Berichte

Türchen 22

  • Wir können die Zukunft nicht vorhersagen. Wissenschaftler können Prognosen erstellen, aber das heißt noch lange nicht, dass diese sich auch bewahrheiten, vor allem, weil wir auf Prognosen reagieren und unser Verhalten ändern können, sodass die prognostizierten Ereignisse nicht eintreffen. Eine weitere Möglichkeit, einen Blick in die Zukunft zu werfen, bieten uns Geschichten. In Literatur und Filmen ist alles erlaubt. Autoren und Regisseure malen sich die verrücktesten Szenarien aus, wie unsere Welt in ein paar Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten aussehen könnte. Fliegende Autos, Kolonien auf fernen Planeten, rätselhafte Krankheiten, die die halbe Menschheit auslöschen – im Genre Science-Fiction ist all dies möglich und erscheint als wissenschaftlich, logisch und rational begründet. Wie Gerry Canavan schreibt, ist Science-Fiction ein Begriff, der sich eigentlich selbst widerspricht: Fakten und Fiktion – wie kann das zusammenpassen? Tatsächlich greifen Zukunftsromane und -filme häufig reale Tendenzen auf, spinnen sie weiter und übersteigern sie. Liest man ältere Science-Fiction-Werke, ist man manchmal überrascht darüber, wie nahe sie der heutigen Welt kommen. Canavan bringt es auf den Punkt: “It’s true that cars still don’t fly — but they have started to drive themselves.” Wir können uns dank Internet über unvorstellbar weite Entfernungen sehen und hören, technische Assistenten können durch Sprachsteuerung unsere Heizkörper und Lampen regulieren, den Fernseher anschalten und uns über das Wetter informieren, und zum Bezahlen reicht es schon, eine Plastikkarte kurz vor einen Scanner zu halten. All diese Dinge wären vor zwanzig oder dreißig Jahren noch reine Science-Fiction gewesen.  


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    Romane und Filme, die in der Zukunft spielen, zeigen meist nicht nur die Vorteile technischer Entwicklungen, sondern zeichnen ein düsteres Bild der fatalen Folgen, die durch die Technisierung entstehen. Werke, die zukünftige Gesellschaftsformen negativ darstellen, werden auch Anti-Utopien oder Dystopien genannt. Besonders bekannte Beispiele dafür sind George Orwells 1949 erschienener Roman „Nineteen Eighty-Four“, der einen totalitären Überwachungsstaat porträtiert und aus dem der berühmte Satz „Big Brother is watching you“ stammt, sowie Aldous Huxleys 1932 veröffentlichter Roman „Brave New World“. Wenn von der schönen neuen Welt die Rede ist, verbirgt sich dahinter nicht selten eine Anspielung auf diesen, denn der deutsche Titel von Huxleys Roman lautet „Schöne neue Welt“. Da eine Welt wie im Roman, in der die Gefühle der Menschen durch das dauerhafte einnehmen von Drogen vollständig unterdrückt werden, in der niemand lernt, etwas kritisch zu hinterfragen, und die Leitsätze der Gesellschaft bereits den künstlich gezeugten Kindern im Schlaf eingetrichtert werden, alles andere als schön ist, wird die Redewendung von der schönen neuen Welt oft verwendet, um auf die Schattenseiten von auf den ersten Blick positiv erscheinenden Neuerungen hinzuweisen. Ich habe „Brave New World“ damals im Englisch-Unterricht in der Schule gelesen und eine der Regeln, die den Figuren durch das sogenannte „Schlaflernen“ beigebracht wird, hat sich mir besonders eingeprägt: „Ending is better than mending.“ Auch wenn die Ereignisse in Huxleys Dystopie erst in über 500 Jahre angesiedelt sind, trifft man diese Wegwerfmentalität bereits in unserer Gegenwart häufig an, in der völlig funktionsfähige Geräte und intakte Kleidungsstücke andauernd durch neuere ersetzt werden und man oft zu hören bekommt, es sei billiger, sich ein neues Gerät zu kaufen, als das alte reparieren zu lassen.


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    Eine ähnliche Philosophie findet man auch im 2017 erschienenen „QualityLand“ von Marc-Uwe Kling, um auch ein aktuelleres Beispiel zu nennen. Die dort geltenden Konsumschutzgesetze verbieten jegliches Reparieren strengstens und so landet alles, was kaputt geht, in der Schrottpresse des Protagonisten Peter Arbeitsloser. Die Welt in „QualityLand“ wird durch Algorithmen bestimmt, die besser wissen, was man will, als man selbst, und es einem vorsorglich schon mal online bestellen und durch Drohnen ausliefern lassen. Selbst den passenden Partner findet man dank Apps und Algorithmen, bezahlt wird durch einen Kuss auf ein Tablet und alles wird bewertet, von den selbstfahrenden Autos, die nicht in als unsicher eingestufte Viertel fahren, bis hin zur Performance des Partners im Bett. Kling gelingt es mit seiner satirischen Herangehensweise, seine düstere Zukunftsvision mit einer extragroßen Portion Humor zu versehen, und ich empfehle „QualityLand“ als unterhaltsame Lektüre für die kommenden kalten Wintertage. Manchmal bleibt einem allerdings auch das Lachen im Hals stecken, wenn man merkt, dass einige der Szenarien im Roman gar nicht allzu weit von unserer Realität entfernt sind.


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    Doch was bringen uns solche schwarzmalerischen Zukunftsgeschichten? Den Nutzen von Dystopien hat die Autorin Ally Condie, wie ich finde, wunderbar beschrieben: “The beauty of dystopia is that it lets us vicariously experience future worlds – but we still have the power to change our own.” Dystopische Filme und Bücher lassen uns eine schreckliche Zukunft erleben und bieten einen Anreiz, darüber nachzudenken, was wir in unserer realen Gegenwart verändern müssen, um die Schrecken der dystopischen Welt abzuwenden. Obwohl die negativen Darstellungen zukünftiger Gesellschaften in Romanen und Filmen vor allem in der heutigen Zeit überwiegen, gibt es aber auch Beispiele, in denen positive Welten heraufbeschworen werden. Einen solchen Entwurf einer idealen Gesellschaft nennt man Utopie, ein Kunstwort, das sich aus den griechischen Wörtern für „nicht“ und „Ort“ ableitet, also ein Ort, den es (in diesem Fall leider) nicht gibt. Ein Beispiel ist Ernest Callenbachs 1975 erschienener utopischer Roman „Ecotopia“ (dt. „Ökotopia“). Der Titel des Buchs ist gleichzeitig der Name eines Staates, der sich aus Nordkalifornien, Oregon und Washington zusammensetzt, die sich von den übrigen USA abgespalten haben. Die Bewohner von Ökotopia leben, wie der Name bereits vermuten lässt, besonders umweltfreundlich. Autos wurden in den Städten abgeschafft und auf den mit Bäumen bepflanzten Straßen von San Francisco tummeln sich Leihfahrräder, elektrische Taxis und selbstfahrende batteriebetriebene Busse, die jeder gratis nutzen kann. Die Menschen in Ökotopia bauen ihre Lebensmittel ohne den Einsatz von Pestiziden an und 99% des Mülls werden recycelt. Sie haben zwei verschiedene Arten von Plastik entwickelt: Ein kurzlebiges für Einwegprodukte, das sich nach einem bestimmten Zeitraum selbst zerstört und zerfällt sowie ein langlebiges, das nur von bestimmten Mikroorganismen zersetzt werden kann. Beide Arten werden auf pflanzlicher Basis hergestellt und können als Kompost verwendet werden. Fiktionale Zukunftsdarstellungen können uns also nicht nur zeigen, was wir um jeden Preis verhindern sollten, sondern auch Visionen bieten, die inspirieren und die sich anzustreben lohnen.


    Bild von Fabricio Macedo FGMsp auf Pixabay

    Ich habe einen Bachelor in Germanistik und Romanistik und mache zurzeit meinen Master in Comparative Literature (im Prinzip Literaturwissenschaft, nur etwas disziplinärer aufgebaut). Literatur und Sprache faszinieren mich und ich beschäftige mich unglaublich gerne damit, dennoch erscheint mir mein Studium manchmal wenig sinnvoll, wenn ich mir die Welt um uns herum und die Herausforderungen, die auf uns zukommen, anschaue. Dann hadere ich mit meiner Studienwahl und frage mich, ob ich mich nicht besser für einen Studiengang mit mehr Umweltbezug entschieden hätte. In diesem Semester besuche ich ein Seminar mit dem Namen „Introduction to Environmental Humanities and Sustainable Studies“, in dem wir uns mit den Themen Klimawandel und Umweltschutz im Bereich Literatur- und Kulturwissenschaft auseinandersetzen. In den Sitzungen wird immer wieder deutlich, dass es zwar unglaublich wichtig ist, dass wir die naturwissenschaftlichen Fakten zum Klimawandel kennen, dass das allein aber nicht reicht, um Menschen zum Handeln zu bewegen, wie man leider immer wieder beobachten kann. Es kommt auch darauf an, wie wir diese Fakten kommunizieren und in welche Erzählungen wir sie verpacken. Um den Klimawandel aufzuhalten, müssen wir Gewohnheiten ändern, die teilweise tiefe kulturelle Wurzeln haben. Es ist ein Thema, dass man nicht nur sachlich angehen kann, sondern das auch stark mit Emotionen behaftet ist. Wir haben in dem Seminar auch schon am Beispiel der Wölfe gesehen, wie sehr fiktionale Geschichten unsere Wahrnehmung von sowie unser Verhalten gegenüber bestimmten Tieren beeinflussen können. Ich weiß, dass wir die Welt mit Literatur allein nicht retten können, doch das Seminar gibt mir die Hoffnung, dass wir mit Geschichten durchaus etwas bewirken können. Wenn wir unsere Zukunft neu gestalten wollen, brauchen wir dafür auch unsere Fantasie.


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    Der nachhaltige Neujahrsvorsatz für heute lautet wieder mehr zu lesen, anstatt Filme und Serien zu streamen. Am besten leiht man sich die Bücher in der Bücherei oder bei Freunden und gibt auch eigene Bücher weiter. Offene Bücherschränke bieten eine tolle Möglichkeit, Bücher untereinander auszutauschen.

    Quellen:

    - George Orwell: Nineteen Eighty-Four.
    - Aldous Huxley: Brave New World.
    - Marc-Uwe Kling: QualityLand.
    - Ernest Callenbach: Ecotopia.
    - Gerry Canavan und Kim Stanley Robinson (Hrsg.): Green Planets. Ecology and Science Fiction.
    - Dieter Burdorf, Christoph Fassbender und Burkard Moennighoff (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur, 3. Auflage.
    - https://seitenwaelzer.de/brave-new-world-und-island-von-dystopie-zu-utopie (18.12.19)

Kommentare

2 Kommentare
  • Jojahanna
    Jojahanna Danke für dieses schöne Türchen, liebe Anne! Es macht auf jeden Fall Lust, wieder mehr zu lesen. Und auch Naturwissenschaftler zweifeln mal an ihrer Studiengangswahl. Unser Ökologieprofessor macht jedes Semester eine Umfrage, was nach Meinung der...  mehr
    22. Dezember 2019 - 2 gefällt das
  • lenalotta
    lenalotta Ein wirklich schönes Türchen, vielen Dank! Ich finde es total spannend, wie Star Wars z.B. fremde Planeten und Sonnensysteme darstellt, von deren Existenz man in den 70ern eigentlich noch gar nichts wusste. Dass Planeten auch um zwei Sonnen kreisen...  mehr
    24. Dezember 2019 - 1 gefällt das