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Ist Recycling die Wunderwaffe gegen den Müllberg?

  • Eigentlich wollte ich diesen Bericht mit den Worten „Mit der Wirtschaft wächst auch der Müllberg“ beginnen, doch angesichts der momentanen Lage, in der niemand absehen kann, welch gravierende Auswirkungen die Corona-Krise auf die Wirtschaft haben wird, erscheint mir das doch etwas zynisch. Nichtsdestotrotz möchte ich unsere Berichtereihe zur neuen WWF Jugend Kampagne Die Zukunftsmutigen wie geplant weiterführen, denn gerade jetzt brauchen wir Menschen, die mutig in die Zukunft blicken und neue Konzepte und Utopien für das Zusammenleben auf unserem Planeten entwickeln.

    Bild von NadinLisa auf Pixabay

    In diesem Bericht geht es um Müll, genauer gesagt, um Verpackungsmüll, und darum, was man damit anfangen kann. Zum Auftakt der Europäischen Woche der Abfallvermeidung im letzten November hat das Umweltbundesamt (UBA) neue Zahlen zum Verpackungsmüllaufkommen in Deutschland präsentiert. Diese zeigen, dass im Jahr 2017 3% mehr Verpackungsabfall entstanden sind als im Jahr zuvor. Insgesamt haben wir 2017 18,7 Millionen Tonnen Verpackungsmüll verursacht. Als wesentlichen Treiber für den hohen Verpackungsverbrauch nennt das UBA das Wirtschaftswachstum, da mehr Produkte auch mehr Verpackungen bedeuten. Weitere Gründe sind zusätzliche Funktionen von Verpackungen, wie z. B. Wiederverschließbarkeit und Dosierhilfen, kleinere Portionen, Versandhandel und Außer-Haus-Verzehr. Und was passiert mit dem ganzen Müll? Laut UBA werden 70% des Verpackungsmüllaufkommens recycelt. Was genau das bedeutet, schauen wir uns jetzt etwas genauer an.

    (c) Umweltbundesamt

    Der Duden definiert Recycling als „Aufbereitung und Wiederverwendung bereits benutzter Rohstoffe“. Darunter stellen sich die meisten vor, dass man einen Gegenstand aus einem bestimmten Stoff ins Recycling gibt und daraus wieder genau den gleichen Stoff erhält, aus dem man dann einen beliebigen neuen Gegenstand produzieren kann. Und das alles immer und immer wieder, wie in einem Kreislauf, der ja  bereits im Wort Recycling steckt. Ganz so funktioniert es bisher leider nicht. Relativ gut recyceln lassen sich Glas und Papier. Glas ist, sofern es nicht stark verunreinigt ist, eigentlich unendlich recycelbar. Papierfasern hingegen werden bei jedem Recyclingdurchgang kürzer, bis sie irgendwann nicht mehr zu neuem Papier verarbeitet werden können.

    (c) A. Zeiß / WWF Jugend

    Wesentlich komplizierter ist das Ganze bei Kunststoffen. Von denen gibt es eine Menge verschiedener Sorten und wenn daraus wieder gleichwertiges Kunststoffrezyclat – so nennt man die Plastikpellets, die beim Recyclingvorgang entstehen – werden soll, müssen sie auch sortenrein getrennt werden. Das ist insbesondere dann nahezu unmöglich, wenn wie bei vielen Plastikverpackungen Schichten verschiedener Kunststoffe miteinander verschweißt sind. So kommen in den Recyclingunternehmen zwar 45% des deutschen Plastikmülls an, wirklich recycelt werden allerdings nur 15,6%. Nur 7,8% kann man wirklich mit neuem Kunststoff vergleichen. Dazu kommt, dass das Sortieren und Aufarbeiten von Kunststoff aufwendig und teuer, neuer Kunststoff jedoch günstig ist, sodass es für Hersteller wenig attraktiv ist, Recyclingkunststoff zu verwenden. Die restlichen recycelten Kunststoffe sind Mischkunststoffe, die als minderwertiges Material angesehen und zur Herstellung von Gegenständen wie den Füßen von Straßenschildern genutzt werden. Da hier kein gleichwertiger Rohstoff entsteht, bezeichnet man diesen Vorgang auch als Downcycling. Der übrige Kunststoffmüll wird ins Ausland verschifft oder verbrannt. Müllverbrennung wird auch als thermisches Recycling bezeichnet, ist allerdings teuer und im Vergleich zum tatsächlichen Recycling nicht gerade energieeffizient. Zudem bleiben giftige Reststoffe zurück, in eingelagert werden müssen.

    Bild von Maurice Angres auf Pixabay

    Und Apropos Energie: Von der wird für Recyclingprozesse eine Menge benötigt, wenn auch weniger als für die Herstellung komplett neuer Materialien. Deshalb reicht es nicht, die Recyclingfähigkeit zu verbessern, wir müssen unseren Verpackungsmüll reduzieren. Da sind natürlich auch die Unternehmen gefragt, unnötige Verpackungen abzuschaffen, gerade, was mehrfach verpackte Produkte angeht wie z. B. eine Zahnpastatube, die zusätzlich in einer Pappschachtel steckt. Was keine Lösung sein kann, ist, sämtliche Kunststoffverpackungen lediglich durch Verpackungen aus Papier oder Glas zu ersetzen. Diese Stoffe lassen sich zwar besser recyceln, für ihre Herstellung werden jedoch mehr Energie und Ressourcen verbraucht und gerade Glas sorgt durch sein deutlich höheres Gewicht beim Transport für einen höheren CO2-Ausstoß.

    Bild von Franz W. auf Pixabay

    Eine ganz andere Idee dafür, wie wir den Verpackungsmüllberg reduzieren können, hat Michael Braungart, Chemiker und Miterfinder des Cradle-to-Cradle-Konzepts, der Idee einer durchgängigen Kreislaufwirtschaft. Er schlägt vor, alle Verpackungen aus einem einzigen Kunststoff herzustellen, nämlich PET. Diesen Stoff kennen wir von Getränkeflaschen, die an Verkaufsstellen bereits sortenrein gesammelt werden. Ein solches Pfandsystem stellt sich Braungart für sämtliche Verpackungen vor. PET kann bis zu achtmal recycelt werden. Außerdem lassen sich daraus Braungart zufolge biologisch abbaubare Polyester herstellen, weshalb er vorschlägt, einen Teil der zurückgegebenen PET-Verpackungen für die Produktion kompostierbarer Textilien zu nutzen.

    Bild von Hans Braxmeier auf Pixabay

    Und welche Ideen schweben Dir für die Verpackungen der Zukunft vor? Bist Du neugierig darauf, weitere spannende Konzepte kennenzulernen, wie eine nachhaltige Welt von Morgen aussehen könnte, und hast Du Lust, gemeinsam mit Gleichgesinnten eine eigene Utopie zu bauen? Dann bewirb Dich jetzt für die Zukunftsmutigen!  Einsendeschluss ist am 28. Mai. Alle weiteren Infos findest Du hier

    Hier kannst Du nochmal den letzten Bericht unserer kampagnenbegleitenden Reihe nachlesen, in dem Lisa Ordnung in den Fachbegriffsdschungel rund um Degrowth und Green Growth bringt.   

    Quellen:

Kommentare

3 Kommentare
  • SteffiFr
    SteffiFr WIeder ein guter Bericht!
    Heute stand bei uns in der Zeitung: Die Corona-Krise führt bereits jetzt zu deutlichen Veränderungen bei der Abfallwirtschaft: Zum einen misten die Leute gerade alle aus - und bringen die Sachen auf den Recyclinghof, wo die...  mehr
    19. März - 1 gefällt das
  • Cookie
    Cookie Hier in Frankfurt mussten auch die Wertstoffhöfe geschlossen werden, weil alle die Zeit genutzt haben, ihren Sperrmüll hinzubringen, und dort dann zu viele Menschen auf einem Haufen waren. Ich finde es an sich in Ordnung, die Zeit zum Ausmisten zu...  mehr
    20. März
  • SteffiFr
    SteffiFr ja, seit dem Wochenende sind die Recyclinghöfe bei uns auch geschlossen.
    23. März