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Klimawandel gab es immer...

  • Gletscher in Island, eigene Aufnahme

    Es ist eines der beliebtesten Argumente der Klimawandelleugner: Klimaveränderungen hätte es immer gegeben, er könne gar nicht menschengemacht sein und selbst wenn, gäbe es keinen Grund zur Besorgnis. Das sei schließlich alles ganz natürlich. Prinzipiell ist die erste Aussage richtig, die globale Durchschnittstemperatur schwankte im Verlauf der Erdgeschichte und würde auch ohne uns nicht konstant bleiben. Richtig ist auch, dass sie teilweise erheblich höher lag als heute. Dadurch sind diese Argumente oft so schwer spontan zu widerlegen, es bedarf ein wenig tieferer Beschäftigung mit geologischen Prozessen und deren Auswirkungen auf das Leben. Was sind also die Unterschiede „unseres“ Klimawandels zu den vorangegangenen und zweifelsohne kommenden?

    Das Weltklima wird natürlicherweise von einer schier endlosen Reihe von Faktoren, deren Folgen und wiederum deren Folgen beeinflusst. Durch deren Wechselspiel entstehen Eis- und Warmzeitalter, die mehrere Millionen Jahre andauern können. Allerdings kann auch innerhalb dieser Zeitalter das Klima beträchtlich schwanken, sodass sozusagen kleine "eingeschobene" Kalt- und Warmzeiten sich alle paar tausend Jahre abwechseln. Wir leben gerade,so seltsam das klingen mag, in einem Eiszeitalter, dem känozoischem Eiszeitalter um genau zu sein, das vor ca. 34 Millionen Jahren begann. Während einer „Eiszeit“ sind die Pole vergletschert, was während etwa 10-20% der Erdgeschichte der Fall war. Die aktuell andauernde Warmphase oder „Interglazial“, das Holozän, dauert seit ca. 12000 Jahren an und zeigte sehr beständige globale Durchschnittstemperaturen.

    Als Ursachen für die Klimaschwankungen sind (natürlich) Konzentrationsänderungen von Treibhausgasen und bestimmten Aerosolen (Gemische aus festen oder flüssigen Schwebeteilchen) zu nennen, jedoch auch Intensitätsänderungen der Sonneneinstrahlung, die Plattentektonik und der „Albedo“ (Reflexion von Sonnenstrahlung) der Erdoberfläche. Hinzu kommen die dadurch verschobenen und veränderten Meeresströmungen und Windsysteme.

    Die genaue Zusammensetzung der Atmosphäre ändert sich laufend. Aus geologische Quellen wie Vulkanausbrüchen und biologischen Prozessen werden Treibhausgase freigesetzt, die das Klima tendenziell erwärmen würden, genauso können diese jedoch auch wieder gebunden werden und das Klima würde sich tendenziell abkühlen. Ein Beispiel sind hier die Moore des Karbons (Erdzeitalter, in dem unsere Kohle entstand) als Kohlenstoffspeicher, ebenso die Kohlenstoffbindung durch manche Verwitterungsprozesse von Gesteinen.

    Die Intensität der Sonneneinstrahlung hängt von den Vorgängen auf der Sonne selbst ab, von den Aerosolen in der Atmosphäre (meist durch Vulkanausbrüche) und von den sogenannten Milanković-Zyklen. Dabei ändern sich die Form der Erdumlaufbahn (zwischen kreis- und stark ellipsenförmig), der Zeitpunkt des Erreichens des sonnennächsten Punktes und die Neigung der Erdachse zyklisch. Die genauen physikalischen Abläufe sollen euch erspart bleiben, wichtig ist aber, dass dies die Sonneneinstrahlung je nach Jahreszeit so verändert, dass entweder eine Erwärmung oder eine Abkühlung begünstigt wird.

    Die Einflüsse der Plattentektonik sind auf deren Auswirkungen auf kalte und warme Meeresströmungen und die Eisbildung zurückzuführen. Rückt eine große Landmasse an einen Pol, bildet sich darauf besser Eis als auf dem offenen Meer. Unter günstigen Bedingungen entstehen Gletscher, die mit ihrem hohen Albedo viel Sonnenlicht reflektieren und so die Abkühlung weiter vorantreiben. Umgekehrt hat die dunkle Meeresoberfläche einen niedrigen Albedo, weniger Strahlung wird reflektiert und es wird tendenziell wärmer.

    Je nach dem, wie diese ganzen möglichen Ursachen zusammenfallen, entstehen also Warm- oder Eiszeitalter. Natürlich ist das nur eine sehr grobe Übersicht, aber für eine Aufzählung aller Faktoren und Kipppunkte wäre wohl eine ganze Bibliothek nötig. Interessierte Leser seien hier schon mal an die heute beobachtbaren Kipppunkte wie den den Permafrostboden verwiesen, da wird die Komplexität des Systems immer wieder deutlich.Also, warum regen wir uns so wegen dem Klima auf? War doch immer so. Ja, aber im allgemeinen vollzogen sich solche Änderungen über einen viel längeren Zeitraum, teilweise mehrere Millionen Jahre. Durch die Geschwindigkeit des heutigen Klimawandels fehlt uns die Zeit, unsere Lebensweisen anzupassen. Am besten wird das an den Küstenstädten klar: Steigt der Meeresspiegel innerhalb von wenigen Jahrzehnten oder häufen sich Sturmfluten und andere Extremwetter, sind sie kaum noch bewohnbar oder nur unter sehr hohen Kosten zu halten. Ähnlich sieht es häufig mit der Landwirtschaft aus, die an die jeweiligen klimatischen Verhältnisse vor Ort angepasst wurde.

    Neben dem zeitlichen Aspekt noch ein weiterer Grund, warum der Klimawandel alles andere als harmlos ist: Jede größere Klimaveränderung in der Erdgeschichte hatte eine Aussterbewelle zur Folge. Bei den fünf großen Massenaussterben, bei denen teilweise bis zu 97% der Arten verschwanden, waren sie Mit- oder Hauptverursacher. Das waren alles „natürliche“ Prozesse, was aber nicht mit friedlich zu verwechseln ist. Das Klima und die damit korrelierenden Niederschläge bestimmen die Vegetationsform und die sich dabei ansiedelnden Tiere und Pflanzen grundsätzlich mit. Ändert es sich, müssen diese abwandern oder verschwinden ganz. Unsere heutigen Ökosysteme sind durch menschliche Einflüsse jedoch schon stark angeschlagen bis kurz vor dem Kollaps, das sechste große Massenaussterben ist eingeläutet. Kommt jetzt noch der Klimawandel hinzu, gibt das laut Prognose jeder 6. Art den Todesstoß. Die Auswirkungen „unseres“ Klimawandels allein sind (je nach Begrenzung der Treibhausgasemissionen) für menschliche Gesellschaften ungemütlich bis dramatisch. Mit dem Wegfallen der Ökosysteme ist es eine Katastrophe.Und hier kommen wir zum Kern der Sache: es ist unsere menschliche Handlungsweise, die dafür verantwortlich ist, das ist längst hinreichend bewiesen. Wir machen uns damit für die Ausrottung unzähliger Arten (mal wieder), genauso wie für die entstehenden gesellschaftlichen Konflikte schuldig.

    Ein Gutes hat es aber: wenn das nächste Mal jemand mit der „Natürlichkeit“ des heutigen Klimawandels argumentiert, können wir ein „Gott sei Dank nicht“ entgegensetzen. Wir haben noch die Chance, Schadensbegrenzung zu betreiben. Der „Erde“ wären ihre Oberflächentemperaturen egal, wenn sie den überhaupt etwas empfinden könnte und nicht nur ein Gesteinsbrocken im All wäre. Dem Leben auf ihr ist es nicht egal, denn Fakt ist: Wir sind alle Geschöpfe einer Eiszeit.

     

     

Kommentare

3 Kommentare
  • TobiS
    TobiS Klasse Übersicht über die Zusammenhänge!
  • shapinghorizons
    shapinghorizons Vielen Dank für den sehr informativen und anschaulich geschriebenen Bericht!
    6. Okt.
  • Marcel
    Marcel Danke für deinen wertvollen Bericht! Du hast das Dilemma perfekt auf den Punkt gebracht. Es ist total wichtig, nicht auf die pauschalen Behauptungen der Klimawandelleugner, sondern auf die Befunde der Wissenschaft zu hören. Wir Menschen verursachen...  mehr
    7. Okt.