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Winzig klein und unaufhaltbar - Neue Studien zu Mikroplastik

  • Was haben das Polareis, Bier, entlegene Bergregionen, Ozeane und Ackerboden gemeinsam? Überall haben Forscher bereits Mikroplastik, also Kunststoffteilchen mit einer Größe von maximal 5 mm, gefunden. Die winzigen Partikel sind allgegenwärtig, doch wie gelangen sie selbst an Orte fernab der Zivilisation?

    Zum einen werden sie über Gewässer wie Flüsse weitergetragen. Zum anderen wird Mikroplastik auch in der Atmosphäre transportiert, wie das Forscherteam um Steve und Deonie Allen vom Forschungsinstitut Ecolab in Castanet-Tolosan in einer Studie herausgefunden hat. Fünf Monate entnahmen die Forscher regelmäßig Proben in einer entlegenen Region in den Pyrenäen im Südwesten Frankreichs und untersuchten, wie viele und welche Arten von Mikroplastikpartikeln Ablagerungen aus der Atmosphäre enthielten. Durchschnittlich lagerten sich täglich pro Quadratmeter 365 Partikel ab. Obwohl die Umgebung kaum besiedelt ist und sich in der Nähe weder Industriezentren noch große Landwirtschaftsflächen befinden, sind diese Ergebnisse mit denen ähnlicher Untersuchungen in den Megastädten Paris und Dongguan (China) vergleichbar. Die am häufigsten gefundenen Plastikarten waren Polystyrol (PS) und Polyethylen (PE), die beide für viele Einwegplastikgegenstände und Verpackungsen benutzt werden, sowie Polypropylen (PP), das ebenfalls für Verpackungen, aber auch für Textilien und wiederverwendbare Produkte verwendet wird.

    Daniel_Nebreda / pixabay (https://pixabay.com/de/photos/berge-lake-blau-landschaft-natur-2314624/ 01.05.2019)

    Die Studie beweist, dass Mikroplastikpartikel über die Atmosphäre selbst in abgelegene Orte transportiert wird und legt Zusammenhänge der Verbreitung mit Niederschlag und sowie Windrichtung und Windgeschwindigkeit nahe. Die Forscher haben errechnet, dass die Quellen der Kunststoffteilchen bis zu 95 km entfernt liegen. Diese Angabe ist jedoch mit Vorsicht zu genießen. Volker Matthias vom Helmholtz-Zentrum Geesthacht – Zentrum für Material und Küstenforschung erklärt, dass man anhand der verwendeten Rechenmodelle nur sehr eingeschränkt auf die Herkunft von Luftmassen schließen könne. Klar ist dennoch: Das Mikroplastik gelangt über die Luft aus entfernten Orten in die Natur.

    Über die Luft kann Mikroplastik übrigens noch an einem weiteren Ort landen: In unserem Körper. Auch im Hausstaub befinden sich Mikroplastikfasern, die durch die Abnutzung von Plastikgegenständen entstehen. Dieser Staub mitsamt seinen Plastikpartikeln gelangt in unsere Mahlzeiten und wird mitverzehrt. Einer Studie zufolge nimmt man bei einer normalen Mahlzeit auf diese Weise mehr Mikroplastik ein als durch den Verzehr von Miesmuscheln, die selbst Mikroplastik aus dem Meer aufgenommen haben. Dass wir vermutlich alle Mikroplastik im Körper haben, haben Forscher an der medizinischen Universität Wien gezeigt. Sie untersuchten acht Stuhlproben von zufällig ausgewählten Menschen aus aller Welt und fanden in allen Plastik – im Durchschnitt 20 Teilchen pro 10 g Stuhl.

    HG-Fotografie / pixabay (https://pixabay.com/de/photos/mehlstaub-mehl-hand-b%C3%A4cker-nahrung-1910046/ 01.05.2019)

    Klingt alles andere als lecker? Definitiv! Aber ist die Aufnahme von Mikroplastik gesundheitsschädlich? Das Problem ist, dass man das noch nicht weiß. Die Auswirkungen von Mikroplastik auf die Gesundheit von Menschen wurden noch nicht ausreichend untersucht. Gastroenterologe Philipp Schwabl, der die Untersuchung in Wien angestoßen hat, weil ihm ungewöhnliche Darmentzündungen bei Patienten auffielen, geht davon aus, dass die meisten Plastikteilchen einfach ausgeschieden werden. Er erzählt aber auch von Tierstudien, die gezeigt haben, dass kleinste Plastikteilchen unter anderem in Blut, Leber und Lymphknoten eingedrungen sind und es an den Eintrittsstellen zu Entzündungsreaktionen kommen kann. Bedenklicher als die Plastikpartikel an sich erscheinen vielen Forschern die im Plastik enthaltenen Stoffe wie z. B. Weichmacher, die ebenfalls in Blut, Organe sowie Fett- und Muskelgewebe übergehen können. Allgemeine Aussagen über die Auswirkungen lassen sich auch hier nicht treffen. In Laborversuchen hat Mikroplastik z. B. Fortpflanzung und Wachstum von Flohkrebsen und anderen Kleinstlebewesen beeinträchtigt. Allerdings entsprechen die Mikroplastikkonzentrationen in den Laborversuchen nicht der Realität, sodass sich die Ergebnisse nicht eins zu eins übertragen lassen.

    Mittlerweile vermutet man sogar, dass die bloße Anwesenheit von Plastik im Wasser Organismen gefährdet, ganz ohne, dass sie dieses fressen. Eine an der Uni Bayreuth durchgeführte Studie zeigt, dass Plastik die Kommunikation unter Wasser stören kann. Einige Lebewesen wie beispielsweise Wasserflöhe verteidigen sich durch körpereigene Strukturen wie Kopfhauben oder lange Stachel gegen Fressfeinde wie Wasserwanzen. Die Räuber geben Botenstoffe, sogenannte Kairomone, ans Wasser ab, die den Wasserflöhen die Gefahr signalisieren und bewirken, dass die Verteidigungsstrukturen sich ausbilden. Die Kairomone lagern sich jedoch an Plastikpartikeln an und sind dadurch für die Wasserflöhe nicht mehr wahrnehmbar. Das führt dazu, dass sie die Gefahr unterschätzen, ihre Verteidigungsstrukturen schwächer ausbilden und dadurch öfter gefressen werden. Die Bayreuther Wissenschaftler befürchten, dass dies Auswirkungen auf das gesamte entsprechende Ökosystem haben könnte, da Wasserflöhe eine wichtige Bedeutung für das natürliche Nahrungsnetz in stehenden Gewässern haben.

    TeGy / pixabay (https://pixabay.com/de/illustrations/wasserfloh-daphnie-3d-mikroskop-1832201/ 01.05.2019)

    Mikroplastik fliegt in der Luft, schwimmt in den Meeren und liegt in den Böden. Aktuelle Studien schätzen, dass im Boden sogar zwanzigmal mehr Plastik enthalten ist als in den Meeren. Dorthin gelangt es z. B. über Kompost, der Plastikteile enthält, über weggeworfene Plastikgegenstände, die zu Mikroplastik zerfallen oder von landwirtschaftlichen Maschinen unter den Ackerboden gepflügt werden. Zu den größten Quellen von Mikroplastik gehören übrigens unter anderem der Abrieb von Autoreifen und Straßenbelag, verwehtes Granulat von Kunstrasen, fälschlich entsorgtes Plastik, z. B. in der Biotonne sowie Plastikpellets die auf dem Transport und bei der Herstellung von Kunststoffgegenständen verloren gehen. Eine gute Übersicht über die Plastikbelastung der Böden gibt die etwa halbstündige Doku „Vermüllt und verseucht – Böden in Gefahr“ (noch bis zum 20.03.2020 in der ZDF-Mediathek zu sehen).

    Zusammenfassend kann man sagen, Mikroplastik ist allgegenwärtig. Ist es einmal in der Natur gelandet, bekommen wir es dort nicht wieder weg. Auch wenn noch nicht eindeutig bewiesen ist, ob es schädlich für Lebewesen ist, sollten wir nach dem Vorsorgeprinzip handeln und dafür sorgen, dass so wenig Mikroplastik wie möglich in die Umwelt gelangt.

    Mysticsartdesign / pixabay (https://pixabay.com/de/illustrations/naturschutz-verantwortung-welt-480985/ 01.05.19)

    So kannst Du dazu beitragen:

    • Plastikmüll aufsammeln. Alles Plastik zerfällt irgendwann zu Mikroplastik. Siehst Du irgendwo Plastikmüll herumliegen, hebe ihn auf und entsorge ihn. So verhinderst Du, dass er in tausende winzige Plastikpartikel zerfällt, die sich überall verteilen.
    • Weniger Plastik kaufen und benutzen. Durch die Nutzung von Plastikgegenständen reibt sich Mikroplastik ab und bei der Produktion von Kunststoffen gehen jede Menge winzige Pellets verloren. Tipps für einen bewussten Plastikkonsum findest Du hier.
    • Bei Textilien auf Naturmaterialien achten. Beim Waschen von Kunststoffkleidern lösen sich winzige Plastikfasern und gelangen ins Wasser. Daher solltest Du möglichst auf Textilien aus Naturfasern wie Baumwolle, Wolle, Leinen und Hanf zurückgreifen.
    • Sorgsam waschen. Kunststoffkleidung, die Du bereits besitzt, solltest Du seltener, kälter und mit geringerer Schleuderzahl waschen, sodass weniger Fasern abbrechen. Du kannst auch einen speziellen Wäschebeutel nutzen, der das Mikroplastik herausfiltert.
    • Kosmetik ohne Mikroplastik nutzen. In einige Kosmetika wie Duschgels und Peelings wird Mikroplastik beigemischt. Apps wie Codecheck und Beat the Microbead helfen Dir, zu erkennen, ob ein Produkt Mikroplastik enthält. Beim Kauf von zertifizierter Naturkosmetik bist Du immer auf der sicheren Seite, denn die darf kein Mikroplastik enthalten.
    • Kosmetik einfach selbst machen. Peeling kann man zum Beispiel aus Speiseöl und Kaffeesatz, Haferflocken, Salz oder Zucker herstellen. Rezepte und Anregungen findest Du hier.
    • Kein Plastik in die Biotonne. Verpacke Deinen Biomüll in alte Zeitungen oder Papiertüten oder wirf ihn einfach lose in die Tonne. Weise ggf. auch Deine Nachbarn daraufhin, z. B. mit diesem kostenlosen Sticker.
    • Andere auf das Problem aufmerksam machen. Ich durfte vor Kurzem Workshops zu Mikroplastik an zwei Schulen geben. Wenn Du auch mal die Gelegenheit bekommst, andere über Mikroplastik zu informieren, melde Dich gerne bei mir, ich gebe mein Material gerne weiter.

    Ben_Kerckx / pixabay (https://pixabay.com/de/photos/gr%C3%BCnabfall-kompost-513609/ 01.05.2019)

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