Berichte

22. Türchen

  • [Bildbeschreibung: Das Titelbild zeigt vor einem rot-braunen Hintergrund, der an einen wolkigen Himmel erinnert, einen gezeichneten WWF-Panda, den weißen Schriftzug #fernnetzt und drei Weihnachtsbaumkugeln. In der mittleren Kugel ist eine rosafarbene 22 zu sehen.]

    Geschichten verbinden. Sie nehmen uns mit an andere Orte und in andere Zeiten. Wenn wir eine Geschichte lesen, hören oder anschauen, versetzen wir uns in die handelnden Personen hinein und lernen dabei, Gedanken, Gefühle und Handlungen von Menschen in uns fremden Lebenssituationen nachzuvollziehen. Außerdem bieten Geschichten einen guten Ausgangspunkt, um sich mit anderen auszutauschen. Deshalb möchte ich Euch in diesem Türchen ein paar Bücher (und andere Geschichten) vorstellen, die passend zu unserem Adventskalender davon handeln, dass Menschen miteinander #fernnetzt sind.

    [Bildbeschreibung: Es handelt sich um eine leicht verschwommene Aufnahme reihenweise aufeinandergestapelter offensichtlich gebrauchter Bücher. Auf der rechten Seite ist ein weißes Kästchen eingefügt, dass in verschnörkelter Schrift das Zitat "Books are the plane, and the train, and the road. They are the destination and the journey. They are home." von Anna Quindlen enthält.] 
    Bild von Eli Digital Creative auf Pixabay, bearbeitet von A. Zeiß. 

    Gut gegen Nordwind von Daniel Glattauer

    Eigentlich möchte Emma nur ein lästiges Zeitschriftenabo loswerden, doch sie vertippt sich immer wieder bei der E-Mailadresse, sodass ihre Mails statt beim Verlag bei Leo landen. Durch die vielen versehentlich versendeten Nachrichten kommen die beiden miteinander ins Gespräch, vertrauen sich gegenseitig immer mehr aus ihrem Leben an und entwickeln schließlich sogar Gefühle füreinander. Das besondere an diesem Roman: „Gut gegen Nordwind“ ist vollständig in der Form der E-Mails verfasst, die sich Emma und Leo schreiben. Ganz neu ist diese Idee allerdings nicht, sogenannte Briefromane, die aus erfundenen Briefen bestehen, gibt es schon seit mehreren hundert Jahren. Ein sehr bekanntes Beispiel sind Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“, die vermutlich einige von Euch so wie ich in der Schule lesen mussten. Von „Gut gegen Nordwind“ gibt es noch eine ebenfalls in E-Mailform verfasste Fortsetzung mit dem Titel „Alle sieben Wellen“ sowie seit letztem Jahr auch eine Verfilmung, die ich allerdings selbst noch nicht gesehen habe.

    Mich erinnert die Geschichte von Emma und Leo auch an die reale Liebesgeschichte meines ehemaligen Deutschlehrers. Dieser hat einmal eine Einladung zu einem Klassentreffen für seine ehemaligen Schulkameraden an die falsche E-Mailadresse geschickt und auf diese Weise seine Frau kennengelernt.

    [Bildbeschreibung: Ein ziemlich alt wirkendes Buch liegt aufgeschlagen auf einem Tisch, darauf und daneben liegen einige Herbstblätter. Rechts oben ist verschwommen eine weiße Porzellantasse mit blauem Muster zu erkennen. Oben links ist in einem hellen Kästchen in verschnörkelter Schrift das Zitat "You're never alone when you're reading a book." von Susan Wiggs zu lesen.]
    Bild von Jose Antonio Alba auf Pixabay, bearbeitet von A. Zeiß. 

    Geschichte für einen Augenblick von Ruth Ozeki (Originaltitel: A Tale for the Time Being)

    Seit ich das Buch im Frühjahr gelesen habe, gehört es zu meinen absoluten Lieblingsbüchern. Es handelt von der auf einer Insel vor British Columbia lebenden Schriftstellerin Ruth und der japanischen Schülerin Nao, deren Geschichten sich dadurch miteinander verbinden, dass Ruth bei einem Strandspaziergang eine angespülte Plastikdose findet, die alte Briefe und Naos Tagebuch enthält. Ihr Fund lässt Ruth nicht los und sie versucht, alles über die Verfasserin des Tagebuchs herauszufinden. Immer abwechselnd erfährt man von Ruths Recherche und Naos Leben und ihrer Familiengeschichte. Sie ist in Kalifornien großgeworden, muss jedoch im Teenageralter mit ihren Eltern zurück nach Japan ziehen, wo sie sich nur schwer zurechtfindet. Erst ihre Großmutter Jiko, die gleichzeitig buddhistische Nonne und anarchistische und feministische Schriftstellerin ist, hilft Nao dabei, sich einzuleben. Für mich war das Buch eine Gelegenheit, in die japanische Kultur einzutauchen, mit der ich mich bis dahin noch nicht näher auseinandergesetzt hatte. Aus Umweltsicht ist besonders spannend, dass das Buch sowohl Müllstrudel aus auch die Katastrophe von Fukushima thematisiert.

    [Bildbeschreibung: Das Foto zeigt ein Bibliotheksregal voller großer alter Bücher, an dem links eine hölzerne Leiter lehnt. Rechts ist in einem hellen Kästchen das Zitat "I read so I can live more than one life in more than one place." von Anne Tyler eingefügt.]
    Bild von Free-Photos auf Pixabay, bearbeitet von A. Zeiß. 

    Der Wolkenatlas von David Mitchell (Originaltitel: Cloud Atlas)

    Ähnlich wie in „Geschichte für einen Augenblick“ sind die handelnden Personen auch in diesem Buch nicht in direktem Kontakt miteinander, sondern über die Zeit hinweg auf verschiedene Arten und Weisen miteinander vernetzt. Der Roman beginnt mit Ausschnitten in einem in den 1850ern auf einer Pazifikreise verfassten Tagebuch des Notars Adam Ewing. Der zweite Teil besteht aus 1931 geschriebenen Briefen des Musikers Robert Frobisher. Der dritte Teil spielt im Jahr 1975 und handelt von einer Journalistin, die einem Verbrechen auf die Spur kommt. Der vierte Teil ereignet sich in der Gegenwart des Autors und beschreibt, wie ein Verleger von seinem eigenen Bruder hintergangen wird. Im fünften Teil befindet man sich in einer dystopischen Zukunft, die man aus Sicht eines weiblichen Klons kennenlernt. Der sechste führt noch weiter in eine ferne Zukunft, in der ein großer Teil des technischen Fortschritts wieder zunichtegemacht erscheint. Dieser Teil macht die Mitte des Romans aus und von da an geht es in fünf weiteren Teilen wieder rückwärts in der Zeit bis zu Adam Ewings Tagebuch. Obwohl die Teile in unterschiedlichen Stilen verfasst sind, an unterschiedlichen Orten spielen und unterschiedliche Protagonisten haben, sind die Schicksale der Figuren alle auf vielfältige Weise miteinander verwebt. Näher möchte ich darauf an dieser Stelle nicht eingehen, weil ich niemandem den Spaß nehmen möchte, beim Lesen nach diesen Verbindungen zu suchen und das Puzzle zusammenzusetzen. Die Verbindung der Figuren wird in der meiner Meinung nach sehr sehenswerten Verfilmung auch dadurch verdeutlicht, dass die Schauspieler:innen alle mehrere Charaktere verkörpern.

    [Bildbeschreibung: Ein altes Buch liegt einem dunklen Holztisch. Die aufgeschlagene Seite zeigt eine Landkarte, darauf liegt eine Brille. Unten ist in einem weißen Kästchen das Zitat "That's the thing about books. They make you travel without moving your feet." von Jhumpa Lahiri eingefügt.]
    Bild von Dariusz Sankowski auf Pixabay, bearbeitet von A. Zeiß. 

    A Beginning at the End von Mike Chen

    Dieses Buch fällt ein wenig aus der Reihe, da es darin nicht um Verbindung aus der Distanz geht, ich möchte es euch aber dennoch gerne vorstellen, weil es so unglaublich gut zu unserer momentanen Situation passt. Ich habe es ganz zufällig Anfang Februar als Hörbuch gehört, als ich mir noch im Traum nicht vorstellen konnte, dass in wenigen Wochen eine Pandemie unser ganzes Leben auf den Kopf stellen könnte. Tatsächlich spielt „A Beginning at the End“ einige Jahre nach einer grippeartigen Pandemie, die einen großen Teil der Weltbevölkerung ausgelöscht hat. Die Überlebenden sind noch immer mit der Neuorganisation der Gesellschaft beschäftigt und müssen lernen, die traumatischen Ereignisse der Vergangenheit hinter sich zu lassen und neue Formen des Zusammenlebens zu finden. Sich mit anderen Menschen zu verbinden und neue Familien zu gründen steht dabei aus Sicht der amerikanischen Regierung im Vordergrund. Die Hauptfiguren des Romans sind die nun unter falschem Namen lebende ehemals berühmte Popsängerin Moira, die Weddingplanerin Krista und Rob, der ein großes Geheimnis vor seiner Tochter Sunny verbirgt. Alle drei erfahren, wie wichtig Zusammenhalt ist, um auch in dunkelsten Zeiten Hoffnung schöpfen zu können. Mir hat dieser dystopische Roman unglaublich gut gefallen, wobei es natürlich interessant wäre, ihn nochmal vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie zu lesen, um zu sehen, ob er dann vielleicht ganz andere Gefühle und Assoziationen auslöst. Leider scheint es keine deutsche Übersetzung von „A Beginning at the End“ zu geben, aber allen, die kein Problem mit englischsprachiger Lektüre haben, kann ich dieses Buch wärmstens empfehlen. Da Musik in dem Buch eine große Rolle spielt, hat der Autor Mike Chen auf seiner Website übrigens eine Playlist als Soundtrack zum Buch erstellt. 

    [Bildbeschreibung: Ein Foto der oberen Hälfte meines vollgestopften Bücherregals. Es ist weiß und in die quadratischen Fächer sind Bücher, Ordner, Kisten, Zeitschriften und ein Lautsprecher gequetscht. Ins Fach rechts unten ist eine Schublade eingebaut.]
    (c) A. Zeiß / WWF Jugend

    Empfehlungen von Freundinnen und Familie

    Im Sinne der Fernnetzung habe ich auch im Freundeskreis und der Familie nachgefragt, ob jemand Buchtipps rund ums Thema Verbindung trotz Distanz hat. „Gut gegen Nordwind“ war nicht nur mein erster Gedanke, sondern wurde von fast allen genannt, mit denen ich gesprochen habe. Auf „Geschichte für einen Augenblick“ und den „Wolkenatlas“ haben mich Freundinnen aufmerksam gemacht. Obwohl beide zu meinen Lieblingsbüchern gehören, hatte ich sie nicht direkt auf dem Schirm. Meiner Mama fiel noch „Schlafen werden wir später“ von Zsuzsa Bánk ein. Wie bei „Gut gegen Nordwind“ handelt es sich um einen E-Mailroman. Diesmal schreiben allerdings zwei Freundinnen einander, die sich schon lange kennen, nun aber in der Mitte ihres Lebens angekommen sind und an verschiedenen Orten wohnen. Ich selbst habe den Roman noch nicht gelesen, meiner Mutter hat er aber sehr gefallen. Passend zu Weihnachten hat eine Freundin, die gerade eine Ausbildung zur Buchhändlerin macht, noch „Dash & Lilys Weihnachtswunder“ von Rachel Cohn und David Levithan (Originaltitel: Dash and Lily’s Book of Dares) vorgeschlagen, das vielleicht einige von Euch durch die darauf basierende Netflix-Serie „Dash & Lily“ kennen. Die beiden jugendlichen Hauptfiguren Dash und Lily kommunizieren darin über ein Notizbuch, das sie an verschiedenen Orten in New York füreinander verstecken und in dem sie sich gegenseitig zu Mutproben herausfordern. Gelesen habe ich das Buch selbst nicht, die Serie hat mich aber ganz wunderbar in Weihnachtsstimmung versetzt, als ich sie mir auf Empfehlung meiner Schwester hin angeschaut habe. Schließlich musste noch eine Freundin von mir an den Anime „Your Name. – Gestern, heute und für immer“ denken, der sie sehr bewegt hat. Er handelt davon, dass zwei Figuren immer wieder ihre Körper tauschen und einander Nachrichten im Leben der jeweils anderen Person hinterlassen und auf diese Weise aus der Ferne miteinander kommunizieren. Anders als bei den bisher genannten Büchern, die nachträglich verfilmt wurden, existierte „Your Name“ zuerst als animierter Film und wurde anschließend sowohl als Manga als auch als Roman veröffentlicht. Eine Realverfilmung ist ebenfalls geplant, allerdings nicht in Japan sondern in Hollywood. Ich habe die Geschichte bisher leider weder gesehen noch gelesen, gebe die Empfehlung aber trotzdem gerne weiter. An dieser Stelle vielen Dank an alle, die mir ihre Buch- und Filmtipps verraten haben!

    Nun möchte ich auch Euch fragen: Fallen Euch Bücher ein, in denen die Figuren auf irgendeine Weise trotz Distanz miteinander verbunden sind, egal, ob es sich um räumliche oder zeitliche Distanz handelt oder sie sogar von unterschiedlichen Welten getrennt werden? Oder habt Ihr dieses Jahr ein Buch gelesen, das Euch besonders bewegt hat? Was sind Eure Lieblingsbücher?

    Im letzten Türchen hat Nisa für Euch Tipps für ein nachhaltigeres Weihnachtsfest zusammengefasst. 

Kommentare

6 Kommentare
  • Laura
    Laura Toll, danke für das schöne Adventskalendertürchen! Zwar handeln sie nicht unbedingt von Nähe und Distanz, aber wenn wir schon bei Buchempfehlungen sind: zu meinen Lieblingsbüchern zählen auf jeden Fall "To kill a mockingbird" (Harper Lee), "The...  mehr
    22. Dezember 2020 - 1 gefällt das
  • Jojahanna
    Jojahanna Wie Maren musste ich auch an "Die Geschichte der Bienen" und die "Geschichte des Wassers" denken und würde noch "Die letzten ihrer Art", den dritten Teil des Klimaquartetts von Maja Linde, ergänzen.
    22. Dezember 2020 - 2 gefällt das
  • Jayfeather
    Jayfeather @Johanna: Oh, den Teil kenne ich noch gar nicht. Muss ich auch mal lesen
    23. Dezember 2020
  • Jojahanna
    Jojahanna @Maren Kann ich sehr empfehlen, hab ihn sogar letztes Jahr im Adventskalender vorgestellt
    https://www.wwf-jugend.de/blogs/9469/8760/turchen-19
    24. Dezember 2020