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Saubere Wäsche = schmutzige Meere? Nicht mit dem GUPPYFRIEND!

  • Wir alle spülen Plastik in Flüsse und ins Meer – und das nur, indem wir unsere Kleider waschen. Die meisten von uns besitzen wahrscheinlich Kleidungsstücke, die zumindest zum Teil aus synthetischen Materialien bestehen. Wenn wir diese waschen, lösen sich Mikrofasern, die so winzig sind, dass sie in Kläranlagen nicht rausgefiltert werden können. Stattdessen gelangen die schwer abbaubaren Teilchen in Gewässer, wo sie Giftstoffe anreichern und zur Gefahr für die Meeresbewohner werden. Eine Stadt von der Größe Berlins produziert am Tag durchs Wäschewaschen allein eine Menge an Mikrofasern, die 540.000 Plastiktüten entspricht. Zum Glück gibt es Leute wie Philip Ehrhorn von Stop!MicroWaste (S!MW) , die sich bemühen, Lösungen für dieses Problem zu finden. Eine davon ist der GUPPYFRIEND Waschbeutel. Philip hat sich Zeit genommen, mir am Telefon alles darüber zu erzählen.

    Als Erstes muss ich nachfragen, wie man Guppy denn jetzt ausspricht, Deutsch oder Englisch. Philip erklärt mir, dass ihm schon alle denkbaren Namen für den Waschbeutel untergekommen sind und wir einigen uns für unser Interview auf die deutsche Variante. Dann erzählt mir Philip noch mal vom Hauptziel von S!MW: Verhindern, dass Mikrofasern in Gewässer kommen. Denn das größte Vorkommen an Plastik besteht mittlerweile aus diesen. Gegründet wurde der gemeinnützige Verein von Outdoorfans und gerade Outdoorbekleidung wie Fleece- oder Softshelljacken besteht leider meist aus synthetischem Material. S!MW nahm sich vor, Aufklärung zum Thema zu leisten und Lösung en für das Problem zu finden. Der GUPPYFRIEND ist eine kurzfristige Lösung, mit der wir schon jetzt verhindern können, dass Mikrofasern aus unserer Kleidung ins Meer gelangen, es müssen aber auch langfristige Lösungen her. Nach solchen forschen Philip und seine Kollegen. Eine Möglichkeit wäre, dass Filter direkt in Waschmaschinen eingebaut sind, wenn man diese neu kauft. Außerdem prüfen sie, ob man Outdoorbekleidung aus synthetischem Material so versiegeln kann, dass sich keine Fasern mehr lösen können, und ob Naturmaterialien die gleichen Bedingungen wie synthetische erfüllen können.

    Aber zurück zum GUPPYFRIEND. Wie funktioniert der eigentlich? Der Waschbeutel schützt zum einen die Kleidung, damit weniger Fasern brechen. Zum anderen fängt er die Fasern auf, die sich dennoch lösen, sodass diese nicht weggespült werden. Er besteht aus Polyamid 6.6. Moment, ist das nicht auch Plastik? Ja ist es, denn leider ist ein solch feines Gewebe aus Naturmaterialien nicht herstellbar. Bei Polyamid 6.6 handelt es sich um einen Kunststoff, der hauptsächlich in der Medizin zum Einsatz kommt und den großen Vorteil hat, dass er ohne Additive verwendbar ist. Die stellen nämlich ein großes Problem dar. „Der GUPPYFRIEND selbst verliert aber keine Mikrofasern“, erklärt mir Philip, meine nächste Frage schon vorausahnend. Der ist nämlich so verwebt, dass das nicht passieren kann.

    Ich möchte von Philip wissen, wie man die vom GUPPYFRIEND gefilterten Mikrofasern entsorgt, ohne, dass sie doch in die Umwelt gelangen. In Deutschland ist das recht unkompliziert, wie ich erfahre, da ein Großteil unseres Mülls verbrannt wird. Problematischer ist es in Ländern, in denen es noch vermehrt Mülldeponien gibt, denn von diesen aus können die Mikrofasern vom Wind in die Umwelt getragen werden. Vor allem dort wird empfohlen, die Fasern aufzubewahren, bis eine bessere Lösung gefunden ist. So viel Platz nehmen sie nicht weg. Philip nutzt seinen GUPPYFRIEND seit Januar und die Fasern bedecken gerade mal den Boden des Weckglases, in dem er sie sammelt. Die Fasern zu recyceln, gestaltet sich leider als schwierig. Zum Einen bestehen die Fasern aus vielen verschiedenen Materialien, während für das Recycling sortenrein getrennte Kunststoffe gefragt sind, zum Anderen sind sie durch Schmutz und andere Fasern verunreinigt. S!MW plant aber ein Rückholsystem, damit die Fasern alle gesammelt und aufbewahrt werden können, bis eine gute Lösung gefunden ist, wie man damit verfahren kann.

    Mich interessiert jetzt auch noch, wie Philip selbst überhaupt auf das Thema Mikroplastik gekommen ist. „Der Ozean fasziniert mich. Und man kann gar nicht mehr die Augen vor dem Thema Plastik verschließen“, erzählt er. Also hat er Schiffs- und Meerestechnik studiert und für seine Bachelorarbeit ein Konzept entwickelt, wie man Plastik mithilfe von Luftblasen in Flüssen auffangen und so verhindern kann, dass es ins Meer gelangt. An diesem Konzept arbeitet er auch jetzt weiter. Philip widmet momentan quasi sein ganzes Leben der Bemühung, Plastikmüll vom Meer fernzuhalten.

    Zu S!MW kam Philip eher zufällig. Auf meine Frage hin, ob man im Verein mithelfen kann, erklärt mir Philip, dass das momentan zwar noch schwierig ist, sich aber ein Bildungsprogramm im Aufbau befindet. Da wird es dann vermutlich Möglichkeiten geben, als Botschafter beispielsweise in Schulen zu gehen und Aufklärung über das Thema Mikroplastik zu betreiben. Momentan besteht die Gruppe nur aus 4 Leuten, aber in Zukunft soll es möglich sein, dass Schulen Vorträge bei S!MW anfragen können. Bereits jetzt arbeitet der Verein mit dem Ocean College zusammen. Dieses ermöglicht es einer Gruppe Schüler, ein halbes Jahr lang auf einem Segelschiff unterwegs zu sein und dort unter anderem Mikroplastik zu filtern.

    Welche Tipps hat Philip noch für alle, die sich für saubere Meere einsetzen wollen? „Jeder kann bei sich zu Hause anfangen. Die stärkste Kraft ist man selbst und Plastikvermeidung ist das A uns O. Man muss sich mal bewusst machen: Jedes Mal, wenn man etwas kauft, fordert man es ein.“ Philip erinnert an die vielen kleinen Schritte, mit denen jeder von uns von heute auf morgen anfangen kann, wie z.B. auf Kaffeebecher zu verzichten. Wer dafür sorgen will, dass er weniger Mikrofasern über die Waschmaschine in die Umwelt abgibt, der kann sich zum Einen einen GUPPYFRIEND zulegen und zum Anderen darauf achten, nur noch Kleidung aus Naturmaterialien wie z.B. 100% Baumwolle zu kaufen. Vor allem bei Freizeitkleidung ist es nicht notwendig, auf synthetische Materialien zurückzugreifen. Als gute Möglichkeit, mit Gleichgesinnten in Kontakt zu kommen, rät Philip sich an Beach CleanUps, wie sie beispielsweise die Surfrider Foundation oder Sea Shepherd organisieren.

    Eins möchte Philip uns allen noch mit auf den Weg geben: „Nicht den Kopf in Sand stecken, weil Problem schon so vielschichtig ist! ‚Ich kann nicht alles machen, also mach ich lieber gar nichts‘ ist die falsche Einstellung, denn jeder kleine Schritt wie z.B. Trinkflasche die eigene Trinkflasche auffüllen, statt Plastikflaschen zu kaufen, hilft.“

    Vielen Dank für deine Zeit und das interessante Gespräch lieber Philip!

    Für alle, die noch mehr zum Thema Mikroplastik wissen wollen: Am 21. Oktober sendet der rbb einen Bericht dazu, indem auch Philips Projekte vorgestellt werden.

Kommentare

7 Kommentare
  • Marlarina
    Marlarina Das ist wirklich ein guter und informativer Artikel! Mir ist auch der Mund aufgeklappt, als ich den Vergleich zu 540.000 Plastiktüten gelesen habe. Das hätte ich niemals gedacht! Ich wusste an sich auch gar nicht, dass wir nur durch das Wäschewaschen unse...  mehr
    28. September 2017
  • Cookie
    Cookie @Johanna: Hier steht ein bisschen mehr zu dem Luftblasen-Projekt: http://agoberlin.de/ago-hydroair-gmbh-unterstuetzt-das-forschungsvorhaben-luftblasen-gegen-plastikmuell/

    @Antonia: Die Waschbeutel selbst kann man ja nicht in Waschmaschinen einbauen und ...  mehr
    29. September 2017 2 gefällt das
  • JohannaK
    JohannaK Danke, das klingt vielversprechend!
    30. September 2017
  • SteffiFr
    SteffiFr Die Sache mit dem Waschbeutel finde ich super, habe ihn mir inzwischen bestellt, und bei dem Vergleich mit den 540.000 Plastiktüten war ich auch echt erschrocken... Nur leider ist die Bestellung auf der langbrett-Seite leider nicht barrierefrei... - die S...  mehr
    16. März