Berichte

Verkehrswende mal im Kleinen

  • Verbot für die Neuzulassung von Verbrennern, autofreie Innenstädte, gar eine ganz neue Stadtplanung: Das alles sind Beispiele für große Fragen, von denen das Dekarbonisieren des Verkehrssektors abhängen wird. Aber wie sieht es mit dem „Feinschliff“ aus? 


    Ich möchte euch zu Beginn einen kleinen Einblick in meine Heimatstadt Gießen geben. Tatsächlich ist Gießen die „autoärmste“ Stadt Hessens. Hier kommen im Schnitt 5,9 Autos auf zehn Einwohner, aber leider liegt der Anteil an Radverkehr aber dennoch nur bei ca. 3% , und müsste sich bis 2035 im Falle des Netto-Nulls auf knapp 37% verzwölffachen. Wo können die Städte oder unsere Kommunen mit kleinen, aber dennoch gezielten Maßnahmen ansetzen,um die Verkehrswende vor Ort voranzutreiben? Hierbei möchte ich mich eher weniger auf bereits viel zur Debatte stehende Ideen focussieren, sondern euch einen kleinen Einblick in kleine Maßnahmen geben, die unseren Alltag um vieles erleichtern können!


    Meiner Meinung nach ist beim Fahrradfahren immer noch einer der ausschlaggebenden Gründe, um endgültig auf das Rad umzusteigen, das persönliche Gefühl von Sicherheit. Egal wo wir wohnen, ich bin mir sicher, dass wir alle auf unseren Rädern schon einmal in eine gefährliche Situation im Straßenverkehr gekommen sind. Dabei gibt es eine sehr simple Maßnahme, die jedoch für die persönliche Wahrnehmung der Fahrradfahrer:innen eine große Wirkung erzielt: Die räumliche Trennung von Radweg und Autostreifen durch etwa Betonblöcke oder wenigstens Pop-Up-Radwege. Eben Fahrradfahren wie in Kopenhagen, wo dies schon länger Gang und Gebe ist. Dies ist sicherlich nicht nur ein Wahlplakatspruch, sondern eine Idee, die wir uns hier viel öfter zum Vorbild nehmen sollten. Diese Maßnahme kann auch mit einer deutlichen Verbreiterung des Radweges einhergehen, und sollte zumindest dort eingesetzt werden, wo Fahrradstraßen bisher nicht umgesetzt werden können. Tatsächlich können wir uns von Kopenhagen auch noch Einiges in Sachen Beschilderung für Fahrradfahrende abschauen. Stellt euch mal vor, man könnte in jeder beliebigen Stadt ohne Navigation bloß durch die Straßenbeschilderung mit dem Fahrrad an jedes Ziel gelangen… Das ist für uns nur ein Traum, aber bei unseren europäischen Nachbarn schon Realität. Bis wir soweit sind, halte ich persönlich die Idee von „Neubürger:innen Radtouren“ für vielversprechend. Bei diesen erhalten alle Personen, die neu in eine Stadt ziehen, die Möglichkeit, das Radwegenetz der Stadt durch eine Tour kennenzulernen. 

     

    Aber beim Fahrradfahren darf man gewiss nicht nur innerhalb der Stadtgrenzen denken. Ich selbst wohne auch in einem kleineren Vorort von Gießen, und muss einfach immer wieder voll Erschütterung feststellen, dass mein einziger Weg mit dem Fahrrad in Richtung Schule nur über eine Bundesstraße ohne Fahrradweg führt, mit vielen Kurven, aus denen man Autofahrer:innen nicht sieht, bevor sie einem direkt entgegenkommen. Besonders angetan hat mich hier die Idee eines Schulwegroutennetzes. Über neue Radwege sollen alle Vororte sicher und ununterbrochen an die Schulen einer Innenstadt führen. Meines Erachtens nach sollten auf diese Weise die Vororte auch an Hochschulen oder z.B. Betriebe direkt angebunden werden. Apropos: Ihr kennt alle sicherlich auch aus euren Städten Fahrradverleihe, die z.B. mit den Universitäten kooperieren? Warum sollten sich dem nicht auch Unternehmen und Betriebe anschließen?

     

    Die Anzahl an Parkplätzen in der Innenstadt zu reduzieren ist genau so simpel wie auch effektiv. Anstelle davon, Verkehrsströme durch verwaltungsaufwändige Fahrverbote zu reduzieren, könnte diese Maßnahme vorsorglich schon einmal etwas Abhilfe schaffen. Wenn es in der Stadt keine Möglichkeit gibt, das Auto zu parken, fährt man z.B. für den Einkauf auch ganz einfach nicht mehr mit dem Auto ganz in die Innenstadt hinein, so (un)einfach ist das. Besonders hilfreich wäre es außerdem, freiwerdende Parkplätze zu begrünen, oder mehr Microdepots für Fahrräder aufzustellen. Besonders in städtischen Wohngebieten benötigt es von Fahrradstellplätzen auch noch deutlich mehr, als das jetzt der Fall ist. 

     

    Auch für Fußgänger:innen sollte sich in Zukunft in deutschen Innenstädten Einiges ändern. Besonders das lästige Warten an zwei Ampeln, um eine Straße z.B. einer Kreuzung zu überqueren, könnte bald hinfällig sein, wenn z.B. das diagonale Überqueren von Kreuzungen erlaubt wird. Das ist gerade sicher noch etwas illusorisch, da hierbei das Ampelsystem umgestellt werden muss. Aber wenn wir dann schon mal dabei sind: Wir benötigen dringend fußgängerfreundlichere Ampelzeiten. Autofahren in der Innenstadt lohnt sich letztlich nur durch eine Zeitersparnis. Wie kann es also angehen, dass im Sinne der „autogerechten Stadt“ das Fahren mit dem Auto noch auf so eine banale Weise begünstigt wird? Besonders für ältere Mitbürger:innen werden aber auf Gehwegen in die Innenstadt hin auch einfach noch mehr Sitzmöglichkeiten benötigt. Letzten Endes steht und fällt alles vor Ort mit den Detailfragen der Verkehrswende, die meiner  Meinung nach in der großen Debatte nicht genügend Beachtung erhalten. Deswegen bitte ich euch, liebe WWF-Jugend-Community, lasst mich und uns doch auch an euren Ideen hierfür in den Kommentaren teilhaben! Ich halte euch jedenfalls weiterhin auf dem Laufenden! 


    ...Aber am Ende steht natürlich wie immer - egal bei welchen Ideen- die Frage nach der Finanzierung. Wir wissen alle, dass die finanziellen Mittel für den Verkehrssektor sowohl zu gering sind als auch an falscher Stelle verwendet werden. Besonders angetan hat mich hier eine im nationalen Radverkehrsplan 2020 enthaltene Idee der Finanzierung der Verkehrswende. Einmalig zahlen alle Einwohner:innen einer Gemeinde einen festen Betrag von ca. 20€. Kann damit  allein etwa das Verkehrsproblem gelöst werden? Nein, wahrscheinlich nicht. Aber es bringt uns einen Schritt näher in die Zukunft.  

     

    Hier nochmal die Ideen zum Nachlesen:


    https://www.giessener-allgemeine.de/kreis-giessen/wege-verkehrswende-13938187.html


    https://www.projektwerkstatt.de/index.php?p=14814


    https://giessen-gemeinsam-gestalten.de/verkehrswende/


    https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kopenhagen-blaupause-fuer-die-fahrradstadt-1.4290142


    https://www.zukunft-mobilitaet.net/168677/analyse/kopenhagen-radverkehr-gute-und-schlechte-elemente-ich 

    reportage/

     

     

Kommentare

6 Kommentare
  • SteffiFr
    SteffiFr Danke für die guten Ansätze, die du geteilt hast, Josephine!
    Das mit der Sicherheit ist in der Tat ein sehr wichtiger Aspekt.
    DIe Idee mit dem Schulroutennetz finde ich auch klasse.
    Bei uns gibt es zwischen den Orten/Städten auch einige Radschnellwege...  mehr
  • Jojahanna
    Jojahanna Danke für den spannenden Bericht und die vielen guten Ideen! Schade, dass du nicht mit in der Stadtplanung meiner Heimatstadt sitzt. Eine unangenehme Situation auf dem Rad hatte ich erst vorgestern, als ich unfreiwillig ins Industriegebiet fahren...  mehr
  • Jojahanna
    Jojahanna *wenn Autos drei Mal so viel Platz haben, wie Fußgänger und Radfahrer zusammen.
  • TobiS
    TobiS Das sind einige gute Ideen – danke für das Teilen. Besonders bei der Infrastruktur sollten wir uns ein Beispiel an der Niederlande nehmen (Kopenhagen, kenne ich nur aus Dokus).

    Bei der Reduktion von Parkplätzen bin ich aber skeptisch. In Frankfurt...  mehr