Berichte

Der Müll und ich

  • Mittlerweile beschäftige ich mich seit mehr als sechs Jahren mit etwas, das wir alle am liebsten aus den Augen und dem Sinn haben wollen: mit Müll. Dass es davon auf der Welt viel zu viel gibt und er in unvorstellbaren Mengen überall dort landet, wo er absolut nichts zu suchen hat, wissen wir alle. Die erschreckenden Zahlen und Bilder sind allgegenwärtig. Zum heutigen Beginn der diesjährigen Europäischen Woche der Abfallvermeidung will ich Euch deshalb keine Fakten um die Ohren hauen, sondern meine ganz persönliche Müllgeschichte erzählen. Ich möchte offen und ehrlich über meine Erfahrungen und Erkenntnisse sprechen und am Ende ein paar Tipps vorstellen, mit denen man meiner Meinung nach nicht nur Müll, sondern auch Zeit und Geld sparen kann.

    (c) WWF Jugend Thüringen

    Als allererstes ist es mir wichtig, klarzustellen, dass ich weit davon entfernt bin, stolz ein Marmeladenglas mit allem, was ich innerhalb eines Jahres weggeworfen habe, präsentieren zu können. Ich gehöre nicht zu den bewundernswerten Menschen, die von einem Tag auf den anderen beschließen, ab sofort keinen Müll mehr zu produzieren. Meine Beschäftigung mit dem Thema begann mit einem einzigen Wegwerfartikel: der Plastiktüte. Ich wollte eine Aktion ins Leben rufen, die sich mit einem Problem beschäftigt, das alle betrifft, das aber jeder Mensch für sich ganz leicht lösen kann. Plastiktüten erschienen mir als ideales Beispiel. Ich überlegte mir ein paar Aktionsideen, veröffentlichte sie in einem Bericht hier in der Community und war überwältigt davon, wie viele Leute kommentierten, dass sie aktiv werden wollten. Wir gründeten die Gruppe Gemeinsam gegen den Tütenwahnsinn und schmiedeten große Pläne. Zu große, wie sich herausstellte, denn wir konnten bei Weitem nicht alles umsetzen, was uns vorschwebte.

    Am Ende kamen ein Logo, ein Flyer, WWF Jugend Stoffbeutel und eine Kampagnenseite inklusive Taschenbastelanleitungen heraus, sowie ein Flashmob, der leider so kompliziert war, dass kaum einer der Passanten verstand, was wir vermitteln wollten. Für mich war es außerdem der Beginn einer Leidenschaft für das Thema Plastik, die mich immer noch nicht losgelassen hat. Ich sah mir Plastic Planet an, las Artikel und Fachbücher und verstand, dass die Tüten nur die Spitze des Müllbergs darstellen. Plastik ist einfach überall und die Plastikverschmutzung eine der großen Herausforderungen, vor denen die Menschheit momentan steht. Deshalb machten wir mit der Tüten-Kampagne nicht nur weiter, sondern weiteten sie auf Plastik allgemein aus. Auch wenn leider einige unserer Ideen auf dem Müllhaufen landeten, kann man rückblickend doch sagen, dass wir in den letzten fünf Jahren eine Menge auf die Beine gestellt haben: Zahlreiche Infostände, unzählige Müllsammelaktionen, mit denen wir sogar zwei Trashbusters Aqua Awards gewonnen haben, zwei Plastikfrei-Challenges, ein Video, Infomaterial und ein Memory, Veranstaltungen im Rahmen der Europäischen Woche der Abfallvermeidung, das monatlich erscheinende Plastik-Update und natürlich den Clean Up Walk, unsere Müllsammelspendenwanderung. Nicht immer lief alles so, wie wir es uns vorgestellt hatten, aber immer wieder kamen motivierte Menschen zusammen, die bereit waren, die Kampagne fortzuführen. Die Planungen für den nächsten Clean Up Walk laufen bereits.

    (c) Anne Zeiß / WWF Jugend

    Wenn man Aktionen zum Thema Plastik plant, kommt man natürlich nicht umhin, auch seinen eigenen Alltag ein wenig umzukrempeln. Ich fing mit den Basics an, hatte immer meinen Stoffbeutel dabei, begann, feste Seife und festes Shampoo zu benutzen und mir Leitungswasser in meine Trinkflasche zu füllen. Von Zero Waste hörte ich zum ersten Mal im Zusammenhang mit Lauren Singer, die mich zutiefst beeindruckte. Da war diese superschicke New Yorker Studentin, die ein kleines Schraubglas in die Kamera hielt und erklärte, es enthalte allen Müll, den sie im vergangenen Jahr produziert habe. Durch die Beschäftigung mit dem Zero Waste Lifestyle und den Menschen, die ihn vorleben, wurde mir erst richtig bewusst, dass man nicht einfach die Scheuklappen aufsetzen und sich auf Plastik fokussieren kann. Dass es nicht reicht, ein Material durch ein anderes zu ersetzen, sondern dass wir unseren gesamten Müll enorm reduzieren müssen.

    Das versuche ich, so gut ich kann, und hinke meinen Zero Waste Vorbildern dennoch meilenweit hinterher. Mittlerweile habe ich festgestellt, dass es drei Faktoren gibt, die meine Anstrengungen in Sachen Müllvermeidung extrem beeinflussen: meine Wohnlage, meine Mitmenschen und Stress. Müllvermeidung braucht vor allem am Anfang Zeit. Man muss seine Einkaufsgewohnheiten verändern, genau planen, herausfinden, was man wo bekommt. Entscheidet man sich, Dinge selbst zu machen, muss man sich auch dafür Zeit nehmen. Oft kostet es Kraft und Überwindung, ungewohnte Wege zu gehen, anderen zu erklären, dass und warum man Müll vermeidet, nachzufragen, ob man etwas ohne Verpackung bekommen kann. Ich gebe offen zu, dass ich in besonders stressigen Situationen wie zum Beispiel Klausurenphasen schon oft vor Verzweiflung alle guten Vorsätze über Bord geworfen, mich erschöpft in den Supermarkt geschleppt und die plastikverschweißte Tiefkühlpizza und die doppelt und dreifach verpackten Schokokekse gekauft habe, statt selbst Kochlöffel und Nudelholz zu schwingen. Solche Situationen in den Griff zu kriegen und andere Lösungen zu finden, ist sicher ein Punkt, an dem ich noch arbeiten muss.

    CC0 27707 / pixabay (https://pixabay.com/de/supermarkt-k%C3%BChlschrank-produkte-949912/ 03.11.18)

    Etwas, dass sich schwieriger verändern lässt, ist die Wohnlage. Ich finde es extrem wichtig, dass man sich bewusst macht, dass nicht alle Menschen die gleichen Voraussetzungen haben, um ein müllfreieres Leben zu führen. In einigen Facebookgruppen zum Thema gerät dies oft allzu schnell aus dem Blick und es wird knallhart über andere geurteilt, ohne, dass man deren Lebensumstände kennt. Als ich nach dem Abi von zu Hause auszog, war es für mich erst mal relativ leicht, plastikarm zu leben. Endlich konnte ich selbst bestimmen, was und wo ich einkaufte. Meine WG war eine reine Zweck-WG, jeder hatte sein eigenes Fach im Kühlschrank. Der Bioladen war schräg gegenüber und ich ernährte mich im Wesentlichen von Gemüse, Nudeln, Reis und Brot mit Aufstrich aus dem Glas. Zur Arbeit nahm ich mir Pausenbrote mit, für Fast Food hatte ich kein Geld. Dann zog ich in ein Studentenwohnheim auf einem Campus in der englischen Pampa und es wurde schier unmöglich, Plastik zu vermeiden. Verglichen dazu war Jena mit seinen beiden Bioläden tatsächlich das Paradies. Etwa ein Jahr, nachdem ich dorthin gezogen war, eröffnete im nahegelegenen Weimar sogar ein Unverpackt-Laden, zu dem ich gelegentlich mit einer Freundin fuhr. Als wir über die WWF Jugend Thüringen Facebook-Seite eine Nachricht von einer gewissen Kati Fröhlich bekamen, ging für mich ein Traum in Erfüllung: Sie wollte einen Unverpackt-Laden in Jena eröffnen und sich mit uns vernetzen. Ich verabredete mich sofort mit ihr und wir saßen stundenlang im Café und unterhielten uns. Ganz nah miterleben zu können, wie das Jeninchen, der Jenaer Unverpackt-Laden, entstand, war für mich eine extrem spannende und bereichernde Erfahrung, und nur drei Kilometer davon entfernt zu wohnen, hat mir die Müllvermeidung extrem erleichtert. Mittlerweile wohne ich in Frankfurt und muss mich wieder ganz neu orientieren.

    (c) Mandala Fotografie Jena

    Angesichts der paradiesischen Einkaufsbedingungen in Jena war es eher ein anderer Faktor, der mich Kompromisse in Sachen Verpackungsmüll eingehen ließ: Ich war mit meinem Freund zusammengezogen und für den hat Zero Waste deutlich weniger Priorität. Plötzlich kaufte ich nicht mehr mit meinem eigenen Geldbeutel ein, sondern mit unserer gemeinsamen Haushaltskasse. Ich finde es nicht fair, das Geld meines Freundes für ein teureres Produkt auszugeben, weil es nachhaltiger ist, und ihm gleichzeitig zu verbieten, etwas von dem Geld zu kaufen, weil es in Plastik verpackt ist. Genauso wenig möchte ich ihm meinen Lebensstil aufzwingen. Ich bin froh, dass es für ihn in Ordnung ist, dass ich nur vegetarisch für uns koche und habe nichts dagegen, wenn er sich Wurst für sein Brot kauft oder anderswo Fleisch isst. Meist erledige ich den Einkauf und versuche dabei, möglichst wenig Verpackungsmüll zu verursachen, kaufe aber auch mal in Plastik verpackte Dinge, wenn mein Freund sie sich gewünscht hat. Wenn er einkauft, versuche ich, nicht über den Verpackungsmüll zu meckern, sondern einfach dankbar zu sein, dass er mir die Aufgabe abgenommen hat und mich zu freuen, wenn er möglichst plastikfrei eingekauft hat. Mein Harmoniebedürfnis ist oft größer als der Wunsch, müllfrei zu leben. So bringe ich es zum Beispiel auch nicht übers Herz, mich über müllverursachende Geschenke zu beschweren, weil ich sicher bin, dass mir der Schenkende eine Freude machen und mich nicht mit der Verpackung ärgern will. Deshalb möchte ich in einem solchen Fall weder Vorträge halten, noch das erste der 5 Rs (Refuse – Ablehnen) anwenden, sondern habe meinen persönlichen Weg gefunden, mit solchen Geschenken umzugehen

    Genau das ist für mich ein ganz wichtiger Aspekt von Zero Waste: Es gibt nicht den einen einzig wahren Zero Waste Lifestyle, Zero Waste lebt nicht nur, wer eine schicke minimalistische Küche voll glänzendem Glas und Edelstahl wie aus dem Katalog vorweisen kann. Es gibt unendliche viele Möglichkeiten, Müll einzusparen, aber nicht jede Möglichkeit funktioniert auch für jeden und manche Dinge funktionieren nicht sofort. Stofftaschentücher fand ich zum Beispiel noch vor ein paar Jahren ziemlich widerlich, heute möchte ich gar nicht mehr auf welche aus Papier zurückgreifen. Man sollte sich nicht von Fotos von perfekten Zero Waste Haushalten im Internet einschüchtern und vor allem nicht zum Kaufrausch anregen lassen. Eine der wichtigsten Erkenntnisse, die mir während der Beschäftigung mit Zero Waste gekommen ist, ist, dass unser erster Gedanke nicht sein sollte, womit wir etwas ersetzen können, sondern, ob wir es weglassen können.

    CC0 FitNishMedia / pixabay (https://pixabay.com/de/null-abfall-kunststoff-frei-umwelt-3749854/ 03.11.18)

    Und damit komme ich zu den versprochenen Tipps. Etwas einfach wegzulassen, bedeutet auf jeden Fall Zeit und Geld zu sparen. Dinge, die ich mittlerweile weglasse:

    • Küchentücher. Bei mir zu Hause gab es immer welche, aber als ich ausgezogen bin, habe ich nie welche gekauft und sie auch nie vermisst.
    • Slipeinlagen. Irgendwie wurde mir vermittelt, dass man sich jeden Tag eine in sein Höschen kleben sollte, damit es ja nicht beschmutzt wird. Total unnötig, wenn man seine Unterhosen täglich wechselt und ordentlich wäscht.
    • Kontaktlinsen. Dafür habe ich ziemlich lange gebraucht, weil ich mich ohne meine Brille einfach schöner fand und mit den Kontaktlinsen gleichzeitig besser sehen konnte. Als ich Anfang des Jahres mit meiner Brille in der Stadt unterwegs war und die Gesichter nur verschwommen sah, habe ich mir endlich die Zeit genommen, mir beim Optiker eine neue Brille anpassen zu lassen. Jetzt habe ich ein Modell, das mir so gut gefällt und durch das ich so gut sehe, dass ich meine Kontaktlinsen von selbst aufgehört habe, zu tragen. So spare ich mehrere hundert Euro im Jahr.
    • Cremes. Früher hab ich so ziemlich alles aus dem Drogeriemarkt ausprobiert, um meine Pickel in den Griff zu bekommen. Eine der Cremes wirkte dabei sogar so aggressiv, dass sie meinen Haaransatz blond verfärbte. Mittlerweile wasche ich mein Gesicht bloß noch mit Wasser und creme es gar nicht mehr ein. Meine Haut ist dadurch nicht schlechter geworden. Habe ich mal einen besonders fiesen Pickel, tupfe ich Apfelessig darauf.

    (c) Anne Zeiß / WWF Jugend

    Das führt mich zu einen zweiten Grundsatz: Wenn wir etwas nicht weglassen können, sollten wir schauen, ob wir nicht schon etwas besitzen, wodurch wir es ersetzen können. So, wie der Essig meine Pickelcreme ersetzt, habe ich noch weiteren Ersatz gefunden:

    • Wenn meine Haut sehr trocken ist, zum Beispiel im Winter oder nach dem Rasieren, reibe ich sie statt mit Body Lotion mit Olivenöl ein.
    • Das Wasser bei uns ist sehr kalkhaltig. Anstelle von Weichspüler gebe ich einfach einen Schuss Essig ins Weichspülerfach der Waschmaschine. Keine Sorge, das riecht man hinterher nicht, aber die Wäsche ist kuschelweich.
    • Um Fenster sauber zu bekommen, braucht man, wie ich seit Kurzem weiß, keinen besonderen Reiniger, sondern nur Wasser und Zeitungspapier.

    Es ist zwar toll, dass immer mehr plastik- und verpackungsfreie Alternativprodukte auf den Markt kommen, aber die meisten davon braucht man meiner Meinung nach nicht zwingend, um sein Leben müll- und plastikfreier zu gestalten. Wenn etwas leer oder kaputt ist, probiere ich erst mal aus, ob es mir fehlt, wenn ich es nicht ersetze, oder schaue, ob ich nicht etwas besitze, das den gleichen Zweck erfüllt oder das ich in irgendeiner Weise dazu umfunktionieren kann. Eigentlich fällt mir auf Anhieb nur ein Zero Waste Gegenstand ein, der für mich wirklich unersetzbar ist und dessen Anschaffung ich allen Mädels empfehlen würde, und das ist meine Menstruationstasse. Ähnlich wie bei den Stofftaschentüchern hat es mich einige Überwindung gekostet, auf sie umzusteigen, aber jetzt möchte ich nicht mehr auf sie verzichten.

    (c) Anne Zeiß / WWF Jugend

    Und wie sehen Eure Müllgeschichten aus? Ich würde mich freuen, von Euren eigenen Erfahrungen zu lesen und wünsche Euch allen eine gute Europäische Woche der Abfallvermeidung! Schaut doch mal auf der Aktionskarte, ob es spannende Veranstaltungen in Eurer Umgebung gibt!

Kommentare

5 Kommentare
  • Jayfeather
    Jayfeather Danke für diesen Bericht und vor allem Danke für dein unermüdlichen Einsatz gegen Plastik! Ohne dich würde unsere Plastik-Kampagne nicht annähernd so gut laufen - wenn überhaupt. Ich freue mich schon auf die nächsten Aktionen im Kampf gegen den...  mehr
    18. November 2018 - 3 gefällt das
  • Cookie
    Cookie Vielen Dank für Eure lieben Kommentare! ^_^
    18. November 2018
  • JohannesB
    JohannesB Mein größter Respekt, liebe "Plastik-Anne"! Ich finde es echt großartig, wie Du Dich diesem wichtigen Thema verschrieben hast und wie Du konsequent aber unverbissen immer weiter machst! DANKE!
    19. November 2018 - 2 gefällt das
  • SteffiFr
    SteffiFr danke für den Erfahrungsbericht!
    Toll, was ihr plastikmäßig in der WWF-Jugend schon alles auf die Beine gestellt habt, großes Lob dafür!

    In einigen Punkten geht es mir ähnlich. Ich merke, dass ich z.B. wenn ich krank bin, weniger konsequent bin,...  mehr
    22. November 2018 - 1 gefällt das