Berichte

Canada- The deserted Land (3) Seal Harvesting (Seal Hunting, Sealing)

  • Schon seit Jahrzehnten kämpft die kanadische Regierung sowie die kanadische Fischereiindustrie gegen die Proteste vieler Naturschutzorganisationen und Privatpersonen (z.B. Paul McCartney). Jedes Jahr, wenn es losgeht (Jagdsaison: März bis Mai), fangen die Proteste, Unterschriftensammlungen und Beschwerdebrieffluten von vorne an. Die Medien zeigen die abschreckenden Bilder von Kadavern in riesigen roten Blutlachen auf weißem Eis und Schnee.

    Die Robbenjagd ist ein lang und gründlich umstrittenes Thema. Wie sehr oft steht Aussage gegen Aussage, „Fakt“ gegen „Fakt“, Zahl gegen Zahl. Es ist unmöglich nachzuprüfen, was richtig ist.  Doch was steckt dahinter?

     

    Tradition und Geschichte
    Die Ureinwohner Kanadas betreiben schon seit über 4000 Jahren Robbenjagd, seit ca. 1500 haben sich auch europäische Einwanderer der Jagd angeschlossen. Sie waren die ersten, die die kommerzielle Robbenjagd betrieben haben.
    Seit 1600 wurden die Jagdtechniken ausgefeilt, von Netzen über Fallen, Harpunen und Hakapiken bis hin zu Gewehren.
    Ab 1749 wurde nicht nur das Fleisch als Nahrung und der Pelz als Kleidung verwendet, sondern auch Robbenöl zum Kochen, als Lampenöl, für Seife und zur Verarbeitung von Leder vor allem nach England exportiert. Ende des 18. Jahrhunderts war die Robbenjagd die zweitgrößte Industrie in Newfoundland, Kanada, und war für 30% des Exports zuständig.
    Zwischen 1825 und 1860 erreichte die Jagd ihren Höhepunkt- jährlich wurden bis zu 744 000 Robben erlegt.
    Natürlich wirkte sich diese Jagd auf die Robbenpopulation aus. Es wird geschätzt, dass zu Beginn der Bevölkerung Kanadas durch Europäer rund 30 Millionen (30 000 000!) Robben um Kanada und Grönland lebten. Diese Zahl war bis Anfang der 1970er Jahre auf 1,8 Millionen Robben geschrumpft. Seit 1895 gibt es daher strikte Kriterien und Fangquoten, um die Robbenpopulation „gesund“ zu halten. Dank dieser Regulationen und Quoten wurden nicht nur Mütter und Jungtiere geschützt und vom kommerziellem Jagen ausgeschlossen, die Population ist bis auf über 5 Millionen Tiere angestiegen. Die Jagdquote für dieses Jahr (2011) lag bei 400 000 Tieren.

    Trotz immer wiederkehrenden Protesten stellt die kanadische Regierung die Jagd nicht ein. Warum?
    In einem Bericht des Tagesspielgels (2008) sagte Fischereiminister Loyala Hearn: "Die Robbenjagd ist eine wirtschaftliche Stütze für unzählige ländliche Gemeinden in den atlantische Provinzen, Quèbec und dem Norden." Für die Bewohner der ländlichen Gegenden ist die Robbenjagd laut Seal Fishery.com von hoher Bedeutung, da sie kein wöchentliches Einkommen bekommen, sondern von einer Vielfalt an Aktivitäten abhängig sind, um sich ein jährliches Einkommen zu verdienen. Zu dieses Aktivitäten zählen zum Beispiel Fischen, Landwirtschaft - und die Robbenjagd. „Ländliches Leben ist, ähnlich wie ein Mosaik, aus vielen kleinen Steinen zusammengesetzt. Nimm einen Stein heraus und das gesamte schöne Mosaik zerbröselt, da die Bindekraft aller Steine das Mosaik zusammenhält“, sagt Seal Fishery.com. (frei übersetzt; a.d.A.)
    Die EU Verordnung zum Importstopp (2009) von Robbenprodukten verärgert die kanadische Regierung und Fischereiindustrie sehr. Schon bei den Verhandlungen um die Verordnung 2008 wurden Einwände und Proteste ausgesprochen. „Ein Importstopp würde den Markt für Robbenfelle zerstören – das würde die ohnehin große Not unserer Leute weiter verstärken“, warnte Paul Okalik, der Premierminister der kanadischen Arktisregion Nunavut. Er ist Inuit und sah und sieht darin nicht nur eine Gefahr für die kommerzielle Jagd, sondern auch für die Ureinwohner. „Eine vom Bundestag geplante Ausnahmeregelung für die Ureinwohner hält deren Vertreter Paul Okalik für Augenwischerei. So hätte eine in den 80er Jahren eingeführte Importbeschränkung bereits „verheerende Folgen“ für den gesamten Robbenmarkt gehabt, unter denen die Ureinwohner Kanadas bis heute litten. „Die Robben sind ein grundlegender Teil unseres Speiseplans – aber der Verkauf der Pelze trägt zu unserer wirtschaftlichen Unabhängigkeit bei.““ (Tagesspiegel, 2008) Zudem seinen „Robben [...] schuld an der Dezimierung der Fischbestände vor Kanada, am Zusammenbruch der Kabeljaufischerei in den 90er Jahren und dem Verlust von Arbeitsplätzen“, meint Ken Campbell, ein Sprecher der kanadischen Fischindustrie.

    Trotzdem protestieren viele Umweltschützer wie die IFAW oder Prominente wie Paul McCartney gegen die Jagd.
    Es stimme zwar, dass die Fischbestände Kanadas drastisch gesunken waren. Schuld daran seine aber weniger die Robben, sondern eher die Menschen selbst- Überfischung. Kabeljau spielt auf dem Speiseplan der Robben eine untergeordnete Rolle.
    Auch die vielen Bilder von Blut auf blütenweißem Eis und zuckenden, halbtoten Robben stacheln Menschen jedes Jahr aufs neue an, gegen die Jagd zu protestieren.
    Sea Shepherd, ein großer Gegner der Robbenjagd, hat eine Liste der Nachteile der Robbenjagd aufgestellt:
    1. Es ist unvorstellbar grausam- laut einer Studie würden 42% der Robben lebendig gehäutet werden
    2. Es ist eine Bedrohung der Robben- jedes Jahr wird die Jagdquote erhöht
    3. Es ist eine Bedrohung des Kabeljau- die Jagd steuert Bakterienbefall des Meeresbodens bei, was dazu führt, dass Teile des Wasser den aufgelösten Sauerstoff verlieren.
    4. Die „Jagd“ (sie nennen es „lieber“ ein Massaker) würde hauptsächlich für Luxusartikel wie Pelzmäntel betrieben
    5. Es ist ein unethisches Massaker von jungen Robben- 95% der Robben seinen jünger als 4 Wochen

    Regierung und Fischereiindustrie wehren sich gegen diese Vorwürfe. Die bereits genannte Seite Seal Fishery hat zu fast allen Aussagen Stellung genommen.
    1. Das Töten von Robben ist nicht inhumaner als was in der euröpäischen Fleischindustrie akzeptiert wird. Für die Tötung der Robben gibt es zwei Möglichkeiten: mit Gewehren oder mit der Hakapike, einem traditionellem Jagdwerkzeug, mit dem die Robben durch Zertrümmern des Schädels schnell getötet werden. Für beide Möglichkeiten gibt es strenge Reglungen und die Jäger müssen eine Jagdlizenz erwerben.
    2. Die Sattelrobbenpopulation ist seit Einführung der Jagdquoten und Regulationen wieder stark angestiegen. Die Sattelrobben waren nie, sind nicht, und werden nie vom Aussterben bedroht sein. „Die jährliche Quote kann sich von Zeit zu Zeit verändern, um die Unterschiede in der Population zu reflektieren, aber alle Veränderungen werden immer im Rahmen von wissenschaftlichen Ratschlägen gemacht und dienen so der Erhaltung.“ (frei übersetzt; a.d.A.)
    3. Keine Aussage auffindbar (a.d.A.)
    4. Die Robbenjagd ist ein wichtiger Faktor der Lebenserhaltung der ländlich lebenden Einwohner Kanadas (siehe oben)
    5. Diese Aussage ist falsch- Studien belegen, dass 98% der Robben tot sind, wenn sie gehäutet werden. Jeder Jäger oder Schlachter kann versichern, dass das Häuten schon im toten Zustand eine knifflige Angelegenheit ist und Häutung am lebendigem Tier schon fast unmöglich ist. Zudem ist das Fell natürlich am wertvollsten, wenn es von guter Qualität ist und Jäger mit genügend Verstand wissen, wie leicht Fehler passieren können, wenn sich das zu häutende Tier noch bewegt. Die Bewegungen, die das Tier nach dem Töten ausübt sind ein Reflex, der mit dem eines Huhns vergleichbar ist, welches weiterläuft, wenn man ihm den Kopf abschlägt.
    Zudem ist die Jagd auf „whitecoats“ (Robben jünger als 12 Tage, die noch ihr weißes Fell haben) seit 1987 verboten.

    Seal Fishery meint, die Ursache für die Proteste gefunden zu haben. Die meisten städtisch leben Menschen haben jemals weder ihre Nahrung, noch ihre Kleidung, sterben gesehen. Denn anders als bei der Robbenjagd findet die Tötung von Kühen und Schweinen in Schlachthäusern statt und sind so von neugierigen Augen und fliegenden Kameras geschützt. Darum halten sie die Robbenjagd für so brutal und beschweren sich, vielleicht sogar, während sie am Tisch sitzen und ein Schnitzel zum Abendbrot essen, über dieses Massaker. Die Robbenjagd gilt aber als human, eher ethisch korrekt als die Methoden, die in europäischen Schlachthäusern verwendet werden.

    „Alles schön und gut“, sagen die Protestierenden. „Aber wer garantiert dafür, dass dies Quoten und Regulationen eingehalten werden?“ Laut Seal Sheperd gibt es keine Konsequenzen, wenn die Quote überschritten wird. Zudem sind die Kontrollen nicht viel mehr als ein Ratespiel. Farley Mowat, kanadische Autor, Naturforscher und Internationaler Vorsitzender von Sea Sheperd vermutet, dass für jede gewonnene Robbe eine weitere geschossen wird, die unter dem Eis verloren geht und nicht mitgezählt wird.

    Die Debatte wird wohl niemals enden. Bei einigen dieser Zahlen steht Aussage gegen Aussage. Leider ist es mir nicht gelungen, die genannten Statistiken zu finden. In Artikeln und Berichten wird lediglich Bezug darauf genommen.

    Was meint ihr dazu? Wem glaubt ihr eher und warum? Auf welchen Seite stellt ihr euch?

    Wer sich nochmal einen Überblick verschaffen will oder sich mehr Einsicht verschaffen möchte, kann sich, neben dieses Seiten, den englischen (!!!) Wikipedia-Artikel zu diesem Thema ansehen. Dort sind sehr viele Quellen und Einzelnachweise (120 Einzelnachweise!), sowie eine List von Seiten, die sich für die Jagd aussprechen, als auch eine Liste von Seiten, die sich gegen die Jagd aussprechen, zu finden.

    Tut mir Leid, dass es so lang geworden ist, aber es beschäftigt mich sehr. Danke, dass ihr so lange durchgehalten habt :)

    Quellen:

    Text: Hauptsächlich Tagesspiegel, Sea Shepherd und The Seal Fishery, Einzelnachweise sind verlinkt. (Tagespiegel: Deutsch. die anderen auf Englisch)

    Bilder: http://gruppen.greenpeace.de/aachen/meere-fotos-jungrobbe.jpg (Junge Sattelrobbe, farbbesprüht)

    http://www.heritage.nf.ca/exploration/sealhunt.html (Jagd in Newfoundland, Kanada, 1880er)

    http://www.oceancare.org/images/cybernews/ausgabe7/Robbenjagd_IFAW_Stewart_Cook.jpg (blutende Sattelrobbe)

    http://resources.vienna.at/demo-gegen-robben-abschlachtung/news-20090406-11411933-1745014673.jpg (Sattelrobbe)
     

     

Kommentare

10 Kommentare
  • Rhino
    Rhino Haben die Inuit denn etwa mit der Haltung von Rentieren aufgehört?
    6. Juli 2011
  • Anais
    Anais Ich finde es zwar nachvollziehbar, dass sie ihre Position rechtfertigen. Denn wo ist der Unterschied? Die Robbenjagd sei auf keinen Fall zu tolerieren, aber Fischfang ist in Ordnung? Wie bereits erwähnt wurde, gehörten wir selbst zu denen die vo...  mehr
    8. Juli 2011
  • LSternus
    LSternus @Drachenfliege: Es gibt so einen änlichen Kompromiss, der besagt dass es nur noch den Inuit erlaubt ist Wale zu fangen. Leider halten sich nicht alle daran! Außerdem gibt es das Problem, dass junge Robben einen schönen, weichen Pelz haben ...  mehr
    11. Juli 2011
  • anni95
    anni95 (Schweden war toll, danke Marcel!)
    Es ist schwierig zu kontrollieren, wer sich woran hält, aber das wisst ihr ja vermutlich schon. Schließlich ist es hier auch verboten (hoffe ich mal!), Tiere bei lebendigem Leibe verbluten zu lassen, und trotz...  mehr
    20. Juli 2011