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Negativemissionen? Teil 2/2: Risiken bedenken!

  • Einer Studie des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung zufolge bleiben von den 400 vom IPCC ausgewerteten Wegen zum Erreichen des 1,5 Grad-Ziels nur noch etwa 20 realistische Szenarien übrig. Keines davon kommt ohne zusätzlichen Entzug von Kohlendioxid aus der Atmosphäre aus.

    Das bedeutet, Negativemissionen sind essenziell, um das 1,5-Grad-Ziel noch zu erreichen. Gleichzeitig muss uns aber immer klar sein, dass derartige Maßnahmen allein nicht ausreichen! Wir dürfen technische Lösungen nicht glorifizieren und nutzen, um uns mit unserem Lebensstil aus der Verantwortung zu ziehen.

    Denn das Abscheiden von CO2 aus der Luft kann die Reduzierung von Emissionen nicht gleichwertig ersetzen und ist lediglich ein zusätzlicher Schritt, weil wir schon so weit über unsere Verhältnisse gelebt haben, dass eine Reduzierung allein nicht mehr ausreicht, um eine Klimakatastrophe zu verhindern.

    Künstliche Filteranlagen, die Kohlendioxid binden, scheinen die perfekte Lösung für die Klimakatastrophe zu sein – schädliche Treibhausgase werden der Atmosphäre entzogen und anschließend gespeichert, der Klimawandel wird abgebremst. Aber die Effizienz solcher Anlagen wäre ziemlich bescheiden: Der Anteil von CO2 in der Atmosphäre beträgt etwa 0,04%. Deshalb würden für eine spürbare Senkung der CO2-Konzentration in der Atmosphäre Anlagen von enormer Größe bzw. in großen Mengen benötigt werden, was die Kosten für diese Methode in die Höhe treibt. Laut einer Schätzung des Umweltbundesamts lägen die Kosten pro Tonne CO2 wahrscheinlich bei einigen Hundert Euro und damit weit über den Kosten für Maßnahmen, die den Ausstoß von Treibhausgasen auf herkömmliche Weise senken.

    Der logistische Aufwand bei einer Vielzahl von Anlagen wird außerdem noch durch das Problem der Speicherung verschärft. Der Untergrund nahe den Anlagen hat nur eine begrenzte Speicherkapazität, also müsste das gefilterte Kohlendioxid teilweise zu weiteren Speicherorten transportiert werden, was wiederum Kosten und Treibhausgase verursacht.

    Die hohen Kosten für die Filteranlagen führen aber global betrachtet zu ungleichen Nutzungsmöglichkeiten, je nach wirtschaftlicher Stärke der Länder. Die soziale Ungerechtigkeit des Klimawandels würde also verstärkt werden.

    Eine weitere Schwäche der Filteranlagen liegt darin, dass zusätzliche Energie benötigt wird, um das CO2 vom Filter zu lösen und zu speichern. So würde bei einem heute durchschnittlichen Energiemix mindestens halb so viel CO2 ausgestoßen werden, wie aus der Atmosphäre gebunden wird (UBA).

    Jede Form von „Geo-Engineering“ (der Versuch, dem Klimawandel durch Technik entgegenzuwirken) bedeutet einen Eingriff in das komplexe Klimasystem der Erde mit schwer abschätzbaren, möglicherweise irreversiblen Folgen.

    Sich ohne Rücksicht auf diese Risiken auf Negativemissionen als Allheilmittel gegen den Klimawandel zu verlassen, spiegelt genau die Denkweise wider, die uns in diese Krise gebracht hat: „Wir können ruhig weitermachen wie bisher, wir finden schon technische Lösungen, es ist gar nicht nötig, unser Verhalten zu ändern!“

    Derartige Gedanken sind verlockend und bequem, haben aber offensichtlich negative Auswirkungen auf notwendige Klimaschutzbemühungen. Das erschwert nachhaltigen Klimaschutz, denn technische Maßnahmen bekämpfen ja nicht die Ursache des Klimawandels, sondern mildern lediglich die Auswirkungen unseres Handelns.

    Aber wenn wirklich alle Anstrengungen nicht ausreichen, wenn wir zusätzlich zu „konventionellem Klimaschutz“ darauf angewiesen sind, eine perfekte Filteranlage zu konstruieren, die uns mehr Zeit verschafft? Eine Maschine, die kostengünstig ist, CO2 bindet, speichert und in Sauerstoff umwandelt, autark läuft und nachhaltig ist?

    Tatsächlich gibt es diese Anlagen bereits. Wir nennen sie Bäume.

    Doof ist nur, dass wir diese Superfilter, die nicht nur Kohlendioxid umwandeln, sondern auch durch Transpiration die Umgebung abkühlen können, massenweise abholzen! Es ist jetzt wichtiger denn je, Wälder unberührt zu lassen und Aufforstung zu betreiben – 80 Buchen beispielsweise speichern pro Jahr etwa eine Tonne CO2! Es sind aber vor allem die alten Bäume, die viel CO2 binden. Lasst uns also nachhaltigen Klimaschutz betreiben und Negativemissionen durch technische Maßnahmen wirklich als letzten Rettungsschirm sehen.

    Durch effektiven Klimaschutz und Verhaltensänderungen (z.B. eine vegane Ernährung) müssten nicht riesige Flächen Regenwald abgeholzt werden und wir könnten natürliche Kohlenstoffsenken erhalten – naturnahe Aufforstungen und nachhaltige Waldbewirtschaftung werden uns eher retten als unausgereifte künstliche Filteranlagen.

     

     

    © Akil Mazumder, via pexels

     

    Quellen:

    ·        Informationsdienst Wissenschaft: „Wenige realistische Szenarien bleiben zur Begrenzung des Temperaturanstiegs auf 1,5°C“, https://idw-online.de/de/news768783

    ·        Helmholtz Zentrum für Umweltforschung: „Negative Emissionen: Umstrittene Instrumente der Klimapolitik“, https://www.ufz.de/index.php?de=36336&webc_pm=17/2021

    ·        Umweltbundesamt: „Geoengineering-Governance“, https://www.umweltbundesamt.de/themen/nachhaltigkeit-strategien-internationales/umweltrecht/umweltvoelkerrecht/geoengineering-governance#was-ist-geoengineering

    ·        Umweltbundesamt: „GEO-ENGINEERING – wirksamer Klimaschutz oder Größenwahn?“, https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/publikation/long/4125.pdf

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