Berichte

Die stillen Opfer unserer Bauprojekte

  • Stuttgart 21. Das erste was einem zu diesem Schlagwort einfällt ist vermutlich der Bau eines neuen Bahnhofes und jede Menge Proteste. Doch hat auch jemand an den Juchtenkäfer gedacht? Vermutlich nicht, denn er erregt nicht so viel Aufsehen wie eine große Menschenmenge. Dennoch hat er etwas mit dem Bahnhof zu tun: er ist eines seiner stillen Opfer.

    Damit ist er nicht allein. Dem Kamm-Molch in Hessen erging es nicht viel besser. Auch auch die Löffelente und die Rotbauchunke mussten weichen. Für wen? Den Menschen natürlich.

    Der Juchtenkäfer (Osmoderma eremita) ist ein sehr friedlicher Zeitgenosse. Er lebt bevorzugt in den Wipfeln alter Bäume , in deren Höhlen er seine Eier ablegt. Der Käfer war in Stuttgart auch nicht das Problem, viel eher die Bäume in denen er lebt. Sieben von ihnen mussten im Schlossgarten für den neuen Bahnhof Platz machen, erst im Nachhinein wurde die Deutsche Bahn vom Verwaltungsgericht wegen des Vorgehens gerügt, da Naturschutzbestimmungen ignoriert wurden. Die Bahn hat nun ein Jahr lang Zeit ein Schutzkonzept für den Juchtenkäfer auszuarbeiten. Den Tieren, die auf den gefällten Bäumen gelebt haben, hilft das jedoch wenig.

    Die Kamm-Molche im Lichtenauer Hochland hatten da schon etwas mehr Glück. Ihr Lebensraum wäre durch ein etwa drei Kilometer langes Stück der neu geplanten Autobahnstrecke zwischen Kassel und Gießen zerstört worden. Es sollte eine Verbindung zwischen der A 44 und der A 4 entstehen, welches mitten durch ein Schutzgebiet geführt hätte.

    Aufgrund der massiven Kritik des BUND in Hessen wurde schließlich ein zusätzliches Tunnelstück gebaut, wodurch die A 49 nun am Rand des Schutzgebietes vorbeiführt. Diese Umplanung führte jedoch zu Mehrkosten von ca. 50 Millionen Euro. Für diese horrende Summe sind der Kamm-Molch und viele weitere bedrohte Pflanzen- und Tierarten in dieser Gegend nun also erstmal wieder sicher.

    Hessens Verkehrsminister Dieter Posch verurteilte dieses Vorgehen stark: „Das richtige Augenmaß im Verhältnis zwischen Mensch und Natur ist verloren gegangen.“

    Auch unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel war skeptisch: „Bei aller Schutzwürdigkeit kann es nicht sein, dass Juchtekäfer und Kamm-Molche herhalten müssen, um solche Großprojekte zu verhindern.“

    Die Liste von Tieren, welche für große Bauprojekte weichen mussten, lässt sich vermutlich unendlich weiterführen.

    So wurden 2009 die Lacomaer Teiche in Brandenburg zur Erweiterung des Vattenfall-Braunkohletagebaus zugeschüttet und damit der Lebensraum der streng geschützten Rotbauchunke (Bombina bombina) zerstört. Mit etwa 5000 Exemplaren war es eines der größten Vorkommen dieser Art in Deutschland.

    Vattenfall musste für diesen Verlust andere Gebiete renaturieren und die Tiere umsiedeln. Die offizielle Mitteilung der Brandenburger Regierung lautete: „Wegen zwingender Gründe des überwiegenden öffentlichen Interesses gibt es keine zumutbare Alternative.“

    Auch in Hamburg zog die Natur den Kürzeren. Für den Ausbau der Airbuswerke wurde das größte Süßwasserwatt Europas, das Mühlenberger Loch, teilweise zugeschüttet. Die Umsiedelung der dort lebenden Löffelenten (Anas clypeata) in ein neu angelegtes Süßwasserwatt misslang, der ursprüngliche Bestand von rund 1000 Tieren ist auf nur noch 100 Tiere geschrumpft.

    An diesen Beispielen wird deutlich, dass die Natur den Kamp gegen den Menschen meist verliert. Bei großen Bauprojekten ist leider fast unmöglich nicht auf die ein oder andere Weise in die Natur einzugreifen.

    Was meint ihr dazu? Sollte man jeden Preis bezahlen um die Natur und die Tiere zu schützen und gegebenenfalls auch auf ein Projekt verzichten? Oder ist es illusorisch anzunehmen, dass die Menschen so weit gehen würden um die Natur zu bewahren? Gebt ihr Fr. Merkel Recht wenn sie sagt, dass der Naturschutz oft nur ein vorgeschobenes Argument ist, um Projekte zu verhindern? Gibt es also Opfer, die für unseren Fortschritt gebracht werden müssen?

Kommentare

8 Kommentare
  • ilovecats
    ilovecats Ich stimme euch allen voll zu! Natürlich denkt jeder erstmal an sich, liegt wohl in der Natur des Menschen. Aber dieser teilweise krasse Egoismus ist schon wirklich extrem. Auch bei uns wurde gerade der Bau einer Umgehungsstraße verhindert, woran ich, ehr...  mehr
    14. Februar 2011
  • NinaLuthien
    NinaLuthien Wäre es bei Stuttgart 21 nur wirklich um den Juchtenkäfer gegangen...
    natürlich, einige der Demonstranten dürften wirklich für den Käfer gekämpft haben... aber leider ist es wohl traurige Realität, dass die werten Schwaben, wohl eher ihre eigenen (wohl ka...  mehr
    15. Februar 2011
  • Stoffie
    Stoffie ich glaube madame merkel hat ihn bio nicht aufgepasst. JEDES tier ist doch wichtig fürs ökosystem. ein tier fehlt ökosystem bricht langsam zusammen.
    16. Februar 2011
  • Jutta
    Jutta Der Schutz einer seltenen Art ist eigentlich schon Grund genug...meist leben solche Arten jedoch in allgemein schutzwürdigen Biotopen. Die alten Bäume waren ebenso wertvoll, nehme ich an.
    Die Beachtung solch geschützter Arten ist dringend notwendig. Was i...  mehr
    17. Februar 2011