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Tipp der Woche: Handykauf - ökologisch & fair?

  • Du brauchst ein (neues) Smartphone?

    Im ersten Schritt lohnt es sich, sicherzugehen, dass du ein neues Telefon tatsächlich brauchst - es also wirklich nicht mehr zu reparieren ist und du nicht nur mit dem Trend gehst. Ein Opfer geplanter Obsoleszenz zu werden, ist nicht schwer. Mit solchen Tricks schrauben Elektrohersteller ihre Verkaufszahlen nach oben. Laut Utopia kann die (nicht immer) geplante Obsoleszenz "rein technischer Natur sein (früher Verschleiß), aber auch funktionaler (z.B. Blu-ray statt DVD) oder rein psychologischer Art (Moden und marketinggetriebene Scheinbedürfnisse)". Wenn du also wirklich ein neues Smartphone brauchst, solltest du im Blick haben, wie sehr ihre Herstellung Menschen und Umwelt belastet.

    Warum ist die Produktion "unfair"?

    In Smartphones sind viele verschiedene Rohstoffe verbaut, darunter wertvolle Rohstoffe wie Kobalt, Silber, Gold oder Kupfer und Seltene Erden. Einige dieser Metalle stammen aus den Bürgerkriegsregionen Afrikas und werden daher als Konfliktrohstoffe bezeichnet. Die Arbeitsbedingungen in den Minen sind unmenschlich. Amnesty International dokumentiert in einem ausführlichen Bericht die Ausmaße der Kinderarbeit in den Abbaugebieten. Und auch die Verarbeitung der Rohstoffe geschieht unter schlechten Arbeitsbedinungen. 2010 erschütterten die Selbstmorde von zehn Mitarbeitern des chinesischen Konzern Foxconn die Welt und setzte die Partner-Unternehmen Apple, Sony, Samsung und Microsoft massiv unter Druck. Ob sich seitdem etwas verbessert hat, lässt sich schwer überprüfen. Über den derzeitigen Zustand schrieb Deutschlandradio 2017 hier.

    Warum ist die Produktion "unökologisch"?

    Vor allem der Abbau Seltener Erden belastet die Umwelt immens. Seltene Erden sind Metalle, die in winzigen Konzentrationen in Gestein vorkommen und ohne die Magnete in Lautsprechern, LCD-Bildschirme und Vibrations-Effekte gar nicht möglich wären. Die Rohstoffe kommen aber im Grunde nicht isoliert vor. Sie müssen in aufwändigen Verfahren und vielen Arbeitsschritten aus anderen Rohstoffverbindungen herausgelöst werden. Das fordert den Einsatz von Chemikalien, hinterlässt in den Abbaugebieten giftige Seen und radioaktiv belasteten Staub. Und parallel zu dieser Umweltverschmutzung steigt der Bedarf an Seltenen Erden stetig an. Die Metalle gelten sogar schon als das Erdöl der Zukunft. Mehr über Seltenen Erden erfahrt ihr in diesem Artikel der Welt. Ein Problem, das mit dieser riesigen Nachfrage einhergeht: Bislang lassen sich verarbeitete Seltene Erden nicht durch Recycling zurückgewinnen.

    Weniger als 20% der Nutzer verwenden ihr Smartphone länger als zwei Jahre. Diese verkürzten Lebenszyklen tragen dazu bei, dass laut einem UN-Report jährlich weltweit ca. 50 Millionen Tonnen Elektronikschrott anfallen, von denen nur 20% geordnet wiederverwertet werden. Ein Grund dafür ist, dass ein durchschnittliches Smartphone aus 62 verschiedenen Materialien besteht. So ein Misch-Masch ist schwer zu recyceln.

    Bild von Bruno Glätsch auf Pixaby

    Welche Alternativen zum Kauf herkömmlicher Smartphones gibt es?

    Kauf gebraucht!

    Laut Digitalverband Bitkom liegen in Deutschland rund 124 Millionen alte Mobiltelefone ungenutzt in Schubladen herum. Es lohnt sich also, im Bekanntenkreis nach gebrauchten und noch funktionstüchtigen Handys zu fragen.

    Ansonsten gibt es auch ganz offizielle Websites, um gebrauchte Elektro-Geräte zu kaufen: z.B. ebay Kleinanzeigen. Eine Plattform, die ich persönlich sehr empfehlen kann, ist reBuy, die umsatzstärkste reCommerce-Plattform in Deutschland. Über reBuy können gebrauchte Elektro-Geräte wie Handys, Tablets, Kameras und vieles mehr gekauft werden. Auch Bücher, Filme, Musik und Videospiele werden vertrieben. Website und App von reBuy sind sehr übersichtlich. Die Auswahl der Smartphones ist groß und die Filter erleichtern sie Suche. Es kann z.B. der gewünschte Zustand des Gerätes eingegeben werden: „stark genutzt“, „gut“, „sehr gut“ und „wie neu“. Das iPhone, das ich mir über reBuy bestellt habe, wurde als sehr gut eingeschätzt und weist auch nur minimale Gebrauchsspuren auf. Funktionieren tut es bis jetzt einwandfrei. Die Bezahlung kann bequem online gemacht werden – die Zustellung erfolgt dann max. 4 Tage danach. Der Versand enthält auch ein Ladekabel und ist ab 10€ kostenlos. Die sorgfältige Prüfung und Funktionstüchtigkeit der Geräte will reBuy mit einer kostenlosen, 36-monatigen Garantie garantieren: Hat ein Elektronikgerät Mängel, die du nicht selbst verschuldet hast, z.B. Überhitzung, Softwarefehler, kann es kostenlos an reBuy geschickt und ebenfalls kostenlos repariert werden.

    Tausch-Börsen und Second-Hand Vertreiber gibt es einige. Neun weitere Gebraucht-Handy-Portale stellt Utopia hier vor.

    Wenn neu, dann so fair wie möglich!

    Shiftphone ist eine Smartphone-Modellreihe des deutsches Startup SHIFT aus dem hessischen Falkenberg. Die Android-Smartphones sollen fairer und nachhaltiger sein als übliche Geräte. Im Vordergrund steht eine faire Produktion sowie eine erhöhte Reparierbarkeit. Das Unternehmen ist bemüht, Rohstoffe überwiegend aus Minen mit fairen Arbeitsbedingungen zu holen und einige Konfliktrohstoffe zu meiden. Die Fertigung in China passiert in einer eigenen Manufaktur. Das Designkonzept ist darauf ausgelegt, den Nutzer zu animieren, das Gerät selbstständig zu reparieren, wenn etwas nicht funktioniert. Der Speicher z.B. ist erweiterbar und der Akku einfach zu tauschen. An den neuen SHIFT-Smartphones kann das komplette Smartphone mit nur einem Schraubenzieher auseinandergebaut werden, der im Versand enthalten ist. Das SHIFT Forum und der SHIFT YouTube Kanal bieten Anleitungen und Video-Tutorials zum Reparieren der Geräte.

    Bild von Wikipedia: Auseinandergebautes Shiftphone

    Alle Shift-Geräte kommen in nichtbeschichteten Recycling-Pappschachteln, inzwischen plastikfrei. Man kann die Handys auch ohne Ladekabel bestellen – bei anderen Anbietern sind diese meist automatisch im Lieferumfang enthalten. Dabei besitzen die meisten von uns eh schon min. ein passendes Ladekabel. 2016 hat Shift einen Gerätepfand in Höhe von 22€ auf alle Geräte eingeführt. Damit werden die Kunden motiviert, kaputte Geräte zurückzugeben. Eingesandte Shiftphones werden als Second-Life-Geräte weiterverwendet oder in ihre Einzelteile zerlegt. Kann ein Gerät nicht mehr verwendet werden, werden alle noch funktonierenden Teile ausgebaut, um sie für die Reparatur anderer Geräte zu verwenden. Bei der Rückgabe eines Gerätes samt Pfandschein und Originalkarton bekommt man die 22€ zurück.

    Ausführliche Informationen zu Design, Finanzierung, Produktion, Lieferketten, Kooperationen und Zertifizierungen können dem übersichtlichen SHIFT Wirkungsbericht von 2019 entnommen werden.

    Das niederländische Pendant zum Shiftphone ist das Fairphone. Auch Fairphone betreibt ein Android-System und setzt auf faire Arbeitsbedingungen und ein modulares Design. Im Lieferumfang ist ebenfalls ein Schraubenzieher enthalten, mit dem sich das Smartphone auseinander bauen lässt und auf den Netzstecker kannst du auch hier freiwiilig verzichten. Fairphone nimmt sämtliche Handys, die sich noch anschalten lassen, zum Recycling an. Schickst du dein Handy an Fairphone, erhälst du eine Rückerstattung über 20 € für die Bestellung eines Fairphones. Als erstes Smartphone-Unternehmen hat Fairphone das Fairtrade-Gold in die Lieferkette integriert.

    Bild von WIRED: Fairphone 3

    Utopia hat Fairphone und Shiftphone eingehend mieinander verglichen. Die Analyse findest du hier.

    Und die herkömmlichen Smartphones?

    2017 hat Greenpeace die 17 großen Elektro-Unternehmen nach Strommix, Recycel- und Reparierfähigkeit und Einsatz gefährlicher Chemikalien geprüft. Die genauen Ergebnisse kannst du im Guide to Greener Economics von Greenpeace nachlesen. An erster Stelle steht Fairphone, an zweiter Apple. Apple hat Greenpeace zufolge als einziges der 17 Unternehmen zugesagt, nicht nur Datenzentren und Büros, sondern künftig die gesamte Lieferkette mit erneuerbaren Energien zu versorgen. Auch das Vorhaben von Apple, künftig nur noch recycelte Rohstoffe verwenden zu wollen, (Environmental Responsibility Report, Apple, 2017) bewertet Greenpeace positiv. Auf Platz drei und vier folgen Dell und HP, da ihre Geräte ebenfalls reparierbar und aufrüstbar sind.

    Welches Fazit lässt sich ziehen?

    Shiftphone und Fairphone zeigen, wie schwer es ist, ein faires Smartphone zu bauen. Insgesamt besteht das Smartphone aus Bauteilen von rund 270 Zulieferern. Die Lieferkette bis zum Abbaugebiet jedes einzelnen Baustoffes zu kontrollieren, ist aufwendig. Laut Fairphone kann die Kontrolle nicht perfekt sein. „Wir achten zum Beispiel darauf, dass das Zinn, was wir auf der Platine verwenden, aus konfliktfreien Quellen kommt“, so eine Fairphone-Mitarbeiterin. „Aber was das Zinn angeht, das in den Komponenten bereits enthalten ist, die wir einkaufen, das können wir nicht kontrollieren.“ Fairphone-Mitgründer Miquel Ballester sagt: „Für mich persönlich wird es niemals ein 100 Prozent faires Telefon geben“. Der Ansatz lautet daher: so fair und transparent wie möglich.

    Auf langfristige Sicht brauchen wir eine strengere Kontrolle sämtlicher Stationen der Entstehungsreise eines Smartphones. Grundlage dafür sind die Menschenrechte und die ökologischen Grenzen der Natur. Das gelingt nur, wenn wir unseren Elektro-Hunger drastisch runterschrauben. Hier sind mehrere Komponenten in der Verantwortung. Wenn wir in der Forschung nicht bald eine Möglichkeit finden, Elektrik und Seltene Erden effizient zu recyceln, ersticken wir in Elektroschrott und können unsere Rohstoff-Nachfrage früher oder später schlicht nicht mehr stillen. Außerdem brauchen wir einen Wandel in der Unternehmensführung. Die Lebensdauer aus wirtschaftlichen Gründen auf wenige Jahre zu beschränken, ist unverantwortlich.

    Bild von Wilfried Pohnke auf Pixaby

    Doch natürlich bist du als Individuum in der Lage, über dein Konsumverhalten zu bestimmen. Durch den Kauf eines Fair- oder Shiftphones trägst dazu bei, dass die Unternehmen wachsen und ihre Produktkontrolle ausweiten können, sodass sie schnellstmöglich das Niveau erreichen können, das notwendig ist. Doch solange ein Smartphone nicht fair und ökologisch hergestellt werden kann, hältst du deinen ökologischen Fußabdruck wohl am kleinsten, wenn du gebraucht kaufst.

    PS: Zwei Fliegen mit einer Klappe? Auch das Fairphone kannst du gebraucht kaufen…

    Nachhaltige Handyhüllen aus z.B. Bambus oder Kork stellt das Online-Magazin LifeVerde hier vor.

    Was mache ich mit meinem alten Handy?

    Über Rebuy kannst du auch eigene Geräte verkaufen. Allerdings fallen dort die Kundenbewertungen eher negativ aus.
    Ist dein Smartphone wirklich nicht mehr funktionstüchtig ist, gehört es unter keinen Umständen in den Hausmüll! Alte Elektro- und Elektronikgeräte können kostenlos bei einer der kommunalen Sammelstellen abgeben werden. Was du noch aus deinen alten Geräten machen kannst, schreibt Utopia in diesem Artikel.

    Das Zeichen mit der durchgekreuzten Mülltonne bedeutet: Elektro- und Elektronikgeräte dürfen nicht über den Hausmüll entsorgt werden.

    Du hast eigene Erfahrungen in Sache ökologischem Handykauf gemacht oder hast neulich einen Artikel zu dem Thema gelesen? Vielleicht bist du ja auch anderer Meinung und dein Fazit fällt ganz anders aus? Lass uns im Kommentarfeld gerne in den Dialog gehen!

Kommentare

5 Kommentare
  • Marcel
    Marcel Danke für Deinen tollen und mega informativen Artikel, Lena. Es ist total gut, dass es inzwischen nachhaltigere Alternativen gibt, aber so wie Du sagst gehört mindestens ebenso eine deutliche Verringerung unseres Elektrohungers dazu. Schauen, was man...  mehr
    7. Okt.
  • Cookie
    Cookie Danke für den ausführlichen Bericht, liebe Lena!
    In einem meiner Medienwissenschaftsseminare haben wir uns mal die Launchclips bekannter Smartphonemarken in mehreren aufeinanderfolgenden Jahren angeschaut und man konnte so einen Rhythmus erkennen, der...  mehr
    7. Okt.
  • Cookie
    Cookie ... ausgestattet, weil der alte wirklich nicht mehr lange hielt und ich das unterwegs dann auch einfach gefährlich fand.

    Vor zwei Jahren gab es beim EWAV-Auftakt einen spannenden Vortrag zu dem Thema unter dem Aspekt Abfallvermeidung:...  mehr
    7. Okt.
  • SteffiFr
    SteffiFr @ Cookie: die Beobachtungen zu den technischen und anderen Neuerungen sind wirklich gut, war bestimmt interessant, das herauszufinden.
    19. Okt.