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Wie leben Handys länger?

  • „Gib Dingen ein neues Leben“ lautet das Motto der 8. Europäischen Woche der Abfallvermeidung (EWAV), die noch bis zum Sonntag läuft. Dementsprechend drehte sich bei der Auftaktveranstaltung am Montag in Berlin alles um das Thema Reparatur. Dieses Thema sollte schon eine Rolle spielen, lange bevor ein Gegenstand überhaupt kaputtgegangen ist, sogar noch bevor er überhaupt produziert wird: Nämlich schon beim Design. Karsten Schischke ist Gruppenleiter im Bereich Environmental Evaluation and Optimization am Fraunhofer Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration. Sein Vortrag beim EWAV-Auftakt trug den Titel „Reparierfähigkeit mobiler IKT-Geräte durch nachhaltiges Produktdesign“. Die Abkürzung IKT steht für Informations- und Kommunikationstechnik. Einfacher ausgedrückt ging es in dem Vortrag hauptsächlich um Smartphones und wie diese gestaltet werden müssen, damit man sie gut reparieren kann, aber auch, welche Nachteile dadurch entstehen können.

    (c) A. Zeiß / WWF Jugend

    Von einem gesprungenen Display mal abgesehen, ist der Akku sicher eines der Bauteile eines Smartphones, die am schnellsten den Geist aufgeben. Wer sein Handy lange nutzen will, braucht also eine Möglichkeit, den Akku auszutauschen. Ein austauschbarer Akku widerspricht allerdings zwei Trends im Smartphonedesign: Erstens geht die Tendenz zurzeit zu immer flacheren Geräten. Soll der Akku austauschbar sein, braucht er ein eigenes Gehäuse, wodurch das Gerät dicker wird. Zweitens werden Smartphones immer besser vor Staub und Feuchtigkeit geschützt. Eine Versiegelung sorgt zwar dafür, dass durch diese Einflüsse weniger Schäden entstehen können, erschwert aber die Reparatur, da sich das Gerät schwerer öffnen lässt.

    Herr Schischke stellte einige Produktkonzepte vor, die schlechter Reparierbarkeit entgegenwirken sollen und wies dabei Vor- und Nachteile in Bezug auf die Ökobilanz auf. Das Gerät, auf das er am detailliertesten einging, war das Fairphone 2. Das Konzept, das dahintersteckt, nennt sich Modularität. Das heißt, das Telefon besteht aus mehreren Teilen, den Modulen, die einzeln ausgetauscht werden können, wenn eines davon kaputtgeht. Da das Display und der Akku die Teile sind, die am häufigsten kaputtgehen, ist es durchaus sinnvoll, sie modular zu gestalten. Die größten Auswirkungen auf die Umwelt haben aber die elektronischen Bauteile, also zum Beispiel die Chips und Kontakte, da für  ihre Herstellung unter anderem seltene Erden verwendet werden. Aus umso mehr Modulen ein Gerät besteht, umso mehr elektronische Kontakte und Stecker braucht es. Diese sind oft mit Gold beschichtet, ein Material mit einem sehr großen ökologischen Fußabdruck. Hinzu kommen zusätzliche Leiterplattenfläche sowie zusätzliche Modulgehäuse. Somit hat die Modularität ihren ökologischen Preis: Der Umwelt-Impact eines modularen Smartphones ist was die Herstellung angeht zunächst bis zu 10% größer als der eines anderen Smartphones. Allerdings kommt es auf den Umgang damit an: Das Fairphone ist auf lange Nutzung ausgelegt. Hat man es tatsächlich fünf Jahre oder länger im Gebrauch, sind die Auswirkungen auf die Umwelt geringer als bei herkömmlichen Smartphones.

    (CC BY-NC 2.0) Fairphone https://www.flickr.com/photos/fairphone/23129790090/in/album-72157632717840706/ (23.11.2017)

    Im Zusammenhang mit dem Fairphone ging Herr Schischke außerdem auf die Herausforderungen ein, die mit der Bereitstellung von Ersatzteilen vor allem bei modularen Geräten einhergehen. Da es oft unmöglich ist, die Teile später nachfertigen zu lassen, muss schon bei der Produktion der Geräte eine sehr genaue Prognose für den Bedarf an den verschiedenen Ersatzteilen erstellt werden. Verschätzt man sich und hat am Ende mehr Ersatzteile auf Lager, als benötigt werden, hat man praktische ein ganzes Lager voll Elektroschrott produziert. Ist der Bedarf allerdings wesentlich größer als die Menge der produzierten Ersatzteile, funktioniert das Konzept des Reparierens und der Langlebigkeit nicht. Hinzu kommt außerdem, dass die Lagerung einiger Ersatzteile nur bedingt möglich ist. So verlieren Akkus beispielweise ihre Lebensdauer, wenn man sie zu lange lagert, weshalb man sich auch nicht mit dem neuen Handy zusammen schon einen Ersatzakku zulegen sollte.  

    Ein weiteres modulares Smartphone ist das Google ARA, das allerdings nie auf den Markt gekommen ist. Es sollte aus einer Vielzahl von Modulen bestehen, die man sich selbst zusammenstellen kann, je nachdem, was man braucht. Ein solches Konzept kann der Abfallvermeidung dienen, allerdings sieht Herr Schischke hier eine besonders große Gefahr, dass ein sogenannter Rebound-Effekt eintritt, weil man möglichst alle Module besitzen möchte und die sich dann zu Hause stapeln. Dann gibt es noch das finnische PuzzlePhone, das aus drei Modulen besteht. Erfüllt die Hauptelektronik ihre Anforderungen nicht mehr, soll es möglich sein, sie zu einem Mini-Computer zusammenzustecken. Schließlich ist da noch Moto Mods von Motorola, ein Smartphone, das durch Module wie eine Digitalkamera oder Lautsprecher erweitert werden kann. Hier könnte Abfallvermeidung dadurch erfolgen, dass der Kauf von anderen Geräten vermieden wird, da man das Smartphone für deren Zwecke nutzen kann.

    (c) A. Zeiß / WWF Jugend

    So spannend sich diese modularen Smartphone-Projekte auch anhören, sollte man, bevor man direkt ein Fairphone oder PuzzlePhone auf seine Weihnachtswunschliste setzt, den Abschlusssatz von Herrn Schischkes Vortrag bedenken: Das Gerät, das am meisten zur Abfallvermeidung beiträgt, ist das, das man schon besitzt.

    Wo ihr Reparaturanleitungen findet, wenn dieses Gerät einmal kaputtgeht, erfahrt ihr in Annes Bericht über den Vortrag von IFIXIT beim EWAV-Auftakt

Kommentare

3 Kommentare
  • LiaLioky
    LiaLioky Danke für den Input! Ich denke gerade selbst darüber nach, mir ein neues Handy zuzulegen, allerdings sind mir Fairphones glaube ich zu teuer. Also wird es wieder ein Gebrauchtes
    23. November 2017
  • Jayfeather
    Jayfeather Super interessant! Warum kann man Ersatzteile denn nicht später nachproduzieren?
    23. November 2017 - 2 gefällt das
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    Cookie Das wurde leider nicht genauer erklärt.
    25. November 2017