Berichte

Corona und der Müll

  • Mehr Online-Bestellungen, mehr Essen to go, mehr Abfall. Die Corona-Pandemie lässt die Müllberge in die Höhe schießen. Ich habe über das letzte halbe Jahr hinweg Meldungen rund um Corona und Abfall gesammelt und möchte Euch in diesem Bericht sowohl einen Einblick in erschreckende sowie kuriose Geschehnisse in Bezug auf die Pandemie und den Müll geben als auch Gedanken zum Thema Zero Waste während der Coronakrise teilen.

    (c) A. Zeiß/WWF Jugend

    Mehr Müll

    Zunächst einmal liest man überall von einem erhöhten Müllaufkommen. Im Juni berichtete das Recyclingunternehmen „Der Grüne Punkt“ von etwa 10% mehr Verpackungsmüll aus Privathaushalten. Auch in Frankfurt sollen laut der städtischen Müllentsorgung im März und April im Vergleich zum Vorjahr etwa elf Prozent mehr Verpackungsmüll angefallen sein. In Stuttgart wurden im Mai 1000 Tonnen mehr Müll an die Müllverbrennungsanlagen geliefert, eine Steigerung von ca. 5% im Vergleich zum Mai 2019. Besonders deutlich sieht man den Zuwachs an Müll auf den Recyclinghöfen, auf denen besonders im Frühjahr überall im Land großer Andrang herrschte, da viele Menschen den Lockdown zum Ausmisten nutzten. Allein in Stuttgart wurden im April 30% mehr Sperrmüll, Altpapier, Schrott, Grüngut und Altholz abgegeben. Teilweise mussten Recyclinghöfe aufgrund des gesteigerten Betriebs sogar schließen, um Menschenansammlungen zu verhindern. Doch nicht alle brachten ihren Schrott ordnungsgemäß zum Recyclinghof. Die hessischen Forstämter meldeten im Frühjahr deutlich mehr Abfall und illegale Müllabladeplätze in den Wäldern. Naturschutzgebiete und Naturparks leiden am erhöhten Besucheraufkommen. Neben neuen Trampelpfaden hinterlassen die Menschen dort auch jede Menge Müll. Auch in Parks und Grünanlagen häuft sich der Abfall. Die Schließung von Bars, Restaurants und Clubs führt dazu, dass mehr Menschen auf öffentlichen Plätzen essen und trinken und ihre Verpackungen an Ort und Stelle zurücklassen. Das sieht nicht nur hässlich aus und schadet der Umwelt, sondern verursacht auch enorme Kosten: In Frankfurt rechnete die städtische Müllentsorgung im September mit Mehrkosten in Höhe von 360.000 Euro bis Oktober.

    Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

    Der neue Pandemiemüll

    Zudem sind neue Arten von Müll dazugekommen. Neben Einwegbechern und Styroporboxen liegen nun auch Gummihandschuhe und Einwegmasken auf den Straßen verstreut. Auf unserem diesjährigen Clean Up Walk fanden innerhalb von 5 Tagen 37 Masken den Weg in unsere Müllsäcke. Auch im Meer ist dieser neuartige Pandemiemüll aus Kunststoff bereits angekommen. Gary Stokes von OceanAsia berichtete The Guardian von 70 Einwegmasken, die auf 100 Metern Strand auf einer unbewohnten Insel gefunden wurden. Eine Woche darauf seien erneut 30 Masken angespült worden. Joffrey Peltier von Opération Mer Propre äußert sich dem Guardian gegenüber ebenfalls besorgt über die vielen Masken, Handschuhe und Desinfektionsmittelfläschchen, die seine Organisation bei Müllsammelaktionen entlang der Côte d’Azur fand. Er befürchtet, dass im Mittelmeer irgendwann mehr Masken als Quallen schwimmen könnten, und erklärt: „With all the alternatives, plastic isn’t the solution to protect us from Covid.“

    Insgesamt findet man jedoch nicht unbedingt mehr Masken als anderen Müll, sie fallen uns nur mehr auf, weil wir nicht daran gewohnt sind. Wie Thomas Venugopal, der Gründer des Cleanup Networks, zu dem auch die WWF Jugend gehört, im Interview mit dem Radiosender hr1 erklärt, sind wir gewissermaßen müllblind. Das bedeutet, dass wir den üblichen Müll auf der Straße oft gar nicht mehr wahrnehmen. Allen, die herumliegende Masken aufsammeln und entsorgen möchten, würde ich jedoch raten, sie möglichst nicht mit bloßen Händen anzufassen, da sie vor Mund und Nase getragen wurden und möglicherweise Keime und Viren enthalten können. Verkehrsminister Scheuer bezeichnete die Masken bereits als „Sondermüll“ und sprach davon, Konzepte zu prüfen, wie sie im Bahnverkehr gesammelt und recycelt werden könnten. Thomas Probst vom Recyclingverband bvse erklärt der taz gegenüber, dass er es nicht als sinnvoll erachte, die Masken getrennt zu sammeln und zu recyceln. Im Jahr im kämen etwa 90.000 Tonnen Masken zusammen, da lohne sich die getrennte Sammlung nicht. Zudem sei der beste Umgang mit womöglich verkeimtem Material, es über den Restmüll der Verbrennung zuzuführen. Ist man mit Covid-19 infiziert oder musste sich aufgrund eines Verdachts in Quarantäne begeben, empfiehlt das Bundesumweltministerium zum Schutz von Hausmeister*innen, Nachbar*innen und Mitarbeiter*innen der Entsorgungsbetriebe, in dieser Zeit sämtlichen Müll in reißfesten Säcken zu sammeln und diese gut verknotet im Restmüll zu entsorgen, auch wenn eine Kontaktinfektion auf diesem Wege nicht sehr wahrscheinlich sei. Einen absolut inakzeptablen Umgang mit gebrauchten Masken legten Gegner der Corona-Maßnahmen an den Tag, die dem Darmstädter Oberbürgermeister ein Päckchen voller schmutziger Masken zukommen ließen.

    (c) A. Zeiß/WWF Jugend

    Müllkunst

    Eine Art Müll, an die man vielleicht nicht sofort denkt, ist das viele Absperrband, das verwendet wurde, um im ersten Lockdown Spielplätze abzusperren. Allein um die Spiel- und Sportplätze in Frankfurt am Main wurden 25 Kilometer rot-weißes Flatterband gespannt. Nachdem die Plätze wieder geöffnet wurden, erhielt dieses Band ein zweites Leben als Kunstwerk. Corinna Tetzel und Jue Löffelholz umwickelten eine Litfaßsäule in der Stadt mit den wiedereingesammelten Bändern. Ihr Kunstprojekt nennen die beiden „Spindel der Notwendigkeit“. Absperrband lässt sich Tetzel zufolge sowohl mit Schutz als auch mit Einschränkungen verbinden und die Form der Spindel soll auf die Bedeutung der Frauenarbeit hinweisen. Zusätzlich hat Jörn Etzold ein Märchen zu der Säule verfasst, in dem es um das Leben während Corona geht. Bis Mitte Juni war die Spindel zwischen Goethe- und Rathenauplatz in Frankfurt zu sehen. Danach ist das Absperrband vermutlich aber doch in der Tonne gelandet.

    Bild von Carola68 Die Welt ist bunt...... auf Pixabay

    Die gute Nachricht

    Und wie sieht es mit Zero Waste während der Pandemie aus? Für viele Menschen vermittelt eine Plastikverpackung einen Eindruck von Sicherheit und Hygiene. In den ersten Wochen der Pandemie haben mir Bekannte erzählt, dass sie aus Hygienegründen wieder abgepacktes statt loses Obst und Gemüse kaufen würden. Dies ist jedoch keineswegs nötig, denn die gute Nachricht lautet, dass lose Waren und Mehrwegbehältnisse trotz der Corona-Pandemie weiterhin sicher sind. Die Verbraucherzentrale Hessen erklärt, dass bisher keine Corona-Infektion durch den Verzehr verunreinigter Lebensmittel bekannt sei und es bei guter Hand- und Küchenhygiene unproblematisch sei, auf unverpackte Lebensmittel zurückzugreifen. Die Befüllung von Mehrwegbehältnissen ist ebenfalls möglich, solange die dafür ohnehin geltenden Hygienerichtlinien eingehalten werden, wie Gesundheitsexperten in diesem Greenpeace-Statement erklären. Antworten auf die 7 häufigsten Fragen bezüglich der Sicherheit von Mehrwegbehältnisse, allerdings hauptsächlich auf die USA bezogen, gibt es hier. Dort ist auch nachzulesen, dass Einwegbehältnisse nicht sicherer sind, da Viren auch auf ihren Oberflächen überleben können. Wichtig ist in jedem Fall, die Sauberkeit und hygienische Handhabung der Gefäße. Der deutsche Lebensmittelverband hat seine Informationen diesbezüglich aktualisiert. Die schlechte Nachricht ist, dass viele Betriebe verunsichert sind und keine eigenen Behälter mehr füllen. Auch bei meiner Stammbäckerei, die zuvor sogar selbst Mehrwegbecher verkaufte, hängt nun ein Hinweisschild, dass keine eigenen Becher mehr angenommen werden. Tipps, wie es trotzdem mit dem unverpackten Essen to go klappt, hat Shia Su in ihrem Blog Wasteland Rebel zusammengefasst. Dort findet Ihr auch einen Beitrag zu Zero Waste und Hygiene in Zeiten des Coronavirus. Um darauf aufmerksam zu machen, dass unverpacktes Einkaufen weiterhin sicher ist, haben Zero Waste e.V. und „Einmal ohne, bitte“ die Social-Media-Kampagne „Unverpackt, jetzt erst recht!“ gestartet.

    (c) Zero Waste e.V. & Einmal ohne, bitte!

    Ist ein Einwegbecher eine Umweltsünde?

    Ein Artikel auf Utopia.de, insbesondere dessen Überschrift, hat mich nachdenklich gemacht. In ihrem Kommentar „Trotz Corona: Lasst euch nicht zu Umweltsünder*innen machen“ reflektiert die Autorin darüber, dass sie entgegen ihrer Gewohnheiten Kaffee im Einwegbecher gekauft hat, da die Bäckerei wegen Corona ihren mitgebrachten Becher nicht befüllen wollte. Sie zählt Möglichkeiten auf, trotz strenger Hygienebeschränkungen Speisen und Getränke für unterwegs in Mehrwegbehältnissen zu kaufen, und kommt zu dem Schluss, dass es bloß eine Ausrede ist, zu sagen, man gönne sich eine Ausnahme, weil es nicht anders ginge. Auch wenn ich ihr prinzipiell zustimme, dass es durchaus andere Möglichkeiten gibt, als zum Einwegbecher zu greifen und die Pandemie kein Grund ist, Nachhaltigkeit komplett hintenanzustellen, sehe ich das Ganze dennoch lockerer und störe mich vor allem an dem sehr drastischen Begriff „Umweltsünder*innen“ in Bezug auf die Nutzung eines Coffee-to-go-Bechers.  

    Meine Gedanken dazu: Wir befinden uns in einer Pandemie, einem Zustand, den wir alle wahrscheinlich nur aus Science Fiction Filmen und Büchern kennen. Plötzlich ist unser ganzes Leben von strengen Regeln bestimmt, die sich ständig verändern. Wir müssen Abstand von unseren Mitmenschen halten und Masken tragen. Wir wissen nicht, wie lange diese Situation noch andauern wird. Das löst selbstverständlich Sorgen und Ängste aus. Für viele wurden die Pläne für die nahe Zukunft komplett durcheinander geworfen. Viele Menschen haben ihre Arbeit verloren, unzählige Studierende den Nebenjob, auf den sie angewiesen sind. Auslandssemester, Schüleraustausche, nach dem Abschluss geplante Freiwilligendienste, Work and Travel Abenteuer und Au-pair-Jahre können nicht mehr absolviert werden und man braucht plötzlich einen Plan B. Viele sind in eine neue Stadt gezogen und können ihr Studium dort nur am Bildschirm beginnen, ohne ihre neuen Kommilitoninnen und Kommilitonen persönlich kennenzulernen, ohne die neue Uni erkunden zu können.

    Das alles ist natürlich keine Ausrede dafür, jegliche nachhaltigen Verhaltensweisen über Bord zu werfen. Dennoch finde ich, sollten wir verständnisvoll mit uns selbst umgehen. Aber auch mit dem Café-Angestellten und der Verkäuferin in der Bäckerei, die keine eigenen Behälter akzeptieren wollen. Sie sind wahrscheinlich einfach genauso unsicher wie wir, wollen kein Risiko eingehen und haben die Anweisung vermutlich von ihren Vorgesetzten. Ja, es ist erwiesen, dass Mehrwegbehältnisse nicht weniger hygienisch sind als Einwegverpackungen und auch während der Corona-Pandemie bedenkenlos eigene Behältnisse befüllt werden können. Aber ist es der eine Kaffeebecher, die eine Bäckertüte jetzt wirklich wert, heiße Diskussionen mit Menschen zu starten, die die Vorschriften wahrscheinlich noch nicht mal erlassen haben? Meiner Meinung nach wäre es besser, wenn das Befüllen von eigenen Behältnissen in den Corona-Verordnungen als explizit unbedenklich und von daher keineswegs verboten aufgenommen werden würde mit den Hygieneregeln, die dabei ohnehin zu beachten sind, sodass alle auf dem gleichen Wissensstand sind und niemand verunsichert ist. Wir müssen uns in meinen Augen nicht gleich als Umweltsünder*innen sehen, weil wir doch mal zum Kaffee im Pappbecher gegriffen haben. Wir können nächstes Mal besser vorbereitet sein, in eine andere Bäckerei gehen oder den Kaffee einfach zu Hause kochen, aber wir müssen uns nicht selbst fertig machen, weil wir unseren eigenen Zero-Waste-Standards von vor der Pandemie nicht mehr genügen. So wie es mit vielen Gewohnheiten im Moment ist, müssen wir sie anpassen und neue Möglichkeiten finden. Und so, wie man auch nicht von einem Tag auf den anderen keinen Müll mehr produziert, brauchen wir Zeit, um uns in dieses neue Leben mit Corona einzufinden. Allem voran müssen wir nun auf unsere Gesundheit und die unserer Mitmenschen achten, auch auf unsere seelische Gesundheit, und uns nicht zusätzlich unter Druck setzen, weil wir nicht mehr alles genauso machen können wie zuvor. nayana_premnath hat einen schönen Post zu dem Thema „5 Actions Eco-Warriors should not regret doing during Lockdown“ auf Instagram verfasst, aus dem ich hier zitieren möchte: „This lockdown period may have left so many of us Eco-Warriors unmotivated. Because we have been forced to take various steps which we talk against. And that makes us feel like hypocrites. […] We have to accept that we don’t need to be perfect. And small mistakes are acceptable. We are in this together and we will get through and come out better. […] We are in this lifestyle for the long haul and a few hiccups along the way isn’t too bad. And it’ll just make us extra cautious when all this is over.”

    Bild von Alexas_Fotos auf Pixabay

    Der Müllmann-Trick

    Zum Schluss möchte ich noch eine etwas andere Corona-Müllgeschichte mit Euch teilen. Ein 20-Jähriger US-Amerikaner hielt es im Mai nicht mehr ohne seine in Deutschland lebende Freundin aus und flog trotz Einreiseverbot von Washington nach Frankfurt. Dort angekommen, zog er sich eine gelbe Warnweste an und packte zwei Müllsäcke aus, um als Müllmann getarnt die Kontrollen zu passieren. Da er keinen Sicherheitsausweis trug, wurde er jedoch schnell enttarnt und in ein Flugzeug zurück nach Washington gesetzt.

    Bild von Gerald Friedrich auf Pixabay

    Quellen:

Kommentare

6 Kommentare
  • SteffiFr
    SteffiFr ... ausgedient und werden entsorgt... (oder ins Eck gestellt zum Verstauben).
    Das sehe ich bei diesem Trend kritisch, zusätzlich zu der großen Nachfrage, die ein vielfaches an Emissionen und Materialverbrauch mit sich bringt.
    (Auch wenn die...  mehr
    11. Nov. - 2 gefällt das
  • Jojahanna
    Jojahanna Danke für die Zusammenfassung, Anne! Ich finde vor allem deinen Punkt gut, sich nicht noch zusätzlich fertig zu machen, weil nicht alles wie sonst funktioniert. Das kann man ja nicht nur auf Müll beziehen... Ich habe beim Lesen gemerkt, dass ich das...  mehr
    11. Nov. - 3 gefällt das
  • lenalotta
    lenalotta Danke für den spannenden Artikel! Es stimmt, zuhause in Berlin bin ich auch gewissermaßen "müllblind", aber wenn ich rausfahre, nehme ich den Müll dann umso stärker wahr. Ich hab auch das Gefühl, es wird noch mehr Sperrmüll unerlaubt entworgt als...  mehr
    12. Nov. - 1 gefällt das
  • SteffiFr
    SteffiFr "Illegaler" Sperrmüll ist bei uns auch immmer wieder Thema... Und hat in den letzten Monaten zugenommen, das stimmt. Ich glaube, die Abfallbetriebe kommen gar nicht mehr hinterher. Mehr Aufträge, Sperrmüll abzuholen, und dann noch das Zeug, das...  mehr
    13. Nov. - 1 gefällt das