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Atomkraft in Deutschland - Was bringt das Moratorium?

  • Das Erdbeben und der Tsunami sowie die Reaktorkatastrophe in Fukushima haben die Menschen in Japan mit voller Härte getroffen. Die Lage am Reaktor 4 gerät zunehmend außer Kontrolle. Die Kühlung von Brennelementen in einem Abklingbecken ist nicht mehr gewährleistet. Die Messgeräte verzeichnen ein Ansteigen der Strahlung.

    Dass die Japaner nun solche Probleme mit ihren Kernkraftwerken haben, hat auch die Energiepolitik in Deutschland erschüttert. Dieselbe Bundesregierung, die noch vor vier Monaten die Betreiber von Kernkraftwerken mit einer Laufzeitverlängerung beglückt hat, zieht nun die Notbremse. Sieben Reaktoren müssen vom Netz und alle Anlagen sollen sicherheitstechnisch überprüft werden. Momentan gilt ein drei-monatiges Moratorium - erst danach wird entschieden, ob und welche Anlagen in Deutschland am Netz bleiben dürfen.

    Wir sprachen mit Regine Günther, Leiterin des Bereichs Klimaschutz und Energiepolitik beim WWF, über die aktuelle politische Entwicklung:

    WWF Jugend: Seit Jahrzehnten wird in Deutschland gegen die Nutzung der Nuklearenergie protestiert. Genutzt hat das eher wenig. Jetzt braucht die Bundesregierung gerade einmal vier Tage um ihren eigenen Beschluss zur Laufzeitverlängerung zu kassieren und sieben Reaktoren sofort vom Netz zu nehmen. Was sagt der WWF dazu?

    Regine Günther: Angesichts der schrecklichen Bilder aus Japan kommen auch die bisher ausgesprochen kernkraftfixierten Regierungsparteien nicht an einer Neubewertung des sogenannten "Restrisikos" vorbei. Aber es ist gut, dass jetzt gehandelt wird. Ob es sich tatsächlich um die notwendige und konsequente Kehrtwende in der deutschen Energiepolitik handelt, werden die kommenden Monate zeigen. Es kommt jetzt darauf an, ein wirklich zukunftsweisendes Energiekonzept auf den Weg zu bringen. Deutschland braucht möglichst schnell eine Energiezukunft ohne Kohle- und Kernkraft.

    Kritiker werfen der Regierung vor, sie wolle mit dem Moratorium lediglich Zeit gewinnen, um danach auf ihren Atomkurs zurückzukehren. Wie glaubwürdig sind die ergriffenen Maßnahmen?

    Es ist schon überraschend, wenn Politiker wie der bayrische Umweltminister Markus Söder verkünden, die abgeschalteten Reaktoren, etwa Isar 1, würden auch nach dem Moratorium nicht wieder angefahren. Auch Umweltminister Norbert Röttgen hat angekündigt, dass die im Rahmen des Moratoriums stillgelegten sieben Anlagen ihren Betrieb wohl nicht wieder aufnehmen würden. Ich denke, man sollte die Politik hier sehr strikt beim Wort nehmen.

    Können in Deutschland alle Kernkraftwerke auf einmal abgeschaltet werden? Woher kommt dann der Strom?

    Nach unserer Einschätzung ist ein sofortiges Abschalten von sieben bis zehn Kernkraftwerken möglich. Für die restlichen Kraftwerke braucht man einige wenige Jahre Zeit. Deutschland hat erhebliche Überkapazitäten bei Kraftwerken, seit einigen Jahren sind wir unter anderem deshalb auch bei Strom ein Exportland. Wir produzieren insgesamt mehr Strom als wir benötigen und können auf erhebliche Reservekapazitäten zurückgreifen, in jedem Fall müssen erneuerbare Energien und Energieeffizienz stringent unterstützt werden. Durch ein intelligentes Lastmanagement können wir Verbrauchsspitzen kappen und wären ggf. in der Lage, innerhalb kurzer Zeit eine begrenzte Zahl von CO2-armen Erdgas-Kraftwerken zu errichten. Das EU-Emissionshandelssystem sichert dabei, dass die CO2-Emissionen insgesamt nicht steigen. Wir können den Ausstieg also auch ohne neue Kohlekraftwerke bewerkstelligen und die Befreiung unseres Energiesystems von der klimaschädlichen Kohlekraft auch ohne Kernkraft mit hohem Druck vorantreiben.

    Aber ist die Rücknahme der Betriebsgenehmigung überhaupt rechtlich möglich?

    Ich gehe davon aus, dass die Bunderegierung auf ausreichend juristischen Sachverstand zurückgreifen kann, um ihre Beschlüsse für ein Moratorium wasserdicht abzusichern. Eine intensive Diskussion wird auf alle Fälle folgen. Die Festschreibung wirklich ambitionierter Sicherheitsstandards für die bestehenden Anlagen ist unausweichlich. Grundsätzlich ist die im Jahr 2010 beschlossene Laufzeitverlängerung für die Kernkraftwerke wohl nur durch ein Gesetz, also einen Beschluss des Bundestages, wieder rückgängig zu machen.

    Viele Menschen fürchten, dass jetzt die Strompreise steigen.

    Überzeugende Analysen dazu zeigen, dass die Effekte der Kraftwerksstilllegungen auf den Strompreis ausgesprochen gering sein werden und sich auf maximal 0,5 Cent pro Kilowattstunde belaufen werden, pro Haushalt sind dies nur wenig mehr als ein Euro pro Monat. Grundsätzlich muss man aber auch darauf hinweisen, dass beim Atomstrom erhebliche Kosten ausgeblendet werden. So sind die Anlagen derzeit nur mit 2,5 Milliarden Euro für große Unfälle versichert. Ein lächerlich geringer Beitrag angesichts des enormen Zerstörungspotenzials dieser Risikotechnologie. Eine Versicherung, die im Katastrophenfall für alle eintretenden Schäden aufkommt, wäre quasi unbezahlbar und Stromerzeugung in Kernkraftwerken schlagartig nicht mehr wettbewerbsfähig.

    Die Bundesregierung wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass die vermehrte Nutzung erneuerbarer Energien mit verstärkten Eingriffen in die Natur verbunden sein wird. Beispiele sind der Ausbau der Stromnetze, die Bereitstellung von Pumpspeicherwerken, Offshore Windparks und die Nutzung von CCS. Muss bei den Umweltorganisationen ein Umdenken stattfinden?

    Natürlich ist es notwendig z.B. die Netze auszubauen. Dass das bislang nicht passiert ist, liegt aber weniger an den Protesten von Bürgerinitiativen und Umweltgruppen, sondern an einer wenig vorausschauenden Energiepolitik von Staat und großen Energiekonzernen. Ich bin der festen Überzeugung, dass es durch den Abschied von der Kernenergie sehr viel leichter sein wird, die Menschen von notwendigen Infrastrukturmaßnahmen für den Ausbau der erneuerbaren Energien zu überzeugen. Selbstverständlich gilt es auch weiterhin, die Erfordernisse des Naturschutzes angemessen zu berücksichtigen.

    Fotos: Brennender Reaktor in Japan © Digital Globe; AKW Gundremmingen © Henning Mühlinghaus via flickr; Regine Günther © Bernd Lammel / WWF.

Kommentare

11 Kommentare
  • vicktoria
    vicktoria ich finde es furchtbar was dort in japan passiert ist,ich meine sie wahren kaum vorbereitet,wie soll man den auch ein erdbeben einschätzen das in der regel sehr oft kommt,wenigstens hat das die menschen wieder zum nachdenken bewegt!
    17. März 2011
  • Jakobine
    Jakobine Ein sofortiger Ausstieg ist möglich: Dies ließe sich realisieren, wenn Deutschland zum Beispiel 10 Prozent seines Stromvervebrauchs einsparen würde, Umweltinstitut München.
    10 Prozent kein Problem, man kann noch mehr einsparen: Masse...  mehr
    17. März 2011
  • Laurie
    Laurie Ich denke man muss in Deutschland den verschwenderischen Lebensstil ändern und Wasser, Strom etc. sparen, wenn man dann noch zu Ökostrom wechselt und die Regierung einsieht, dass hier Bedarf herrscht, wird man hoffentlich mehr Geld in erneuerbar...  mehr
    19. März 2011
  • Mera
    Mera So lange durchhalten kann nur Japan, das schafft kein anderes Land.
    Mit unterstützung von anderen Länder wird Japan das überstehen.
    Aber es wird trotzdem große Schäden geben.
    19. März 2011