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Das Ganze der Arbeit – feministische Ökonomik

  • „Und was machst du so? Schon beim ersten Kennenlernen fällt oft die Frage nach unserem Beruf. Arbeit bestimmt, wer wir sind und ob wir etwas gelten. Doch was ist, wenn wir kein Geld verdienen oder einen unbequemen Job haben? Wenn wir ein Kind erziehen oder den Flur im Krankenhaus wischen? Alle diese Tätigkeiten sind Teil der Wirtschaft: Nicht nur Bürojobs, Industriearbeitsplätze, Banken und Handwerk – auch Putzen, Kochen und das Sorgen für Mitmenschen gehören dazu. Ohne diese Erfüllung menschlicher Bedürfnisse ist weder ein gutes Leben möglich, noch die Produktion von Industriegütern. Diese hauptsächlich von (migrantischen) Frauen verrichtete „Sorge-Arbeit“ bleibt oft unsichtbar, unbezahlt und wenig wertgeschätzt. Feministische Perspektiven in den Debatten um Postwachstum fordern, dass Sorge-Arbeit im Zentrum der Wirtschaftspolitik stehen soll– statt Profite und Wirtschaftswachstum. Aber wie kommen wir da hin?“

    © Konzeptwerk Neue Ökonomie

    [Bildbeschreibung: Eine Zeichnung in rosa, lila, orange und weiß. Im Hintergrund ist ein Gebäude, über dessen Eingang groß "Willkommen" steht. Außerdem sitzen zwei Menschen an einem Tisch, eine Person mit Beinprothese läuft einen Weg entlang, eine Person hilft einer anderen, die am Rolator geht und eine Person steht vor einer Menschengruppe und zeigt auf ein Flipchart.]

    Vor einigen Wochen hat uns Charlotte vom Konzeptwerk Neue Ökonomie in einem Netzgespräch zentrale Konzepte und Lösungsansätze der feministischen Ökonomik vorgestellt. Wir Zukunftsmutige beschäftigen uns mit Postwachstum und der sozial-ökologischen Transformation. Ein Teil dieser sozialen Transformation ist auch feministisch. Heute, am feministischen Kampftag, möchten wir den Blick auf diese Perspektive lenken und einige Diskurse dieser Denkschule ausführen.

    „Who cares?“

    Was ist Arbeit? Lohn, Ausbeutung, Entfremdung. Oder Selbstverwirklichung, Wertschätzung, Care? Und was ist Wirtschaft? Das Eisberg-Modell nach Bennholdt-Thornsen/Mies zeigt die unsichtbare Seite der Ökonomie. Unsichtbar deshalb, weil sie nicht monetär entlohnt wird und (dadurch) weniger Wertschätzung erfährt.


    Quelle: http://www.thur.de/philo/bilder/oe8.gif

    Bezeichnend ist, dass diese unsichtbare Arbeit global mehrheitlich von Frauen und Marginalisierten geleistet wird. Demnach wird im Sektor der ambulanten Pflege ca. 87% der anfallenden Arbeit von weiblichen Pflegekräften getätigt. Auch im Sektor der Pflegeheime sind im Durchschnitt fast neun von zehn Angestellten des Personals weiblich (ca. 85%). (Quelle: Pflegestatistik 2015, Statistisches Bundesamt)

    Auch der Bereich der Care Arbeit, der unter Erwerbsarbeit fällt (Pflege, Kinderbetreuung, Sozialarbeit) wird mehrheitlich von Frauen verrichtet. Vor allem in Deutschland wird diese Arbeit gering entlohnt und auch viel zu wenig für die Verbesserung der Arbeitsverhältnisse getan.

    Was ist der Widerspruch von Kapitalismus und Care?

    Nancy Fraser ist eine wichtige Denkerin der feministischen Ökonomik. In ihrem Buch In “Contradictions of capital and care” (2016) deckt sie die einen Widerspruch von Reproduktion und Produktion auf. Wie jede Gesellschaft hängt auch die kapitalistische Gesellschaft von sozialer Reproduktion und Sorgearbeit ab. Das kapitalistische System spricht dieser Form der Arbeit jedoch keinen monetären Wert zu. Da Geld im Kapitalismus das entscheidende Machtmedium ist, stehen die, die es nicht haben, in der Hierarchie unter denen, die es haben.

    Für diesen Widerspruch von Kapital und Care ist auch die Definition eines Bedürfnisses grundlegend. Der Kern des Kapitalismus – so kann man argumentieren - sind Güter oder Dienstleistungen, die verhandelbar, daher steigerbar und daher profitabel sind. In der Care-Arbeit geht es um nicht-verhandelbare Güter. „Und diese unaufschiebbaren Bedürfnisse – nach einem sauberen und trockenen Po, nach Essen und Trinken, nach einem angenehm temperierten Wohnraum – diese Bedürfnisse sind, zur Überraschung der Wirtschaftswissenschaftler:innen: begrenzt. Wenn der Po sauber ist, wäre es schmerzhaft, ihn immer weiter zu waschen; wenn der Magen voll ist, wehrt er sich, wenn mehr Essen hineingestopft wird; und wenn der Wohnraum 50 statt 20 Grad hat, ist es dort nicht lange auszuhalten.“ (Rosa Luxemburg Stiftung 2017)

    "Intersektionalität"

    Dieser generelle Widerspruch von Kapital und Care wird durch koloniale Kontinuitäten verschärft. Wir leben im globalisierten Kapitalismus, in denen Frauen im Globalen Norden mehr und mehr in die Erwerbsarbeit einsteigen und daher Care-Arbeit an weniger privilegierte Frauen abgeben. In Deutschland sind das vor allem migrantische Frauen in prekären Arbeits- und Lebenssituationen. Der steigende Bedarf an Arbeiter:innen, die in westlichen Industrienationen Care-Arbeit übernehmen führt dazu, dass Frauen ganz gezielt immigrieren, um diese Care-Arbeit zu übernehmen. Somit haben sich in den letzten Jahren auch Migrationsbewegungen in einer nie dagewesenen Art verändert: Es sind nicht mehr die Männer, die immigrieren und die Frauen, die folgen. Seit den 1980ern beobachten wir eine Feminisierung der Migration.

    Doch nicht immer folgen die Familien der Arbeiter:innen ihnen. Wir beobachten, dass viele Frauen allein in ein anderes Land reisen, um dort zu arbeiten. Die Care-Arbeit, die dann in Heimatland anfällt, übernehmen andere Frauen (Angehörige oder Nachbarinnen). Fraser beschreibt diesen Prozess als globale Fürsorgeketten (global care chains).

    Diese globalen Fürsogeketten bringen Herausforderungen, Probleme und Chancen mit sich. Zum einen sprechen sie Frauen mehr Autonomie über ihre eigene Arbeit zu, bieten ihnen ein (höheres) Einkommen und ermöglichen Karrierechancen (z.B. vom Au-Pair zur Grundschullehrerin). Andererseits steigen die Frauen in einen segmentierten Arbeitsmarkt ein (v.a. in Deutschland), was bedeutet, dass rassifizierte und/oder gegenderte Minderheiten auf einen Teil des Arbeitsmarktes reduziert sind. Für migrantische Frauen ist das vor allem der Dienstleistungssektor. Außerdem hat der deutsche Arbeitsmarkt auch eine starke insider-outsider Segmentierung: der Kern des Arbeitsmarktes ist dekommodifiziert (=Individuen sind durch soziale Absicherung von dem Zwang befreit, vollkommen auch ihre Arbeitskraft angewiesen zu sein), die Peripherie aber (Migrant:innen und Frauen, die in Arbeitsmarkt ein oder austreten) ist von Vorzügen und Schutzmechanismen ausgenommen.

    Die Herausforderung – auch die der feministischen Ökonomik – ist also, die Hierarchie von Reproduktion und Produktion zu durchbrechen ohne dass das auf Kosten der Emanzipation oder des Sozialschutzes geht.

    Lösungen?

    Die feministische Ökonomik setzt sich nicht nur für eine größere Wertschätzung von Care Arbeit ein, sondern auch für eine Beseitigung bestehender Ungerechtigkeiten. Diskutierte Lösungsvorschläge sind eine radikale Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit auf 30/20/10 Stunden pro Woche oder das bedingungslose Grundeinkommen. Die Grundidee dahinter: mehr Zeit und ausreichend Geld. Care Arbeit ist ein elementarer Bestandteil unseres Lebens, der nur dann gerechter verteilt werden kann, wenn alle Menschen finanziell abgesichert sind und schlicht mehr Zeit haben. Damit geht auch die gerechte Verteilung der Sorgetätigkeiten zwischen Menschen aller Geschlechter einher.

    Quelle: Konzeptwerk Neue Ökonomie

    Und jetzt?

    Für eine diskriminierungsfreie Gesellschaft und demokratische Teilhabe kann sich jede:r jeden Tag einsetzen. Die drei Tipps, die uns Charlotte mitgegeben hat, sind:
    1. Schließ dich politischen Gruppen an, z.B. Netzwerk Care Revolution oder Femstreik.
    2. Folge Feminist:innen auf sozialen Medien und teile ihre Inhalte: @Tupoka_o, @natashaakelly, @alicehasters, @enissaamani, @Francis_seek, @marga_owksi.
    3. Brich bewusst Rollenmuster auf, frag nach, sprich an.

    Bild von miawicks9 auf Pixaby

    [Bildbeschreibung: Menschen sind auf einer Demo und halten Schilder hoch. Das Schild im Zentrum des Bildes zeigt den Spruch "The future is still female."]

    Wir konnten in diesem Bericht natürlich nur einen Bruchteil der Debatte anschneiden. Charlotte hat uns Lektüretipps zum Weiterlesen gegeben:

    Çağlar, Gülay; María do Mar Castro Varela, Helen Schwenken (2012): Geschlecht – Macht – Klima. Feministische Perspektiven auf Klima, gesellschaftliche Naturverhältnisse und Gerechtigkeit.

    Federici, Silvia (2012): Aufstand aus der Küche: Reproduktionsarbeit im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution.

    Muraca, Barbara (2014): Gut leben. Eine Gesellschaft jenseits des Wachstums.

    Winkler, Gabriele (2015): Care Revolution. Schritte in eine solidarische Gesellschaft.

    Konzeptwerk Neue Ökonomie: Zukunft für alle. Eine Vision für 2048.
    Online-Version und PDF: https://zukunftfueralle.jetzt/buchzum-kongress/
    Bestellen unter: https://www.oekom.de/buch/zukunft-fuer-alle-9783962382575

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    Quellen:

    https://www.pflegemarkt.com/2016/06/16/alter-und-geschlecht-von-fuehrungskraeften-im-pflegemarkt/

    Fraser, N. (2016). Contradictions of capital and care.

    Rosa Luxemburg Stiftung (2017): Kein Wachstum ist auch (k)eine Lösung. Mythen und Behauptungen über Wirtschaftswachstum und Degrowth.

     

    Dieser Bericht wurde gemeinsam von Elisabeth und Lena geschrieben.

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