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Aufregung über Bonpflicht ist fast so absurd wie das Gesetz

  • „Den muss ich dir leider mitgeben“, sagt meine Friseurin entschuldigend, als sie mir den Kassenzettel über die Theke reicht, nachdem ich meine 5€ fürs Ponyschneiden bezahlt habe. Auch in der Bäckerei wird mir plötzlich ein Kassenbon unter die Nase gehalten und im Unverpackt-Laden ist die Diskussion an der Kasse ebenfalls groß. Aufgrund des neuen Kassengesetzes sind seit dem ersten Januar sogar Letztere, in denen sich eigentlich alles um die Müllvermeidung dreht, wie alle anderen Händlerinnen und Händler dazu verpflichtet, sämtlichen Kundinnen und Kunden für jeden Einkauf ein Stück Papier in die Hand zu drücken, das in der Regel direkt in den Abfalleimer wandert.

    (c) Anne Zeiß / WWF Jugend

    Und zwar am besten in den Restmüll, denn was auf den ersten Blick nach Papier aussieht, ist in der Regel mit einer Kunststoffschicht überzogen. Die Bons werden nämlich normalerweise nicht mit Tinte bedruckt, sondern erhalten ihre Aufschrift durch Temperatureinwirkung. Das funktioniert, indem sogenanntem Thermopapier Farbentwickler beigemischt ist, der durch Wärme reagiert und dabei das Papier schwarz färbt. Herkömmlicherweise hat man als solchen Farbentwickler bisher Bisphenol A (BPA) und Bisphenol S eingesetzt. BPA ist allerdings in der EU als besonders besorgniserregender Stoff eingestuft, da es hormonell wirken und so unserer Gesundheit schaden kann. Deshalb dürfen Thermopapiere mit einem BPA-Gehalt von 0,02 Gewichtsprozent oder mehr seit dem 2. Januar in der EU nicht mehr in den Verkehr gebracht werden. Das Jahr 2020 bringt also nicht nur eine Kassenbonpflicht, sondern auch eine Beschränkung des Einsatzes von BPA in Thermopapier. Es ist jedoch davon auszugehen, dass der Stoff zum großen Teil durch andere Phenole und Bisphenole ersetzt werden wird, deren Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit wir noch nicht genau kennen. Bisphenol S steht ebenfalls im Verdacht, hormonell zu wirken und somit eine Gefahr darzustellen. Zwar gibt es auch für phenolfreies Thermopapier sowie Thermopapier, das ganz ohne Farbentwickler auskommt, aus Kosten- und Verfügbarkeitsgründen wird es jedoch seltener genutzt. Ob und welchen Farbentwickler der eigene Kassenbon enthält, ist für Verbraucherinnen und Verbraucher dem Umweltbundesamt zufolge nicht erkennbar. Es rät dazu, vorsorglich alle Bons im Restmüll zu entsorgen, da die gefährlichen Stoffe sich sonst im Altpapier verteilen und sowohl in die Umwelt gelangen als auch zu uns zurückkommen können.

    Bild von Birnur auf Pixabay

    Während wir die Phenole dann vielleicht plötzlich im Recyclingklopapier haben, das mit unseren intimsten Stellen in Berührung kommt, werden sie übrigens nicht in neue Kassenzettel gelangen, die werden nämlich aus Frischfaserpapier hergestellt. Das benötigt jede Menge Wasser, Energie – und natürlich Bäume. Handelsforscher des Kölner EHI haben kalkuliert, dass für die 5,7 Millionen Kilo Papier, die nun zusätzlich für Kassenzettel benötigt werden, ungefähr jede Stunde eine Fichte gefällt werden muss. Das Umweltbundesamt hingegen spricht von einer verhältnismäßig geringen Papiermenge und sieht die bereits erläuterte chemische Zusammensetzung der Bons als weitaus problematischer an.

    (c) Anne Zeiß / WWF Jugend

    Sowohl im Handel als auch bei Verbraucherinnen und Verbrauchern hat das neue Kassengesetz bereits für erheblichen Protest gesorgt. Eine Karlsruher Wirtin hat eine Woche lang alle Bons gesammelt und sie an Leinen in ihrer Gaststube aufgehängt. Das Foto eines Bäckers aus dem Münsterland, das die ausgedruckten Kassenzettel von zwei Tagen auf dem Boden seiner Bäckerei zeigte, erregte in den sozialen Medien eine Menge Aufmerksamkeit. Ein Facebook-Post der Weingartener Bäckerei Frick, in dem dazu aufgefordert wird, die Bons zu sammeln und beim Abendspaziergang in den Briefkasten des Finanzamtes zu werfen, wurde fast 25.000-mal geteilt. Einige setzen diese Idee bereits in die Tat um: Ein Twistringer Tankstellenbetreiber hat drei Kartons voller unerwünschter Kassenbons an Finanzminister Olaf Scholz geschickt und wer der bereits erwähnten Bäckerei Tenk-Bomkamp einen an die SPD adressierten Briefumschlag mit zehn Kassenbons aus mindestens drei verschiedenen Geschäften abgibt, bekommt drei Brötchen gratis und die Bäckerei übernimmt das Porto. Auch eine Online-Petition gegen das neue Kassengesetz läuft bereits.

    Ausschnitt aus einem Bild von Hans Rohmann auf Pixabay

    Ich habe mich auch erst mal fürchterlich aufgeregt, als ich von dem neuen Gesetz erfahren habe. Warum arbeitet die Regierung auf der einen Seite an einem Plastiktütenverbot und führt dann auf der anderen Seite aber eine Regelung ein, die einen solchen Müllberg mit sich bringt? Als ich meine Freundin Melina, die beim Finanzamt arbeitet, getroffen hab, hab ich sie erst mal gefragt, was das Ganze denn soll. „Ja, das ist grade ein ganz großes Thema“, seufzt sie und erklärt mir den Hintergrund: Es gehe darum, Schwarzeinnahmen von kleinen Betrieben wie Dönerläden, Imbissbuden, Bäckereien, Metzgereien, Wirtshäusern usw. einzudämmen bzw. zu verhindern. Das leuchtet mir erst mal nicht so richtig ein. Hinterziehen die wirklich so viele Steuern und vor allem, wie hindert sie das Ausdrucken eines Bons daran? Melina erklärt mir, dass Kassensysteme sich z. B. austricksen lassen, in dem alle Bestellungen in einem Restaurant auf einen Trainingskellner gebucht werden, wodurch Steuerzahlungen entfallen. Außerdem lassen sich einnahmen nur als Zwischenbuchung speichern und nachträglich wieder stornieren. Laut Bundesrechnungshof entgehen dem Staat so jährlich bis zu zehn Milliarden Euro. Wird ein Kassenbon ausgedruckt, ist dies nicht möglich. In anderen Ländern, die die Bonpflicht schon vor Jahren eingeführt haben, hat sie tatsächlich zu Mehreinnahmen geführt. Als Möglichkeit, den Bonmüll zu vermeiden, rät Melina dazu, Apps zu nutzen, über die man den Kassenzettel elektronisch erhält. Bisher stecken die meisten dieser Apps aber noch in der Entwicklung oder sind kaum verbreitet und dass man sie nutzen kann, setzt natürlich voraus, dass sowohl Handel als auch Kunden das entsprechende Tool verwenden. Zudem gibt es Bedenken in Bezug auf den Datenschutz, was solche Apps betrifft.

    Bild von William Iven auf Pixabay

    Eine Aussage von Melina macht mich allerdings ziemlich nachdenklich: „Jeder, der zum Bäcker geht, kriegt dort mindestens eine Papiertüte und es stört keinen. Aber jetzt, wo es um die Kassenzettel geht, regen sich alle auf.“ Da hat sie irgendwie recht. Ich lasse mir meine Backwaren zwar immer direkt in einen mitgebrachten Stoffbeutel füllen, aber bisher tut das wohl eher ein verschwindend geringer Teil der Bevölkerung. Wie hoch der Papierberg wohl wäre, wenn man statt aller Bons alle Bäckertüten eines Tages auftürmen würde? Wie viele Bäume dafür wohl gefällt werden? Wir kaufen unseren Imbiss in der Styroporschachtel und nehmen dazu noch das passende Einwegbesteck, aber über den Kassenzettel regen wir uns auf? Das erscheint mir plötzlich noch absurder als die Bonpflicht selbst. Auf Facebook habe ich eine passende Grafik entdeckt: Unter der Überschrift „Wann deutschen Unternehmen der Umweltschutz am Herzen liegt“ ist ein Balkendiagramm zu sehen. Die Balken über den Aussagen „Wenn sie ihre Energiebilanz überdenken“ und „Wenn sie Verpackungen gestalten“ sind winzig, daneben prangt ein riesiger gelber Balken mit der Unterschrift „Wenn sie Bons ausdrucken sollen“. Wäre es nicht sinnvoller, sich auf die Vermeidung unnötiger Einwegverpackungen zu konzentrieren, statt ein solches Aufhebens um die Bonpflicht zu machen? Wie viel müllfreier wäre doch die Welt, wenn der einzige Abfall, den wir aus jedem Laden mitnehmen würden, ein Kassenbon wäre? Darum möchte ich an alle Menschen appellieren, lieber den eigenen Beutel mit zum Bäcker zu bringen, als Zeit und einen Briefumschlag zu verschwenden, um dem Finanzminister alte Kassenbons zukommen zu lassen. Überlegt mal, wie viel Müll wir dadurch einsparen können!

    Bild von PublicDomainPictures auf Pixabay

    Und damit wir bei all der Absurdität auch was zum Lachen haben: Der Postillon berichtet über einen Jugendlichen, der sich auf die Bongpflicht beim Bäcker freut. ;-)

    Quellen:

Kommentare

6 Kommentare
  • SaraesaH
    SaraesaH Danke dir, der Bericht regt echt zum Nachdenken über die eigene und generell gesellschaftliche Perspektive auf solche Themen an!
    13. Jan. - 1 gefällt das
  • SteffiFr
    SteffiFr Das stimmt, bei Papiertüten vom Bäcker regt sich niemand auf, und viele Leute denken nicht groß deswegen nach. Oder wenn man sich Gemüse in eine Papiert+te packt und bei jedem EInkauf eine frische nimmt für 2 Äpfel.
    Bei uns im Unverpacktladen ist...  mehr
    13. Jan. - 1 gefällt das
  • SteffiFr
    SteffiFr und danke für den Petitionslink!
    13. Jan. - 1 gefällt das
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    Cookie @Steffi: Das ist spannend, ich habe heute auch in einer Zeitung gelesen, dass es reicht, wenn der Beleg vom Händler elektronisch gespeichert wird. Angeblich ist nicht mal eine Übermittlung an den Kunden per App, E-Mail oder SMS notwendig. Bei dem...  mehr
    14. Jan.