Berichte

Glücksmomente sind gratis?

  • In den vergangenen Tagen kamen schon super spannende Berichte zur Blogparade online, in denen Glück als Brausepulvermomente und Mantra genauer betrachtet wurde. Und auch ich habe lange über das Thema nachgedacht, ein Gedicht geschrieben - und wieder gelöscht und versuche nun das Gedankenchaos in Worte zu fassen.

    Früher war es ganz leicht zu sagen, was Glück für mich bedeutet: Lesen!

    Mein Lieblingsort in der Schule war die Schulbücherei, ich habe alles gelesen, was mir unter die Finger kam. Und sobald ich ein Buch öffnete, verschwand der Alltag, ich war an einem anderen Ort, war ein anderes ich. Ich lebte in anderen Ländern, anderen Zeiten, auf anderen Planeten. Mal war ich klein, mal groß, mal sportlich, mal besonders klug..

    Jetzt, wo die Sicht immer mehr verschwimmt, suche ich Glücksmomente im echten Leben, versuche Bilder in meinem Kopf und Herzen zu speichern. 

    Ein ganz besonderer Glücksmoment war es für mich während des Jahres in Togo von Reisen zurück in das Dorf zu kommen, weil es für mich eine Heimat geworden ist. Hier war ich nicht nur eine "Yovo" sondern kannte die Menschen, denen ich auf der Straße begegnet bin und wurde mit Namen angesprochen. Meine Gastfamilie hat mir nicht das Gefühl gegeben, nur für ein Jahr Gast zu sein, sondern mich als Teil ihrer Familie überall mit einbezogen. Egal ob spontan Abends mit meines Gastschwestern zu tanzen, Fußballspiele besuchen, gemeinsam auf Hochzeiten und Feste zu gehen oder mit meiner (Gast-) Schwester mehr oder wenig legal über die grüne Grenze in die Nachbarstadt in Benin zu fahren.

    [Bildbeschreibung: Meine Gastschwestern und ich bei dem Besuch einer Hochzeit in Balanka. Links sitzen Samira, meine kleine Gastschwester und ich zusammen auf einem gelben Holzstuhl. Samira trägt einen weißen Hijab und ein langes Kleid aus einem blau, gelb, schwarz,weiß und braun gemusterten Stoff. Samsia sitzt rechts auf einem anderen Stuhl. Wir tragen beide Kleider, auch aus dem gleichen Stoff wie Samira, jedoch mit einem Schnitt, der den Oberkörper mehr betont, tragen Ketten und Ohrringe. Ein weiteres Stück Stoff haben wir um unseren Kopf gebunden, sodass die Haare bedeckt sind.]

    Auch das Erleben des farbenfrohen Sonnenuntergang in der Türkei, zusammen mit meinem Freund ist ein solcher Glücksmoment. Egal, dass er und ich zu schlecht sehen, um wahrzunehmen, dass die Sonne eigentlich hinter Bergen auf der anderen Seite des Meeres unter geht. Wichtig ist das Bild im Kopf, das Gefühl vom Sand, die Nähe zu der Person die ich liebe und das leise Rauschen der Wellen am Strand. 

    [BIldbeschreibung: In der Bildmitte sieht man die untergehende Sonne, welche im Wasser reflektiert wird. Rechts auf dem Wasser befindet sich ein Motorboot auf dem Wasser, im Hintergrund befinden sich Berge]

    Ein ganz besonderer Glücksmoment ist auch beim Treffen der Zukunftsmutigen zustande gekommen, als wir abends um ein Lagerfeuer saßen und musiziert wurde. Das Gefühl des Vertrauens und der Verbundenheit zu den Menschen, mit denen man in den letzten Tagen so viel gelernt, diskutiert und nachgedacht hat, war in diesem Moment besonders stark wahrzunehmen. 

    Jedoch muss ich zugeben, dass ich am Anfang dacht, dass auch Geld oder Konsum eine Rolle für Glück spielen könnten. Nicht in der Art, wie Werbung versucht, es uns zu vermitteln. Nicht durch den Kauf eines Autos, eines PC oder von Kleidung.. 

    Aber vielleicht sorgt das Wissen, dass man sich keine Sorge um Geld machen muss, dafür, dass man die Glücksmomente intensiver genießen kann. Während der Corona-Pandemie haben sicher auch viele von uns die Erfahrung gemacht, dass der (Neben-)Job auf einmal keine sichere Einnahmequelle war. Dass man nicht mehr unbesorgt seine Freundinnen auf ein Eis einladen kann, weil man schon am rechnen ist, wie man die kommenden Semestergebühren bezahlt. Ich weiß, dass Geld niemals direkt zu Glücksmomenten führt, glaube aber, dass ein Mangel an Geld und Sicherheit manche Glücksmomente auch trüben kann.

    Natürlich, die meisten Glücksmomente sind gratis. Sich die Zeit nehmen, den Sonnenuntergang bewusst zu genießen geht überall. Und die Freude, wenn es an einem warmen Sommertag endlich regnet und man draußen im Regen tanzt, die feuchte, warme Luft einatmet und sich freut, den Regen auf der Haut zu spüren..

    Aber dann gibt es auch Glücksmomente, die mit Konsum verbunden sind. Die Erinnerung an einen Konzertbesuch mit Freundinnen, als die Musik den ganzen Raum erfüllte und sogar durch das leichte Beben des Bodens spürbar war. Ein Moment, der ohne das Zahlen des entsprechenen Kaufpreises gar nicht möglich gewesen wäre. Oder die Erinnerung an die Nacht auf Lehmburgen (Tatas, UNESCO-Weltkulturerbe) im Norden Togos, als der Sternenhimmel in der Ebene besonders schön war, weil es weder Strom noch Handyverbindung gab. Da ging fast der gesamte Monatslohn für die Fahrt und die Übernachtung vor Ort drauf, dafür war es eine unvergessliche Erfahrung.

    [Bildbeschreibung: Im Hintergrund sieht man eine weite, teils von niedrigen Bäumen bewachsene Ebene, weiter vorne sieht man Felder der Bewohner der Tatas. Links unten sieht man eine weitere Tata, eine zweistöckige Lehmburg, auf deren Dach sich niedrige Schlafräume sowie mit Stroh bedeckte, inne dreigeteilte Silos befinden. Links im Vordergrund stehe ich, mit einem bunten Pagne, einem Stofftuch welches von der Hüfte bis zum Boden reicht und einem dunklen T-shirt. Eine Hand liegt auf dem flachen Dach des vordern Schlafraums. Die Sonne geht langsam unter und in der Ebene sieht man Dunst zwischen den Bäumen aufsteigen]

    Und trotzdem habe ich am Anfang nur "gratis" Glücksmoment aufgezählt, keine Glücksomente, bei denen Geld irgendeine Rolle spielt. Vielleicht, weil diese Glücksmomente mit Familie, Heimat, Vertrauen, Verbundenheit und Liebe zu tun haben. Allles Empfindungen, die für uns Menschen so viel wichtiger sind als Geld und die somit auch für mich prägender sind. Denn Glücksmomente erlebt jeder. Vielleicht muss man sich manchmal einfach nur die Zeit dazu nehmen.

    Sicherheit und keine finanziellen Sorgen zu haben sind da ein Bonus. Und so wage ich die These, dass man für Glück nie alle Zutaten auf einmal braucht. Und wenn man dann anfängt vor Glück zu strahlen, ein Lächeln sich auf deine Lippen schleicht, dann schließe kurz die Augen, behalte das Bild, deine Empfindungen, in deinem Kopf und speichere sie in deinem Herzen, sodass du sie immer dann hervorholen kannst, wenn du mal unglücklich bist.

    [Alle verwendeten Bilder wurden von mir aufgenommen]

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