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Geschichte(n) des Plastiks und der Wegwerfkultur

  • „So fragt man sich, ob Leonias wahre Leidenschaft auch wirklich, wie gesagt wird, der Genuss neuer und andersgearteter Dinge ist und nicht vielmehr das Abstoßen, Vonsichentfernen, Sichreinigen von einer immer wiederkehrenden Unreinheit“, heißt es im 1972 erschienen Buch Die unsichtbaren Städte (Originaltitel: La città invisibili), in dem der italienische Schriftsteller Italo Calvino 55 ausgedachte Städte beschreibt. Eine davon ist Leonia, wo jeden Tag alles neu ist, vom Bettlaken über die Seife bis hin zum Kühlschrank. Die alten Gegenstände vom Vortag werden vor der Stadt zu riesigen Müllbergen aufgetürmt, die Leonia eines Tages überrollen werden. Wenn es so weit ist, stehen die angrenzenden Städte schon bereit, um den freigewordenen Platz zu nutzen, um ihre eigenen Müllhalden auszudehnen. Es fällt nicht schwer, in Calvinos Beschreibung der Stadt Leonia unsere moderne Konsumgesellschaft zu erkennen, wenn auch in stark überzeichneter Form. Wir leben in einer Wegwerfkultur („disposable culture“), wie Sasha Adkins in ihrem Buch From Disposable Culture to Disposable People. The Unintended Consequences of Plastics erklärt. Was das mit Plastik und Wirtschaftswachstum zu tun hat und was das für zwischenmenschliche Beziehungen bedeuten könnte, darum geht es in diesem Bericht.

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    Den ersten vollständig künstlichen und industriell produzierten Kunststoff Bakelit erfand der belgisch-amerikanische Ingenieur Leo Hendrik Baekeland im Jahr 1909 in New York. In den darauf folgenden Jahrzehnten wurden immer weitere Kunststoffarten entwickelt und produziert. In seiner Anfangszeit galt Plastik als eine Art Wundermaterial, mit dem sich alles nur Erdenkliche herstellen ließ. Man dachte an solch verrückte Projekte wie z. B. Plastikkuppeln über Teile Russlands zu stülpen, um dort für angenehmere Temperaturen zu sorgen, Wüsten mit Schaumstoff auszupolstern, um sie zu begrünen, und Menschen Kunststoffkiemen einzusetzen, damit sie unter Wasser atmen können. Auch wenn diese Pläne so nicht realisiert wurden, haben Kunststoffe nach und nach die Welt verändert und vieles ermöglicht, was ohne sie unvorstellbar wäre. Da muss man nur mal an ihren Einsatz in Technik und Medizin denken. Kunststoffe können die Umwelt durchaus schonen. So wären beispielsweise Fahrzeuge, die nur aus Holz und Metall bestehen, wesentlich schwerer und würden somit deutlich mehr Energie benötigen. Außerdem hat es zahlreichen Elefanten das Leben gerettet: Billardkugeln wurden früher aus Elfenbein hergestellt, bis man mit Zelluloid eine Art Plastikvorläufer aus natürlichen Rohstoffen entwickelte, den man stattdessen verwenden konnte. Adkins schreibt: „Plastics were supposed to democratize. Luxury goods, or at least facsimiles thereof, would be mass produced and available to all. Plastics were supposed to reduce drudgery. […] We thought that they made us modern and free.”

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    Nach dem zweiten Weltkrieg verhalfen Kunststoffe vielen Menschen zum Wohlstand. Politikwissenschaftler Stefan Schweiger von der Ruhr-Universität in Bochum zufolge baute das Wirtschaftswunder konsumtechnisch auf Kunststoff auf. Damit die Wirtschaft und mit ihr die Müllberge wachsen konnten, brauchte es jedoch nicht nur diese neuen vielseitigen, einfachen herzustellenden und unfassbare günstigen Materialien, sondern auch eine neue Einstellung. Hier kommt der Ingenieur J. Gordon Lippincott ins Spiel, der die amerikanische Wirtschaft 1947 als Wirtschaft des Überflusses bezeichnete und dafür warb, das Wegwerfen von noch nutzbaren Dingen zu fördern, um dadurch die Wirtschaft weiter anzukurbeln. Sein Gedanke dahinter war, je mehr die Konsumenten wegwarfen, umso mehr würden sie kaufen und umso wohlhabender würden die USA werden. Galt es vorher als Tugend, möglichst sparsam zu leben und alles so lange wie möglich wiederzuverwenden, galt es nun, das eigene Land zu unterstützen, indem man möglichst viel kaufte. Dieses Umdenken ließ sich erreichen, indem immer mehr Gegenstände für den einmaligen Gebrauch produziert wurden, Gegenstände so hergestellt wurden, dass sie schneller kaputt gingen, und natürlich vor allem durch Werbung immer und immer wieder vermittelt wurde, dass es nun neuere und bessere Geräte gab, die die alten nutzlos erscheinen ließen, obwohl sie noch einwandfrei funktionierten. Durch Marketingstrategien half Lippincott zahlreichen Unternehmen dabei, kurzlebige Wegwerfprodukte und wachsendes Müllaufkommen als etwas Positives zu verkaufen.

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    Don DeLillos Underworld spielt genau zu dieser Zeit, als das Umdenken stattfindet, im Amerika des Kalten Krieges. Müll ist eines der zentralen Motive dieses 1997 erschienen Romans, nicht zuletzt, weil der Protagonist Nick Shay im Bereich Abfallmanagement tätig ist. Auf einer Abfallkonferenz lernt er den Müllexperten Jesse Detwiler kennen, der erklärt, er nehme seine Studenten mit zu Müllhalden, damit sie die Kultur kennenlernen, in der sie leben: „Consume or die. That’s the mandate of the culture. And it all ends up in the dump.”

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    Wissenschaftler wie Sasha Adkins und Zygmunt Bauman betrachten mit Sorge, dass auch Menschen immer mehr wie Wegwerfprodukte behandelt werden. Wer mit neuen Entwicklungen nicht Schritt halten kann und nicht mehr nützlich erscheint, wird aussortiert. Baumann spricht zum Beispiel von der Schwierigkeit, aus der Arbeitslosigkeit herauszufinden, wenn Menschen und ihre Tätigkeiten als überflüssig angesehen werden, sowie von Reality Shows, die nach dem Prinzip funktionieren, dass Menschen herausgewählt werden, und vom Speeddating, bei dem menschliche Beziehungen im gleichen rasanten Tempo konsumiert werden wie Wegwerfprodukte. Adkins beobachtet ebenfalls, dass wir uns zwischenmenschlicher Beziehungen wie Produkten entledigen, wenn sie unseren Bedarf nicht mehr erfüllen. Sie beschreibt ihr Konzept der Wegwerfkultur folgendermaßen: Konsumismus basiert auf dem allgemeinen Einverständnis, dass alles in der Welt nutz- und ersetzbar ist. Dadurch entsteht die Angst, dass wir selbst ersetzt werden und wir beginnen uns und andere Menschen wie Produkte zu sehen und zu behandeln. Wir beurteilen sie und fürchten uns gleichzeitig vor ihrem Urteil über uns, statt uns gegenseitig zu unterstützen.

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    Zu diesen möglichen ethischen Problemen, die sich in einer Wegwerfkultur ergeben können, kommen die Auswirkungen auf die Umwelt. So wie wir entwickeln auch die Bewohner Leonias in Calvinos Geschichte neue Materialien: „Je mehr sich Leonia in der Fertigkeit hervortut, neue Materialien zu produzieren, muss noch hinzugefügt werden, desto mehr verbessert sich der Müll in seiner Substanz, widersteht Wind und Wetter, Fäulnis und Verbrennung. Eine Festung unzerstörbarer Überreste ist es, was Leonia umgibt, allseits überragt wie hochgetürmte Berge.“ Das lässt wieder an Plastik denken, denn ausgerechnet das Material, aus dem wir mit Vorliebe Wegwerfartikel herstellen, ist nicht biologisch abbaubar und kann hunderte von Jahren überdauern. So, wie es sich vor den Toren Leonias auftürmt, sammelt es sich in unseren Meeren. Nur ein Bruchteil wird recycelt und von dem, was verbrannt wird, bleiben giftige Rückstände übrig, die wir in Stollen unter der Erde zu verstecken versuchen. Wir müssen uns klar machen, dass das „weg“ in wegwerfen vielleicht aus den Augen und aus dem Sinn bedeuten mag, sich unser Abfall aber nicht in Luft auflöst.

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    Nicht nur der Platz für unseren Müll wird knapper, sondern auch die Ressourcen, aus denen wir diese Abfälle überhaupt erst herstellen. Adkins schreibt: „The world we are creating is incompatible with life. We have devised an economic system that would collapse if people’s real needs were met. Insatiable greed is slaked in single-serving portions that come individually wrapped in plastic.” Sie beendet ihr Buch mit der Frage: “We are better than that … aren’t we?” Um zu zeigen, dass wir das besser können und unsere Welt nicht wie Leonia eines Tages von ihrem Müll überrollt werden muss, brauchen wir Zukunftsmutige, die kreative Ideen für die Welt von morgen entwickeln. Wenn Du Teil dieses Projekt werden möchtest, kannst Du dich noch bis zum 28. Mai bewerben. Alle weiteren Infos findest Du hier.

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    Quellen:

    • Italo Calvino: Die unsichtbaren Städte. Übersetzt von Heinz Riedt. S. 133–135.
    • Sasha Adkins: From Disposable Culture to Disposable People. The Unintended Consequences of Plastics.
    • Don DeLillo: Underworld. S. 286–287.
    • Edward Humes: Garbology. Our Dirty Love Affair with Trash. S. 66–68.
    • Zygmunt Baumann: Wasted Lives. Modernity and its Outcasts.
    • Alard von Kittlitz: Aus den Fugen, Zeit Magazin 2/2020, S. 15–26.
    • Podcast „Gefährlich praktisch – unser Leben mit Plastik“ von Deutschlandfunk Nova Folge 1: https://www.deutschlandfunknova.de/plastik (zuletzt aufgerufen am 08.04.2020)

Kommentare

7 Kommentare
  • Cookie
    Cookie Danke Johanna und Lena!

    @Lena: Darüber hab ich auch in den letzten Tagen noch eine Menge nachgedacht und musste dann auch an einen typischen Ratschlag von Ich-zeig-dir-wie-du-erfolgreich-wirst-Coaches denken, sich nur mit erfolgreichen Leuten zu...  mehr
    11. Apr. - 1 gefällt das
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    Cookie ...draufklebt.
    11. Apr.
  • SteffiFr
    SteffiFr falls es in der ZDF-Mediathek nicht mehr verfügbar ist, gibt es die Doku(wenn ich mich richtig erinnere) auch auf Youtube und/oder anderen Mediatheken. Ca. 45 Min
    13. Apr.
  • Marcel
    Marcel Auch von mir nochmal ein ganz großes DANKE für diesen mega wertvollen und informativen Artikel!
    15. Apr.