Berichte

Equilibrismus - brauchen wir ein ganz neues Gesellschaftssystem?

  • Robbendemos und Co. - ein Kampf gegen Windmühlenflügel?

    Früher, sagt der Mann am Rednerpult, habe er auch gegen Robbenjagd und Co. demonstriert. Aber irgendwann sei ihm die Erkenntnis gekommen, dass das alles nur hilfloses Herumbasteln an einem völlig falsch ausgerichteten System ist.

    In mir regt sich Widerstand: Heißt das, jedes Engagement für die Umwelt, auch mein eigenes, ist im Prinzip nutzlos? Nicht, dass mir der Gedanke noch nie gekommen wäre, im Gegenteil. Sicher hat sich jeder von uns schon einmal gefragt, ob das Alles nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, ob die kleinen Erfolge im großen Getriebe der Welt wirklich Auswirkungen haben. Werden sie am Ende nicht doch von gegenteiligen Entwicklungen aufgefressen? Natürlich ist alles besser, als nichts zu tun. Aber wenn wir ehrlich sind, haben wir doch oft Zweifel, ob man genug ausrichten kann, um die Welt davor zu retten, langsam kaputtgewohnt zu werden.

    Ich lausche wieder dem Mann am Mikrofon. Er nennt ein bekanntes Gleichnis, um seinen Standpunkt zu verdeutlichen: „Wenn du an einem Fluss stehst und es treiben lauter Babys vorbei, wann hörst du auf, sie herauszufischen und gehst den Fluss entlang, um herauszufinden, wer sie hineinwirft?“

    Eric Bihl, so heißt der Mann am Rednerpult, hat genau das getan. Er hat sich seine Gedanken über die Welt und ihre Probleme gemacht - wie wahrscheinlich jeder von uns das auch tut. Daraus schlussfolgerte er, dass die Welt nicht viele einzelne Probleme habe, sondern ein großes - nämlich unser kapitalistisches System.

    Ausgewogenheit ist der Schlüssel

    Wer sich Eric Bihl jetzt als einen alternativen Aussteigertypen vorstellt, der fortwährend über „das System“ flucht, liegt falsch. Bihl ist ein ganz normal aussehender Mann mit sanfter Stimme und einem weichen Akzent, der verrät, wo er aufgewachsen ist: im Elsass. Er hat nach der Schule eine Banklehre gemacht und arbeitet heute beim europäischen Patentamt in München. Das Besondere an ihm: Er hat ein ganz neues Gesellschaftsmodell entworfen, nämlich den „Equilibrismus“. Für ihn war das die logische Konsequenz seiner langen Beschäftigung mit Umweltthemen. Kommunismus und Kapitalismus sieht er als gleichermaßen gescheitert an - und nennt auch den Grund: Beide Systeme stellen den Menschen in den Mittelpunkt.

    Equilibrismus ist hingegen auf die Lebensgrundlage der Menschen ausgerichtet, also auf die Natur. Der Name setzt sich aus den lateinischen Wörtern aequus (gleich) und libra (Waage) zusammen. Das soll verdeutlichen, dass es hier um eine Ausgewogenheit geht - von Mensch und Natur, aber auch innerhalb der menschlichen Gesellschaft.

    Es klingt sehr einleuchtend: Der Mensch zerstört seine eigene Lebensgrundlage. Über kurz oder lang also sein eigenes Fortbestehen. Daher ist ein nachhaltiger Lebensstil mit ausgewogenem Verhältnis von Mensch und Natur die einzige Lösung für die Menschheit.
    Tausende indigene Volksstämme zeigen uns, dass es möglich ist: Ein Leben im Einklang mit der Natur. Und auch hochmoderne Technik macht vieles möglich, was für ein nachhaltiges System notwendig ist. ?

    In großen Dimensionen denken

    So weit, so gut. Doch braucht man dafür wirklich ein ganz neues Gesellschaftsmodell?
    Bihl bezeichnet seine Vision so: „Eine Welt, an der jeder Mensch seinen Anteil hat, der ihm ein selbst bestimmtes Leben in Frieden ermöglicht. Eine Welt, in der auch Platz für alles andere Lebendige ist.“
    Um diese Vision zu verwirklichen, brauche man weder neue Menschen noch neue Technologien - es sei schon alles vorhanden, man müsse aber wieder in großen Zusammenhängen denken und alles verknüpfen.

    Wichtige Prinzipien dabei:

    - Das Bevölkerungswachstum bremsen

    - Regenerative (quasi unerschöpfliche) Energiequellen nutzen

    - Stoffkreisläufe schaffen

    - Weg von der Denkweise, der Mensch sei Krone oder Mittelpunkt der Schöpfung

    Alles bekannte und populäre Prinzipien. Jeder kann sich vorstellen, dass sie alle wichtige Voraussetzungen für ein funktionierendes Mensch-Natur-System sind.
    Man fragt sich direkt, warum das noch niemand vor Bihl gemacht hat - die Puzzlesteine zusammensetzen, sich Visionen erlauben, an etwas ganz Großes glauben. Natürlich gab es genug warnende Stimmen, und zwar schon immer. Wachstums- und Kapitalismuskritik sind nichts Neues. An guten Ideen und technischen Entwicklungen mangelt es ebenfalls nicht. Aber wer hat es bisher gewagt, ein völlig neues Gesellschaftssystem zu entwerfen, dessen Basis die Natur ist? Zu dessen Realisierung sind effiziente und umweltfreundliche Technologien wichtig - also kein altmodisches, sondern ein hochmodernes System.

    Die Eckpfeiler des neuen Gesellschaftssystems sind nun folgende:


    1. Ökoalternativen sowie Effizienz- und Strukturneugestaltung?

    2. Natürliches Kreislaufwirtschaftssystem?

    3. Nachhaltige Geld- und Bodenordnung?

    4. Weltbürgertum

     

     

    Mit Herzblut und Phantasie

    Noch ist die Idee vom Equilibrismus klein. Der Verein „Equilibrismus e.V.“ sitzt in München, hat eine eher bescheidene Website und über die Anzahl der Mitglieder erfährt man so leicht nichts. Aber: Es tut sich was, der Verein ist ständig aktiv. Bereits 2005 erschien das Buch „Equilibrismus“, in dem das Konzept ausführlich erläutert wird. 2008 erschien in Zusammenarbeit mit Buchautor Dirk Fleck der Roman „Das Tahiti-Projekt“. Er gewann damit den Deutschen Science Fiction Preis 2009. Das Besondere am Buch: Es schildert die Umsetzung des Equilibrismus in der Zukunft, und zwar auf Moorea, einer Insel in Tahiti.

    Die Idee von der modellhaften Umsetzung des Equilibrismus war schon lange vor dem Buch entstanden. „Wir beobachten ständig das Paradox, dass die Leute zwar sehen, dass das derzeitige System nicht funktioniert, sie aber trotzdem jedem neuen Konzept äußerst skeptisch gegenübertreten“, sagt Eric Bihl. „Man muss also das Neue als komplettes System darstellen können, um sein Funktionieren begreifbar zu machen und so die Zustimmung der Menschen zu einer Veränderung zu bekommen. Dazu eignet sich am besten die Fiktion in Form eines Romans und eines Films.“

    Ein Exempel statuieren

    Der Plan ist, anhand der Insel Moorea, die nach Meinung von Eric Bihl gute Voraussetzungen bietet, der Welt etwas zu zeigen. Nämlich: Equilibrismus funktioniert!
    Dafür sollen 16.000 Menschen ihre moralische Unterstützung mit einer Unterschrift zeigen, je eine für jeden der 16.000 Einwohner. Freiwillige und Bewohner sollen gemeinsam das neue System aufbauen und leben - ein großes und außergewöhnliches Experiment. Im Moment läuft eine Machbarkeitsstudie auf der Insel - kann man es ähnlich wie im Roman „Das Tahiti-Projekt“ machen? Es bleibt also spannend um Eric Biehl und seine Mitkämpfer.

    Seine Zielgruppe beschreibt Eric Biehl so: "Wir wollen diejenigen erreichen, die die Lösung unserer Probleme nicht mehr von institutioneller Seite, von den Höhen der politischen Hierarchie erwarten.(...) Wir wollen somit vor allem jene ansprechen, die schon ein hohes Problembewusstsein haben und die vor allem an Lösungsvorschlägen interessiert sind.“

    Was meint ihr? Fühlt ihr euch angesprochen? Denkt ihr auch, dass man die Menschheits-Misere nur durch ein Umdenken, durch ein neues System lösen kann? Und, noch viel Wichtiger: Meint ihr, es ist realistisch, dieses System weltweit umzusetzen?
    Ich bin gespannt auf eure Ansichten!

    Wer mehr über den Equilibrismus wissen möchte, kann sich ein 45 Minuten langes Interview mit Eric Bihl anhören.

    Quellen:

    equilibrismus.de

    tahiti-project.org

    langelieder.de/lit-equilibrismus.html

    Fotos: morguefile

Kommentare

34 Kommentare
  • Levante
    Levante Dieses beschriebene System klingt natürlich traumhaft, wünschenswert - aber in der nahe Zukunft sehe ich die Umsetzung als sehr unrealistisch.
    Ich hatte heute ein interessantes Gespräch mit jemandem; es ging um die Frage, warum sich viele Menschen von nu...  mehr
    15. Januar 2011
  • midori
    midori Schade... das Buch kostet sage und schreibe 70?! Falls jemand das irgendwo günstiger gefunden hat und mir empfehlen kann, wäre ich sehr dankbar! :)
    17. Januar 2011
  • Pico
    Pico Man kann das Sachbuch als E-Book kaufen:
    http://www.equilibrismus.de/index.php?option=com_content&view=article&id=35%3A...  mehr
    24. Januar 2011
  • Sunlight
    Sunlight Ich kann mich nur anschließen: toller und spannender Artikel!
    Mich beschäftigt die Frage, wie ein alternatives, nachhaltiges Gesellschaftssystem aussehen könnte/müsste/sollte auch sehr und ich denke, dass der Equilibrismus da einfach ...  mehr
    23. März 2015