Berichte

Türchen 5

  • Hinter dem 5. Türchen verbirgt sich eine kleine Zeitreise in die Zukunft. Ich möchte Euch mit einer Geschichte mit ins Jahr 2100 nehmen.

    „Hoch die Hände, Wochenende!“, ruft Sascha, als er und seine Schwester Kerstin an einem Freitagnachmittag im Dezember aus der Schule nach Hause kommen. Im Wohnzimmer finden die Geschwister ihre Uroma Lara gedankenversunken auf dem Sofa sitzend vor. Kerstin schält sich aus ihrem warmen Wintermantel und kuschelt sich zu ihr unter die bunte Wolldecke. „Alles klar Oma? Du siehst viel zu traurig aus für einen Freitag.“ Lara legt ihren Arm um ihre Urenkelin. „Alles in Ordnung, Mäuschen, es ist nur das Datum, das macht mich jedes Jahr ein bisschen nachdenklich.“ Kerstin schaut auf das elektronische Armband an ihrem Handgelenk und runzelt die Stirn. „Der 24.? Wieso das denn?“ Sascha hat es sich inzwischen mit seinem eBook-Reader auf dem Sessel gemütlich gemacht. „Ist das der Tag, an dem Uropa Kevin gestorben ist?“, will er wissen. Kerstin reißt entsetzt die Augen auf. „Du bist so unsensibel“, faucht sie ihren großen Bruder an, doch Uroma Lara tätschelt ihr lächelnd die Schulter. „Ist schon in Ordnung. Es geht nicht um Opa Kevin. Wisst ihr, damals, als ich ein Kind war, da war der 24. Dezember noch was ganz Besonderes.“ Sascha schlägt sich an die Stirn. „Ah, jetzt fällts mir wieder ein, das hatten wir doch letztens in Geschi. Das waren doch diese Feiertage, die verboten werden mussten, weil die Menschen hier immer total ausgerastet sind und die Umwelt zerstört haben. Wein-Nacht, oder wie das hieß.“ „Ah, du meinst Weihnachten. Stimmt, das hab ich in nem Podcast gehört. Ursprünglich war das mal ein so ein religiöses Ding, der Geburtstag von Jesus oder so. Aber irgendwann haben die Leute das vergessen und das Ganze ist voll eskaliert. Die Leute haben dann immer schon vorher massenweise Mist eingekauft, für den sie sich in den Einkaufszentren geprügelt haben. Oder halt einfach online bestellt, da musste die Post dann manchmal über 10 Millionen Päckchen an einem Tag mit ihren luftverpestenden Autos kreuz und quer durchs Land fahren“, weiß Kerstin.  „Genau und die ganzen Menschen haben sinnlos Strom verpulvert, um ihre Häuser mit hässlichen Blinklichtern und leuchtenden dicken bärtigen Männern in roten Klamotten zu schmücken.“ „Und ganze Wälder abgeholzt und Berge von Müll produziert und sich mit Fleisch vollgestopft, bis sie fast geplatzt sind und…“ Als sie den erschrockenen Blick ihrer Uroma sieht, hält Kerstin inne. „War es denn nicht so, Oma?“ „Na ja, manches davon mag schon stimmen, aber für mich war die Weihnachtszeit eigentlich immer die schönste Zeit im Jahr.“ Sascha schaut seine Uroma ungläubig an. „Hä? Wieso das denn?“, fragt er verständnislos und auch seine Schwester ist etwas verwirrt. „Ich dachte, du hast dich früher schon für die Umwelt eingesetzt, Oma.“ Lara seufzt und zeigt mit einem runzligen Finger auf das Regal an der Wand. „Sascha, sei doch so gut und bring mir mal das Album da, das Blaue.“

     Bild von congerdesign auf Pixabay

    Sascha legt den eBook-Reader zur Seite, schlurft durchs Wohnzimmer und hievt das dicke Buch vom Regalbrett hinunter. Oben auf dem Album hat sich bereits eine Staubschicht gebildet, die Lara sorgsam wegpustet, nachdem ihr Urenkel es ihr gereicht und sich auf ihrer anderen Seite niedergelassen hat. Kerstin rückt gespannt noch näher an ihre Uroma heran, als diese die erste Seite aufschlägt. Dort ist ein Foto von einer Teenagerin in einer Menschenmenge eingeklebt. Sie hält ein Pappschild mit einer aufgemalten Erdkugel und der Aufschrift „There is no Planet B“ in der Hand. „Wer ist das denn?“, wundert sich Sascha. „Das ist diese Greta Irgendwas-Berg, die ganz viele Preise dafür bekommen hat, dass sie die Kinder zum Schuleschwänzen gebracht hat“, erklärt Kerstin in ihrem Oberlehrertonfall und bringt damit ihre Uroma zum ersten Mal an diesem Nachmittag zum Lachen. „Nein du Dummerchen, das auf dem Bild ist eure Uroma beim globalen Klimastreik hier in Duisburg. Ende November 2019 war das. Meine Güte, 81 Jahre ist das jetzt schon her.“ „Krass, du hast auch die Schule geschwänzt?“ Sascha ist sichtlich beeindruckt von seiner Uroma. Die erinnert sich lächelnd zurück: „Ja fast jeden Freitag bin ich mit meinen Freunden demonstrieren gegangen. Das war eine verrückte Zeit, aber auch eine wahnsinnig tolle Zeit. Das Thema Klimawandel war überall in den Medien und wir haben dafür gesorgt. Es war ein unglaubliches Gefühl, Teil dieser Bewegung zu sein.“ Kerstin hängt an den Lippen ihrer Urgroßmutter, der ihre Begeisterung förmlich anzusehen ist, doch dann verfinstert sich das Gesicht der 96-Jährigen. „Aber es hat nicht gereicht. Die Politiker haben zwar alle große Reden geschwungen, aber passiert ist nichts. Oder zumindest nicht genug.“ „Aber wieso? Der Klimawandel konnte doch gestoppt werden“, wirft Sascha ein und Kerstin gibt ihr Wissen aus dem Geschichtsunterricht preis: „Bei der COP 31 in Amsterdam im Jahr 2025 wurden strenge globale Klimaziele für 2050 beschlossen und alle konnten erreicht werden. Das 1,7-Grad-Ziel wird seitdem eingehalten. Wir hier in Deutschland leben quasi CO2-neutral und der Planet wird noch für viele weitere Generationen erhalten bleiben.“ Sascha streckt seiner kleinen Schwester hinter dem Rücken der Uroma die Zunge raus und zischt: „Streberin!“ Auf dem Gesicht von Uroma Lara zeichnet sich eine dicke Zornesfalte ab – aber das liegt nicht an Sascha. „Soso, in der Schule wird euch das heute also alles als großer Erfolg verkauft? Jaja, 2031 wurde dann endlich mal gehandelt, aber viel zu spät. Erst mal mussten ein paar Inseln untergehen und unzählige Arten aussterben, bevor denen endlich klar geworden ist, dass es eng wird. 1,7 Grad… Pff! 1,5 Grad haben wir damals gefordert. Dafür wars dann aber schon zu spät. Erst als ihnen das Wasser bis zum Hals stand haben die Politiker den Arsch hochgekriegt. Dann wurde eine Maßnahme nach der anderen getroffen. Und was für Maßnahmen…“

     Bild von NiklasPntk auf Pixabay

    Erschrocken über den Wutausbruch ihrer Urgroßmutter hat es Kerstin die Sprache verschlagen. Sascha blättert vorsichtig eine Seite weiter. Das nächste Bild zeigt wieder die Uroma mit 15 zusammen mit einem jüngeren Mädchen. Beide lachen und sind mit Mehl bestäubt. Auf dem Tisch vor ihnen ist ein Teig ausgerollt. Lara hat sich wieder beruhigt und beginnt zu erzählen: „Das ist meine Schwester Maja, da haben wir zusammen Plätzchen für Weihnachten gebacken.“ Sie zeigt auf das nächste Foto. „Und das ist an Heiligabend.“ Auf die Geschwister wirkt das Bild ziemlich merkwürdig. Da steht eine große Tanne mitten im Wohnzimmer, über und über mit Lichterketten und bunten Bällen behängt, darunter stapeln sich bunt eingewickelte Päckchen. Teenager-Uroma und ihre kleine Schwester stehen in hübschen Kleidern und mit leuchtenden Augen Arm in Arm neben dem Baum. Sascha staunt: „Cool, so viele Geschenke!“ Seine Schwester hingegen ist entsetzt: „Sag bloß, ihr habt auch immer Bäume getötet, um Plastikkugeln dranzuhängen? 30 Millionen Bäume sind jedes Jahr für diesen Blödsinn draufgegangen, die hat man schon in Monokulturen angepflanzt und mit giftigem Dünger übergossen. Und dann die Lichterketten! Mit dem Strom, der für die ganze Beleuchtung drauf gegangen ist, hätte man unsere ganze Stadt ein Jahr lang versorgen können. Das hat ja auch irre viel gekostet. Allein wegen der Beleuchtung hat das Weihnachtsverbot dazu geführt, dass fast 200 Millionen Euro gespart und in erneuerbare Energien investiert werden konnten.“ Sascha verdreht die Augen. „Jaja wir haben alle kapiert, dass du in der Schule aufgepasst hast.“ Kerstin funkelt ihn wütend an. „Du siehst ja auch bloß die Geschenke und findest das toll. Wegen Menschen wie dir, die ständig nur haben haben haben wollten, sind die ganzen Probleme ja überhaupt erst entstanden. Wenn ich mir das angucke, dann seh ich 20% mehr Müll als im ganzen Jahr.“ Uroma Lara muss lachen. „Aus dir wäre eine tolle Aktivistin geworden. Aber weißt du Kerstin, eigentlich ging es doch bei Weihnachten um was ganz Anderes. Bei uns kam immer die ganze Familie zusammen und dann haben wir erst mal einen Spaziergang zum Grab von meiner eigenen Uroma gemacht und eine Kerze für sie angezündet. Und dann gab es ein leckeres Abendessen und alle haben viel erzählt und gelacht. Na gut, die Bescherung war natürlich auch immer toll für uns Kinder, das geb ich schon zu. Ich weiß noch, in dem Jahr hab ich die teure Edelstahlbrotdose und die Trinkflasche bekommen, die ich mir so gewünscht hab. Ich wollte damals unbedingt Zero Waste leben, das war in der Zeit noch nicht selbstverständlich und einige junge Frauen haben Blogs darüber geschrieben, die mich sehr fasziniert haben. Na ja, und danach hat meine Oma immer ihre Zither rausgeholt und meine Mama ihr Akkordeon und wir haben Weihnachtslieder gesungen. Es war einfach so schön, dass die Familie sich mal Zeit füreinander genommen hat. Und die Vorfreude auf den Weihnachtsabend erst…“ Die Urgroßmutter streicht verträumt über das Foto, als die Mutter zum Abendessen ruft und sie aus ihren Gedanken reißt.

     Bild von Free-Photos auf Pixabay

    Am Esstisch ist es Kerstin, die nachdenklich wirkt. Sie flüstert ihrem Bruder etwas ins Ohr und Sascha nickt begeistert. Nach dem Essen erklären beide, sie hätte noch was zu erledigen, und verschwinden ins obere Stockwerk. Als eine Stunde später aus Kerstins Zimmer ein Glöckchen ertönt, führt die Mutter die Uroma dorthin. Beim Öffnen der Tür sehen sie die Palme aus dem Esszimmer, die die Kinder nach oben geschleppt haben. Sie ist mit Sternen und Engeln aus Zeitungspapier behängt. Daneben steht Sascha mit seiner E-Gitarre und haut in die Saiten, während Kerstin mit einem Notenblatt in der Hand aus voller Kehle „Oh du Fröhliche!“ trällert. Uroma Lara, die den Text noch auswendig kann, stimmt lachend mit ein und dank Kerstins Notenblatt kann auch die Mutter mitsingen. Nachdem Sascha noch ein improvisiertes Weihnachtsgitarrensolo hingelegt hat verkündet er der Uroma: „Weil du so traurig ausgesehen hast, dachten wir, wir setzen uns mal über das Verbot hinweg und feiern ein bisschen Weihnachten.“ „Geschenke konnten wir leider so schnell nicht mehr organisieren“, entschuldigt sich Kerstin. Lara nimmt ihre Urenkel mit Tränen in den Augen in die Arme. „Das macht doch nichts, das war so eine schöne Überraschung!“ „Das machen wir jetzt jedes Jahr“, erklärt Sascha. „Genau“, pflichtet Kerstin bei. „Verbot hin oder her, es kann ja wohl keiner was dagegen haben, wenn man sich mit der Familie zusammensetzt und singt.“ „Ja und wenn du dann tot bist, gehen wir auch jedes Jahr am 24. zu deinem Grab und zünden eine Kerze an“, ergänzt Sascha, woraufhin seine Schwester ihm den Ellenbogen in die Seite stößt und schon zum zweiten Mal an diesem Tag darüber schimpft, wie unsensibel ihr großer Bruder ist.

     Bild von Anemone123 auf Pixabay

    5. Neujahrvorsatz: Verbringt Zeit mit den Menschen, die euch wichtig sind. Hört euch ihre Geschichten an, tauscht gemeinsame Erinnerungen aus und unternehmt zusammen etwas, das euch Spaß macht. Gerade vor Festen wie Weihnachten und Geburtstagen verstricken wir uns oft in hektischer Planung, weil wir wollen, dass der Tag etwas ganz Besonderes wird, und vergessen dabei leider viel zu oft, worauf es eigentlich ankommt.

Kommentare

5 Kommentare