Berichte

Türchen 20

  • Am 24. Mai 2019 fanden weltweit Klimaproteste statt. Für die Berliner Demo fragte Fridays For Future den Rapper Chefket an, ein Benefiz-Konzert zu spielen. Bereits einige Tage nach der Zusage, wurde ihm wieder abgesagt und damit begründet, dass der Rapper nicht „ihre ethischen Wertvorstellungen“ teile, speziell wurde hierbei sein Feature mit dem Gangsta-Rapper Xatar und weiteren Künstler*innen aus dem Jahr 2015 genannt. Infolgedessen beschwerte sich Chefket öffentlich auf Instagram und warf der Organisation rassistische Motive vor. Unter dem Hashtag #WhiteDaysforFuture ging eine Debatte los, wie weiß die neuen Klimaproteste tatsächlich seien. (Mehr dazu hier) Obwohl sich über die Vorwürfe von Chefket ganz klar streiten lässt, ist die Frage, die damit einmal mehr Aufmerksamkeit gewonnen hat, spannend und wichtiger denn je. Und da auch heute wieder zigtausende Menschen auf dem ganzen Planeten streiken und für`s Klima protestieren, möchte ich diese Debatte hier in der Community aufgreifen.

    Beachtet beim Lesen, dass ich hier ganz persönliche Gedanken teile und verwechselt meine Meinungen bitte nicht mit Fakten. Natürlich stütze ich mich auf reale Zahlen, aber die Zusammenhänge, die ich herstelle, unterliegen meiner persönlichen Einschätzung. Zudem empfinde ich es als wichtig, zu erwähnen, dass ich aus der Perspektive einer weißen, privilegierten Person schreibe, was vor allem in meinem Neujahrsvorsatz am Ende des Artikels zum Tragen kommen wird.

    © Jörg Farys / WWF

    Welche sozialen Schichten dominieren denn die neuen Klimaproteste?

    Im August 2019 hat das Institut für Protest- und Bewegungsforschung die Studie „Fridays for Future. Profil, Entstehung und Perspektiven der Protestentstehung in Deutschland“ veröffentlicht. Im Zuge dieser Studie wurden beim Global Climate Strike am 15. März 2019 in Berlin und Bremen insgesamt 2.200 Protestierende u.a. zu persönlichen Angaben wie Alter, Geschlecht, (angestrebtem) Bildungsgrad, sozialer Herkunft, etc. befragt. Das Ergebnis: In der Gesamttendenz sind die Demonstrierenden dem Bildungsbürgertum zugehörig. Personen mit eigener Migrationserfahrung sind auf den Demos deutlich unterrepräsentiert, die Gruppe derjenigen, die mindestens einen im Ausland geboren Elternteil haben, sind aber vor allem in Berlin verhältnismäßig stark vertreten. Und natürlich gibt es BIPoCs (Black/Indigenous/People of Color), die sich bei FFF einbringen – diese Personen will ich auch auf gar keinen Fall klein reden. Trotzdem sprechen die Zahlen für sich und die Bewegung ist eindeutig weiß und akademisch dominiert.

    Aber warum wird diese Bewegung vor allem von der oberen Mittelschicht getragen?

    Eine komplexe Frage. Als erstes sollte man sich hier bewusst machen, dass es bereits ein Privileg ist, sich mit Klimaschutz auch nur theoretisch zu beschäftigen. Das Thema „Weltklima“ ist unglaublich abstrakt und sehr schwer greifbar. Kinder aus akademischen Familien haben hier einen deutlich leichteren Zugang als Kinder aus Arbeiter*innen-Familien. Ein noch viel größeres Privileg ist es dann aber, selber aktiv zu werden. Für Menschen, die mit existenziellen Problemen zu kämpfen haben, ist die Schwelle höher, sich an Protesten zu beteiligen und sich Bewegungen oder Organisationen anzuschließen.

    Der Zugang zu Umweltthemen wird aber auch erschwert, wenn es keine sichtbare Repräsentation von BIPoC`s in Umweltbewegungen gibt. Daher die Erinnerung:

    Wer hat diese Bewegung überhaupt losgetreten?

    Am 20. August 2018 streikte Greta Thunberg erstmals vor dem schwedischen Parlament. Damit stieß sie eine Protestbewegung los, der sich Menschen auf der ganzen Welt anschlossen. Es ist spannend, sich die Frage zu stellen, ob das anstelle von Greta Thunberg auch eine BIPoC geschafft hätte. Natürlich wurden so viele Menschen auf Greta Thunberg aufmerksam, weil die Aktion des Schulstreiks ein radikaler Schritt ist und in dieser Konsequenz und mit dieser Message viel Mut erfordert. Vor allem aber die Verwunderung über diese Radikalität führte in meinen Augen dazu, dass sich viele Menschen der Protestbewegung angeschlossen haben. Man könnte annehmen, dass von Greta Thunberg aufgrund ihrer privilegierten Herkunft ein gesellschaftlicher Gehorsam erwartet wurde, weshalb es dann eher viele Leute überrascht, wenn gerade sie streikt. Bei einer BIPoC wäre auch evtl. das Risiko höher gewesen, dass das Narrativ dieses Schulstreiks aus einer rassistischen Motivation heraus geändert wird. Aber über diese erste mediale Aufmerksamkeit hinaus bringt Greta Thunberg natürlich auch das kulturelle sowie ökonomische Kapital mit, um weiterhin als Einzelperson symbolisch für die ganze Bewegung zu stehen.

    © Lena Chiari

    Und inwiefern werden die Protestbewegungen selber kritisiert?

    Kritik taucht immer wieder dort auf, wo klar wird, dass nicht alle, die auf der Demo in die „Climate Justice Now“ Parolen einsteigen, auch tatsächlich verstehen, was dahintersteckt. Im Groben liegt das Verlangen nach Klimagerechtigkeit der Tatsache zugrunde, dass sich klimatische Veränderungen nicht auf alle Menschen mit der gleichen Stärke auswirken. Vor allem betroffen sind Menschen im globalen Süden, in Küstenstädten, Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, Kinder und Frauen.

    Fakt ist also, dass Menschen des globalen Südens die Folgen der Erderwärmung mehr spüren werden. Fakt ist aber auch, dass diese Menschen deutlich weniger in der Verantwortlichkeit für diese Erderwärmung stehen.

    Was vor allem an Fridays For Future kritisiert wird, steckt bereits im Namen. Die Forderung nach einer lebenswerten Zukunft für unsere Kinder lässt schnell vergessen, dass es Menschen gibt, die seit Jahrzehnten unter den Folgen des menschengemachten Klimawandels leiden. Reden wir vom Klimawandel, reden wir nicht von zukünftigen Herausforderungen. Wir reden von der Gegenwart. „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!“ impliziert also erstmal eine eurozentrische Perspektive.

    Auch Bewegungen, die ganz explizit zivilen Ungehorsam betreiben, stehen in der Kritik. Auf der Internetseite von Extinction Rebellion steht: „Wir rufen alle auf, sich der Rebellion für das Überleben anzuschließen, unabhängig von Religion, Herkunft, Klasse, Alter, Sexualität, Geschlecht sowie politischer Neigung.“. Viele BIPoC`s fühlen sich aber in dieser Form des Protestes nicht mitbedacht. Menschen, die als nicht weiß gelesen werden, geraten schneller ins Augenmerk der Polizei und somit bürgen vereinzelte Protestaktionen, bei denen es auch gezielt darum geht, mit der Polizei in Kontakt zu treten, für farbige Menschen ein höheres Risiko.

    Wregit of the Earth, ein BIPoC-Kollektiv mit Ursprung in Großbritannien, hat einen offenen Brief an Extinction Rebellion geschrieben, in dem genau das kritisiert wird: „In order to envision a future in which we will all be liberated from the root causes of the climate crisis – capitalism, extractivism, racism, sexism, classism, ableism and other systems of oppression –  the climate movement must reflect the complex realities of everyone’s lives in their narrative. And this complexity needs to be reflected in the strategies too. Many of us live with the risk of arrest and criminalization. We have to carefully weigh the costs that can be inflicted on us and our communities by a state that is driven to target those who are racialised ahead of those who are white. The strategy of XR, with the primary tactic of being arrested, is a valid one – but it needs to be underlined by an ongoing analysis of privilege as well as the reality of police and state violence.“

    © Jörg Farys / WWF

    Aber warum ist eine diverse Umweltbewegung überhaupt wichtig?

    Die Klimaprobleme greifen zum ersten Mal mittelständische, weiße Gesellschaften an, die selber nicht betroffen sind von bestehenden Diskriminierungsstrukturen. Außerdem vereint die Klimabewegung viele junge Menschen, die teilweise zum ersten Mal politisch aktiv werden und somit den Blick für weitreichendere Themen wie Feminismus, Sexismus oder Rassismus erst noch gewinnen müssen. Somit sehe ich in den neuen Protestbewegungen eine besonders hohe Verantwortung, über diese komplexen Zusammenhänge aufzuklären und für diese Themen zu sensibilisieren.

    Diese Inklusions-Debatte darf nicht abgekoppelt sein von der Klimadebatte und sie darf vor allem nicht nach hinten verschoben werden. Man könnte ja meinen, dass der zentrale Handlungsbedarf bei den Industriestaaten des globalen Nordens liegt und wir uns deshalb bemühen sollten, hier einfach so viele Menschen wie möglich zu mobilisieren. Doch so wie der Klimawandel eine globale Krise ist, müssen auch die Lösungen global sein. Klimaschutz geht nur gemeinsam. Eine dekoloniale und antirassistische Perspektive muss Teil der Lösung und Teil des Prozesses sein.

    Was können Protestbewegungen für mehr Diversität tun?

    Die Erfahrung zeigt, dass an globalen Streikterminen vor allem die Fotos von den zehntausenden Protestierenden in London, Sydney oder Berlin um die Welt gehen. Deshalb wurde im internationalen Austausch der Streikbewegungen beschlossen, den globalen Streiktag zur COP26 nicht in die Woche der COP zu legen, sondern eine Woche vorher, auf den 29. November. Es bestand die Hoffnung, dass dann während der COP die chilenischen Proteste mehr Aufmerksamkeit gewinnen. Diese Hoffnung ist durch das Verlegen der Klimakonferenz von Santiago nach Madrid natürlich hinfällig geworden.

    Ich finde den Ansatz aber richtig und wichtig, die Proteste in Ländern des globalen Südens zu stärken und evtl. sogar mit Mitteln aus Europa zu unterstützen, damit sich Aktivist*innen vor Ort vernetzen können und die Bewegung wachsen kann.

    © Jörg Farys / WWF

    Mein Neujahrsvorsatz: Informiert euch! Um nochmal Wregit of the Earth zu zitieren: „The economic structures that dominate us were brought about by colonial projects whose sole purpose is the pursuit of domination and profit. For centuries, racism, sexism and classism have been necessary for this system to be upheld, and have shaped the conditions we find ourselves in.“.

    Sich seiner eigenen Privilegien bewusst zu machen und bestehende Machtstrukturen kritisch zu hinterfragen, kann schmerzhaft sein und ist aus genau diesem Grund umso wichtiger. Sich zu informieren und darüber zu reden ist mein ganz persönliches Vorhaben. Postkolonialismus und Anti-Rassismus sind so unfassbar sensible Themen, dass ich mich da lange nicht rangetraut habe und Angst hatte, offen und frei Fragen zu stellen und damit mein Unwissen auf diesem Gebiet zu bekunden. Dieser Artikel ist für mich ein erster Schritt in Richtung Selbstaufklärung, um mein ganz persönliches Schweigen diesbezüglich zu brechen.

    Wenn du dich in einer ähnlichen Situation wie ich befindest, könnte ein erster Schritt deiner Selbstaufklärung ja evtl. die Sammlung an Videos, Podcasts und Artikel sein, die ich genutzt habe, um möglichst verschiedene Meinungen einzuholen. Viele der Menschen, die dort zu Wort kommen, berichten auch von eigenen Diskriminierungserfahrungen und richten sich direkt an marginalisierte Menschen und BIPoC`s, die unter dieser Exklusion leiden.

    PODCAST der Kanackischen Welle: „Wie weiß ist (deutscher) Klima-Aktivismus?“ - mit Aaliyah Bah-Traoré, Shaylı Kartal und Aminata Touré
    VIDEO von Karakaya Talk: „Wie weiß ist Klimaaktivismus?“ - mit Yasmine M’Barek, Quang Anh Paasch, Imeh Ituen und Sarah-Lee Heinrich
    ARTIKEL von fairplanet.org: „Extinction Rebellion needs more working class and POC voices“
    ARTIKEL der BBC News: „Climate activism failing to represent BAME groups, say campaigners“
    STUDIE der University of Michigan: „The State of Diversity in Environmental Organizations“
    PUBLIKATION von germanwatch: Globaler Klima-Risiko-Index

    Was mir immer wieder aufgefallen ist, ist wie radikal und unsensibel viele der Äußerungen sind, vor allem bei dem Podcast „Kanackische Welle“ und dem Gespräch bei Karakaya. So wie vermutlich alle politischen Bewegungen spalten sich auch hier Anhänger*innen in radikale und vermittelnde Haltungen. Behaltet deshalb beim Hören/Schauen im Hinterkopf, dass keine*r dieser Aktivist*innen weiße Personen persönlich beleidigen will. Gemeint sind Strukturen, die in der deutschen Mehrheitsgesellschaft verankert sind und marginalisierte Menschen benachteiligen.

    Was mir persönlich noch wichtig ist, sich nicht in Schuldzuschreibungen zu verlieren. Globale Zusammenhänge zu verstehen ist notwendig und sich in diesem Zuge auch die Schuldfrage zu stellen naheliegend. Doch so, wie es beim Thema „Klimawandel“ gefährlich ist, den Einzelnen zu shamen, ist es das auch beim Thema „White Privilege“.

    Und jetzt die allerwichtigste Frage: Was denkt ihr? Habt ihr schon persönliche Diskriminierungserfahrungen in Klimabewegungen gemacht und fühlt euch wohl, uns davon zu berichten? Ich rufe auch ganz offen für Kritik an meinen Darstellungen auf! Teilt eure Meinungen gerne in den Kommentaren.

Kommentare

5 Kommentare
  • SaraesaH
    SaraesaH Vielen Dank für dieses erneut super gelungene Türchen! Du sprichst da ein sehr wichtiges Thema an, wobei ich mich leider zu denjenigen zählen muss, die sich in der Hinsicht noch nicht viel informiert haben. Daher toll, dass du darauf hinweist und die...  mehr
    20. Dezember 2019 - 2 gefällt das
  • JuliusS
    JuliusS Insgesamt lässt sich sagen, dass wir deutlich mehr dafür tun müssen, PoC-Stimmen aktiv zu upliften und aktiv dagegen steuern müssen, dass PoCs unterrepresentativ sind, vor allem, weil PoCs eben übermäßig stark von den Folgen des Klimawandels...  mehr
    20. Dezember 2019 - 2 gefällt das
  • Mareikeee
    Mareikeee Ich bedanke mich sehr dafür, dass du dieses Thema hier ansprichst! Auch ich beschäftige mich mit der Thematik und bin wirklich froh und dankbar für deine Anregungen )
    28. Dezember 2019 - 1 gefällt das
  • peacemeinfreund
    peacemeinfreund Ich hab erst in der Nachlese deinen Artikel entdeckt! Danke für die tolle Recherche Arbeit und dem mal etwas anderen Thema!
    5. Jan.