotos befindet sich eine mit Dornenranken überwucherte Fläche, im Hintergrund sind kahle Bäume zu sehen.]

    (c) A. Zeiß / WWF Jugend
    [Bildbeschreibung: Das Foto zeigt einen schmalen Waldweg. Einer dünner Baumstamm ist umgebrochen und hängt nun über dem Weg.]

    Langsam wage ich mich tiefer in die Wildnis vor und lausche dem Gesang der Vögel. Unter das fröhliche Zwitschern mischen sich andere, leisere Geräusche. Es knackt, knarzt und knistert. Obwohl ich niemanden sehen kann, habe ich das Gefühl, nicht alleine zu sein. Mir ist etwas mulmig zumute, als ich mich umschaue, um auszumachen, woher das Rascheln kommt, und ich denke mir, dass ich weniger True-Crime-Podcasts hören sollte und rufe mir in Erinnerung, dass das Wohngebiet und der belebte Park nur wenige Meter entfernt sind. Vorsichtig gehe ich weiter und freue mich, im Braun des Gehölzes erste zarte grüne Triebe zu entdecken. Plötzlich landet ein Eichelhäher keine zwei Meter von meinen Füßen entfernt. Leider entdeckt er mich schon bei der Landung und hebt direkt wieder ab.

    (c) A. Zeiß / WWF Jugend
    [Bildbeschreibung: Das Bild zeigt einen knorrigen Baum umgeben von Gestrüpp, im Hintergrund befinden sich weitere Bäume.]

    (c) A. Zeiß / WWF Jugend
    [Bildbeschreibung: Das Foto zeigt einen entwurzelten Baum.]

    Ich schlage einen Trampelpfad ein, der in die Richtung führt, in die der Vogel gerade davongeflogen ist. Bei einem kleinen kahlen Baum raschelt etwas im Laub auf dem Boden. Ich nähere mich vorsichtig und sehe gerade noch, wie eine Ratte (oder eine gigantische Maus?) unter einem am Boden liegenden Baumstamm verschwindet. Ich trete langsam an den Baumstamm heran und eine weitere Ratte huscht an mir vorbei in Sicherheit. Als ich mich dem Baum zuwende, an den jemand Meisenknödel und einen Vogelfutterspender gehängt hat, traue ich meinen Augen kaum: Da sitzt doch tatsächlich noch eine Ratte im Baum. Mir war nicht bewusst, dass Ratten auf Bäume klettern können, vor allem, weil sich Menschen in Filmen gerne auf Möbelstücke retten, wenn kleine Nagetiere durchs Zimmer flitzen. Wahrscheinlich hatte die Ratte Appetit auf das Vogelfutter und traut sich jetzt nicht mehr, sich zu bewegen, weil ich sie bei ihrer Mahlzeit gestört habe. Wir schauen uns noch eine Weile gegenseitig an, dann drehe ich mich um kann gerade noch sehen, wie hinter mir zwei Hasen über den Weg hoppeln und im Gebüsch verschwinden.

    (c) A. Zeiß / WWF Jugend
    [Bildbeschreibung: Nahaufnahme einer Ratte  in einem Baum.]

    Nur wenige Meter weiter wartet schon die nächste flauschige Waldbegegnung auf mich: ein Eichhörnchen sitzt auf einem abgeknickten Ast. Ich liebe Eichhörnchen. Ich habe das große Glück, sie vom Fenster neben meinem Schreibtisch aus durch die Bäume turnen sehen zu können und manchmal besuchen sie auch meine Fensterbank oder unseren Balkon. Nur fotografisch festhalten kann ich die putzigen Fellpuschel leider nie zu meiner Zufriedenheit, weil sie einfach immer in Bewegung sind und schneller wegspringen, als ich meine Handykamera fokussieren kann. Aber dieses Eichhörnchen hält ganz still, als würde es für das Foto posieren. Na gut, wahrscheinlich habe ich nur einen weiteren Wildnisbewohner in Angst und Schrecken versetzt. Zeit, die Wildnis wieder sich selbst zu überlassen und zurück nach Hause in den Alltag zu kehren.

    (c) A. Zeiß / WWF Jugend
    [Bildbeschreibung: Das Foto zeigt ein Eichhörnchen, das in einem Baum sitzt.]

Kommentare

2 Kommentare
  • SaraesaH
    SaraesaH Vielen Dank für diesen schönen Einblick in die "Großstadtwildnis" liebe Anne! Wie toll, dass es so einen naturbelassenen Park direkt in Frankfurt gibt!
    27. März - 1 gefällt das
  • Jayfeather
    Jayfeather So schön, wie viele Begegnungen du schon hattest! Das zeigt sehr eindrucksvoll, wie viel Natur wir auch in unseren Städten finden können!
    Zu der kletternden Ratte/ kletternden Mäusen: Ich konnte einmal beobachten, wie eine Maus einen kleinen...  mehr
    27. März - 1 gefällt das